Im Netz der Lügen – Tatort 795 / Crimetime 135 // #Tatort #TatortKonstanz #Konstanz #SWR #Klarablum #Perlmann #ImNetzderLügen #Tatort795

Crimetime 135 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Genderkampf mit und ohne Klara

Da die ARD dieses Mal so eine besonders ausführliche Handlungsbeschreibung geliefert hat, bräuchten wir kaum noch etwas zu schreiben, um die Mindest-Wörterzahl für die Rezension zu erreichen, aber seltsamerweise, parallel zur dieser XXL-Inhaltsangabe der Anstalt, fällt uns gerade zu diesem Film einiges ein. Damit es in Grenzen bleibt, machen wir es heute mal wieder mit dem Plusminus-Schema – in der -> Rezension.

Handlung

Heike Göttler, sehr strikte, sehr rationale und sehr unabhängige Richterin in Konstanz, wird beim Joggen von einem Mann attackiert. Als sie sich gegen den sexuellen Übergriff wehrt, trifft sie ihn mit ihren Gewichtsmanschetten so heftig am Kopf, dass der Mann an den Schlägen stirbt. Göttler, bekannt für ihre richterliche Strenge gegenüber Vergewaltigern, bleibt gefasst und beeindruckt die Ermittler mit ihrer Stärke und Umsicht. Sie sagt aus, den Mann, einen Hartmut Roth aus Freiburg, nicht gekannt zu haben. Die These vom zufälligen Opfer jedoch leuchtet Klara Blum und Kai Perlmann nicht ein. Sie wissen durch eine Notiz, die sie bei dem Toten gefunden haben, dass er zur Tatzeit am Tatort mit einer gewissen J. verabredet gewesen war.

Roth, das ergibt die Untersuchung seiner Bewegungen im Internet, nutzte die Anonymität des Netzes, um sich mit Gleichgesinnten in Sado-Maso-Foren auszutauschen und zu anonymen Treffen zu verabreden. Wie an jenem Morgen mit „Justine“, in der er eine willige Sklavin zu treffen glaubte. Fragt sich, ob es wirklich ein Zufall war, der ihn am Ufer ausgerechnet zu Heike Göttler führte. Die Richterin selbst zeigt sich zumindest Klara gegenüber unbeeindruckt von der Tatsache, dass sich der Mann, den sie tötete, zu einvernehmlichem Sex verabredet hatte.

Nahe daran, die Fassung zu verlieren, ist sie erst, als die Presse sich auf sie stürzt. Nun wird sie im Gerichtssaal als befangen abgelehnt, die Kollegen beargwöhnen sie und der Gerichtspräsident legt ihr eine Krankschreibung nahe. Die Richterin ist überzeugt, dass es sich um eine Intrige gegen sie handelt, wahrscheinlich ein Racheakt eines Verurteilten. Dass sie innerhalb des Justizapparates Gegner hat, registrieren auch Klara Blum und Kai Perlmann, zumal der Gerichtspräsident ihnen verrät, dass Göttler intern Justine genannt wird.

Doch Klara und Perlmann verfolgen auch die umgekehrte Überlegung: Womöglich verabredete Heike Göttler sich bewusst mit Roth, weil sie es als Aufgabe begreift, gewaltbereiten Männern eine Lektion zu erteilen. Diese These stützt Prof. Lorenz, der als Fachmann für mimische Micro-Expressions gerade eine Fortbildung leitet und Heike Göttlers Verhöre interpretiert. Er erkennt bei ihr mehr Verachtung und Überraschung als die Angst, die man erwarten würde. Heike Göttler kommt ihm nicht vor wie das erschreckte Opfer eines Vergewaltigers.
Ist Heike Göttler also Opfer oder Täterin? Bei der Sichtung von Göttlers Fällen stoßen Klara und Kai Perlmann auf Ernst Heck, den die Richterin wegen Vergewaltigung in der Ehe zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilte. Heck ist inzwischen wieder frei und beharrt immer noch darauf, zu Unrecht verurteilt worden zu sein. Will er sich an der Richterin rächen? Macht er sie für sein Schicksal verantwortlich? Er verlor seinen Lehrer-Job, seine Frau ließ sich nach dem Prozess von ihm scheiden und lebt inzwischen mit ihrer Anwältin zusammen. Zu dieser Anwältin wird ein Lokalpolitiker unter dem Vorwand eines sadomasochistischen Treffens gelockt. Der allerdings merkt, dass die Verabredung fingiert ist, und meldet den Vorfall anonym der Polizei. Es sieht tatsächlich nach einem Rachefeldzug von Heck aus. Die IP-Adressen aber weisen auf Heike Göttler. Ernst Heck streitet vehement ab, etwas mit dem Fall zu tun zu haben und das Gegenteil ist ihm nicht nachzuweisen. Im Verhör zieht er sich ganz auf die Rolle des Justizopfers zurück.

