Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie, F / I 1970) #Filmfest 12

Filmfest 12

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Von „Der Swimmingpool„, den wir im Filmreigen zuletzt rezensiert haben, hätte es viele Wege zur nächsten Station gegeben, viele Möglichkeiten, das Staffelholz weiterzugeben. Zu Filmen mit Alain Delon oder zur „Sissi“-Trilogie mit Romy Schneider. Alles hätte gepasst. Aber wir verweilen ein wenig in der großen Zeit des französischen Nachkriegskinos und spazieren den kurzen Weg von Jacques Derays Thriller zum Beziehungsdrama von Claude Sautet, das ein  Jahr später gedreht wurde und als einer der ersten modernen Beziehungsfilme gilt. Hier sehen wieder Romy Schneider – im Glanz neuen Ruhms und Michel Piccoli, den wir für einen der besten französischen Schauspieler halten. Man kann auch sagen, ihm könnten wir ewig zuschauen, ohne müde zu werden.  

Nach dem Unfall ist vor dem Unfall

In nur 80 Minuten wird uns viel über uns selbst erzählt, auch wenn wir nicht im Frankreich der frühen 1970er leben und nicht ständig am Qualmen und Schlemmen sind, das ist großartig. Gerade die Banalität der Ereignisse, die sich in Pierre Bérards Leben bis zum Wendepunkt des Unfalls abgespielt haben, macht eine Reduzierung aufs Existenzielle möglich, auf die Dinge des Lebens. Da wird kein komplexes Szenario aufgebaut, um eine schlichte Botschaft besonders künstlerisch verfremdet zu transportieren, wie Jean-Luc Godard es zu fast zu einem eigenen Genre entwickelte. Es sind die Dinge des Lebens, die wir sehen. Der poetische Filmtitel passt perfekt und Gottseidank hat man den in Deutschland auch nur übersetzt, und nicht wieder den Sinn des Lebens durch einen reißerischen Titel verändert. Mehr zum Film in der -> Rezension

Handlung

Der Architekt Pierre verunglückt mit seinem Alfa auf der Landstraße nach Rennes, wird aus dem Wagen geschleudert und liegt dreiviertel benommen im Gras, dabei ziehen Stationen der letzten Jahre an ihm vorbei, mit seiner Freundin Hélène, mit seiner Frau Catherine und seinem Sohn, dann wird er in ein Krankenhaus transportiert und sofort operiert.

 Rezension   

Spätere französische Filmemacher hätten sich dieses Werk genauer anschauen sollen, denn es steht an der Schwelle vom Handlungskino zu den nicht selten verquasten Dialogfilmen, in denen so viel über Liebe geredet und darüber oder allgemein philosophiert wird, dass man im Lauf der Zeit dahinterkommt: Es ist vieles nur Form, der Inhalt hingegen nicht so intellektuell, wie er vorgibt. „Les Choses de la Vie“ stammt noch aus der besten Linie der Nouvelle Vague, mit einem Anzug, der ebenso knapp und perfekt sitzt wie die Geschäftskleidung von Pierre Brérad, dem Schöngeist, der sich nicht entscheiden kann. In „Les choses de la Vie“ laufen mehrere Linien des französischen Kinos glücklich zusammen.

Zum einen gehört Regisseur Claude Sautet zum Kern der Nouvelle Vague-Filmer, und die haben nie etwas gemacht, worin nicht Gesellschaftskritik eine Rolle gespielt hätte. Jean-Luc Godard hat die bessere Gesellschaft mit furioser, oft experimenteller Satire abgehndelt, Claude Chabrol hat ihr Handeln in Verbrechen münden lassen und dabei war er moralisch nie plump, aber eindeutig, Francois Truffaut konnte all dem eine heiter-ironische Note abgewinnen, hatte aber auch eine Thriller-Seite aufzubieten, die daran erinnert, dass er ein Fan von Alfred Hitchcock war. Sautet ist ähnlich tief eingestiegen wie Chabrol, weil er die Bourgeoisie von innen filmt. Seine Protagonisten sind nicht Außenseiter, die sich an dieser Gesellschaft reiben, keinen Zugang zu ihr finden, sie sind auch nicht Karikaturen wie etwa bei Luis Bunuel, der die Nouvelle Vague schon 30 Jahre vor ihrem Entstehung auf surrealistische Weise vorweggenommen hat, sie sind nicht dämonisch oder miese Typen, sondern Alltagsmenschen, meist mit ein wenig Geld in der Tasche. Sie haben Gefühle und sie haben Grenzen und ihre Grenzen bewirken es, dass sie gegenüber ihren Gefühlen korrupt werden.  

Die zweite Linie leitet sich daraus ab, dass nirgends so wie in Frankreich über die Definition der Liebe nachgedacht wird, in der Kultur und vermutlich auch im Alltag. Bei jungen männlichen Franzosen wirkt diese Überphilosophisierung bisweilen hybrid (le drâme, c’est moi), aber in herausragenden Filmen ist bei dieser Suche nach der Definition von Liebe einiges herausgekommen, das man ganz und gar nicht als trivial bezeichnen sollte. Es ist eine wichtiges Ding, über diese Dinge nachzudenken, denn wir stehen in einer Welt mit vielen Definitionen, Projektionen und manchmal auch Illusionen, die großen Gefühle und die wirklichen Dinge betreffend. In „Les choses de la vie“ wird glücklicherweise nicht zu viel über die Liebe geredet, sondern mit ihren Formen ebenso wie mit ihrer Abwesenheit gespielt, sogar mit der Relativität, die sie bei den meisten Menschen tatsächlich aufweist und die das romantische Prinzip kontert. Sie können so oder anders lieben, ein wenig mehr oder weniger, sie können sich selbst lieben und dabei glauben, andere zu lieben, oder sie schweigen dort, wo die Begrifflichkeiten versagen, wo das Gefühl sich seiner Beschreibung entzieht – so, wie Pierre es in „Les Choses de la Vie“ tut.

Die dritte Linie ist nicht so deutlich, und es ist auch eher eine Ansammlung von Punkten, von Meilenstein-Filmen. Wenn man so will, eine Nebenlinie, die parallel zur zweiten Linie verläuft. Es geht um die Unfähigkeit vor allem der Männer zur echten, tiefen Liebe. Pierre, auf dem Weg zum Unfall, sagt sich plötzlich, er wolle heiraten, nachdem er an einer Hochzeitsgesellschaft vorbeigefahren ist, obwohl er kurz zuvor noch der etwas anstrengenden Hélène einen Abschiedsbrief geschrieben hat. Sie hatte eine Entscheidung zu ihren Gunsten eingefordert, nachdem Pierre immer wieder zwischen ihr und seiner früheren Familie lavierte. Das klingt banal  und ist es nicht, wenn Romy Schneider es sagt.

Pierre hingegen sagt in dieser Szene nicht, er möchte Hélène heiraten. Ihr Name fällt nicht. Denn es geht nicht um sie. Es könnte irgendeine hübsche Frau sein, an welcher er sich nun fester binden möchte. Es geht um Bequemlichkeit, also um das, was Hélène ihm in einem ganz anderen Zusammenhang vorwirft, nämlich gerade deshalb, weil er sich nicht die Mühe macht, Entscheidungen zu treffen.

Auch eine Entscheidung kann aber sehr bequem sein, bequemer, als die Spannung eines Dreieckskonflikts auszuhalten, das stellen wir in dem Moment fest. Und „Les Choses de la Vie“ wäre kein Filmfilm, wenn eine solche Haltung nicht schlussendlich dazu führen würde, dass Pierre stirbt. Sehr interessant, dass sein Tod nach dieser Szene gezeigt wird – als sich herausgestellt hat, dass er nicht am Leben bleiben muss, um für etwas Wertvolles zu kämpfen, etwas, wofür sich das Stemmen gegen den ewigen Schatten lohnen würde. Wenn man das gesellschaftlich sieht, wird der herrschenden Klasse eine gewisse Morbidität zugerechnet, da sie nicht in der Lage ist, ihre Schatten der Vergangenheit zu überwinden und sich – genau, den Dingen des Lebens zuzuwenden.

