Wendehammer – Tatort 1004 / Crimetime 119 // #Tatort #Wendehammer #Frankfurt #HR #Brix #Janneke #Tatort1004 #TatortWendehammer

Crimetime 119 - Titelfoto © HR/Degeto/Bettina Müller

Über die Folgen von smart leben

Der dritte Tatort des Jahres über die digitale Zukunft ist vermutlich der letzte, denn das Jahr neigt sich dem Ende zu. Dass das Jahr so mit sich und uns verfährt, ist sicher. Viel sicherer als als die digitale Zukunft.

Und in ihrem vierten Tatort müssen die vergleichsweise bodenständigen Brix / Janneke aus der Hessen-Metropole sich mit der riesigen evolutionären Spanne zwischen Bürgern am Wendehammer und dem Tickern der Datenströme im All auseinandersetzen. Ich habe mal gerade rausgeschaut, in den Baum vor dem Fenster. Es sitzt keine Eule drin, die beobachtet, ob ich etwas schreibe, was gegen die Interessen der Eule sein könnte. Dann also weiter zur -> Rezension.

Handlung

Völlig aufgelöst erscheint Betti Graf (Cornelia Froboess) im Polizeipräsidium bei Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Seit Tagen vermisst sie ihren Nachbarn Herrn Abendroth. Besonders verdächtig, ihm etwas angetan zu haben, ist für sie Nils Engels (Jan Krauter). Alle drei wohnen in ihren Einfamilienhäusern in einem Wendehammer. Nils ist IT-Spezialist, und als solcher hat er sein von der Großmutter geerbtes Haus zu einem „Smart House“ umgebaut.

Das ganze Haus ist mit Überwachungskameras bestückt, es ist vollkommen „clean“. An seinen „analogen“ Nachbarn stört Nils von Grund auf alles. Diese wiederum machen Nils für das Verschwinden diverser Katzen und Hunde verantwortlich. Tatsächlich finden Janneke und Brix in Abendroths Haus Blutspuren. Dies könnte auf eine Gewalttat hindeuten. Mittlerweile jedoch stecken die beiden Hauptkommissare Janneke und Brix schon tief in den Streitigkeiten der Wendehammer-Bewohner um die smarte, digitale und die lebendige, analoge Welt. 

Rezension

Wie steht „Wendehammer“ im Vergleich mit den bisherigen Cyber-Tatorten da?

Überraschenderweise hat doch jeder von ihnen das Thema anders aufgegriffen. „HAL“ aus Stuttgart, „Echolot“ aus Bremen und der vorliegende „Wendehammer“ haben ihre eigenen, gleichberechtigt nebeneinander stehenden Ansätze. Wer nun die Eule abgeschossen hat? Keiner, aber das hätte Nils schon zu Beginn von „Wendehammer“ tun sollen, wo er doch  mit anderen Tieren nicht gerade freundlich umgeht. Dann wäre das Ende vielleicht weniger explosiv ausgefallen.

Ich habe ein Déjavu, denn es kann nicht lange her sein, dass ich einen ähnlichen Satz schon einmal formulieren musste: Weil die Menschen in Deutschland nicht wirklich Ahnung davon haben, wie gerade an der digitalen Zukunft gebastelt wird, versteigen sich die Drehbuchautoren unter ihnen in Wahnvorstellungen. Dabei sind wir alle nur User der Sozialen Medien, nicht deren Macher. Eine kleine Usergruppe in einem mächtigen Daten-Universum. Verständlich, dass Tatorte darauf aus sind, genau dieses Gefühl zu vermitteln, aber ob die Schlachten der Zukunft wirklich an der Front der technischen Weiterentwicklung geschlagen werden und ob sie verloren gehen, das weiß nun wirklich im Moment niemand. Zumal sich Nutzen und Gefahren der Digitalisierung durchaus gegeneinander aufrechnen lassen und das Ergebnis davon abhängt, wie man persönlich mit Chancen und Bedrohungen aller Art umgeht.