Während Heike Göttler der Kommissarin gegenüber widerwillig zugibt, dass sie im Fall Heck ein Fehlurteil gefällt haben könnte, versucht Klara Blum, Ernst Heck in die Enge zu treiben. Doch immer mehr Indizien weisen auf Heike Göttler hin.

Rezension

Ein Bauunternehmer wird am Bodenseestrand tot aufgefunden und bald ist ermittelt, dass er von einer Richterin erschlagen wurde, doch diese beruft sich auf Notwehr und außerdem gibt es seltsame Verbindungen zur Sado-Maso-Szene und zu abgeschlossenen Fällen besagter Richterin, was Klara Blum veranlasst, beharrlich Hintergründe zu ermitteln.

„Im Netz der Lügen“ ist der 20. Tatort von Klara Blum und der vorletzte, bevor wir begannen, „live“ für den Wahlberliner zu berichten. Beinahe live. Ab dem 797. Tatort startete die TatortAnthologie mit den Rezensionen direkt nach der Erstausstrahlung, ergänzt durch die Berichte zu älteren Tatorten. An diesem Grundmuster hat sich in den ziemlich genau drei Jahren nach dem Start der Anthologie nichts geändert, bis auf die Akzentuierung: Schöne ältere Tatorte, die wir noch nicht gesehen haben, werden immer seltener. Zum Ausgleich nimmt aber die Zahl der Neuausstrahlungen immer weiter zu.

„Herz aus Eis“ war bisher unser Favorit unter den Bodensee-Tatorten und wird es auch nach „Im Netz der  Lügen bleiben“. Ausnahmsweise verraten wir aber vorab, dass „Im Netz aus Lügen“ ihm dicht folgt, mit einem halben Punkt Abstand. Sehr gutes Schauspiel, tolle Psychologie, das zeichnet beide Tatorte aus, aber „Herz aus Eis“ war vor allem etwas boshafter und stringenter – und ausgeglichener beim der Darstellung der Geschlechter, das hat aber in diesem Fall keine wertende Bedeutung. Vielmehr hat „Im Netz der Lügen“ ein paar – im Vergleich mit anderen Tatorten geringfügige – drehbuchseitige Macken, die wir bei „Herz aus Eis“ so nicht festgestellt haben. Atmosphärisch dicht und sehr spannend sind sie wiederum beide.

+ Karin Giegerich ist eine klasse Richterin. Nicht realistisch, glücklicherweise, aber als Figur sehr stimmig. Vor allem hat uns beeindruckt, wie ihr persönlicher Hintergrund als Erlärung für ihre Fähigkeit, Mimik zu lesen, hergenommen wird. Das sollte stimmen, dass Kinder, die bei unberechenbaren Elternteilen aufgewachsen sind, eine hervorragende Menschenkenntnis entwickeln, weil sie tatsächlich auf jedes kleine Zeichen achten müssen, um nicht ständig Gewalt ausgesetzt zu sein – das Antizipieren ist sicher unbedingt eine Stärke solcher Menschen. Dabei spielt es u. E. aber keine Rolle, ob die Eltern Alkoholiker waren, wie hier, oder einfach nur unberechenbar und meist gewalttätigt. Allerdings – die Tragik in der Realität:

