Bomben für Ehrlicher – Tatort 319 / Crimetime 117 // #Tatort #Ehrlicher #MDR #Dresden #BombenfürEhrlicher #Kain #Tatort319 #TatortDresden

Crimetime 117 - Titelfoto © MDR

Da draußen ändert sich alles, Vieles nicht zum Besseren

Die Handlung in einem Satz: Zwei Kleinkriminelle rauben Banken aus und machen den Leuten in den Filialen Druck, indem sie einen Koffer mit einer selbstgebastelten Bombe abstellen, welche auf jeden Fall hochgeht, aber nur dann Menschen verletzt, wenn diese sich nicht an die Anweisungen der Bankräuber halten, nämlich schön das Geld rauszurücken und dann auf dem Boden zu bleiben – doch warum kündigt jemand die Raubzüge an und hat dabei offensichtlich ein Hühnchen mit Kommissar Ehrlicher zu rupfen?

Wir haben das Glück, zwei Ehrlicher-Tatorte in der Reihenfolge hintereinander rezensieren zu können, in der sie produziert worden sind (der vorherige war der Tatort Nr. 312 „Falsches Alibi“). Also können wir wieder gut vergleichen.*

Zunächst einmal kommt „Bomben für Ehrlicher“ nicht nur vom Titel viel knalliger als der direkte Vorgänger, er wirkt im Ganzen auch um mehrere Jahre moderner, nicht bloß um die paar Monate, um die er wirklich jünger ist (beide Filme sind aus 1995). Verblüffend zunächst, was das 16:9-Format ausmacht, in dem heute alle Fernsehfilme gehalten sind und das bei „Bomben für Ehrlicher“ erstmals bei einem Ost-Tatort eingesetzt wurde. Der etwas modernisierte Vorspann, die breitere Diagonale, schon verfliegt etwas von diesem Kammerspiel-Feeling früherer Filme und alles wirkt etwas mehr nach Kino.

Handlung 

Bombendrohung in Dresden. Während die Polizei nach dem Sprengsatz sucht, überfallen am anderen Ende der Stadt zwei Männer die Filiale einer Bank. Ein anonymer Anrufer meldet sich, aber nur, um sich über Ehrlicher lustig zu machen. Er scheint den Kommissar zu kennen. Was dieser anfangs noch für einen schlechten Scherz eines Kollegen hält, wird zu einem gefährlichen Spiel. Versucht sich etwa auf diese Weise jemand an ihm zu rächen?

Ein weiterer Überfall geschieht, und wieder entkommen die Gangster. Für Kommissar Ehrlicher steht fest, daß zwischen den anonymen Anrufen und den Überfällen ein Zusammenhang besteht. Ein dritter Banküberfall geht schief. Einer der Männer wird verhaftet, sein Komplize flüchtet mit einem zehnjährigen Jungen als Geisel. Wie erwartet, meldet sich der Unbekannte per Telefon beim Kommissar. Diesmal aber mit der Absicht, seinen beiden Komplizen aus der Patsche zu helfen, denn nur diese beiden Männer kennen den Bombenleger. Nur über sie ist es möglich, den Mann zu fassen.

Ehrlicher versucht auf seine Art, den Fall zu lösen. Er weiß, daß der Anrufer ein Mann ist, der aufs Ganze geht und ihn haßt bis auf den Tod. 