Bald soll es aber keine Polizisten mehr geben, weil keine Ermittlungen mehr notwendig sind. Das digitale Auge, das uns allen innewohnen wird, zeichnet jede übermäßige Erregung auf, und wenn wir jemanden vom Balkon stürzen, sind wir dann nicht hinreichend erregt, um die Aufzeichnung auszulösen? Aber was, wenn nicht? Und wer schaut sich die Aufzeichnungen an? Und bekommen wir dieses Auge, was ja notwendig wäre, zwangsweise eingesetzt, wenn wir, was wiederum unser genetischer Code verrät, eine gewisse Neigung zum Verbrechen haben? Ich muss mich klar gegen diese Idee stellen, denn durch sie werden Tatorte unnütz. Der Algorithmus, der alles, aber wirklich alles steuert, ist zu vernichten, per Gesetz. Schon wegen der Stromausfälle, die Leben gefährden.

Die Setting des Films sind wundervoll, die Häuser mit ihrem auch stilistisch oft überraschenden Innenleben, wo der Zukunftsapostel mit dem Kuckuck und dem Design der verstorbenen Großeltern  wohnt, jede Figur durch ihre Ausstattung und ihr Daherkommen eine sorgfältige Einführung bekommt. Schade, dass der Film dann nicht hält, was diese Einführung verspricht. Sondern was ganz anderes, was er nicht versprochen hat, in den Weltraum stellt. Ehrlich, wir brauchen heute keine 90 Minuten mehr, um alle Informationen aufzunehmen, die eine langatmige Figurenzeichnung ersetzen, uns als Checkern dieser modernen Medienwelt reichen wenige, kräftige und metaphorisch schwingende Pinselstriche aus, um zu wissen, was zu wissen ist. So muss das auch sein, denn wie könnten wir sonst unser pulsierendes WhatsApp und die Informationsflut unseres Facebook-Accounts beherrschen? Es stimmt sicher, jede Generation legt IQ-mäßig zu. Wer gestern als hochbegabt galt und am MIT studieren durfte, zählt heute schon zum bildungsnahen Prekariat.

Dagegen ist doch das Leben am Wendehammer mit seinen atavistischen Nachbarschaftsstreitigkeiten geradezu eine Idylle und ein Stück Gestern im eulengesichtigen Fokus des Morgen. Und dieses Gestern spielt bezaubernd pointiert und zurückhaltend satirisch auf, flimmert und verfremdet sich in der Wahrnehmung der digitalen Menschen, die wir ja alle sind, und das ganz ohne digitales Auge in uns. Denn das brauchen wir im Grunde gar nicht, wir haben eine eingebaute Schwelle, ab der wir alles, was geschieht in „gefällt mir“ oder „ist mir blunze“ einordnen. Wobei die Schwelle der Auslösung noch immer individuell und nicht von einem Establishment-Schwarm gesteuert ist. Null oder Eins, wir haben die Wahl. Dazwischen passt nichts, dahinter liegt ein Abgrund von Seelenverrat.

Selbstverständlich triggert auch „Wendehammer“ viele bekannte Filme, Serien, vermutlich mehr davon, als ein einzelner Rezipient entschlüsseln kann, denn erstaunlicherweise haben wir immer noch eine unterschiedliche Wahrnehmung  und nicht jeder weiß alles, da im digitalen Aufrüstungstableau der eingebaute Allwissenheitschip noch nicht enthalten ist. Nur der zitierte Schwarm kann endgültige, vollständige, vollfaktische Aufklärung bringen. Man kann alles googeln, aber man muss Informationen gezielt suchen. Verfügt man noch nicht über sie, fliegen sie nicht unaufgerufen in Sekundenschnelle zu, wenn eine Situation es erfodert. Noch schlimmer: Wenn man sie hat, sind sie jeder Interpretation zugänglich. Mit dieser Tatsache spielt „Wendehammer“ recht virtuos und erlaubt sich etwas, das beinahe in eine Null-Eins-Situation führt:

