Puppenspieler – Tatort 864 / Crimetime 118 // #Tatort #Puppenspieler #Lürsen #Stedefreund #Tatort864 #Bremen #RB #TatortBremen #TatortPuppenspieler

Crimetime 118 - Titelfoto © Radio Bremen, Jörg Landsberg

Oh! Wenn wir wüssten! Wer da noch alles mit drinhängt.

Am Anfang war Spekulation, durch den Film wabert Spekulation und am Ende bleibt Spekulation. Wir hoffen inständig, dass das BKA nicht nur keine MEKs der hier erspekulierten Sorte einsetzt, sondern, wenn doch, nicht so dilettantisch mit diesen mörderischen Kommandos zu Werke geht.

Warum muss bei neun Morden die Täter-DNA unbedingt als die gleiche fingiert werden? Um einen Hauch von OK zu suggerieren? Viel logischer wäre es doch gewesen, wenn man darauf hinwirken würde, dass überhaupt kein Zusammenhang erkennbar ist. Schon, weil wir nicht glauben, dass eine angenommene BKA-Sondertruppe unter Leitung einer besonders ruchlosen Ermittlerin das Spiel Jäger und Wild so drehen würde, wie es hier gezeigt wird, ist der NSU-Verweis irreführend und noch spekulativer als der Rest.

Denn dabei handelte es sich um eine Mordserie, die tatsächlich vom immer gleichen Personenkreis begangen wurde. Oder will man uns andeuten, dass die Rechtsextremen nur Puppen waren und in Wirklichkeit das BKA wahllos Kleinbürger mit Migrationshintergrund hat sterben lassen? Nachtrag 2018: Aber ja. Wir wissen mittlerweile fast alles besser. Auch wenn es da eher der Verfassungsschutz war. Schwamm drüber noch nicht.

Wo immer Chaos herrscht, etwa bei 8 Ermittlerteams vor dem Mord an dem 17jährigen Ole in Bremen, da muss Lürsen kommen, um die Sache auf die Reihe zu bringen. Acht Teams waren zu doof, Lürsen ist es nicht. Einen Rechtsmediziner, der feststellt, dass das Mordopfer kein echter Junkie ist, sondern als solcher präpariert bzw. postmortal als solcher hergerichtet wurde, sowas gibt es natürlich nur in Bremen.

Wenn man sich die neuen Tatorte der letzten Zeit angeschaut hat, bekommt man immer mehr den Eindruck, je kleiner der Sender, desto größer die Hybris. Während Frankfurt, München, Berlin und zuletzt Wien passable bis gute Folgen vom Stapel gelassen haben, ging ein Südwesttatort in der Saar baden und in Bremen wird nun einer in der Weser versenkt. Um seinen so flachen Fall zu versenken, ist sie allemal tief und breit genug. Deswegen hat Inga Recht, wenn sie sich mit der Pfeife hinstellt und gegen einen Ausbau ist.

Dass die Welt ihre geheimen Hintergründe hat, davon sind wir überzeugt, aber die funktionieren eher, wie John le Carré und die anderen Kenner sie dargestellt haben, nicht so, wie Hänschen RB-Drehbuchautor sie sich zurechtlegt und dabei weit übers Ziel hinausschießt. Was, bitte, ist ein Richter mit einem kleinen persönlichen Skandal gegen ein BKA, das reihenweise Menschen umbringen lässt? Nachtrag 2018: Alles, einfach alles. Es ergibt sich aus allem ein Bild. Wir lassen das oben aber trotzdem so stehen, weil es von der verzweifelten Suche nach Logik kündet, die uns damals noch schwer umgetrieben hat.

Qualität in Hinsicht auf Glaubwürdigkeit und Logik ist jetzt doch wieder von gestern, nachdem das alte Tatortjahr so gut geendet hat und das Neue ganz gut startete. Und erst die Güterabwägung. Nein, die ist wirklich im Abseits. Wer Karriere macht und dabei anderen etwas zu verdanken hat, der entgleist garantiert und mordet mehrere Menschen. Weil die üblichen Seilschaften dazu beileibe keinen Hintergrund hergeben, munkelt man etwas davon, dass halb Berlin, also das halbe politische Berlin, in die Sache verwickelt ist. Natürlich so unkonkret, dass niemand aus Berlin mal eingreifen und den Unsinn stoppen kann.

