Die schöne Mona ist tot – Tatort 861 / Crimetime 125 // #Tatort #Konstanz #SWR #KlaraBlum #KaiPerlmann #Perlmann #Blum Tatort861 #DieschöneMonatisttot

Titelfoto (c) SWR, Stephanie Schweigert

Mord verkehrt

Der Bodensee ist ein ruhiges Gewässer. Verglichen mit der Nordsee oder dem Rhein. Wenn man einen Konschtanzer Tatort schaut, weiß man das. Und es kann nicht passieren, dass wir vor dem Bildschirm sitzen wie letzte Woche und unseren Augen nicht trauen („Melinda“).

Es sei denn, man fängt an, verschwurbelte Action zu produzieren. Das hat man auch schon versucht („Bluthochzeit“), aber es passt einfach nicht. Nicht auf die Art, wie sie woanders Standard geworden ist.

Weil die Klara Blum eine so sichere, empathische Ermittlerin ist und dieses Mal halb daneben liegt. Es war der, den sie verdächtigt – das mit dem Unfall, der Verursacher des Klippenabsturzes der Mona. Aber da kommt noch etwas.

„Die schöne Monat ist tot“ wurde nicht gedreht, um Preise abzuräumen, sondern um den Konstanzer Tatort auf sicheren Füßen zu behalten, nachdem die anderen SWR-Boote (Ludwigshafen, Stuttgart) qualitativ ins Schlingern geraten sind. Wenn man sagt, das ist gelungen, dann unter der Prämisse, dass man die ruhigen Filme mit den leisen Tönen mag.

Und es genießen kann, dass die Dialoge hübsch künstlich und hübsch gemacht sind. Man kann ihnen eine offenbar gewollte, ansatzweise satirisch gemeinte Literarizität nicht absprechen. Die Stimmung ist das prägende Element von „Die schöne Monat ist tot“ und die Figuren machen diese Stimmung und diese Dialoge heben sie aus dem allzu Melancholischen. Weiter in der -> Rezension

Handlung

“Die schöne Mona”, so reden die Leute im Dorf, wenn von Mona Seitz die Rede ist. Eine vitale, lebenslustige Frau, seit ihrer Jugend immer vorne dabei, wenn im Fußballvereinsheim gefeiert wird. Nach einer solchen Feier wird Monas Wagen am Fuß einer Klippe gefunden, ganz ohne Zweifel von einem anderen Wagen hinuntergestoßen.

Das Blut des Opfers findet sich im Wagen, Schleifspuren zeigen, dass die Leiche in den Bodensee geschleppt wurde. Zwei Hauptverdächtige haben Klara Blum und Kai Perlmann: Fritz Schönborn, früher der Fußballgott des Ortes, inzwischen auf einer stetigen Abwärtskurve. Und Christian Seitz, Monas Ehemann, der wegen ihr in ihren Heimatort gezogen ist, aber dort nie heimisch wurde.

Christian Seitz hat das Dorf, allen voran Monas Bruder Stefan Mader, gegen sich. Er beharrt darauf, dass er und seine Frau trotz aller Gegensätzlichkeiten ein glückliches Paar waren. Aber wusste er, dass Mona eine Affäre mit ihrer Jugendliebe Fritz Schönborn hatte? Kennt er die andere, dunkle Seite der schönen Mona? Es ist an Klara Blum, das Geflecht aus Liebe, Verachtung und Lüge aufzudröseln.

Rezension

Herrvorragend ist die Interaktion von Klara Blum mit Monas Mann Christian, das ist eine der besten Zwiesprachen um Liebe und Enttäuschung, die wir bisher in einem Tatort gesehen haben. Naturgemäß nimmt diese viel Zeit in Anspruch, weil sie auf Zwischentöne und Schauspieler angewiesen ist, welche diese Töne können. Stellen Sie sich mal T. S. vor, wie er einen beinahe intellektuellen Diskurs über Lebenslügen führt. Das geht gar nicht.

Darauf hat man sich konzentriert, demgemäß wird Christian nicht nur als Typ von den anderen Figuren abgesetzt, die sich alle irgendwie ähneln und Bärte tragen, um hinterwäldlerischer zu wirken, sondern auch so gemeint sind. Das Dorf gegen den Städter. Die Blitzbirnen gegen den Schöngeist, der sich nicht durch Faustschläge, sondern durch fine cooking abreagiert, das außerdem noch einen Bezug zu seiner glorreichen Vergangenheit als Topjournalist hat (offenbar hat er fotografiert und geschrieben, ein richtiger Allrounder alter Kriegsberichterstatter-Schule).