Rezension

Das ist selbstverständlich nicht der einzige Grund, warum wir „Bomben für Ehrlicher“ nicht nur für neuzeitlicher, sondern auch für besser halten als den direkten Vorläufer. Eine solide Regie mit einigen Momenten, die für meist gewolltes, hin und wieder wohl auch nicht intendiertes Schmunzeln sorgen, der richtige Schuss Ostalgie, der darin besteht, dass zwar ausnahmsweise keine Westgauner auftreten, aber der Hintergrund der Geschehnisse mit alten Seilschaften zu tun hat und dass die Welt so unberechenbar geworden ist, dass eben sich alles ändert, aber nicht besser wird, das ist genau das, was die Menschen in jener Zeit und an jenen Plätzen, an denen die Bomben für Ehrlicher gezündet wurden, hören wollten. Wie schnell doch die Wende-Euphorie verflogen waren und wie naiv wir alle, um 1990 herum, auf beiden Seiten der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Wenn man bedenkt, was andere Länder durchgemacht haben, die kopfüber vom Sozialismus in den Kapitalismus stürzten, war die Wendezeit in der DDR eher moderat und abgefedert. Aber die anderen mussten ihr Ding allein hinkriegen, reiß dir den Arsch auf oder geh unter – während man im Osten Deutschlands alle Fehler beim Einheitsprozess im Handeln des Westens verorten konnte. Das war einer von mehreren Konstruktionsfehlern im Ganzen. Und wirklich niemand kann die Ostalgie der unreflektierten Art so gut verkörpern wie Bruno Ehrlicher, dessen Name Programm und dessen Herz ganz auf der Seite der Unterdrückten ist. Wie übrigens auch die Herzen anderer Tatortkommissare, aber die hatten nicht die Bürde, zu ihrem sozialen Engagement auch noch Sprecher eines generellen Unwohlseins in Verinbdung mit einem eigentümlich eigenen Sein zu sein.

Schwamm drüber, im Tatort 319 wird mit wenigen Sätzen für die richtige Einstimmung gesorgt, werden die Zeiten als immer schlimmer werdend benannt, werden Banken gesprengt, beides ist heute als prophetisch anzusehen, denn wer eine Bank sprengt, trifft vermutlich selten die Falschen (es sei denn, Kunden werden verletzt); hin und wieder wird von Abwicklungen verschiedener Art gesprochen und damit sind alle Begriffe untergebracht, und dies im richtigen Tenor, über die sich die Menschen auf dem Gebiet der Neuen Bundesländer so aufregten.

Nun wagen wir einen weiteren Vergleich. Heute, wo Deutschland versucht, ganz Europa zu retten, reagieren diejenigen, die gerettet werden sollen genau so wie damals die Menschen in Ostdeutschland. Nämlich äußerst verletzt. Vieles im Leben besteht nicht nur aus dem richtigen Tun, sondern auch aus der richtigen Art, es zu kommunizieren und Menschen mitzunehmen. Wir haben also nicht viel gelernt, aus dem immer noch nicht vollendeten Vorgang der inneren Wiedervereinigung.

Inszeniert und auch geschrieben wurde der Fall von Hans-Werner Honert, einem Eigengewächs des DDR-Films mit russischer Filmschulung, der alle Aspekte des Filmens so gut beherrschte, dass er im selben Jahr, in dem „Bomben für Ehrlicher entstand“, auch Chef der Saxonia Media wurde, die bis zu dessen Dienstende im Jahr 2007 die Ehrlicher-Tatorte produzierte. Er war neben Drehbuch und Regie auch für die Produktion des Tatorts 319 verantwortlich und zu dem Zeitpunkt schon ein erfahrener Filmschaffender, der seit Anfang der 1980er bei Polizeiruf 110-Folgen in der DDR Regie geführt hatte. Man nimmt ihm die Pflege der Ost-Befindlichkeit also genauso ab wie dem Kommissar Ehrlicher, dem er sie in den Mund gelegt hat.

Aber sie ist kalkuliert, denn jemand, der nicht nur fürs Künstlerische, sondern auch für die wirtschaftliche Seite eines Projekts verantwortlich zeichnet, schreibt nicht nur das, was er empfindet, sondern auch das, wovon er als Kundenversteher weiß, dass es gut ankommt. Wenn sich beides deckt, umso besser. Die Tradition des Ost-West-Gegensatzes hat die Saxonia Media in den Ehrlicher-Tatorten auch nach 1995 weiter gepflegt und erst mit dem neuen Team Saalfeld / Keppler mehr in den Hintergrund treten lassen. Eines aber ist nie geschehen und war wohl auch nicht vorrangig angezielt: Dass die Dresden-Schiene im Westen richtig akzeptiert wurde. Die niedrigen Einschaltquoten der Ehrlicher-Tatorte könnten aber auch darauf hindeuten, dass vor Ort die Nachfolgerschaft des Polizeirufs 110 nicht vollständig anerkannt wurde, denn der Tatort ist nun einmal eine Westserie, zu welcher der Polizeiruf ein Jahr nach deren Debüt bewusst in Konkurrenz gesetzt wurde. Zudem gibt es die Polizeiruf-Krimis ja weiterhin.