Handlung

Ein Komitee von Richtern wird nach Bremen gerufen, um über eine umstrittene Weservertiefung zu befinden. Da taucht ein Sexvideo von einem der obersten Richter Deutschlands, Konrad Bauser, auf. Die minderjährige Mel und ihr Freund Ole erpressen ihn damit. Kurz darauf ist Ole tot. Inga Lürsen und Stedefreund nehmen die Ermittlungen auf und es dauert nicht lange, bis Stedefreund Mel findet. Das Mädchen gibt Lürsen und Stedefreund den Hinweis auf Konrad Bauser, der jedoch ein Alibi hat. Gleichzeitig verfolgen Lürsen und Stedefreund eine weitere Spur: Kann es sein, dass Bauser nicht nur von Mel und Ole, sondern noch von einer ganz anderen Seite Gefahr drohte? 

Rezension

Nach einem Politthriller am letzten Sonntag („Zwischen den Fronten“, Wien) nun also der nächste. Klar, die Drehpläne sind ja nicht so abzusprechen, dass nicht ähnliche Themen auch hintereinander kommen könnten. Dadurch, dass es diesen engen Zeitzusammenhang gibt, kann man aber auch gut vergleichen und landet bei einer deprimierenden Erkenntnis: Das, was aus Wien gezeigt wurde, war wieder etwas überzogen, wie es dort seit einiger Zeit auch gängiger Stil ist. Aber nicht so im Ganzen von krachender Unglaubwürdigkeit wie die heutige Folge aus Bremen.

Nicht, dass wir glauben, dass es in Österreich schlimmer zuginge als hierzulande, das wollten wir damit nicht sagen. Eher ist das Gegenteil der Fall. Auch, was den Grad an Dilettantismus bei den Staatsschutzorganen angeht und die wirklich rudimentäre Art, alles vertuschen zu wollen, zum Beispiel durch simple Aktenvernichtung. Niemals nicht wären Sonderkommandos wie die sage und schreibe fünf des BKA so lange unentdeckt geblieben. Dass niemand darauf kommt, dass zehn Morde an Bürgern verschiedener Abstimmung alle denselben rechtsextremen Hintergrund haben, das glauben wir wohl – und wenn doch, darf es nicht sein, wegen der V-Leute und anderer wichtiger Persönlichkeiten. Aber dass umgekehrt die hohe Staatspolizei selbst Leute beseitigen lässt, jahrelang, das ist doch wohl sehr, sehr unwahrscheinlich.

Diese Kommandos werden unterhalten, um das Demokratieverständnis zu stärken, erfahren wir nebenbei. So, als ob die vorgeblichen Morde im Drogenmilieu das täten. Nein, schon klar, es geht darum, Politiker aus der Scheiße zu ziehen. Das Fatale ist, dass die Politiker in den letzten Jahren so viele, wirklich dumme Skandälchen produziert haben. Kein Mensch ist ihnen zu  hilfe geeilt, nicht mal dem Bundespräsidenten. Die Kanzlerin Angela Merkel hat lediglich immer zu ihren Leuten gehalten, bis es nicht mehr anders ging, als sie fallen zu lassen. Das war auch besser so, denn Profikommandos zur Stärkung des Demokratieverständnisses haben nur einen Sinn, wenn die Profis nicht so schlecht zielen wie in „Puppenspieler“. Man kann auch politisch sehr ungenau zielen, deswegen geht man besser gar nicht erst in den Anschlag.

Es ist gar nicht so wichtig. Um Himmels willen. Ein Bundesverwaltungsrichter aus Leipzig ist nicht so wichtig, dass man Leute umbringen muss, nur, weil er Sex mit einer Minderjährigen hatte. Das ist sogar den Drehbuchautoren gedämmert, deshalb haben sie eine persönliche Verstrickung zwischen den Karrieren des Richters und einer BKA-Beamtin konstruiert, die selbstverständlich nicht näher beleuchtet wird. Hätte man das getan, wäre wohl auch an dieser Stelle aufgefallen, dass irgendetwas mit der Mittel-Zweck-Relation nicht stimmen kann.