Wenn Kinder durch solche Verhältnisse deformiert wurden, haben sie vielleicht die Fähigkeit, andere zu lesen, aber nicht die Fähigkeit, entsprechend zu handeln, sondern gehen möglicherweise als gebrochene Persönlichkeiten sogar kollusive Beziehungen ein und spielen die Muster nach, die sie als Kinder ohnmächtig erfahren und zwangsläufig verinnerlicht haben. Aber sicher kann es auch so laufen, dass jemand besonders kontrolliert, versiert und in einem Beruf ansässig wird, der mit Gerechtigkeit und Menschenkenntnis so viel zu tun hat wie sonst keiner (1). Außerdem ist eine schneidende Kälte als Schutzpanzer, gepaart mit hohen rhetorischen Gaben, ebenfalls kennzeichnend für solche Menschen, vor allem, wenn das Ausgangs-Familienmilieu nicht nur gewalttätig, sondern auch bildungsnah war und neben körperlicher Gewalt auch sehr viel Druckkulisse auch durch verbale Gewalt aufgebaut wurde.

Göttler erklärt uns den Notwehrexzess, an den wir bei gegebenem oder vermutetem Tatablauf dachten, bevor sie ihn ausgesprochen hat – und den sie sich vorwerfen lassen muss, unabhängig von der grundsätzlich gegebenen Notwehrlage. Um den Bauunternehmer, dessen vermeintliches Sexdate sie war, abzuwehren, hätte sie ihn nicht töten müssen und gerade als Juristin weiß sie das auch. Wie sie da die Kontrolle verloren hat und ihre wohl traumatischen Kindheitserfahrungen zum Vorschein kamen, das ist nachvollziehbar. Ob sie sich nach dem Exzess im Verfahren darauf würde stützen können? Falls ein psychologisches Gutachten ihr Straffreiheit verschaffen würde, wäre sie ihre Stellung ebenso los, als wenn sie verurteilt würde. Diese Tragik muss man sehen, wenn man am Ende ihr Geständnis vor Augen hat. Sie hat sich, offenbar Single und misstrauisch, eine eigene Welt geschaffen, die sich in dem Haus, in dem sie lebt, bestens ausdrückt. Es zeigt, dass sie es geschafft hat, sich zu lösen, alles ist hell und luftig, aber auch ein wenig zu überstylt durch Verwendung des unschuldigen Weiß nicht nur als Grundfarbe, sondern auch für alle möglichen Einrichtungs-Accessoires.

Ein Wunsch nach Reinheit drückt sich nicht nur in den Baderitualen, sondern auch in diesem Haus aus (2). Was uns kurz vor dem Ende verblüfft hat, waren die Hämatome, die wir auf ihrem Rücken sahen und die es zu Beginn nicht gab. Eine Erklärung wäre, dass sie von der Begegnung mit dem Bauunternehmer und dem dabei stattfindenden Kampf kommen. Aber das würde wiederum den Notwehrexzess relativieren, denn während eines länger anhaltenden Kampfes steigt natürlich die Panik und steigen die Aggressionen. Es gibt noch eine andere Deutungsmöglichkeit, aber die wäre zu schräg und die rechnen wir der Richterin wirklich nicht zu.

+ Klara (Eva Mattes) bewahrt den Überblick. Was wir an der Bodensee-Kommissarin schätzen, ist ihre Vertrauenswürdigkeit. Für uns ist sie diejenige unter den Ermittlerinnen, die einer realen Polizisten auf beste Weise am nächsten kommt. Unaufgeregt, souverän und nicht an falschen Kämpfen, sondern an echten Tatbeständen und Ermittlungsergebnissen orientiert. Wenig mit Vorurteilen behaftet und auf ihre stille Art genau die Beobachterin, die eigentlich keinen Guru für Mikromimik braucht.

Den Part fanden wir zwar witzig, weil damit dem Publikum ein wenig Deutungstraining verschafft wird. Es gibt noch mehr solcher Diskrepanzen als im Film aufgrund der begrenzten Spielzeit erwähnt werden können. Aber bei Kriminalpolizisten gehört das sicher zur Ausbildung, ohne dass es so an die große Glocke gehängt wird und es so wirkt, als ob nach vielen Dienstjahren hier noch ganz gewaltige Neuigkeiten verbreitet würden. Natürlich sind Polizisten gehalten, in Vernehmungen Diskrepanzen zwischen Gesagtem und Gestik und Mimik zu erkennen, um die Glaubwürdigkeit von Zeugen und Verdächtigen jenseits ihrer Biografie einschätzen zu können, die oftmals irreführend sein kann. Vor allem dann ist das wichtig, wenn die Beweislage so dünn ist wie im Tatort 795, in dem so viel auf Eindrücken und Einschätzungen beruht.

