Paradies – Tatort 914 / Crimetime 126 // #Tatort #Wien #ORF #Eisner #Fellner #Krassnitzer #Neuhauser #Tatort914 #TatortParadies

Crimetime 126 - Titelfoto © ORF

Das Paradies kann in einem letzten Sprung zu finden sein

Seit dem 9. Juni herrschte Pause, was neue Tatorte angeht – also stürzen wir uns voller Energie auf Moritz und Bibi und dummerweise treffen wir sie in einem Fall, in dem vor allem von Menschen die Rede ist, deren Energie langsam dem Ende zugeht. Allerdings nicht so sehr, dass sie nicht noch in der Lage wären, Drogen zu schmuggeln. Mehr in der -> Rezension

Handlung 

Kurz bevor sie mit dem Flieger in den wohlverdienten Urlaub abheben kann, erhält Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) einen Anruf aus dem Pflegeheim: Mit ihrem Vater, zu dem sie nicht das beste Verhältnis hat, geht es zu Ende. Der besorgte Kollege Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) begleitet sie in die Steiermark, dort stirbt Bibis Vater noch in derselben Nacht. Zu ihrer großer Überraschung vermacht er Bibi den Schlüssel zu einem Bankschließfach, in dem die verdutzte Sonderermittlerin über 30.000 Euro in bar findet. Der alte Kauz war jedoch pleite und lebte die letzten Jahre in einem Altersheim für Mittellose: Woher stammt das viele Geld?

Als Polizistin kann Bibi Fellner diese Frage nicht einfach ignorieren, zumal auch ihr Kollege vermutet, dass an der Sache etwas faul ist. Offenbar waren die Busausflüge, die ihr Vater allwöchentlich über die nahe Grenze nach Ungarn machte, keine gewöhnlichen Kaffeefahrten. Eisner lässt seinen pensionierten Kollegen Sommer (Branko Samarovski) als Under-Cover-Ermittler an einer der Fahrten teilnehmen. Zunächst erscheint es, als ginge es um unspektakulären Medikamentenschmuggel. Als Sommer jedoch brutal zusammengeschlagen wird, zeichnet sich ab, dass die Senioren als Kuriere für ein viel gefährlicheres Geschäft eingesetzt werden.

Zusatzinfo ARD

In diesem stimmungsvollen Krimi aus der „Tatort“-Reihe lösen Moritz Eisner und Bibi Fellner ihren zehnten gemeinsamen Fall. Das populäre Austro-Ermittlerduo, für „Tatort: Angezählt“ mit dem renommierten Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet, wird diesmal mit dem brisanten Thema Altersarmut konfrontiert. Peter Weck glänzt als ehemals erfolgreicher Unternehmer, der von der eigenen Tochter ausgebootet wurde und in einem tristen Altersheim landet. Eindrucksvolle Akzente setzt der Steirer Michael Ostrowski als zwielichtiger Altenpfleger.

Spotlight

Die 307. Rezension im Rahmen der TatortAnthologie (wiederveröffentlicht 2018 als „Crimetime 126“) bringt den 33. Eisner-Fall, und gerade in letzter Zeit haben wir uns mit einigen seiner älteren Filme auseinandergesetzt (als Vergleichsbeitrag: „Passion“ aus dem Jahr 2000). Das hilft uns bei der Einordnung von „Paradies“.

Zurück in die Vergangenheit also, in der Eisner immer mal wieder gerade Urlaub machte oder machen wollte und dabei über das Verbrechen stolperte. Zuletzt in „Tödliche Souvenirs“ gesehen, den wir morgen als zweiten Teil des Double-Features veröffentlichen werden. Leider war dieser Fall kein Höhepunkt, und das muss man auch von „Paradies“ sagen.

Natürlich, das Thema war nicht geeignet, um Ramba Zamba zu machen, wie er zuletzt und zum großen Vergnügen vor allem jüngerer Zuseher in Wien aufgezogen wurde. Alte Menschen sind langsamer, also ist es auch ein Tatort, der sich mit ihnen befasst. Soweit alles okay.

Klar sind Moritz und Bibi wieder top, vor allem Adele Neuhauser muss als Tochter eines gewalttätigen Vaters, der im Film verstirbt, einiges leisten. Vielleicht wäre die Bibi Fellner eine Kandidatin für Crystal Meth, von dem hier die Rede ist, denn sie muss ja viel leisten.  Zum Beispiel Trauerarbeit, obwohl sie nie gedacht hätte, dass sie um den alten Säufer und Schläger trauern würde. Als Bibi noch etwas jünger war, hat sie auch ihre Trauer über das alle sin Alkohol ertränkt, daran erinnern wir uns noch.