Ncin, Menschen verhalten sich nicht immer logisch und abwägend, auch Topmanager und Topjuristen begehen Fehler, doch die Anspielung von „Puppenspieler“ auf „Das Mädchen Rosemarie“ ist ein weiterer Blödsinn. Denn in diesem Film wurden beim Sex Bänder mit Industrie-Interna aufgenommen, hier geht es nur um den mittlerweile läppischen Tatbestand, dass ein Richter Sex mit einer 16- oder 17jährigen (Gelegenheits-) Prostituierten hat. Ab 16 gilt ein weitgehendes sexuelles Selbstbestimmungsrecht, das nur nebenbei. Es handelt sich hier nicht um Kinderprostitution. Es ist vielleicht anstößig, weil es um Abhängigkeitsverhältnisse geht, um jung gegen alt, aber es ist nicht auch nur ansatzweise genug Skandal, um eine Maschinerie wie die hier gezeigte in Gang zu setzen. Am Ende stellt sich sogar heraus, dass auch die Jungprostituierte Mel nur ein spoiled kid und Tochter eines – na klar – Hedgefonds-Managers ist. Da das Investmentbanking auch so eine Art Geldprostitution ist, schließt sich der Kreis.

Die Welt ist schlecht und der Verschwörungen sind viele – aber wären alle so organisiert wie hier, gäbe es kaum Verschwörungstheorien, weil jede Stadtkommissarin nach einer Stunde Spielzeit dahinter steigen würde, was passiert wäre. Das Ende ist heute, wie vor einer Woche, nicht ganz geschlossen, denn es könnte ja sein, dass Lürsen nicht die Hintergrundpersonen ermitteln darf. Aber dass sie als Beamtin verpflichtet ist, Staatsmorde zu decken, zeugt auch wieder von einer unglaublich kenntnislosen und tatsächlich demokratieschädlichen Verfassung medialer Erzeugnisse. Selbst bei der Bundeswehr gibt es nach den Erfahrungen mit der Reichswehr, die zur Wehrmacht mutierte, keinen „Kadavergehorsam“ mehr, also kein Zwang von Soldaten, gegen die Menschenrechte verstoßende Handlungen ihrer Vorgesetzten zu decken oder gar Morde für sie auszuführen (wir klammern Kampfhandlungen aus, die juristisch nicht als Morde gelten). Selbstverständlich gilt der Grundsatz der relativen Weisungsgebundenheit für alle Beamten.

Es wird überall gepfuscht, es werden falsche Bescheide en masse verschickt, unter billigender Inkaufnahme der Fehlerhaftigkeit, aus Tempogründen und weil in weiten Teilen der Administration und der Wirtschaft nur noch behelfsmäßig vorgegangen wird. Weil die Qualität allüberall in die Binsen geht, dank immer mehr Arbeit, auf immer weniger Menschen verteilt. Wegen personeller Unterbesetzung zum Beispiel. Beamte tragen das mit und müssen hinterher die Flut an Ein- und Widersprüchen abarbeiten, die mehr Zeit in Anspruch nimmt, als wenn  man gleich anständig, präzise und zum geringeren Ärger aller Beteiligten vorgegangen wäre. Das ist kurzsichtiges Menschenhandeln und kommt jeden Tag vor.

Aber eine Inga Lürsen, die als Beamtin die nicht nur rechtswidrige, sondern in Serie auf die höchsten denkbaren Kapitalverbrechen gerichtete Vorgehensweise des BKA deckt, die hier suggeriert wird, ist ein Witz. Woraus zu schließen ist, der Sender Radio Bremen nimmt seine Vorzeige-Ermittlerin nicht mehr ernst.  Teilweise gute Vorkritiken für „Puppenspieler“ lassen hingegen vor allem darauf schließen, dass das analytische Denkvermögen als eine Qualität des Journalisten ebenfalls zu den vielen schönen Dingen einer hochwertigen Welt gehört, denen wir mehr als nur eine Träne nachweinen.