Klara Blum hat’s in diesem psychologisch ausgefuchsten Film nicht leicht, trotz ihrer Gaben und der Schulung (-sauffrischung), aber gerade da macht sie eine hervorragende Figur und wie sie am Ende dem Heck eine Falle stellt, um ein weiteres Verbrechen zu verhindern, das ist schon großes Tatortkino. Es bewahrheitet sich wieder einmal, was wir seit langem über die Bodensee-Krimis schreiben: In der Stille und den intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen des ländlichen Raums, in dem man einander kennt, liegt die Kraft für Psychothriller. Ein Grund, warum wir die südlichste deutsche Tatortschiene grundsätzlich schätzen und finden, das Personal passt genau dorthin.

o Ernst Heck (Matthias Freihof) ist ein versierter Gegner, der sich am Ende aber doch etwas zu deutlich verhält. Er wurde gedemütigt durch die Verurteilung und aus dem Job geworfen und muss als ehemaliger Lehrer in so einem grauen Kittel zwischen den Studenten rumlaufen und gucken, was die in den Hörsälen alles verloren haben. Das ist nicht nur als Symbol schlimm, schlimm, es ist auch unrealistisch. Wir kennen keine Uni, die so viel Personal hat, dass da ständig jemand gucken kann, was liegen blieb, um es vor habgierigen Kommilitonen zu schützen. Normalerweise wird beim Putzen das eine oder andere gefunden, und das war’s. Und dass Studenten ihre wertvollen Laptops einfach so liegen lassen, dürfte wohl auch in der Wirklichkeit viel seltener vorkommen als hier im Film, wo es so viele dieser Fälle gibt, dass Heck die Geräte zwischenzeitlich immer verwende kann, um seine Identität zu tarnen.

Im IT-Bereich ist sowieso einiges unklar und rudimentär, nicht nur diese ungeschützte WLan-Verbindung ausgerechnet bei einer Justizperson. Sarah Brandt aus Kiel sollte mal eine Scheibe von ihrem IT-Wissen abschneiden und den Bodensee-Kollegen schicken. Dann wären beide Präsidien glaubwürdiger aufgestellt. Um es zu präzisieren: IT-Fachleute hätten feststellen müssen, wo welche PCs für die Dating-Arrangements genutzt wurden, und dann hätten die Studenten, denen die Geräte gehören, befragt werden müssen und es wäre herausgekommen, dass diese für kurze Zeit jenseits ihres Herrschaftsbereiches waren. Mit der Figur Heck steht und fällt auch die Tendenz des Films. Ist er männerfeindlich, wie einige User beim Tatort-Fundus geschrieben haben, oder nicht? Wir sind lange davon ausgegangen, dass er seine Frau eben nicht vergewaltigt hat und die Behauptung ein Winkelzug war, um ihre Tochter beim Ausrücken Richtung Anwältin behalten zu können. Anklage: Lesben bekommen kein Sorgerecht.

