Erkläre Chimäre – Tatort 949 / Crimetime 121 // #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #WDR #TatortMünster #ErkläreChimäre #Tatort949 #TatortErkläreChimäre

Crimetime 121 - Titelfoto © WDR, Martin Valentin Menke

Ohne Bauch kein Bauchgefühl, ohne Trauring keine Tarnung

Der mit Spannung erwartete 27. Münster-Tatort ist gelaufen. Wird sich das Team weiter von seiner Schwächephase der vergangenen Jahre erholen, wie es sich zuletzt andeutete? Oder wird es einen Rückfall geben und der Münster-Tatort muss per Notarzt ins Krankenhaus gebracht werden?

Dass das Timing für die Erstausstrahlung nach dem gerade gelaufenen irischen Referendum zur sogenannten Homo-Ehe, das so positiv für die gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften ausgegangen ist, schön passt, steht außer Frage. Das Thema ist en Vogue. Mehr, als man es bei Drehbeginn vielleicht dachte. Einige der Eheszenen zwischen Thiel und Boerne gehören denn auch zu den Boni von „Erkläre Chimäre“. Wie gut die zahlreichen übrigen Aspekte gelungen sind, darüber brichten wir in der -> Rezension.

Handlung

Eine Weinhandlung in der Nähe von Münster ist zunächst die einzige Spur. Hierhin hatte sich der 25-jährige Luiz Benaso am Tag vor seinem Tod mit dem Taxi bringen lassen. Jetzt wurde er ermordet in einer alten Schlachterei aufgefunden. Hauptkommissar Frank Thiel und seine Kollegin Nadeshda Krusenstern, die gerade zur Kriminaloberkommissarin befördert wurde, übernehmen die Ermittlungen.

Bei Professor Karl-Friedrich Boerne hat sich derweil Besuch aus Übersee angekündigt. Sein Erbonkel Gustav von Elst aus Florida kommt. Als er durch einen Zufall von dem Mord an Luiz Bensao erfährt, ist er geschockt. Offensichtlich hatte er mit dem jungen Südamerikaner eine enge Verbindung. Weiß er, wer ein Motiv für den Mord gehabt haben könnte? Luiz hatte der Weinhandlung Schosser in Gustavs Namen eine Kiste mit sehr wertvollem Champagner zum Kauf angeboten.

 Rezension

Wenn wir über Münster schreiben, haben wir immer ein wenig das Gefühl, wir müssen die Sache besonders ernst nehmen, obwohl gerade hier ja nichts wirklich ernst gemeint ist. Ernst wird es aber, wenn das nicht ernst Gemeinte nicht so witzig rüberkommt, wie es gemeint ist. Dann müssen wir besonders viel erklären. Wie es kommt dass wir das so empfinden. Und warum wir glauben, dass das nicht nur unserer notwendigerweise subjektiven Sicht entspringt, sondern dass es Kriterien gibt, die darüber hinaus gültig sind.

Ein Problem hatten wir mit unserer Erwatungshaltung. Da die Produzenten es besonders hervorgehoben hatten, dass die Münster-Erfinder Stefan Cantz und Jan Hinter dieses Mal wieder zusammengearbeitet haben, sind wir davon ausgegangen, dass sich viel Ursprüngliches im neuen Fall finden wird. Und das Ursprüngliche war im Jahr 2002 etwas ziemlich anderes als das, was es bisher an Ermittlungsteam-Varianten gab. Aber zurückgehen zum Ursprung kann fatale Folgen haben. Zum Beispiel, wenn man diejenigen, die das Ursprüngliche garantieren sollen, nicht mitbekommen haben, dass es bei allem, was sich in letzter Zeit Negatives getan hat, auch positive Entwicklungen und gewisse Erkenntnisse eingestellt haben.

Vor allem haben die Macher von „Erläre Chimäre“ nicht auf dem Schirm gehabt, dass die Alberich-Witze aus sind. Alle, die es geben kann, sind durch. Oder waren sie angetreten, den Gegenbeweis zu erbringen? Dann haben sie nicht diesen erbracht, sondern bestätigt, dass die Diskriminierung von Frau Haller auserzählt ist.  Da kommt nur noch ein müder Abklatsch daher wie „vertikales Wachstum“. DaHaller als Schneewittchen mit den andern sechs Zwergen. Wie peinlich. Das sind nicht mal ein schlechte, sondern No-Go-No-Gags, weil es natürlich auch horizontales Wachstum gibt und weil Schneewittchen bekanntlich schwarze Haare hat. Und so geht das für und für, mit Dr. Boerne und seiner armen kleinen Assistentin. Man hat so Mitleid mit ihr, dass sie das jetzt doch wieder erdulden muss. Weil auch die lauen Gags nicht ausgereicht haben, musste dieses wirklich dümmliche Gerangel um den Vorrang bei jedem Wort her.