Fazit

Das Intelligenteste an „Puppenspieler“ ist die Idee mit dem neuen Lürsen-Assistenten Leo Ulfanoff. Ein wahrhaft bäriger und origineller Typ. Da hat man sich etwas einfallen lassen, das beinahe dazu führt, dass wir vor uns hinmurmeln: „Geht doch!“. Da Stedefreund erstmal nur für sechs Monate nach Kundus geht, um Polizei vor Ort auszubilden, kann man prima die Reaktionen des Publikums auf den Neuen abwarten und Stedefreund umgehend zurückholen, sollten diese negativ ausfallen. Falls der nächste Tatort aus Bremen schon gedreht ist, ist Stedefreund dann eben noch in Kundus, in der übernächsten, die sicher noch nicht gefilmt ist, hat er halt verlängert. So kann man das immer weiterspielen.

Da ist man sowas von vorsichtig. Wenn man nur auch bei der Handlungskonstruktion ähnlich sensibel und auf Zehenspitzen unterwegs wäre oder vielleicht mal ein paar gute Agententhriller lesen würde, bevor man sich hier so weit aus dem Fenster hängt, dass man herausfällt, wie der Richter am Bundesverwaltungsgerichtshof zu Leipzig, Dr. Konrad Bauer (die Anspielung qua Figurname auf Dr. Konrad Adenauer, der bekanntlich auch Jurist war, ist sowieso unter der Würde).

Dass Stedefreund angesichts der Tatsache  keinen Bock mehr hat, dass Kollegin Lürsen Teamarbeit immer im absolutistischen Sinn auffasst („Ich bin das Team“) und demgemäß gerne mal ihrem Mitermittler Ergebnisse vorenthalten darf, wie wir es in einigen Bremen-Tatorten gesehen haben – das können wir nachvollziehen. Wir schrieben schon darüber, wie leid er uns tut, als wir noch nicht wussten, dass er sich lieber eventuell in Afghanistan erschießen lässt, als weiter mit Inga arbeiten zu müssen. Das ist eine Frage der persönlichen Weiterentwicklung, verbunden mit einem gewissen Lebensrisiko.

Inga Lürsen ist hingegen wieder übergeordnet unterwegs, dieses Mal tatsächlich auf einer Demo. Nichts dagegen, aber blöderweise erkennt jemand von der Gegenseite sie später als Ermittlern wieder. Da springt schnell der gute Freund Stedefreund ein und erklärt, er leite die Ermittlungen. So kann man eine Befangenheit vom Tisch schnippen wie eine lästige Fliege. Wir können Stedefreund wirklich verstehen, wenn er diesen Zirkus nicht mehr mitmachen will.

Nun ist „Puppenspieler“, dessen Titel wir schön finden – unter Berücksichtigung einer persönlichen Assoziation, die nichts mit dem heutigen Tatort zu tun hat – nicht der schlechteste aller bisher von uns für den Wahlberliner rezensierten Tatorte. Es gibt gut gemachte Szenen und man dekliniert einige Elemente moderner Bildsprache durch – u. a kommt Splitscreen anscheinend wieder in Mode – und die Schauspielleistungen sind okay. Aber der Plot ist, wie häufig, der Aufhänger dafür dass wir nur 6/10 geben können.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Helen Reinders, Ingas Tochter – Camilla Renschke
Dr. Katzmann, Pathologe – Matthias Brenner
Karlsen, Kriminalassistent – Winfried Hammelmann
Leo Uljanoff – Antoine Monot Jr.
Mel – Jella Haase
Konrad Bauser – Christoph M. Ohrt
Sigrid Strange – Katja Danowski
Uwe Thurn – Samuel Weiss
Ole – Sven Gielnik
Max Born – Tilo Werner

Drehbuch – Christian Jeltsch
Regie – Florian Baxmeyer
Kamera – Marcus Kanter
Musik – Stefan Hansen

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