Ob das bei einer fast erwachsenen Tochter so stimmt, lassen wir mangels Detailkenntnis mal im Raum stehen, für Berlin mit seinen vielfältigen Verhältnissen würden wir aber dazu tendieren, es mindestens zu überprüfen. Am Ende sieht es so aus, als die Richterin Göttler sich eben nicht geirrt hat und Heck zu Recht verurteilte. Dass sie behauptet, immer Recht zu haben, weil sie Menschen so gut lesen kann, macht es nicht leichter, dies zu akzeptieren. Und, klar, dadurch, dass Heck zu Recht verurteilt wurde, entfällt das Verständnis für sein Rachemotiv. Aber, Achtung: bewiesen wird bis zum Ende nichts. Es stehen Behauptungen einander gegenüber, und das ist äußerst geschickt gemacht. Heck ist zwar seiner fortwährenden Racheaktionen überführt, aber nicht der damaligen Tat. Was die psychologische Rafinesse angeht, ist „Im Netz der Lügen“ einer der besten Tatorte von über 300, die wir bereits rezensiert haben. Was die Beweisführung betrifft, sieht’s etwas anders aus: Entweder wurde Heck seinerzeit die Vergewaltigung auch technisch nachgewiesen, oder es hätte Aussage gegen Aussage gestanden. Hat auch die Tochter gegen ihn ausgesagt? Sie wurde doch angeblich erst später gegen ihn beeinflusst. Im Film sieht es aber danach aus, das könnte eine Verurteilung eher erklären. Leider wird auf die Indizienlage nicht Bezug genommen, sonst hätte man feststellen können, ob der Grundatz „in dubio pro reo“ gewahrt wurde oder nicht.

– Ein Minus gibt’s wegen eines ganz wichtigen Details, sofern man nur von einem Detail sprechen kann: Die Datings. Wir kennen uns zwar nicht mit Spezialdatings im Sinn von Treffs aus, die zu Sadomaso-Spielchen führen können, mit Datings im Allgemeinen aber schon. Und wer bitte, kann als Mann glauben, dass er gleich an die Adresse des Dates bestellt wird, sogar in die Kanzlei von Frau Volkmann, wenn wir das richtig mitbekommen haben.

Das ist äußerst untypisch, da wirkt das Jogging-Meeting schon stimmiger. Selbst solche Plätze sind aber nicht üblich (Uhrzeit und einfach so beim Joggen eh nicht), weil sie zu persönlich sind. Bei Datings  wird in der Regel eine neutrale Atmosphäre gesucht, die jeder Seite den Rückzug bei Nichtgefallen ermöglicht, ohne dass man etwas von sich preisgeben musste.

Den Fehler kann man auch nicht damit wegerklären, dass zum Sadomaso-Thrill gehören soll, gleich mal für Gefahr zu sorgen. Sicher sind die Betreiber ausgefallener Sexpraktiken etwas schräger und risikobereiter und brauchen mehr Thrill als die durchschnittliche sich datende Person, aber trotzdem gibt es Grundregeln fürs Kennenlernen, die gerade versierte Männer beherrschen dürften. Zum Beispiel der Politiker (klar, die Politiker), der zur Anwältin fährt. Schon aus Eigeninteresse, wo er doch so auf seinen Ruf bedacht ist und glaubt, er sei erledigt, wenn er als Sadomaso-Fan geoutet wird, sollte er sowas nicht machen.

Könnte doch eine Falle des politischen Gegners sein, der etwas ahnt oder seiner Frau, die etwas ahnt. War ja auch eine Falle. Die hat aber nicht funktioniert, weil der Mann nicht gewalttätig ist – was auch wieder ein etwas zweifelhaftes Licht auf Hecks Aktionen im Ganzen wirft. Nur bei dem Typ am Ende mit dem alten Dreier-BMW, da passte es irgendwie, dass dieses Ruderhaus ihm nicht spanisch vorkam, außerdem kam dadurch der See ein wenig zu seinem Recht. Die anderen Kritikpunkt haben wir hinter den Pluspunkten versteckt.

– Weniger problematisch, aber doch erwähnenswert: Perlmann und der berechnende Anbeter von Bäckchen. Da hatten sie wohl eine gewisse Mühe, einen Mann positiv zu zeigen, und das kommt auch gleich für seinen Typ etwas übertrieben daher. Gerade da, wo er gegenüber dem Fotografen so deutlich wird, merken wir, was uns die ganze Zeit schon an der Perlmann-Figur nicht gefällt, wofür natürlich der Schauspieler Bezzel nichts kann: Gemäß seiner Statur sollte er eine kräftigere Stimme haben. Das Leise passt zwar gut zu Blums Art, aber nicht so richtig zu ihm.

Fazit

Die übliche Zeichenzahl für Tatort-Rezensionen hätten wir auch ohne selbstreflexive Randbemerkungen längst gerissen – und hätten doch zu diesem Tatort noch mehr schreiben können. Das Schöne am freien und subjektiven Journalismus ist, dass man seine Grenzen überschreiten darf und höchstens dadurch bestraft wird, dass Leser das alles viel zu umständlich und ausschweifend finden.

