Scheinwelten – Tatort 857 / Crimetime 136 // #Tatort #Köln #TatortKöln #WDR #Scheinwelten #Schenk #Ballauf #Tatort857 #TatortScheinwelten

Crimetime 136 - Titelfoto (c) Westdeutscher Rundfunk

Der letzte Blick geht ins Leere

War eine gute Idee, die Rezension dieses Mal nicht direkt nach dem Tatort zu schreiben. Am Tag ist der Blick fürs Ganze in diesem Fall besser.

Zum Beispiel, warum der 54. Tatort mit Max Ballauf und Freddy Schenk (1) am Neujahrsabend erstmalig ausgestrahlt wurde. Er ist eine Aufforderung zum Bilanz ziehen. Wie sind wir mental aufgestellt? Wie Max Ballauf, der am Ende ins Leere schaut und über 15 Jahre Einsamkeit in Köln nachdenkt? Oder wie Freddy Schenk, der gleichzeitig mit seiner Frau telefoniert, über solche Alltagsdinge, die aber zu einer gelebten Beziehung dazugehören? Oder wie eine der übrigen Figuren, die besitzabhängig sind, aber emotional auf schwankendem Boden durchs Leben gehen? Mehr dazu in der -> Rezension.

Rezension

Der Tatort „Scheinwelten“ ist der 56. Fall (1) für Max Ballauf und Freddy Schenk. Damit stehen die Kölner Kommissare auf dem dritten Platz in der „Tabelle“, hinter dem Münchner Duo Ivo Batic und Franz Leitmayr sowie Lena Odenthal aus Ludwigshafen (ihr Assistent und Kollege Mario Kopper kam erst später dazu). „Mehr Schein als Sein“ ist neben Mord das Thema dieser Folge, sei es nun in der „besseren“ Gesellschaft der Domstadt oder in den Kreisen illegaler Einwanderer.

In seiner Villa in einem Kölner Nobelviertel wird Ingo Broich, der Chef einer Reinigungsfirma und Sohn eines Multimillionärs, erstochen aufgefunden. Die ersten Untersuchungen am Tatort ergeben, dass es sich allem Anschein nach nicht um einen Raubmord handelt. Viele verwertbare Spuren werden allerdings nicht entdeckt.

In der unmittelbaren Nachbarschaft des Toten wohnt der Staatsanwalt Wolfgang von Prinz, der mit den Broichs bekannt ist. Pikanterweise ist er auch der Chef von Ballauf und Schenk, die mit den Ermittlungen beauftragt werden. Seine Ehefrau, die erfolgreiche und aalglatte Rechtsanwältin Beate von Prinz, pflegt enge geschäftliche Beziehungen zu Jakob Broich, dem Vater des Opfers. Jakob Broich sitzt nach einem Schlaganfall im Rollstuhl und ist todkrank. Allzu lange hat er nach den Aussagen seiner Ärzte nicht mehr zu leben.

Der Vater zeigt sich im Tatort „Scheinwelten“ nicht besonders erschüttert über den Tod seines Sohnes. Ganz im Gegenteil. Der Sohn war für ihn ein Versager und geschäftlich ein totaler Ausfall. Statt sich als Nachfolger um das Unternehmen zu kümmern, spielte Ingo Broich lieber den Lebemann und widmete die Nächte seiner Pokerrunde.

Bei ihren Ermittlungen in der Firma des Toten stoßen die Kommissare auf illegale Arbeitskräfte. Außerdem scheint Ingo Broich Scheinehen zwischen Deutschen und Ausländern vermittelt und damit erkleckliche Summen nebenbei verdient zu haben. Sein ausschweifender Lebensstil war nicht nur dem Vater bekannt. Dieser will eine Stiftung für seinen Nachlass gründen, weil er fürchtet, der Sohn werde das gesamte Erbe verprassen.