Der Bildungsnotstand vor dem Bildschirm wird das witzig finden, weil’s Konfrontativ-Sinnlose seinem Alltag entspricht, wir waren nach kurzer Zeit nur noch genervt. Verschärfend tritt hinzu, dass das Timing nicht passt. Das war anfangs eine große Stärke der Münster-Tatorte, dass die Gags gut gesessen haben. Inhaltich  zumeist, aber auch in der Art, wie sie dargeboten und wie die Szenen ausgearbeitet und geschnitten waren. Da ging eins ins andere nahtlos über, wirkte schwungvoll, manchmal sogar elegant – und daraus konnte jener Flow entstehen, der für den deutschen Fernsehrimi untypisch war. Aber jetzt? Da verhallen sinnfreie Anmerkungen in tödlichem Nachhall, bis endlich ein Einstellungswechsel vorgenommen wird oder jemand anderes etwas in die lähmende Stille hinein sagt, das meist auch nicht besser ist. Wir hatten auch den Eindruck, die Stammschauspieler, besonders Jan Josef Liefers, Axel Prahl, Friederike Kempter und Christine Urspruch, wussten, dass etwas nicht stimmt. Vor allem in den ersten ca. 30 Minuten waren die Darstellungen so hölzern bzw. schablonenhaft, wie wir sie bisher in Münster noch nicht erlebt haben.

Einher ging der Rückfall in eine Zeit, als Boerne noch gar nicht geboren war. Nicht für die Zuschauer jedenfalls, denn so pubertär überheblich wie dieses Mal war er noch nie. Und das wird auch nicht gemildert dadurch, dass der dem Thiel das Leben rettet, dazu ist er schließlich verpflichtet, sonst wäre er wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar, als Mediziner. Anschließend reitet er ewig darauf herum. Vielleicht hat er den Kommissar auch nur behandelt, weil er ihn für seine Zwecke einspannen wollte. Alles dies geschieht, weil der Fall trotz seiner Komplexität nicht anständig inszeniert wird. Es brauchte viel, viel Füllmaterial für diesen dünnen Krimi, damit er nicht zu hohlwangig ausschaut. Tut er aber doch. Und ohne Bauch bekanntlich kein Bauchgefühl. Was nichts anderes bedeutet, als dass das Feeling für das, was Münster einst groß und beliebt gemacht hat, nicht mehr vorhanden ist bei denen, die das alles bewirkt haben. Tragisch, nicht komisch.

Retro würde aber auch dann nicht ausreichen, wenn es besser wäre, denn wir sind fast 15 Jahre weiter und die Zuschauer haben sich an viele Münstersachen sehr gewöhnt. Deswegen wär’s aber wirklich um Längen besser gewesen, sich auf wenige Aspekte der Münsteraner Personality-Show zu konzentrieren, als alles, was es gibt, aufzufahren. Und die einzige echte Vorwärtsbewegung ist nicht die Heirat von Thiel und Boerne, die ist fauler Zauber und damt gesellschaftspolitisch weitgehend ein Muster ohne Wert, sondern die Beförderung von Nadeshda – zur Kommissarin. Nach fast fünfzehn Jahren Anwartschaft. Da kann sie mit der nächsten Aufstufung zur Oberkommisssarin auch gleich die Rente beantragen. Durch die Herausstellung der Statusverbesserung fällt diese zeitliche Ungereimtheit der viel zu langen Anwartschaft erst richtig auf. Man ist bisher davon ausgegangen, dass in Münster die „permanente Gegenwart“ erzählt wird, es solche Momente der Weiterentwicklung nicht geben kann und es daher in der Ordnung ist, dass alle das bleiben, was sie von Beginn an waren, aber diese immerhin und bisher konsequente Systemtreue haben sie jetzt auch verbaselt.

Mit den Nebenfiguren, die das Problem mit der permanenten Gegenwart nicht haben, weil sie nur in einem Fall auftreten, fangen wir lieber nicht einzeln an. Sie sind schon von der Spreche her gruselig, wie dieser Tom Schosser mit seiner gefakt wirkenden Jugendspreche oder strange, um beim Denglisch zu bleiben, wie Sunnyi Melles, die Grenzgängerinnen mit Neigung zum Ätherisch-Hysterichen zwar kann, aber durch die viel zu kurze Spielzeit wirkt die Rolle unfertig; wie eine Hauptrolle, der es an Ausarbeitung fehlt. Anders bei den männlichen Nebenrollen, die wirken zu rudimentär dargestellt. Da fehlt der kräftige Strich, der Charakere auch in wenigen Dialogsätzen erfahrbar macht.

