Spiel auf Zeit – Tatort 875 / Crimetime 120 // #Tatort #Lannert #Bootz #TatortStuttgart #Stuttgart #Tatort875 #TatortSpielaufZeit

Crimetime 120 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Mehrere Freundinnen, sonst fällt man in ein Loch

Der Tatort entwickelt sich immer mehr von einem Format zu einem eigenen Genre mit eigenen Manierismen. Dazu gehört mittlerweile auch das Ende mit Sondereinsatzkommando und großer Knallerei. Ob es zum Plot passt?  Ob es zur Atmosphäre des Films passt?  Egal, es muss Kugeln hageln.

Als quasi Folgetatort zum großartigen „Tödliche Tarnung“ hat es „Spiel auf Zeit“ allerdings nicht leicht. Jene großartige Geschichte mit dem charismatischen Verbrecher Victor de Man (Filip Peeters), dessen Wege sich  mit dem damals verdeckt ermittelnden Lannert (Richy Müller) kreuzen, das tragische Ende von Lannerts Familie, das indirekt durch die Observierung von de Man verursacht wird, war ein großartiger Plot, war Emotion und Schauspielerei auf hohem Niveau.

Dass auf die damaligen Ereignisse im neuen Tatort noch einmal zurückgegriffen wird, können ohnehin nur diejenigen einordnen, die „Tödliche Tarnung“ kennen, ansonsten hängt hier das eine oder andere in der Luft, trotz einiger Erklärungseinschübe. Vor allem erschließt sich das ambivalente Verhältnis zwischen dem Kommissar und dem Ex-Waffenhändler nicht vollständig.

Zudem wird ein zweites Fass geöffnet, indem Kollege Sebastian Bootz (Felix Klare) seine Frau verliert, ausgerechnet an einen Konkurrenten im Rollstuhl, mit dem er sich nicht einmal prügeln kann, woraufhin seine Aggressionen sich andere Wege suchen. Alles per se wieder ganz gut gemacht, auch das Schema von möglichem Verrat von de Man an Lannert und dem gefühlten Verrat von Bootz‘ Frau an ihrem Mann ist nicht so schlecht aufgebaut, aber die aufeinander bezogenen Dialoge, Bootz fragt sich, wie es geschehen konnte, dass seine Frau sich entfremdet hat, Lannert fragt sich, wie ihn sein Instinkt verlassen und er de Man vertrauen konnte, gespiegelt durch die Frage der Fragen des jweils anderen Kommissar-Kumpels, die wirken manchmal ein wenig gewollt und gekünstelt, darüber hilft auch die gute Schauspielleistung aller wichtigen Akteure in diesem Film nicht hinweg.

Handlung 

Beim Überfall auf einen Gefangenentransport wird der Häftling Volker Zahn befreit und ein Polizist getötet. Aus dem Gefängnis meldet sich Viktor de Man, den Lannert und Bootz vor Jahren verhaftet haben, und bietet Informationen im Austausch gegen Hafterleichterungen.

Tatsächlich gelingt es ihnen aufgrund seiner Tipps, ein Entführungsopfer zu befreien und Hinweise auf einen neuen großen Coup des Bankräubers Zahn und seiner Gang zu bekommen. Mit der Aussicht, für die verbliebene Haftzeit Freigänger werden zu können, verspricht de Man, weitere Informationen über den geplanten Überfall zu beschaffen. Damit könnten die Kommissare und Staatsanwältin Álvarez das geplante Verbrechen womöglich verhindern und Volker Zahn wieder festsetzen.

Die Sache hat nur einen Haken – de Man muss dafür zeitweilig entlassen werden. Zwar unter Aufsicht der Kommissare, doch das Risiko einer Flucht ist nicht auszuschließen. Sebastian Bootz ist äußerst skeptisch. Thorsten Lannert dagegen glaubt, dass er de Man gut genug kennt, und ist bereit, dessen Versprechen zu vertrauen. 

Rezension

„Ich habe immer mehrere Freundinnen – wenn eine mal geht, falle ich nicht in ein so tiefes Loch“, so Victor de Man gegenüber dem entnervten Kommissar Bootz, während die beiden im Auto sitzen. Lannert ist auch dabei. Es wurde gedealt: De Man wird kurzzeitig freigelassen, um die Kommissare auf die Spur einer Bande von Bank- und Geldplattenräubern zu bringen. Angesichts des Dramas, das Bootz mit seiner Frau erlebt, die sich in einen im Rollstuhl sitzenden Vater verliebt hat, dessen Sohn in dieselbe Klasse geht wie der Junge der Bootz-Familie, ist de Mans Philosophie nachvollziehbar. So ist es aber immer: Man erlebt mit Wahlmöglichkeiten selten eine komplette Vernichtung, aber man erreicht auch nicht die Tiefe mit mehreren Partnern, die man in einer monogamen Lebensgestaltung finden kann. Ein Risiko ist immer dabei. Und es geht viel um Vertrauen und Verrat, in „Spiel auf Zeit“.

Oliver Bootz war nach einer Schnellrecherche im eigenen Gedächtnis der letzte einzige Tatort-Kommissar, der ein intaktes, jedenfalls ein komplettes Familienleben aufwies – oder? Korrektur Nachtrag 18: Freddy Schenk, man sieht eben wenig davon, deswegen denkt man nicht so an ihn, in diesem Kontext.

