Bebauung Tempelhofer Feld: Plädoyer für einen neuen Anlauf // #Mietenwahnsinn #Mieterproteste #TempelhoferFeld #Bebauung #Neubau #Senat #SPD #Grüne #DIELINKE

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Baufreiheit für das Tempelhofer Feld!

So lautete 2014 einer der spektakulärsten Volksentscheide in Deutschland. Wir haben auch abgestimmt – und wie sehen wir die Situation heute?

Ich befasse mich mit dem Ex-Flughafen-Areal anhand eines Artikels des Tagesspiegels von Mitte August, den wir bisher hinter tagesaktuelle Themen zurückgestellt haben. Doch gerade jetzt darüber nachzudenken, passt dazu, dass wir künftig durchschnittlich einen Beitrag pro Tag zum Berliner Wohnungsmarkt bringen wollen.

Der Tagesspiegel hat im erwähnten Artikel Grundzüge eines neuen Bebauungskonzeptes für das Tempelhofer Feld dargestellt, die eine Diskussionsgrundlage für die Neubewertung dessen sein könnten, was 2014 von der Bevölkerung, auch von mir, abgelehnt wurde: Nämlich überhaupt irgendeine Bebauung des früheren Flughafenareals zuzulassen. Ich mag dieses weite, flache Gelände. Ein Unikum in einer urbanen Welt, die immer dichter zusammenrückt. Aber nicht nur ein Unikum, sondern auch ein Atavismus. Der Berliner Senat war 2014 auch selbst schuld: In einer staubtrockenen Art und Weise, die sehr den Stil des damaligen Stadtplanungssenators und heutigen Regierenden Bürgermeisters Michael Müller spiegelt, hat man uns zu erklären versucht, warum die Stadt wieder einmal Grund, Boden und Einfluss preisgeben will, um Berlin weiter zu gentrifizieren.

Die Gegner der Bebauung gaben sich  sehr viel mehr Mühe mit dem Argumentieren, ich habe das Büchlein, das uns damals in die Postkästen gelegt wurde, irgendwo archiviert, krame es aber nicht mehr hervor, denn es geht nicht darum, die Fehler von 2014 noch einmal ausgiebig abzuhandeln. Es geht darum, dass sich etwas verändert hat und warum sich etwas ändern muss.

Die Situation am Wohnungsmarkt wird immer drängender

Die Schere zwischen vorhandenem Wohnraum und Bedarf öffnet sich immer weiter. Es ist offenbar unabänderlich, dass Berlin wächst und der Druck steigt. Das war 2014 schon zu erkennen, aber vor allem die Dimension des Zuzugs in den Jahren 2015 und 2016 war nicht abzusehen, weil sie teilweise aufgrund politischen Willens und ziemlich ruckartig geschaffen wurde. Die Zeit der belegten Turnhallen und der 7.000 Menschen, die allein in den alten Flughafengebäuden in Tempelhof untergebracht waren, wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Die politischen Folgen gehen weit über das Wohnen und die Stadt Berlin hinaus, wie sich mittlerweile gezeigt hat.

Nach meiner Ansicht ist es gerade deshalb jedoch unvermeidlich, die riesige freie Fläche in Tempelhof in einer Form zu nutzen, die allen Interessen gerecht wird. Den Wohnungssuchenden ebenso wie den Freizeitaktivisten, dem Mittelstand ebenso wie den ärmeren Mieterinnen und Mietern, der Stadt ebenso wie den Menschen in der Stadt. Das Tempelhofer Feld kann ein sozialer Raum werden, der weitaus mehr bietet als im Moment. Natürlich ist es schön, dort entspannt nebeneinander Rad zu fahren, zu skaten, zu joggen, zu feiern, witzige Alternativgärten anzulegen, aber diese Möglichkeiten müssen ja nicht verschwinden.

Unter 10.000 ist Unsinn

Was man aber nicht machen sollte, sind halbe Sachen. Keine Salami-Taktik. Kein Ring, dann noch ein Ring, dann noch einer, bis im Zwiebelstil doch alles zugebaut ist, aber nicht mehr konzeptionell durchdacht wirkt. Sondern von Beginn an ein klares, ebenso beherztes wie soziales und mit hohem Wohnwert ausgestattetes Konzept erarbeiten, das aber auch Grenzen setzt, die künftig eingehalten werden. Ein Konzept, das mindestens 10.000 Wohnungen beinhalten und mindestens 20.000 Menschen neuen Lebensraum bieten sollte. Eines, das nicht, wie der Tagesspiegel es darstellt, die Berliner Mischung reproduzieren sollte, denn ein neuer Ort bietet neue Chancen. Und was ist die Berliner Mischung? Die sieht in jedem Kiez anders aus und verändert sich zudem permanent. Wir haben daher ein paar Eckpunkte erarbeitet, die über die sogenannte Mischung hinausweisen.