Uns hat’s Spaß gemacht, über diesen Tatort nachzudenken und wir schließen mit einer Botschaft zur Botschaft. Nehmen wir also an, Heck sei wirklich ein Vergewaltiger und alle Männer in diesem Film seinen mehr oder weniger Schweine – wir quieken nicht. Ob es sinnvoll ist, alte Kämpfe immer wieder neuen Generationen reinzudrücken, falls das eine Generaleinstellung sein sollte, eine Art Ideologie, lassen wir dahingestellt, aber all das, was hier gezeigt wird, gibt es ja (bis auf die Art, wie Heck Rache übt oder was auch immer er übt, falls er doch schuldig war der Vergewaltigung gem. § 177 StGB).

Und es gehört zur Ausgewogenheit über einzelne Filme hinweg, es auch einmal so konzentriert zu zeigen. Und natürlich ist da immer noch etwas aufzuarbeiten, zum Beispiel, dass es nach wie vor schwer für Frauen ist, sexuelle Übergriffe öffentlich zu machen und den schweren Gang des gerichtlichen Wegs zu gehen. Davon unabhängig ist es ein Genuss, wie die Figuren entwickelt sind und gespielt werden. Und wenn sich dann Männer, die vielleicht tatsächlich schuldig sind, so aufführen wie dieser Heck, der ja bewusst als Ausnahmefall gezeigt wird (einer von sieben, die Göttler wegen eines Sexualdeliktes verurteilt hat), dann ist es schwer für alle übrigen, den Kurs zu wahren.

Wir haben es bereits eingangs erwähnt: „Im Netz der Lügen“ kommt knapp hinter „Herz aus Eis“ zum Stehen und erhält daher von uns  8,5/10. Das ist die  zweithöchste Bewertungsstufe, die wir bisher vergeben haben. An der Spitze stehen lediglich ein paar Ausnahme-Tatorte mit 9/10, zu denen eben auch „Herz aus Eis“ zählt.*

Anmerkungen:

  • Die Richterin Göttler, am Landgericht tätig, kann bei Delikten, die ein Strafmaß von weniger als vier Jahren erwarten lassen, mit zwei Schöffen zusammen entscheiden, nur bei den „großen“ Kapitaldelikten wäre ihre im Film so betonte Unabhängigkeit eingeschränkt, weil eine Strafkammer mit mehreren Berufsrichtern zuständig wäre. In dem Zusammenhang gibt es schon eine erste Schwachstelle im Plot: Wenn Heck von seiner Unschuld so überzeugt wäre, hätte er unbedingt in Revision (bei Amtsgericht als Erstinstanz: Sprungrevision) gehen müssen und der Fall wäre vor einen OLG-Senat gekommen. Dort wiederum kann man seinen Hass so leicht auf eine einzelne Person konzentrieren, weil der Senate mit fünf Berufsrichtern besetzt ist, von denen günstigerweise und gerade bei Sexualdelikten nicht alle demselben Geschlecht angehören sollten.
  • (Wer sich wundert, dass eine Richterin sich allein ein solches Haus bauen kann, darf nicht vergessen, dass Beamte bei der Kreditvergabe erheblich privilegiert sind. Eine Person in einem freien Beruf muss beinahe doppelt so viel verdienen, um bezüglich der Bonität ähnlich aufgestellt zu sein. Außerdem, um die Unabhängigkeit der Justiz zu gewähren, sind Richter so besoldet, dass sie Verlockungen der Bestechung wiederstehen sollten. Das ist zumindest die Grundidee und in Deutschland funktioniert sie überwiegend.
  • Mit knapp 3100 Wörtern ist die vorliegende die bisher längste Tatort-Rezension geworden – befördert allerdings auch durch die erwähnte lange Inhaltsangabe der Senderanstalt.*

*Bezogen auf die TatortAnthologie des „ersten Wahlberliners“ zu dem Zeitpunkt, zu dem die Rezension 2013 verfasst wurde. Sie wird erst jetzt erstmalig veröffentlicht.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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