Zurück zu Bootz. Das Privatleben wird zugunsten eines Tatort-Manierismus geopfert: Es kann nicht sein, dass ein Kriminalpolizist über ein solches Normalleben verfügt. Dieser schöne Gegensatz zwischen dem besonders einsamen Lannert, der nicht bindungsunfähig ist, sondern im Schatten seiner eigenen Vergangenheit lebt und dem glaubwürdig bindungsfähigen Bootz wird aufgehoben. Schade, der Polizist, der nicht aus dem Schatten des Todes seiner Frau und seiner kleinen Tochter herauskommt, welcher just im Vorgängertatort „Tödliche Tarnung“ Thema ist und sozusagen berufsbedingt, der Typ, der sich zwar immer mal seiner Wohnungsnachbarin annähert, sich aber auch wieder von ihr entfernt (in „Spiel auf Zeit“ kommt sie gar nicht vor) und der jüngere, mehr auf easy going angelegte Kollege mit seinen Alltäglichkeiten war ein Alleinstellungsmerkmal des Stuttgarter Tatorts. Aber der ist nun auch im Hinblick auf das soziale Umfeld der Ermittler mehr auf Linie mit ca. 16 bis 18 anderen Standorten gebracht worden.

(Anmerkung: Der Autor des Drehbuchs, Holger Karsten Schmidt, hat uns in einem Kommentar geschrieben, dass Maja Schöne nicht mehr für die Rolle der Julia Bootz zur Verfügung stand, sodass man gezwungen war, die Figur „herauszuschreiben“ – das war uns zum Zeitpunkt der Rezension nicht bekannt und die Wikipedia enthielt diese Information noch nicht – insofern ist die in sich recht stimmige Verabschiedung durch Trennung nach unserer Ansicht besser, als wenn auch Bootz, wie Kollege Lannert, seine Frau ebenfalls durch eine Tragödie verloren hätte.)

Falls alles bleibt, wie es ist. Vielleicht bemerkt Julia Bootz noch, dass ihre plötzliche Liebe zu einem im Rollstuhl sitzenden Mann, Vater eines Mitschülers des Bootz-Sohnes, nur eine Projektion ist. Er spricht ihre Beschützerinstinkte an. Er kann nicht weg, sich nicht jeden Tag in Gefahr begeben, wie ihr Mann. Nicht, dass nicht Frauen zu allen Zeiten Männer mit gefährlichen Jobs geliebt hätten, aber gerade im Zeitalter der Sozialwissenschaften machen sich wohl immer mehr von ihnen Gedanken darüber, wo das hinführen kann, wenn der Mann in einer so eigenen Welt lebt wie der des Verbrechens und im täglichen Kampf solche Dinge erleben kann wie das schußgewaltige Ende von „Spiel auf Zeit“.

Dieses Ende, wie die ganze Handlung, ist im Ganzen und in vielen Details wieder einmal dick aufgetragen. Nicht in der Art, dass alles erkennbar auf skurril getrimmt wurde, aber die Tendenz zur Action auf Kosten der Logik ist offensichtlich. Und seltsam, dieser Tatort ist ganz gut angekommen, bei den Fans. Aus der Drögheitsfalle, die wir zuletzt bezüglich der Lannert-Bootz-Geschichten auch kritisiert hatten, wäre man auch anders herausgekommen, aber man hat sich pragmatisch für den heute üblichen Weg entschieden – mehr ist mehr. Vielleicht hat diese Entscheidung damit zu tun, dass wir noch schnell mehr von allem mitnehmen wollen, bevor die Flasche leer und die Messe des Mehr und Mehr gelesen sind. Im Film lässt sich der Aufwand auch besser feiern als in einer Realität, in der das sich immer schneller um die eigene Achse drehen die meisten Leute in Job und Privatleben schwindeln lässt. Trotz dieser Beschleunigung gibt es wohl keinen Umgang mit einem einstigen Schwerverbrecher wie Victor de Man und so viele Möglichkeiten für diesen, sich abzusetzen, nur, weil man ihn als Informant verwenden will und dadurch aus der Haftanstalt holt. Die originellen und trotzdem der Logik folgenden Plots werden immer seltener.

Fazit

In zwanzig Jahren wird man vielleicht an guten, also windigen oder sonnigen Tagen oder windigen Nächten vor dem wind- oder solarbetriebenen, aus energetischen Gründen nur 12 Zoll großen Bildschirm sitzen, wenn wieder einmal ein alter Tatort aus der Zeit ausgestrahlt wird, in der fast jede Woche ein neuer herauskam, und nicht zwei im Jahr, in denen Polizisten nicht mit Porsches, sondern mit Elektro-Zweisitzern unterwegs sind und pro Folge nur fünf Kugeln verschießen dürfen. Man wird verständnisvoll nicken: So war das, in jenen Zeiten, als man auf dem Vulkan tanzte und alles aus den Fugen geriet. Damals, in den wilden 10er Jahren. Man hat inzwischen gesehen, wohin das alles führt: In den Abgrund. Gut, dass wir von vorne anfangen mussten und Verbrechen sich schon deshalb nicht mehr lohnt, weil es nichts mehr zu holen gibt und Druckplatten für Euro-Geldscheine genauso wertlos und obsolet sind wie diese Währung selbst.

Besonders im Umfeld der übrigen 2013er Produktionen ist „Spiel auf Zeit“ kein schlechter Tatort, aber an „Tödliche Tarnung“, mit dem er sich verständlicherweise messen lassen muss, kommt er nicht heran. Wir geben 7,5/10.

©2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Thorsten Lannert als Richy Müller
Sebastian Bootz als Felix Klare
Viktor de Man als Filip Peeters
Viktor Zahn als Detlef Bothe
Hagen Moscherosch als Aljoscha Stadelmann
Angelika Brüggenthies als Georgia Stahl
Emilia Álvarez als Carolina Vera
Nika Banovic als Mimi Fiedler
Julia Bootz als Maja Schöne
u.a.

Drehbuch – Holger Karsten Schmidt
Regie – Roland Suso Richter
Kamera – Jürgen Carle
Schnitt – Isabelle Allgeier

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: