Der Wahlberliner will mit #Correctiv einen Rückraum gewinnen // #DerWahlberliner @HeimatNeue #Berlin #Meinungsfreiheit #Demokratie

Man soll den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen. Und den fünften nicht vor dem dritten. Trotzdem haben wir uns nun entschlossen, an das Recherche-Netzwerk „Correctiv“ anzudocken. 

„Andocken“ ist im Grunde zu hoch formuliert, wir haben ein Profil angelegt, das ist erst einmal alles. Vermutlich sind wir als Blog, das seit fünf Monaten besteht und insgesamt etwas mehr als 50 Follower für sich interessieren kann, die KJE, die sich getraut hat, dort vorstellig zu werden – die Kleinste Journalistische Einheit. Viele Ergebnisse sind auf der Homepage von Correctiv frei zugänglich, aber wir wollten doch einen Tick mehr tun als nur surfen.

Unsere Erfahrung mit dem Blogjournalismus beschränkt sich nicht auf die fünf Monate seit Gründung des „Neuen Wahlberliners“ am 24.06.2018, aber wir merken, er ist doch  schon eine andere Hausnummer als „Rote Sonne 17“ und als das erste Blog, das den Namen „Der Wahlberliner“ trug und von 2011 bis 2016 lief.

Es geht jetzt viel mehr um Politik und wir sind enger an ganz bestimmten Themen orientiert, die uns berühren, die unser Engagement fordern und denen wir uns zentral widmen wollen – wie dem Komplex „Mieten / Wohnen“ und hier speziell den Vorgängen, die sich in unserer Wahlstadt Berlin abspielt. Das wollen wir weiter ausbauen.

Fünf Monate und wir sind schon ein wenig erschöpft. Erschöpft von der unfassbaren Vielfalt an Medien, die immer noch jeder einsehen darf. Erschöpft aber vor allem von der Rezeption von Beiträgen, die so hemmungslos subjektiv, verkürzend, ausgreifend, ideologisch angeschrägt oder angesägt und manchmal komplett kontrafaktisch sind, dass wir jeden Tag neu staunen, was Menschen alles fabrizieren – und es erfordert einiges an Vorstellungsvermögen, sich auszumalen, wovon sie dabei möglicherweise angetrieben werden.

Wir wollen hier nicht ausführen, welche Publikationen uns manchmal den letzten Nerv rauben, weil bei ihnen beispielsweise Propaganda und Aufklärung kaum sauber zu trennen sind. Weil die Recherche, das auseinanderklamüsern von Information und Manipulation einen sehr großen, für uns kaum leistbaren Aufwand verursacht. Aber so viel können wir preisgeben: „Mainstream“ und „Alternative“ stehen einander diesbezüglich nicht nach, die Unterschiede liegen vor allem im Duktus und in der Positionierung begründet.

Manchmal ahnt man nur, dass Medienmacher besonders steil gehen und Fakten und Fiktion auf geradezu bewundernswert trickreiche Weise vermischen. Man weiß aber, dass man generell nicht einfach irgendetwas übernehmen darf, weil die Gegenstände, bei denen man ein eigenes Urteil abgeben kann angesichts dessen, was man darüber liest, zur Vorsicht auch in anderen Bereichen raten.

Sei es juristisch oder beim Thema Wohnen oder der Auswertung von Statistiken oder bei den medialen Äußerungen zu bestimmten politischen Persönlichkeiten – man sichtet Geschriebenes und kann manchmal nur den Kopf schütteln. Nicht selten fühlt man sich mit dem Versuch konfrontiert, hinter die Fichte geführt zu werden.

Weil man zum Beispiel im Controlling eines Industriekonzerns tätig war oder eine berufliche Qualifikation erworben hat oder einen persönlichen Zugang gewinnen konnte, Mitglied einer Partei und dadurch mit ein paar zusätzlichen Bezugsmöglichkeiten für Originalquellen oder mit einer einzelnen, glaubwürdige Quelle ausgestattet ist. Wenn eine Quelle durch eine Person verkörpert wird, die man kennt und schätzt, so ist aber auch diese Quelle auf den Ausschnitt der Wirklichkeit  beschränkt, den sie selbst erfassen kann und selbstredend ist keine Person „neutral“. Aber man kann Schriftstücke dann recht gut beurteilen und ist zuweilen erstaunt, hin und wieder amüsiert und auch mal verärgert.

Die schmalen Ressourcen, die wir uns bisher erarbeitet haben, reichen bei Weitem nicht aus, um qualitativ auf sicherem Pfad voranzuschreiten. Die Vernetzung muss intensiviert werden, um wichtige Anbieter von Informationen und Meinungen schneller und umfassender  rezipieren zu können. Von den sozialen oder unsozialen Medien gar nicht zu reden. Eines ist schlimmer als das andere, aber trotzdem ist es unerlässlich, sie zu beobachten, um einen tragfähigen Überblick über bestimmte Vorgänge zu erhalten. Das ist mittlerweile eine Grundaufgabe bei der Bearbeitung jedes Themas und kann zu erheblichen Kopfschmerzen führen.

Selbstredend gibt es viele Faktenfinder, engagierte Journalist_innen, die Leaks schaffen und Whistleblower, die Öffentlichkeit herstellen, Medienportale und spartenmäßige Meta-Quellen, einige davon beziehen wir bereits. Aber wir wollen weiterforschen.

Correctiv kennt spätestens seit der groß angelegten, internationalen Recherche dieses Kollektivs in Sachen „Cum-Ex-Files“ auch der nicht ganz so eng mit den Medien oder der Wirtschaftspolitik befasste Mensch.

Unsere Anliegen und Möglichkeiten werden wohl nie dazu führen, bei einer solchen Großrecherche mitmachen zu können, aber allein, dass so etwas möglich ist und was es zutage fördert,  hat uns beeindruckt und wir haben mittlerweile weitere interessante Beiträge bei Correctiv entdeckt. Auch der Anschluss an dieses  Netzwerk wird aber keine Erlösung vom täglichen Gewaltmarsch durch den Informationsdschungel sein und uns nicht der Aufgabe entheben, vor Ort zu arbeiten. Was wir bisher viel zu wenig tun.

„Der Wahlberliner“ ist derzeit noch fast ausschließlich ein Meinungsblog. Aber wir gehen nun trotzdem jenen hier den Gründen nach erläuterten Schritt.

Weil wir eine Art Rückraum brauchen. Je mehr wir uns vernetzen, desto wichtiger wird dieser Rückraum. Von einem neuen Netzwerk-Kontakt stammt auch die Empfehlung, uns mit Correctiv zu befassen, danke, Daniel Diekmann. Wir hatten schon vorher hin und wieder deren Webpräsenz besucht, aber waren noch skeptisch, ob wir schon dorthin gehören. Sind wir immer noch, aber es gibt defensivere und offensivere Stimmungen. Letztere muss man nutzen.

Im Normalfall würden wir aus ein paar Newsletter-Abos und einem einzelnen Zugang mit Profil auch keinen Beitrag in eigener Sache machen, weil sich in unserem Portfolio fast täglich etwas Neues ergibt oder ändert. Wir beziehen aktuell etwa 50 RSS-Feeds, sind über Twitter und Facebook mit über 100 Anbietern von Informationen, mit Organisationen  und Personen verlinkt, womit wir nicht die Zahl der Facebook-Freund_innen meinen, sondern die Ersteller verwertbarer eigener Inhalte – und erhalten per Mail ca. 25 Newsletter. Das ist schon weitaus mehr, als wir durcharbeiten können und erfordert eine Vorab-Sortierung.

Derzeit findet eine Revision statt, wir organisieren die Quellenverwaltung neu, um Medienartikel rascher erfassen, mehr Beiträge veröffentlichen, besser priorisieren und dadurch effizienter als bisher Features unterschiedlichen Umfangs erstellen zu können. Dies tut not, obwohl der „Neue Wahlberliner“ noch lange nicht die  Zugriffszahlen seines Vorgängers erreicht hat. Die Konkurrenz, die Themen, die Medienrezeption, alles hat sich eben verändert. Man muss mehr tun, um weniger zu erreichen, als in den Zeiten, als Blog-Journalismus noch eine Art von Avantgarde darstellte.

Aber wir sind auch ein wenig trotzig: Obwohl uns häufig davon gekündet wird, dass die Aufmerksamkeitsspanne des Durchschnittslesers rasant abnimmt und im Wesentlichen nur noch zum Erfassen und Beantworten von Tweets ausreicht, sind unsere Beiträge in Relation zu denen von „Rote Sonne 17“ umfangreicher und zahlreicher geworden. Zumindest gilt das für den politischen Teil und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass wir auch vermehrt kurze Artikel anbieten, wie etwa die Einbettung von Äußerungen in den sozialen Medien, versehen mit einer knappen Kommentierung unsererseits.

Im Moment droht uns aber die Fähigkeit oder zeitliche Möglichkeit zur Analyse, zum langen, gerne mehrteiligen Beitrag verloren zu gehen. Wir erhoffen uns von Correctiv auch, dass wir uns dort ein wenig ankern können: Dass wir nicht bei allem, was wir dort zu einem Thema lesen, den Eindruck gewinnen, wir müssten auch dies wiederum überprüfen.

Wir wissen schon, nichts ist absolut außer klaren Fakten. Wenn alle verfügbaren Quellen einheitlich melden, es habe bei einem Anschlag sieben Todesopfer gegeben, dann wird es wohl so sein. Dann nehmen wir es so hin. Dann basteln wir uns auch keine Theorie, die besagt, alle Mächte hinter den Kulissen arbeiten zusammen, um uns kleine Individuen, die nicht das den Zacken einer Peilung davon haben, welcher große, einheitliche und böse Wille diesen Planeten steuert, zu behumpsen. Manchmal werden wir weiterhin Quellen sichten, die genau das tun, aber wir haben schon festgestellt, dass wir Probleme damit haben, das überwiegend zu tun. Weil sich aus dem, was einige Alternativmedien schreiben, sich nur der Rückschluss ergeben kann, dass es unsinnig ist, sich überhaupt noch im Hier und Jetzt einzubringen, weil wir gegen die Macht ohnehin keine Chance haben. Unsere Möglichkeiten als Einzelne sind arg begrenzt, aber unsere Hoffnungen müssen es ja nicht gleichermaßen sein, denn wir sind viele, oder etwa nicht?

Das meiste jedoch ist und bleibt der Bewertung überlassen. Die Bewertung kann uns Correctiv nicht abnehmen. Auch eine solche Plattform bzw. die dort tätigen Journalisten haben selbstverständlich eine Haltung: Was und in welche Richtung wird recherchiert? Welche Themen lässt man lieber aus? Doch gerade ein kleines Medium wie „Der Wahlberliner“ braucht das, was wir oben beschrieben haben – einen Rückraum. Eine Art Restplace. Es ist dann wie beim Wohnen, es spielt nicht nur die Qualität der Lage und der Bausubstanz eine Rolle, auch das Interieur und die Atmosphäre zählen und wen man dort trifft, das zählt viel – und diesbezüglich haben wir bei Correctiv den Eindruck, es könnte passen.

Dafür sind wir erst einmal dankbar. Ob wir die Chancen nutzen, ein wenig heimisch zu werden, liegt an uns. Aber es ist gut, dass es solche  Plattformen gibt, denn sie geben uns ein wenig mehr Sicherheit, sie stärken die Meinungs- und die Pressefreiheit und die Demokratie. Und daran muss uns allen gelegen sein, gerade in diesen Zeiten.

Thomas Hocke, Berlin, 11. November 2018

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