Im Zeitschema stimmt etwas nicht. Sein Haus mit Mona hat zwei  Kinderzimmer und ist weitgehend dem städtischen, bauhausorientierten Geschmack des Journalisten entsprungen. Wirkt in seinem Umfeld fremd, wie der Hausherr. Die Kinder kamen nicht, die Kinderzimmer blieben leer oder wurden anders genutzt. Diese Grundstücksgeschichte, bei der Seitz keine sehr integere Figur macht, weil er Herrschaftswissen gegen die blöden Dörfler eingesetzt hat, die ist aber erst zwei Jahre her. Das heißt, das Haus ist bestenfalls vor einem Jahr fertig geworden und so sieht es im Wesentlichen aus. Die Kinderlosigkeit muss das Paar aber doch schon länger belastet haben. Überraschenderweise erfahren wir, dass Mona doch ein Kind bekommen sollte und – dass dieses offenbar doch von Seitz war.

Ihre Wankelmütigkeit wirkt für diese eher am einfachen Vergnügen als an Idealen orientierten Dorfbewohner typisch, ohne diese hätte die Handlung sich nicht entrollen können. Während Seitz sie konstant liebt, will sie ihn erst verlassen und dann mit ihm das Dorf verlassen. Man glaubt ihr das sogar. Diese Geschichte ums Geld mit dem etwas gruselig schmierigen Fritz Schörnborn, der als jüngerer Mann attraktiv gewesen sein mag, auf die dörfliche Art, so, wie Mona ja auch eine Dorfschönheit ist, die „nicht wusste, dass es so viele Bücher und Schallplatten gibt“, wie Seitz sagt, diese Geschichte wirkt recht konstruiert, da kann man so viele alte Linien implantieren, wie man will.

Als der Seitz das mit den Büchern sagt, lächelt Frau Blum. Sie hat in diesem Film etwas Heiteres, nicht nur in der Singsang-Szene, in der sie zum ersten Mal auftaucht. Und Seitz ist eine verwandte Seele, das spürt man. Dass sie sicher ist, er hat Mona nicht umgebracht, nimmt man für bare Münze, auch wenn der Kollege Perlmann a. A. ist. Er war es nicht, weil er ihr nahe steht, und könnte sie einen Mord begehen, und sei es aus enttäuschter Liebe?

Die nachstehenden Passagen enthalten Angaben zur Auflösung.

Dass sie Seitz dabei hilft, sich aus Illusionen zu schälen und ihn mit Informationen füttert, die am Ende dazu führen, dass er die schöne Mona tatsächlich umbringt, heißt, er gibt auf. Das Karriereende in der Lokalredaktion, die Schulden – und die verratene Liebe. Die große Distanz zu allem, was sein derzeitiges Leben ausmacht, wenn man vom Kochen, den Büchern, den Platten und dem Haus als Ausdruck seines ästhetischen Empfindens absieht.

Da hat sich eine Glaswand aufgebaut. Dahitner sitzt Seitz, mit der Pistole in der Hand und Mona liegt rot (Kleid) und tot (nun doch) vor ihm. Davor steht Klara und blickt wissend und mit heiterer Melancholie durch die Scheibe. Zu spät. Und wer weiß, vielleicht ist das besser so. Besser das berühmte Ende mit Schrecken als immer weiter Verhältnisse, in denen eine falsch verstandene Form von Liebe zu Fehlentwicklungen und Verstrickungen führt.

Alle Figuren, das ist Voraussetzunge, damit sie funktionieren, handeln nicht mit literarischer „Maximalkapazität“, sondern sind aus verschiedenen Gründen getrieben und gefangen. Das nimmt dem Film natürlich jeden Drive, den krasse Charaktere reinbringen können. Man hat die ruhigen, tiefen Gewässer nicht als Background für die Porträtierung von Fischerfreaks, Naturschützern, Künstlern oder sonst schrillen Charakteren, sondern um das Alltägliche teuflisch werden zu lassen.

Leider ist die Konzentration insgesamt nicht so hoch wie seinerzeit bei „Herz aus Eis“, an dem wir nicht nur die Bodensee-Folgen messen. Besonders messen wir an diesem Film natürlich die Regiearbeit von Ed Herzog. Der hat uns wieder tief in die Seele von Menschen blicken lassen und sich  nach unserer Ansicht zu Recht auf eine Figur konzentriert, die anderen dabei vernachlässigt, weil sie nicht als zu schräg gezeichnet werden sollten (sind sie aber doch irgendwie – der Wirt, der Metzger, der Finanzdienstleister, sie führen witzige Gespräche mit der Polizei und haben etwas Widerständiges und sind gar nicht stromlinienförmig).