Und damit haben wir auch den Schlüsseltatort zu dieser Figur. Viele Ermittler, noch häufiger Ermittlerinnen, hatten schon einen solchen Film spendiert bekommen (Lürsen, Bremen, in „Schatten„, Saalfeld, Leipzig, in „Nasse Sachen„, Blum, Konstanz in „Schlaraffenland„). Natürlich gab’s das auch schon bei Kommissaren (Faber, Dortmund, bei ihm wird Vergangenheit und das daraus resultierende Trauma werden gerade als Fortsetzungsgeschichte in mehreren Tatorten entblättert; auch Lannert, Stuttgart, „Tödliche Tarnung“ hatte ein Schlüsselerlebnis, bei Ballauf, Köln, werden passenderweise frühere Beziehungen eingeschlüsselt („Direkt ins Herz„).

Nun also der Grund, warum Bibi verrückt ist, wie sie selbst sagt. Dass gewalttätige Eltern Schäden hinterlassen, steht außer Frage, im günstigsten Fall kann man sie in einen Helferberuf oder einen, welcher der Gerechtigkeit dient und der Ohnmacht begegnen soll, transzendieren, wie Bibi es tut. Alles korrekt hergeleitet, wir haben da keine psychologische Unglaubwürdigkeit, nicht einmal einen Unwahrscheinlichkeit gefunden.

Aber: Der Fall als solcher ist unglaubwürdig und außerdem hat er für Wiener bzw. österreichische Verhältnisse erstaunlich wenig Atmosphäre. Wo die Ösis doch so nekrophil sind (wer besingt sonst schon den Zentralfriedhof oder irgendenen Friedhof seiner Stadt als die Wiener?). Natürlich, das Altersheim war düster und gruselig, aber vielleicht auch etwas übertrieben in gerade diesem Punkt. Die Anklage durch verschlissene Tapeten und eine veraltete Einrichtung und wenig Licht sichtbar zu  machen, das kann angehen, wenn sie sich in eine Atmosphäre einfindet, in einen Fall und in die Inszenierung der Charaktere, die dem entsprechen, auch wenn es hier schon sehr überzogen wirkt, inklusive Personal. Ein solches Altersheim würde in Deutschland, wo sicher nicht alles zum Besten steht, für einen Presseskandal sorgen.

Die Senioren im Film sind einerseits gebrechlich, aber beim Drogenkurier spielen (einige meinen ja nur, sie transportieren harmlose Medikamente) doch irgendwie sehr routinemäßig unterwegs. Ein solches System würde mit durchschnittlichen alten Menschen niemals funktionieren. Wie der Busfahrer die Medikamente einsammelt, die alle brav haben auf ihren Plätzen liegen lassen – man kann so etwas vielleicht mit  zwei, drei Leuten machen, aber nicht mit einem ganzen  Heim.

Verwandte oder andere Außenstehende würden auf jeden Fall davon erfahren und dass Bibi am Ende denen, die nur Dummy-Kuriere waren, sagt, das gibt’s immer wieder, dass alle von nichts gewusst haben, ist in diesem Fall deplatziert. Klar, dass es auf die NS-Zeit anspielen soll, wo die Leute auch weggeschaut haben, aber das war eine vollkommen andere Konstellation.

Dass es sich um Crystal Meth handelte, wussten die Alten nämlich wirklich nicht, wohingegen sie bei der allgemeinen Verschiebung von Ungarn nach Österreich sogar bewusst mitgemacht haben. Das kann man nicht mit einer Mitwisserschaft in Sachen Völkermord vergleichen, in der weder Aktives Tun noch die Möglichkeit, etwas  zu tun, im Vordergrund stehen, dafür aber vielleicht das ganze Ausmaß der Tragödie zu ahnen ist.

Der Fokus liegt also nicht auf der Not der Mindestrentner, sondern darauf, den Plot einigermaßen über die Runden zu bringen und außerdem das Schema einzubauen, wie Moritz und Bibi wieder am Ermitteln sind, ohne dass es zunächst überhaupt einen Fall für die Mordkommission gibt. Sicher, das ist ein Wiener Manierismus, sowas haben andere Städte auch, man hat ihn  zuletzt gar nicht mehr zum Einsatz gebracht, um im bunten Vielvölker-Wien deftige Vielfachmorde zu inszenieren, aber wir das mit dem raus aufs Land schon besser gesehen als heute Abend.