Was ist zu dem Unfall zu sagen? Zunächst, dass er toll gefilmt ist. Keine Ahnung, wie sie es hinbekommen haben, Michel Piccoli in diesem sich überschlagenden Alfa Romeo zu zeigen, heute würden wir auf digitale Bearbeitung eines gut geschützten Stuntmans tippen, aber eine solche technische Möglichkeit gab es damals noch nicht. Und weil das so gut gemacht ist, und weil Sautet das auch wusste, wird der Unfall dermaßen ausgewalzt, dass man die Faszination für das Geschehen an sich durchaus spürt und sicher ist es eine kleine Schwäche des Films, dass er sich damit nicht etwas kürzer fasst, auch mit den Reaktionen der anderen Unfallbeteiligten, von Schaulustigen, dem Pfarrer, dem Arzt usw. Aber in den frühen Siebzigern war diese Action noch etwas Neues. Der Unfallhergang ist stellenweise nicht ganz schlüssig, aber das ist von geringer Bedeutung, denn der Film ist eben aus einer  Zeit, in der es nicht einfach war, die dazu notwendige Folge von Einstellungen technisch sauber hinzubekommen.

Sinnbildlich ist der Unfall ein Ende der Bequemlichkeit und der Zwang zu kämpfen oder es eben sein zu lassen. Man hat den Eindruck, hätte Pierre die Kraft gehabt, die aus einem großen Ziel erwächst, hätte er den Unfall überlebt. Aber da gab es diesen Moment, in dem er und Héléne eine Müdigkeit feststellen, die von all dem verursacht wird, was das Leben ausmacht. Auch der zweiwöchige Urlaub mit seiner „alten“ Familie, den Pierre plant, ist ja mehr ein Ausweichen in die Vergangenheit und die Zeit, in der man in einer gemeinsamen Geschichte lebte, ein gemeinsames Narrativ aufgebaut hatte, das aber nicht mehr gültig ist. Es ist alles andere als ein Durchstarten, wohin auch immer. Das hätte er mit Hélène haben können, indem er mit ihr nach Tunis gefahren wäre, wie vorgesehen. Mit seinem Sohn verbindet ihn ein eher sachliches Verhältnis, das kein ganzes Unverständnis, aber auch keine vollständige Zuwendung ausdrückt. Selbst seine Bauwerke werden von den Auftraggebern korrumpiert und anders ausgeführt, als von ihm geplant. Darüber kann er sich immerhin erregen – aber in der Anschlussszene wirkt es dann wieder, als habe er sich künstlich echauffiert, um eine Position klarzumachen und nicht einfach klein beizugeben. Natürlich weiß Pierre, dass er keine Chance hat, seinen Entwurf gegen die Interessen der Geldgeber durchzusetzen.

Auch in solchen Momenten schwingt Gesellschaftskritik mit. Die Auftraggeber machen aus finanziellen Erwägungen das Hässliche, Pierre kennt nicht einmal den  Namen dessen, der hinter allem steht. Auch wieder so eine halbe Kenntnis, so eine Vagheit, die ihn und sein Leben seltsam freischwebend und unstrukturiert wirken lassen. Und eine Allegorie auf das heutige Immobilienbusiness, nebenbei bemerkt.

In dem Film wird sehr viel geraucht.  Das ist für uns die Zeit, in der klassisches französisches Savoir Vivre den Höhepunkt erreicht hat. Eine breite Mittelschicht, wie sie auch im Film gezeigt wird, hatte diesen Konsumstatus erreicht, in dem gutes Essen, ein eigenes Auto, auch wenn es, wie das von Pierre, schon etwas älter ist, vielleicht sogar ein Ferienhaus und eine Segeljacht. Aber da Pierre auf der Fahrt, die zum Unfall führt, selbst sagt „ich rauche zu viel“, steht das Rauchen hier wohl auch für einen lässigen bis nachlässigen Lebensstil, der sich sozusagen in Rauch auflöst.

Vielleicht auch für den ungelösten inneren Konflikt über ein wirkliches Ziel, eine Entscheidung und Verfolgung einer bestimmten Linie. Obwohl Pierre beruflich einiges erreicht hat, lebt er beinahe in den Tag hinein, handelt privat eher spontan als planvoll, wie die Tatsache belegt, dass er sich von seinem Sohn überreden lässt, mit der „Altfamilie“ Urlaub mit Ferienhaus und Jacht zu machen, sein altes Leben also für eine Zeit zu reanimieren. Am Ende geht er im Meer unter und die Jacht mit Frau und Sohn fährt weg. Das ist eine Traumsequenz, in Wirklichkeit stirbt er nach diesem Traum an den Folgen seines Verkehrsunfalls.

