Bei Auftritt Mord – Tatort 329 / Crimetime 124 // #Tatort #Tatort329 #BeiAuftrittMord #Ehrlicher #Kain #MDR #Dresden #BeiAuftrittMord

Crimetime 124 - Titelfoto © MDR

Humor ist, wenn man deswegen lacht

Der elfte Tatort von Ehrlicher und Kain spielt also im Tänzermilieu und noch in Dresden (das Team wechselte später nach Leipzig). Der Film ist nun zwanzig Jahre alt. Wie war’s denn mit dem Fernsehballett? Und von welchem berühmten Film ist der Titel abgeleitet? Das klären wir in der -> Rezension

Handlung

Ein Unbekannter bedroht die Tänzer eines Showballetts. Die Plakate für ihren Auftritt in Dresden wurden über Nacht mit dem Schriftzug „Bei Auftritt Mord“ überklebt. Lewald, der Chef des Balletts, fordert Polizeischutz. Zur gleichen Zeit wird bei einem Auftritt in einer Nachtbar ein Tänzer aus Lewalds Truppe durch einen Messerwerfer lebensgefährlich verletzt. Kommissar Ehrlicher und sein Assistent Kain übernehmen den Fall. Doch welches Motiv gibt es für die Tat und wie soll man 26 Tänzer bei einem öffentlichen Auftritt schützen? Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen werden die Proben fortgesetzt und doch kommt es zu einem weiteren Anschlag. Während der Generalprobe wird die Drohung „Bei Auftritt Mord“ wahr. Das Opfer ist die junge Tänzerin Frederike, der neue Star der Truppe. 

Die gerichtsmedizinische Untersuchung bestätigt den Verdacht, dass Ferderike ermordet wurde. Das Gift wurde ihr unmittelbar vor Auftritt verabreicht. An den großen Unbekannten als Täter kann Kommissar Ehrlicher jetzt nicht mehr glauben, auch wenn es dafür immer wieder neue Hinweise gibt. Doch wer aus der Ballett-Truppe hat ein Motiv für den Mord, und gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen den Fällen? 

Erst als es Kommissar Ehrlicher gelingt, den Messerwerfer zu identifizieren, kommt Klarheit in den verwirrenden Fall. Die Drohung „Bei Auftritt Mord“ und der Anschlag in der Nachtbar waren Teil einer geheimen PR-Aktion Lewalds, die lebensgefährliche Verletzung des Tänzers war dabei ein Unfall. Mit den weiteren Drohungen und dem Mord an Frederike steht diese Aktion aber nicht in Zusammenhang. Doch wer aus Lewalds Showballett hat dann den Anschlag auf Frederike ausgeführt? Und wird es ein nächstes Opfer geben? 

Kommissar Ehrlicher und seinem Assistenten Kain bleibt nicht mehr viel Zeit, denn die Proben des Showballetts laufen auf Hochtouren.

Rezension 

Jedenfalls bin ich froh, dass ich zuhause schreibe und nicht auf der Bühne tanze, da kann mir Backstage niemand Betablocker ins Mineralwasser bzw. in die Frischmilch tun. Der Titel wurde „Bei Anruf Mord“  („Dial M for Murder“) von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1954 nachgebildet, zwischen den Handlungen gibt es allerdings keine Gemeinsamkeiten.

Ganz sicher ist „Bei Auftritt Mord“ einer der humorvollsten Kain-Ehrlicher-Tatorte aus der Dresdner Zeit und wirkt schon ein wenig wie die späteren Filme aus der Leipzig-Ära, weil eine gewisse Lockerheit bei den Ermittlern unübersehbar ist. Diese hatten sie als Typen immer schon, aber in der frühen Nachwende-Ära wurde sie meist einer unheilschwangeren Ostbefindlichkeits-Darstellung geopfert,  heraus kamen Tatorte, die heute noch gut erklären, warum viele im Menschen Osten die Freiheit  nie als Chance begreifen konnten.

Da ist man für jeden Fall froh, in dem das böse System zumindest nicht im Vordergrund steht. Oder nicht ganz so, denn auch die Finanznöte eines frei organisierten Ballettbetriebs sind ja typische Sorgen im Kapitalismus, von denen die echten Tänzer zumindest damals frei waren, als der Film gedreht wurde, und ich habe nebenbei erfahren, dass auch der MDR ein Fernsehballett unterhält, das jetzt Deutsches Fernsehballett heißt. 2014 sollte es abgewickelt werden, aber viele Künstler, die sich seiner im Rahmen ihrer Showprogramme bedienten, protestierten und mittlerweile ist der Erhalt erst einmal gesichert.

Ist der angesprochene Humor immer freiwillig? Bei Ehrlicher und Kain sicherlich, man kann höchstens darüber uneinig sein, ob man ihn mag. „Gute Verrichtung“ gehört für mich nach wie vor nicht zur verdichteten Filmsprache, aber passt gut zu Ehrlichers Wurschtigkeit, mit der er sich emotional-angekratzt-distanziert und immer auf den Feierabend schielend durch seine Mordfälle ackert. Die Überzeichnung des Milieus der Tänzer mit ihren heißblütigen Eifersuchtsdramen ist wohl ebenfalls beabsichtigt – und die teilweise sehr schwachen Schauspielleistungen könnten die adäquate Umsetzung des wahrhaften Schmierentheaters sein, das Künstler oft zelebrieren, weil sie das Leben und mäßiges Spiel miteinander verwechseln. Sie spielen eben immer eine Rolle, und hinter der kommt oft nicht viel Persönlichkeit zum Vorschein. Man kann zuweilen auch sagen: Das permanente Schlüpfen i n die Rollen anderer verhindert die Entstehung eines echten eigenen Kerns.