Wir erleben also Kommissar Ehrlicher mit seiner biederen, ehrlichen Art, den jüngeren Kollegen Kain, der immer was am Laufen oder im Bett hat in einer Zeit, in der gut rasierte Achseln bei Frauen verblüffenderweise noch nicht Standard waren, obwohl unsere Erinnerung, die immerhin in jene Jahre zurückreicht, uns etwas anderes suggeriert. Auch Ehrlicher liegt nie allein im Bett. Der Osten ist also recht lebendig die Tatort-Kommissare schleppen sich nicht als einsame Singles durchs Leben, wie die meisten Kollegen im Westen, die es allenfalls auf ein kurzes Abenteuer oder eine kurze, schmerzhafte Einlassung mit dem anderen Geschlecht bringen. Der Osten ist viel mehr basic, was die Typen, die Dekors und die persönlichen Konstellationen angeht. Mithin: natürlicher und noch nicht so stilisiert wie drüm.

In „Bomben für Ehrlicher“ fällt das besonders auf. Es fällt auch auf, dass dieser Fall inhaltlich ein wenig an den Vorgänger anknüpft, aber auf höchst inkonsequente Weise. Es gibt noch den Sohn von Ehrlicher mit dem Restaurant, das aber jetzt von Ehrlichers Partnerin geleitet wird, ohne dass wir erfahren, warum. Wir können’s uns aber nach „Falsches Alibi“ denken: Sohnemann hat im Bett mehr drauf als beim Thema Firmenführung, dafür gibt es Ehrlichers Holde im Vorgänger überhaupt nicht. Noch irritierende ist das Werden und Vergehen der weiblichen Umgebung von Kain. Die Polizeiassistentin ist plötzlich eine andere als zuvor und die Journalistin muss es in seinem Leben ja schon ein paar Tage länger gegeben haben, was sich in „Falsches Alibi“ aber gar nicht zeigt.

Die Figuren werden also nicht sachte weiterentwickelt, deren Umfeld wird nicht auf halbwegs logische Art von Fall zu Fall gezogen, vielmehr werden die Hauptfiguren ruppig in immer ganz neue Umstände geschmissen. Beim jungen Kain geht das noch an, in dem Alter ist man noch flexibel und abenteuerlustig, aber wir können verstehen, dass Ehrlicher die Welt nicht mehr ganz versteht, wenn er in jedem Film damit klarkommen muss, dass ein neues, unbekanntes Wesen im eigenen Haus respektive im Schlafzimmer des Sohnes nächtigt.

Wenigstens ist dieses Mal die Handlung nachvollziehbar und nicht so mörderisch schlecht konstruiert, dass man sich wie im falschen Film vorkommt. Dass diese Bombenmasche nicht zu den Figuren passt, die sie ausführen, schleicht sich aber sofort in die Überlegungen. Die beiden sind ja keine Mördertypen, im Grunde gar keine so falschen Jungs, die auf der falschen Spur sind, einer davon sogar eher niedrig begabt, aber er sorgt für die rührenden Szenen. Der andere ist schon eher kriminell veranlagt, aber so ein Jungrockertyp, dem sieht man auch das eine oder andere nach. In der DDR wäre er irgendwann ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft geworden, und wenn dies durch Zwang hätte herbeigeführt werden müssen, dann wäre diese Seele eben doch nicht verloren gewesen.

Dass die beiden Bomben basteln und tatschlich in Banken damit tätig werden, wirkt im Hinblick auf deren Skills ein wenig übertrieben, und dann gleich drei Raubzüge an einem Tag. Sachlich gibt es leider an diesem Modell des Banküberfalls etwas auszusetzen. Niemals wäre sichergestellt, dass wirklich niemand in der Bank verletzt wird, angesichts der Wucht der Explosionen, die mit zudem unnatürlich heftigem Qualm immer dieselbe Scheibe nach außen drückt (offenbar hat man hier eine Szene mehrmals verwendet, sehr sparsam, die Sachsen). Die Schäden in den Banken hätten viel größer sein müssen, als sie im Anschluss gezeigt werden.