Eines aber erleben wir immer wieder: Es ist der Oberstleutnant vom Bundeskriminalamt, der sich in die zunächst gar nicht vorhanden Sache verbeißt, weil er halt ein Beißer ist, so richtig schlüssig wirkt es  zunächst nicht, besonders, weil die Obduktion von Bibis Vater, die sozusagen aufs Haus geht, weil sie nicht offiziell abgerechnet werden kann, nichts erbringt. Zunächst gibt es keinen Anhaltspunkt, dass mit den 32.400 Euro etwas nicht stimmen könnte.

Fazit

Schade, dass man dem Thema der sozialen Notlage von älteren Menschen so wenig abgewonnen hat. Wir gehen davon aus, dass das mit den 80 Euro Taschengeld für Mindestrentner simmt, und wenn es stimmt, ist es in einem so reichen Land ein Skandal. Vorbehaltlich Nichtwissens um die Regelung in Deutschland, wenn über Hartz IV gesteuert wird: Ob die alten Menschen dann die üblichen derzeit 394 Euro im Monat ausgeben dürfen, gleich, wie teuer ihre Unterbringung ist, haben wir auf die Schnelle nicht recherhiert. Aber alte Menschen, die, wie es im Film heißt, ihr Leben lang gearbeitet haben, mit 80 Euro abzuspeisen, weist uns darauf hin, dass man den Zustand Gesellschaft am besten daran erkennt, wie sie mit den Schwächsten umgeht: Den sehr jungen und den sehr alten Menschen.

Dass uns der Film trotzdem nicht auf der emotionalen Ebene erreicht hat, mag auch daran liegen, dass wir derzeit so viele Top-Kinofilme rezensieren, bei denen das fast immer der Fall ist. Sicher sind das nicht die richtigen Vergleichsfilme, aber da es um die emotionale Ebene geht, kann man die Inbezugnahme auch nicht einfach abstellen, man denkt daran, was wurde dort richtig gemacht und hier falsch.

Ob es daran liegt, dass wir Peter Weck, so nett er ja ist, weder als armen Rentner, noch als Organisator eines Drogen-Kurierdienstes wahrnehmen können? Okay, auch die Macher des Tatortes haben gemerkt, dass er für einen Mindestrentner zu gut ausschaut, und ihm deshalb eine böse Familiengeschichte verpasst, woraufhin die Bibi anmerkt, dass Familie eben meistens schlimmer ist als keine Familie. Man weiß ja, warum, ihre Geschichte wird zuerst aufgerollt. Weck springt in den Tod, Bibi ist ihren Vater endlich los (nein, Weck spielt nicht ihren Vater).

Am meisten wird es damit zu tun haben, dass es dieses Mal keine wirklich griffigen Charaktere gibt außer den Ermittlern selbst. Die beiden schultern das Ganze auch einigermaßen, aber es ist eine Last, und das merkt man ihnen auch irgendwie an. Sicher, das Thema ist ernst, aber selbst unter ernsten Umständen haben die Dialoge des Teams schon flotter gewirkt. Das rote Elektroauto reißt es da auch nicht ganz, zumal der Gag als solcher in gegebenem Zusammenhang so leer wirkt wie der Akku des Autos, dessen Ladegewohnheiten vollkommen überflüssigerweise thematisiert werden.

Alles in allem ein schwerfällig wirkender Film, und das ist man vom ORF ja gar nicht mehr gewöhnt. Jetzt haben sie diese Schiene eingeschlagen, in denen es immer so zünftig zugeht, seit Bibi an Bord ist, jetzt werden sie daran gemessen.

Wir bewerten „Paradies“ mit 6/10.

Mit Harald Krassnitzer (Moritz Eisner), Adele Neuhauser (Bibi Fellner), Branko Samarovski (Reinhard Sommer), Hubert Kramar (Ernst Rauter), Peter Fröhlich (Horst), Simon Schwarz (Inkasso-Heinzi), Peter Weck (Paul Ransmayr), Gertrud Roll (Helene), Michael Ostrowski (Robert), Thomas Frank (Günther), Dagmar Kutzenberger (Judith), Laurence Rupp (Daniel Ransmayr), Petra Morzé (Dagmar Ransmayr), Johannes Zeiler (Pieber), Johannes Silberschneider (Hubert).

Regie: Harald Sicheritz
Musik: Lothar Scherpe
Kamera: Thomas Kiennast / Schnitt: Ingrid Koller / Produzent: Dieter Pochlatko

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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