Alles wirkt so unnatürlich oder auch verfremdet und digital gerastet und verpixelt, inklusive der Interaktion von Menschen miteinander, die Ermittler eingeschlossen, dass man es als großen rhetorischen Wurf in Bildern und Worten auffassen oder für komplett daneben halten muss. Ich bin noch nicht ganz durch. Denn es gibt ja noch die verhältnismäßig gelungene Suggestion von vertrautem Mensch sein, die von Brix, Janneke und, ja, auch Riefenstahl erzeugt wird. Wären wir im Meer der digitalen Schein-Eindeutigkeit von Null und Eins gefangen, wären sie die Insel mit drei Palmen, auf die unser vom Meer der viralen Entscheidungen heftig umspültes Selbst sich retten sollte. Und haben wir’s dann geschafft auf dieses Inselchen, sehen wir das Meer von vorne und dass es uns im Grunde mal am Allerwertesten kann. Plötzlich gibt es wieder die Sonne, die sternklare Nacht, Kokosnüsse oder Papageienschnitzel und wir fühlen uns sicherer. Nicht ganz sicher, so eine Insel kann bei weiter ansteigendem Meeresspiegel oder während eines Datentsunamis weggespült werden, aber erst einmal ist doch alles wieder mehr als Null und Eins.

Fazit

Ich glaube, das ist doch ein sehr interessanter Film, der seine eigene Überdrehtheit ironisiert, der uns einen Spiegel vorhält, in dem wir unsere Phobien, unsere Unvereinbarkeiten, die Spreizung zwischen uraltem sozialen und antisozialem Verhalten und einer Datenwelt, die daran so gar nichts ändert, in dem wir also alles sehen, was uns keine technische Entwicklung wird abgewöhnen können. Unsere Ängste und Aggressionen. Wir übertragen sie auf das, was wir uns als Lebensumelt entwickeln. Denn alle Technik, sofern sie nicht die Gesundheit verbessert, Not verhindert, kehrt sich nur dann gegen uns, wenn wir unsere Ängste so in unsere Taten umsetzen, dass die Technik nicht eine Vision von einem wunderbar sorgenfreien Zusammenleben, kein Utopia greifbar macht, sondern mehr und mehr zur Dystopie wird, weil wir sie so basteln, wie wir selbst immer noch sind: Wesen mit echt ganz simplen, alles andere als ethisch hochentwickelten charakterlichen Eigenschaften.

Daher glaube ich nicht, dass Nils ein Manchurian Candidate ist, schon gar nicht mit vier Jahren, da hätte der Chip gar nicht richtig unter die Haut seines Ärmchens gepasst.

Daher mag ich die Tatorte mit zivilisationskritischem Ansatz. Kaum einer von ihnen war aber bisher so gewollt realitätsfern wie „Wendehammer“, und daher hat kaum einer von ihnen so viel an Erkenntnis gebracht. Perfekt ist er dennoch nicht, denn die Versuchung, richtiggehenden Quatsch als vorgeblich konzeptimmanent einzubauen, ist doch immer wieder sehr groß. Auf der Metaebene merkt man aber: Ihr in Form eines überragend kohärenten Films zu widerstehen, wäre wider die Botschaft und deren beachtliche visuelle Darbietung.

8/10 Punkte

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Margarita Broich (Anna Janneke), Wolfram Koch (Paul Brix), Jan Krauter (Nils), Constantin von Jascheroff (Daniel), Roeland Wiesnekker (Henning Riefenstahl), Zazie de Paris (Fanny), Cornelia Froboess (Betti), Joachim Bißmeier (Abendroth), Sascha Nathan (Kriminaltechniker), Isaak Dentler (Kollege Jonas), Christoph Luser (Hark Vogt), Lisa Hagmeister (Ulla Vogt), Nurit Hirschfeld (Diana Engels), Michael Stange (Gerichtsmediziner)

Regie: Markus Imboden
Drehbuch: Stephan Brüggenthies, Andrea Heller

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