Auch die Plotanlage, dass das Tötungsdelikt – ein Mord ist es wohl nicht – am Ende steht, ist nicht konventionell, der Whodunnit wird nach knapp 80 Minuten aufgelöst und dann geht alles doch ziemlich schnell. Mona kehrt aus der Gefangenschaft bei Schönborns Frau, die als Krankenschwester weiß, wie man eine mittelschwer Verletzte durchbringt, nach Hause zurück und es geschieht das, was man von Anfang an dachte. Sie wird umgebracht. Nur wer so liebt, dass er seine Karrie aufgibt, weil die Frau nicht aus ihrer Bodensee-Idylle wegziehen will, der kann auch aus Liebe töten.

Dass sie den Unfall mit vergleichsweise geringen Blessuren übersteht, ergibt einen Minuspunkt bei der Glaubwürdigkeit. Dieses kleine, ältere und nicht besonders sichere Auto, das sie fährt, dieses Stück Mechanik mit dem eingedrückten Dach, das sieht ganz nach einem Blechsarg aus. Wir verstehen, warum das so aussieht – damit wir alle denken, Mona sei tot. Wieder so ein nicht sehr netter Trick, den wir aus vielen anderen Drehbüchern oder Inszenierungen kennen. Dass uns Fakten so vorgeführt werden, dass wir in eine bestimmte Richtung denken müssen, der lässige Umgang mit diesen Fakten es aber erst ermöglicht, dass die Handlung einen anderen Verlauf nimmt. Bei Krimischriftstellern würde man sagen, dies ist ein Bruch des Vertrages mit dem Leser, der dahin geht, dass Letzterer zwar raten darf und auf falsche Fährten mitgenommen wird  – aber nicht hinters Licht geführt wird mit offensichtlichen Falschdarstellungen.

Fazit

Wir haben ein wenig geschwankt, ob wir 7 oder 7,5 geben. Das ist deshalb schwierig, weil dazwischen die aktuelle Scheidelinie von unter- und überdurchschnittlich verläuft, gemessen an den   Wertungen aus bisher 214 Tatort-Rezensionen. Wir haben uns dann doch für die 7,5 entschieden. Der Krimi ist einfach, nicht sehr schnell oder gar spektakulär, wenn man vom Rambo-Einsatz des Großwagens absieht, der Monas Kleinwagen anschiebt und von der wirklich schrägen Aktionen des Metzgerbruders Mader oder des tötungswilligen Schönborn. Die beiden neigen zu sichtbaren Zeichen. Der eine hängt Schweinsköpfe dort auf, wo einst lukrative Grundstücke lagen und an die schönen Bauhaus-Glasfenster im ersten Stock von Seitz‘ Haus malt der andere „Mörder“-Wörter. Und wenn  man dem die Leiter wegzieht, kommt der andere und stellt sie wieder hin. Es gibt einige nette Details in „Die schöne Mona ist tot“, unter anderem diese Sache mit der Leiter.

Seitz lässt sie absichtlich stehen, nachdem er das erste „Mörder“ weggewischt hat, um zu sehen, wer sie benutzen wird. So jemand kann gut aus Kriegsgegenden berichten, er hat eine kriminalistische Intelligenz. Wie eben die Klara, welcher er geistig von allen Figuren in diesem Film am nächsten steht. Dass dann der nächste Dorfmensch vorbeikommt und die Situation eskaliert, das ist auch wie im  Krieg. Und den Krieg um die Liebe kann man als Einzelkämpfer in einer Welt wie der von Mona und den anderen nicht gewinnen. Er oder ich. Die Liebe oder ich. Da kann man auf Teufel komm raus ermitteln und am Ende kommt der Teufel raus. Niemand jemals in einer solchen Situation würde einen solchen Satz sagen. Gerade, weil die Macher sich das auch denken können, ist er gut.

Also doch die 7,5/10.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klara Blum – Eva Mattes
Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Annika Beck – Justine Hauer
Christian Seitz – Sylvester Groth
Mona – Silke Bodenbender
Fritz Schönborn – Ronald Zehrfeld
Birgit – Anne Weinknecht
Stefan Mader – Tristan Seith
Herr Eisner – Jürgen Rißmann
Franziska – Anne von Linstow
Andreas Schmitt  Stefan Kiefer

Regie: Ed Herzog
Buch: Wolfgang Stauch
Kamera: Andreas Schäfauer
Szenenbild: Andreas C. Schmid
Musik: Tamás Kahane

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