Eine Ausnahme gibt es, Christian Kohlund spielt den Onkel von Boerne so gut, dass dieser ihn in einer Szene für seinen Vater hält. Er bringt ein wenig sanftsicheren Weltenbummler-Charme in diesen steifsten aller bisherigen Münster-Tatorte und trägt dazu bei, dass die Story von Thiel und Boerne und ihrer Homo-Ehe denn doch funktioniert.

Allerdings hatten die Autoren auch den Ehrgeiz, dies in die Story hineinzustricken, und den Pullover mit dem Muster, das dabei herausgekommen ist, würden wir nicht tragen wollen, weil es so wild ist, dass Betrachtern schwindelig werden müsste. Dass die Zufälle sich dermaßen häufen, dass auch der letzte, der eine Art nachvollziehbaren Krimi erwartet, abwinkt, ist dabei nicht einmal das größte Problem, sondern nur das zweitgrößte. Am schlimmsten ist es, dass der ohnehin mit zu vielen wenig gelungenen Dialogen belastete Filmzusätzlich an mindestens zwei Stellen gefühlt minutenlang dauernde Erklärungstexte braucht und am Ende, als eigentlich schon alles gelaufen ist, die Hauptdarsteller noch einmal dazu missbraucht werden, den der Mehrheit der Zuschauer, die nix verstanden hat, jeme mehr als nur konstruierte Handlung beizubiegen. Das ist nicht das, was wir gerade von Thiel und Boerne erwarten, dass sie als Aushilfserzähler eingesetzt werden, weil die Handlung nicht für sich selbst spricht und die Dialoge da, wo es angebracht wäre, nicht genutzt werden, um den Plot erlebbar und ad hoc nachvollziehbar zu machen.

Fazit

Ja, „Erkläre Chimäre“ ist ein Rückfall. Und der Ernstfall. Wir halten Thiel und Boerne zwar nicht für auserzählt, aber für angezählt, nach diesem Film. Wenn es so weitergeht, sollten sie aufhören, damit sie uns überwiegend mit ihren guten Tatorten in Erinnerung bleiben. Wenn sie die Kurve beim nächsten Mal wieder kriegen, sind wir aber auch gerne wieder begeistert. Am besten mit einem unbelasteten, aber kompetenten Team aus AutorIn und RegisseurIn. Wir haben da sogar jemanden im Kopf, der sich mal in Münster versuchen könnte, aber wir behalten es auch dort.

Das Schlimmste wäre, Thiel und Boerne dahindümpeln zu sehen. Insbesondere die Boerne-Figur ist eh eine Karikatur, aber wenn diese dann noch einmal zur Karikatur ihrer selbst verkommt, wenn dem Mann jede Mehrdimensionalität genommen wird, um ein paar Gags willen, die so billig wirken wie eine Lidl-Tüte an der Hand beim Gang durchs KaDeWe, dann sollte man gnädig sein und einen Abgang in Ehren organisieren. Jan Josef Liefers ist nicht darauf angewiesen, immer weiter und weiter zu machen. Er hat auch außerhalb des Tatorts genug Projekte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und sich schauspielerisch zu beweisen. Das Gleiche gilt für Axel Prahl mittlerweile auch, der die Bekanntheit ganz gut nutzt, die ihm sein Kommissar Thiel eingebracht hat. Auch Friederike Kempter hat jetzt ihre eigene Serie, ebenso Christine Urspruch.

Es gibt allerdings etwas, das leider, leider, gegen eine ernsthafte, konzeptionell angelegte Neuorientierung oder Weiterentwicklung, eine Auffrischung, den Einsatz von Top-Drehbüchern usw. spricht: Das ist die auch dieses Mal gewiss wieder sehr hohe Zuschauerquote. Solange es genug Leute gibt, die sich auch schwache Münster-Tatorte reinziehen wie eine Droge, warum etwas ändern? Wir könnten ja jetzt auf uns selbst zeigen, aber da schieben wir lieber das (halb-) professionelle Interesse vor. Oder ist es gar nicht vorgeschoben? Man sieht, dieser Münster-Tatort macht nachdenklich, und gehört das Nachdenken anregen und nicht nur das Chimäre erklären eben doch zum Bildungsauftrag der ARD?

Unsere Wertung: 5,5/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Silke „Alberich“ Haller – ChrisTine Urspruch
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Tom Schosser – François Goeske
Gustav von Elst – Christian Kohlund
Dr. Jehle – Matthias Redlhammer
Isolde Schosser – Sunnyi Melles
Ewald Schosser – Uwe Preuss
SID – Luan Gummich
Luiz Bensao – Raphael Souza Sá
Piercingmädchen – Anni C. Salander
NN – Angelika Bartsch

Regie: Kaspar Heidelbach
Drehbuch: Jan Hinter, Stefan Cantz
Kamera: Achim Poulheim

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