Okay, das ist bei Berufsschauspielern vielleicht eher relevant als bei einer Balletttruppe, die als etwas amateurhaft geführt und choreografiert rüberkommt. Die Bewegungen der Tänzer stimmen natürlich, weil ja in Wirklichkeit eine Profitruppe zugange ist.

Wenn man einem Artikel in der Bild-Zeitung glaubt, der 2013 anlässlich der drohenden Auflösung des Balletts geschrieben wurde, ging es in Wirklichkeit dort noch erheblich bunter zu als im Film, mit Alkohol- und Drogenexzessen und die Idee, dass die Tänzerinnen in einem Nachtclub ihre Gage aufbessern, die im Film zu sehen ist, wurde gemäß dem Artikel in echt getoppt, indem zwei der Tänzerinnen nebenbei als Escort-Girls Kohle verdienten. Und das Erschlafen von Vergünstigungen und Karrieresprüngen innerhalb der Truppe soll es auch gegeben haben.

Also enden wir bei der Feststellung, entweder lügt mal wieder die Presse oder man hat sich beim MDR nicht getraut, die Wirklichkeit abzubilden, weil sie für den Sender zu heikel und als Plot zu unglaubwürdig gewesen wäre. Oder man wusste damals noch nichts oder es geschah später. Dafür gibt es eine Szene, in der mehrere der Balletteusen nackt unter der Dusche zu sehen sind. Von einem Mord innerhalb des Ensembles ist allerdings nichts bekannt, jedoch liegt angesichts des zuvor Beschriebenen die Mögilchkeit nah, dass es auch mal zu einem solchen hätte kommen können.  Auch, dass das Alter bei den Tänzerinnen besonders gnadenlos ist, kann man sich gut vorstellen – Ursula Karven, welche die weibliche Hauptrolle und eine Primaballerina spielt, war damals 32 Jahre alt, ihre Rollenfigur ein Jahr älter.

Vermutlich war „Bei Auftritt Mord“ auch einer der ersten MDR-Tatorte im Breitbildformat 16:9, aber er wirkt heute trotzdem dated. Der Mitteldeutsche Rundfunk war bei seinen Inszenierungen für die Reihe ja immer etwas hinter der Zeit, das hat sich erst allerjüngst geändert. Aber Ehrlicher und Kain sind zudem schrullige Typen, so richtig der DDR entsprungen, aber nicht entwachsen, und das lässt ebenso wie die Musik in diesem Film, wie die Aumfachung der Ballettdamen und Mathieu Carrière als Impressario, der gesamte Stil des Films ist nicht gerade zeitlos. Andere Filme aus der zweiten Hälfte der 1990er wirken viel moderner.

Freilich heißt das nicht, dass der Tatort deshalb schlecht ist. Das ist er, wenn man sagt Vorhersehbarkeit geht gar nicht. Schon kurz nach dem Mord an Friederike dachte ich, falls Elaine, die Primaballerina, sich für mich als Mörderin erweisen sollte, was ja besonders nah liegt, werde ich ihr auf jeden Fall vergeben und Bruno nichts sagen, falls er’s nicht selbst herausfindet. Die Figur ist wirklich sehr sympathisch dargestellt und in einen starken Kontrast  zu den übrigen, eher zickenhaften Ensemble-Migliedern und dem egomanischen Impressario gesetzt. Diese Eindeutigkeit macht es leicht, sich emotional zurechtzufinden und die Haupthandlung ist auch nicht sehr kompliziert – etwas anders sieht es mit der Messerwurf-Attacke aus, die das erste Verbrechen im 329. Tatort darstellt, sofern man nicht das versuchte Vortäuschen einer Straftat oder wie immer man die gefakten „Bei Auftritt Mord“-Aufkleber klassifizieren will, als erstes Delikt im Plot ansieht.  Die Messersache ist ziemlich verschwurbelt und überzeugt nicht, wohl aber die Idee des Ballettchefs, der Truppe durch einen Crime-Faktor Aufmerksamkeit und Zuschauer zu sichern.

Fazit

Es gab ein paar bessere und einige schlechtere Ehrlicher-Tatorte, aber ich kam ganz gut durch diesen hindurch, obwohl ich ihn zu gefährlich später Stunde angeschaut habe, also wenn es schon mal passiert, dass langweiligere Filme mich nicht bis zum Ende wachhalten können. Aber die beiden Kommissare mit ihren Sprüchen und ihrer unzweifelhaften Originalität, die hübschen Frauen mit Ursula Karven an der Spitze haben das kompensiert, was an Schwung und Eleganz in diesem Ballett-Tatort gefehlt hat.

Wertung: 7/10

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Kain – Bernd Michael Lade
Lewald – Mathieu Carrière
Elaine Morell – Ursula Karven
Ron – Diego Wallraff
Frederike – Natascha Graf
Roswita – Nina Hoger
Rosa – Franziska Troegner

Buch – Peter Vogel
Regie – Hans Werner

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