Einige Eckpunkte für die Förderung der Sozialen Stadt

  • Das Verhältnis aus Miet- und Eigentumswohnungen sollte bei etwa 80:20 liegen, dem derzeitigen Verhältnis über die gesamte Stadt hinweg entsprechend.
  • Grund und Boden müssen auch bei den Eigentumswohnungen in städtischem Besitz verbleiben und über Erbbaurechte den Eigentümern der Wohnungen nutzbar gemacht werden.
  • Städtische Wohnungsgesellschaften, kommunale Genossenschaften sind die Bauherren, dazu private Wohnbaugenossenschaften, die sich aus Einzelpersonen zusammensetzen, hingegen dürfen keine Wohnungskonzerne und sogenannte Investoren zum Zuge kommen und sich keine Ballungen und Zusammenschlüsse ergeben, die zunehmend in die gewollte kleinteilige Eigentumsstruktur oder gar in kommunale Bestände eingreifen.
  • Die Mietpreise müssen im Rahmen einer Sozialbindung so gestaltet werden, dass sie unterhalb des jetzigen Durchschnitts für Neuvermietungen liegen, eine sozialverträgliche Staffelung von etwa 6,50 bis 11 Euro pro m² kalt und direkte Berücksichtigung der Einkommensverhältnisse bei den Mietpreisen müssten Teil des sozialen Konzepts sein, damit nicht mühsam durch Wohngeld und andere Zuschüsse das ausgeglichen werden muss, was an konzeptioneller Sozialgestaltung fehlt. Andererseits ist es nicht sinnvoll, dass Menschen, deren Einkommen sich stark positiv entwickelt oder von Beginn an höher liegt als im Durchschnitt der Anlage, unterpreisig wohnen können und dadurch zu sozialen Verwerfungen beitragen.
  • Insgesamt müssen die Mieten kostendeckend sein – in dem Sinn, dass die Anlagen in gutem Zustand bewahrt werden können. Die bestehenden Genossenschaften zeigen, dass man zu den oben angegebenen Preisen das Wohnen nicht subventionieren muss – freilich abzüglich der Gestehungskosten, die aber auch einen hohen Vermögenswert für die Stadt mit sich bringen.
  • Die neue Wohnstadt, soweit nicht Private Eigentümer sind, muss eine Gesamtsteuerung erhalten, die einen guten beruflich-sozialen und ethnischen Mix, der die Dominanz von Gruppen und Milieus begrenzt sowie einen hohen Sicherheitsstandard dauerhaft gewährleistet. Ob man auch auf die Entwicklung der Privateinheiten Einfluss nehmen kann, indem die Stadt bei jedem Eigentümerwechsel ein Vorkaufsrecht ausüben oder sonst mitbestimmen darf, wer sich wo ansiedelt, ist Sachfrage.
  • Vermeidung einer Entwicklung hin zum sozialen Brennpunkt, wie bei vielen der berüchtigten Großwohnanlagen der 1960er und 1970er Jahre. Die zentrale Lage und eine gute Gestaltung und Bausubstanz, der hohe Wohn- und Freizeitwert des Ensembles machen es jederzeit möglich, ein ausgewogenes Publikum anzuziehen, d die gesamte Anlage auch als Begegnungsstätte zu begreifen und Gettoisierung zu vermeiden. Mit Gettoisierung ist auch Gentrifizierung gemeint.
  • Ein durchdachter Mix bei den Wohnungsgrößen und die Möglichkeit, bei sich änderndem Bedarf Wohnungen kostengünstig aufzuteilen oder zusammenzulegen,
  • die Einhaltung aller gängigen bzw. vorgeschriebenen Baustandards, keine per Ausnahmeregelung erlaubten Abweichungen nach unten, keine Billigbauweise, aber auch keine Luxusausstattung. Diejenigen, die für sich selbst bauen, können den Standard im Rahmen des Gesamtkonzepts selbstverständlich nach ihren Maßstäben handhaben, die Außengestaltung sollte dabei nicht auf Hochpreisenklaven inmitten einer durch sozialen Ausgleich geprägten, dezent gestalteten Umgebung hinweisen.
  • Ob man die Chance nutzen kann, eine Art ökologische Musterstadt zu errichten, ist für mich im Moment offen. Energetisch sicher, baustofftechnisch könnte ich mir eine große Varianz von Ideen, Materialien, Licht- und Raumkonzepten vorstellen. Der massive Ring, der vom Tagesspiegel ausgewiesen wird, ist, wie im Tagesspiegel-Artikel erwähnt, nur die Darstellung eines unstrukturierten Baukörpers, keine architektonische Ausgestaltung.
  • Dass aber einige Häuser nicht an die Berliner Traufhöhe gebunden sein dürfen, versteht sich von selbst, wenn die 10.000 Wohnungen bei ausschließlicher Randbebauung verwirklicht werden sollen (Ringbebauung „um das Feld herum“ trifft ohnehin nicht zu, weil dessen Fläche teilweise verwendet werden muss).
  • Diese kleine Stadt in der Stadt muss ein auf Vollversorgung ausgelegter neuer Kiez werden. Es war einer der Fehler der früheren GWOen und Trabantenstädte, dass eine vollwertige, vielfältige Struktur mit Kleingewerbe, mit Cafés, Kneipen und Freizeiteinrichtungen gefehlt hat. Die drei- bis fünfstöckigen Wohnanlagen der 1920er und 1930er Jahre, so berühmt und fortschrittlich ihre Architekten gewesen sein mögen, sind in vieler Hinsicht heute noch zwecksmäßig und oft denkmalgeschützt, aber diesbezüglich im Hinblick auf ihre Lage mitten in der Stadt nicht optimal gestaltet.
  • Natürlich lässt sich der Charme eines gewachsenen Kiezes nicht von heute auf morgen herstellen, aber ein von Beginn an mitgeplanter hoher Freizeitwert hilft dabei, entsprechende Strukturen und die Akzeptanz der Bewohner zu fördern, sodass es sich beim neuen Quartier nicht nur um eine Schlafgemeinde handelt.