Prangert Sautet also auch den Lebensstil der Figuren an? Den Stil, der sich  mit der bourgeoisen Belanglosigkeit verknüpft, in der das Materielle dominiert? Auffällig ist, dass es in diesem Film keine philosophischen Gespräche gibt, die wenigstens eine scheinbare Intellektualität andeuten, Die Kapitalismuskritik wird in der Tatsache deutlich, wie die Bauherren mit den Plänen des Architekten umgehen – obwohl auch dessen Planung offensichtlich große Wohnsilos darstellen, was wiederum bedeuten kann, die Tiefgarage ist nur Kosmetik ist und der Kampf darum, sie anstatt von Außenstellplätzen bauen zu dürfen, eine Art Schattenboxen.

Es hat eine untergeordnete Relevanz und Pierre wird sich nach dem erwähnten, eher formalen Protest, dreinfinden. Wie man in der Anschlussszene sieht, dreht sich das Leben schon wieder um ganz andere Dinge, um Privates. Man hat das Gefühl, das Lavieren im Privaten tritt zur Abwesenheit einer politischen Gesinnung hinzu. Nicht, dass alle Filme, auch nicht in Frankreich und zu der Zeit, ihre Figuren politisieren lassen würden, aber Statements gibt es meist doch am Rande. Hier nicht. Alles wirkt ein wenig dünn und leer und so fragil wie das kleine, italienische Auto, in dem Pierre stirbt.

Finale

Für uns ist „Die Dinge des Lebens“ einer der großen Beziehungsfilme und ein erstklassiges Zeitdokument. Natürlich sind Michel Piccoli und Romy Schneider herausragende Protagonisten mit großer Präsenz.

Frankreich war in jener Zeit so sehr, um nicht  zu sagen überreich gesegnet mit  männlichen und weiblichen Stars, die wie geschaffen waren, um die Nouvelle Vague zu glätten und einem größeren Publikum nahezubringen, die sich in den Dienst des neuen Kinos der Zeit stellen und es ihrerseits zu beeinflussen konnten.

Anders als in Deutschland gab es eine kontinuierliche Entwicklung, die auch eine Symbiose alten und neuen Kinos war, heraus kamen in günstigen Fällen Filme wie „Die Dinge des Lebens“. Es ist sicher auch eine Frage der persönlichen Aufstellung, wie viel ein solcher Film uns sagt – wer in der Großstadt lebt, mit ihren vielen Möglichkeiten, unter anderem der, sich nicht festlegen zu müssen und an der Oberfläche durchs Leben zu gleiten, dem werden die Figuren, wird Pierre etwas sagen und man wird sie spannend finden. Was bleibt, ist allerdings eine andere Sache. Selten bleibt mehr, wenn jemand geht, als bei Pierre Berard, nämlich eine Familie, die trauert, eine schöne Freundin, die trauert und gequält der Szene enteilt und sogar ein paar Bauprojekte, die mit dem eigenen Namen verknüpft sind. Heute würde Pierre es mit Letzteren wohl in die Wikipedia schaffen und was mehr kann man vom Leben erwarten?

Wir empfehlen „Die Dinge des Lebens“ sehr und werden von ihm vermutlich wechseln zu einem weiteren Film von Claude Sautet, der sich „Vincent, Francois, Paul und die anderen“ nennt und im Jahr 1974 entstand. Selbtredend spielt darin Michel Piccoli mit, aber auch Yves Montand und einige weitere großartige Darsteller. Dieses um wenige Jahre jüngere Werk erzählt wieder von den Dingen des Lebens oder, sagen wir, von einem besonderen unter jenen Dingen: Der Männerfreundschaft. Danach müssen wir die Treppe hinabsteigen, wenigstens um ein paar Stufen, denn eine gute Männerfreundschaft ist dem Himmel schon sehr nah. Wir müssen dabei aufpassen, dass wir nicht einen Lieblingsfilm nach dem anderen abräumen und im neuen Filmfest schon sehr früh besprechen, denn das Fest soll noch eine Weile andauern. 

86/100

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Claude Sautet
Drehbuch Jean-Loup Dabadie
Paul Guimard
Claude Sautet
Produktion Jean Bolvary
Raymond Danon
Roland Girard
Musik Philippe Sarde
Kamera Jean Boffety
Schnitt Jacqueline Thiédot
Besetzung

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