9. November: „Danke, 1918“ (taz) – ist alles gesagt? // #9Nov #9November #1918 #Novemberrevolution #Taz #RobertHabeck #Steinmeier #Achtstundentag #Frauenwahlrecht #Säkularisierung #Kirche #Staat #Tarifpartner #RosaLuxemburg #Kiel #Matrosenaufstand

2018-06-24 Medienspiegel

Medienspiegel 126 / Akzente 9. November

Heute ist es besonders spannend, mit welchen Titelseiten die großen Medien aufmachen. Ist es der Mauerfall vom 9.11.1989 oder die Reichspogramnach vom 9./10.11. 1938 – oder die Novemberrevolution von 1918, die ja mit dem 9.11.1918 nicht begann, sondern endete.

Die taz hat sich für eine poppig-pyromanische Würdigung des 9.11.1918 entschieden. Natürlich, es ist alles richtig.
2019-02-02 TAZ 9. November - Danke 1918
Der Achtstundentag (aber an sechs Tagen pro Woche), das Frauenwahlrecht, die Tarifpartnerschaft zwischen Gewerkschaften und Unternehmern (gibt es die denn heute noch?) die Säkularisierung (die bis heute nicht komplett ist), die parlamentarische Demokratie (die es aber vorher auch schon gab), Rosa Luxemburg und Friedrich Ebert (gerne auch ohne die nach ihnen benannten Stiftungen). Je weiter man auf dem Titelbild nach unten gelangt, desto kurioser wird es. Frank-Walter als Gegensatz oder als demokratisierter Nachfolger Wilhelms des Zweiten? Wo zum Teufel ist das Dynastische, das hier angedeutet wird?

Und nebenbei wird Dr. Robert Habeck noch zu den revolutionären Kieler Matrosen gestellt. Humor ist, wenn man mitlacht, ohne sich auch nur eine Spur zu ärgern. Aber trotzdem verständlich, warum die Linken die taz nicht mehr mögen.

Alles wird cremig versuppt, nichts bleibt unverrührt. Genau deswegen haben wir aber dieses Titelbild zum 9.11. gewählt.

Dass die FAZ mit einer brennenden Synagoge aufmacht, war zu erwarten und ist unumgänglich: mindestens ein großes Medium muss und sollte es tun und zur FAZ passt es mit am besten.

Dass die sogenannten Link-Linken (Junge Welt) hübsche Bilder der Räterrevolution bringen und den 9.11.1989, wenn überhaupt, als Tag der beginnenden Annexion verunglimpfen, was definitiv Altideologen-und-DDR-Nostaliger-Schwachsinn ist – auf grobe Klötze gehören grobe verbale Keile – das alles war zu erwarten. Die linke Hauspostille nd hat die Stolpersteine genommen. Damit kann man nicht viel falsch machen.

Aber dieser ganz verschiedene Dinge verklumpende taz-Titel ist der Zeitgeist an sich und das passt sowas von gut: Die taz ist absolut mir ihrem fancy Publikum gewandert. Nur – das Publikum auch mit ihr? Kein Print mehr ab 2022? Die Abozahlen sinken zu sehr? Vielleicht wären etwas mehr Trennung des zu Trennenden, etwas mehr Ernsthaftigkeit und ein etwas mehr aufständischer Geist doch eine gute Idee.

Habe ich schon erwähnt, dass 1918 auch der erste Weltkrieg zu Ende ging? Auf der taz-Titelseite ist das nicht zu sehen. Aber da steckt ja auch eine böse, das Feuerwerk irgendwie störende, traumabelastete kollektive Erinnerung drin. Das auch zu benennen und mitzuehmen, geht bei der taz heutzutage nicht mehr.

TH

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