Die Stadt à la CDU oder FDP zuzubauen, mit Geldwäsche-Luxuswohnungen, mit chaotischer Verdichtung, Verengung und Verdrängung, das kann nicht das Ziel sein, ganz im Gegenteil. Doch gerade auf dem Tempelhofer Feld bietet sich noch einmal die Möglichkeit, in größerem Stil alle Erkenntnisse moderner Urbanität mitten im bereits urbanen Raum umzusetzen, mit sehr vielen Modulen, die ich vor allem bezüglich der Technik in diesem Rahmen nicht darstellen kann. Damit kann Berlin nach einer Phase des Wildwuchses in der Nachwendezeit endlich wieder die Tradition aufnehmen, die es einmal ausgezeichnet hat: Raum für alle und angstfreies, preiswertes Wohnen für die große Mehrheit zu bieten, die angesichts des neoliberalen Auftriebs am Immobilienmarkt derzeit in Existenzsorgen gesetzt wird.

Wer steht im Moment in der Politik wie zu einer solchen Variante? Darüber wird sicher noch diskutiert werden, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die Baufreiheit für immer festgeschrieben bleibt, wenn sich die Wohnungsknappheit weiterhin verschärft.

Dann gibt es natürlich die vielen Partikularinteressen der Nachbarschaft und der jetzigen Nutzer. Ich wohne zwar nicht direkt am Tempelhofer Feld, aber immerhin gehört es für mich zum Naherholungsraum. Ich meine jedoch, in einer Situation wie der jetzigen müssen wir alle ein bisschen was vom einmaligen Luxus dieser gigantischen Freifläche mitten in der Stadt abgeben, unter der Voraussetzung, dass nicht einfach gebaut, sondern das Richtige gebaut wird. Und der überwiegende Teil des Feldes, der übrig bleibt, könnte qualitativ davon profitieren.

Das ist für mich eine Position, die das Ganze im Blick hat, verbunden mit einer Erwartungshaltung an die Stadtplanung. Dadurch würde mein Wohnbezirk von einer gemächlichen Beinahe-Ruhezone (womit ich nicht die Sanierungswelle meine, die geht hier auch ziemlich hoch und just um die Ecke gibt es gerade einen brisanten Fall, der absehbar war, die Häuser Gleditschstr. 49-69) zu einem Hotspot der Bautätigkeit werden.

Ich glaube, das hat Tempelhof-Schöneberg sich in diesem Kontext verdient und man könnte insbesondere die angrenzenden Bezirke Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg ein wenig entlasten.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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