Eine alte Negativ-Seilschaft hingegen, in der ein Exkollege mit Ehrlicher abrechnen will, weil dieser mit für eine unehrenhafte Entlassung gesorgt hat, bildet den Hintergrund. Dieser Exkollege steuert die beiden Jungschen. Wie bei vielen Filmen „out of the Past“ ist das so eine Sache. DieMotivation wirkt ein wenig übermotiviert – nicht zuletzt deshalb, weil, wie leider häufig bei dieser Plotanlage, niemand es für nötig befindet uns in das Geheimnis einzuweihen, warum gerade jetzt, nach so vielen Jahren oder nach einer beliebigen Anzahl von Jahren, eine Eskalation stattfindet und die Rache ihren Lauf nehmen soll. Angesichts der kruden Handlungskonstruktionen, die wir mittlerweile gewöhnt sind, ist die fehlende Erklärung zum Auslöser aber nichts, was uns wesentlich aufregen würde. Was wir aber kurioser finden ist, dass dem Mann im Hintergrund das Geld offenbar gar nicht wichtig sein soll, sondern er den ganzen Zinnober mit den beiden im Grunde unzuverlässigen Jungbombenlegern nur aufzieht, um Ehrlicher in seiner dienstlichen Eigenschaft als Ermittler zu düpieren.

Fazit

Auch in diesem Film kann man wieder beobachten, dass es nicht so leicht fällt, ein Tätermotiv plausibel und in seiner Stärke und Haltbarkeit so zu zeigen, dass es, wie in „Bomben für Ehrlicher“ Jahre später einen tragfähigen Antrieb zum Handeln im Hier und Jetzt hergeben könnte.

Gut möglich, dass das mit der tendenziell anderen Anlage der Plots in den Krimis der ehemaligen DDR zu tun hat, aber natürlich ist das nur einer von vielen Faktoren, auch bei Tatorten in anderen Städten haben wir uns schon oft über die schwache Begründung starker Antriebe gewundert, sowohl was den eigentlichen Hintergrund, aber auch das auslösende Ereignis und letztlich die handelnde Figur angeht. Diesbezüglich haben Tatorte nach einer Schwächephase am dem Ende der reinen Autorenfilm-Ära in den letzten Jahren wieder zugelegt – oder so auf skurril gemacht, dass sich eine Nachfrage nach dem Warum erübrigt.

„Bomben für Ehrlicher“ ist routiniert gemacht, nicht so düster wie manch anderer Krimi jener Jahre mit dem Dresden-Duo, die Musik ist schön den Situationen und den Typen, die in ihnen handeln angepasst, die Schauspielleistungen sind okay im Rahmen dessen, was man den Figuren wohl zu zeigen gestattet hat – Bernd-Michael Lade beispielsweise kann intensiver spielen in seiner Rolle als Assistent Kain in den DD- oder L-Tatorten, die wir bisher anschauen konnten – aber wie eine Bombe schlägt auch dieser Tatort nicht ein – wir geben 6,5/10.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Die Veröffentlichungsreihenfolge ist eine andere und orientiert sich an den aktuellen Wiederholungen ab Juni 2018, die vorliegende Rezension wurde bisher nicht gezeigt.

Kommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd Michael Lade
Siggi – Heinz Weixelbraun
Wolf – Ralf Bauer
Leo – Günter Junghans
Walter – Eberhard Mellies
Tommi – Thomas Rudnick
Lore – Monika Peitsch
Leiter der Dienststelle – Dieter Wien
Susanne – Dagmar Sitte
Höherer Offizier – Wolfgang Dehler

Drehbuch – Hans-Werner Honert
Regie – Hans-Werner Honert
Kamera – Jürgen Heimlich
Musik – Conrad Aust

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