Ballauf und Schenk stehen im Tatort „Scheinwelten“ bald vor einem schweren inneren Konflikt. Als sie das sehr enge und vertraute Verhältnis zwischen dem alten Jakob Broich und der Gattin ihres zuständigen Staatsanwalts, Beate von Prinz, intensiver durchleuchten, wird nicht nur klar, dass die Ehe der beiden Juristen eine Farce ist – Frau von Prinz gerät auch in dringenden Tatverdacht. Es stellt sich nämlich heraus, dass der alte Broich ihr große Summen Geld hat zukommen lassen, deklariert als Geschenke. Insgesamt geht es um eine halbe Million Euro. Nach einigen Verhören kommen die Kommissare nicht umhin, die Frau in Untersuchungshaft zu nehmen. 

Rezension

Was haben wir nicht schon alles an Stress miterlebt, den Freddy mit seinen Töchtern hatte. Und wie haben wir mit unserer Lieblings-Passionsfigur unter den Tatortermittlern, dem Ballauf Max, mitgelitten, wenn wieder eine Beziehung nix wurde – oder seine große Liebe mitten in einem Fall verstarb („Direkt ins Herz“).

Die Welten von Freddy und Max sind aber echt. Eine echte Familie, ein echtes Wolfsdasein abseits der Rudelbildungen. Anders die der Figuren im Tatort 857. Da gibt es die formal korrekte Ehe der von Prinzens, die einander gar nicht kennen – zumindest der Mann die Frau nicht. Die ist ein innerer Single, nur auf den Beruf fokussiert, als Charakter im Film zwar überzeichnet, aber in der Pointierung liegt bekanntlich die Veranschaulichung.

Weiter gibt es die Menschen an der Spitze und am oberen Ende der Rangordnung in der Reinigungsfirma Broich (2). Der alte Mann und die jüngere Anwältin, die nur an sein Geld will, der alte Mann und der Sohn, die nicht miteinander können, der Sohn, der nur beim Zocken Scheinkumpels findet und zwei Katzen hat, von denen eine stirbt, nachdem er getötet wurde und das tagelang niemand bemerkt, weil niemand ihn vermisst – das ist mal was anderes, den Zeitverlauf anhand des Zustandes der Katzen zu zeigen. Hoffentlich war die tote, weiße Katze nicht echt, die von der KT in eine Tüte gesteckt wird.

2019-02-15 Tatort 857 Scheinwelten Max Ballauf Klaus J. Behrendt WDR KölnDann die ausländischen Reinigerinnen bei Broich, die Scheinehen eingehen oder Bigamie betreiben, nur um in Deutschland bleiben zu können, wo sie innerhalb weniger Monate mehr Geld zusammenkratzen als die meisten Normalverdiener, weil sie keinen Lebensstandard haben. Da die EU immer größer wird und damit auch die Freizügigkeit, muss man in immer größere Ferne schweifen, um das Illegale und die Abhängigkeiten darstellen zu können, die hier dazu führen, dass – in einem Fall – sogar echte Liebe entstehen kann. Diese hat aber keinen Bestand, weil der Mann eine Straftat begeht, damit die beiden nicht mehr erpresst werden können mit diesem Bigamie-Tatbestand.

Nach „Im Namen des Vaters“ (Tatort 855) und „Der tiefe Schlaf“ (856) aus Frankfurt bzw. München geht es mit den großen Städten weiter und mit den sehr ernsten, introspektiven Tatorten. Erkennbarer Unterschied: Die Kölner Version der seelischen Nabelschau ist konventioneller organisiert. Whodunnits sind alle drei Folgen, aber die Kölner bleiben in der Tradition mit vielen Verdächtigen und einem komplexen Plot, während man in Frankfurt und München einen anderen, sehr interessanten Ansatz verfolgt hat – den der Auslassung, um die emotionalen Aufstellungen der Figuren konzentrierter zeigen zu können.

Wenn man die Ergebnisse vergleicht, kommt man nicht umhin, den neueren Konzepten zuzubilligen, dass sie mehr Kammerspiel ermöglichen, während in Köln eben doch einige Charaktere nur angerissen werden (können). Vor allem trifft dies auf die Welt der prekären Arbeitsverhältnisse und der darin gefangenen Menschen zu, von denen wir gerne mehr erfahren hätten. Andererseits müssen Businesstypen wie Frau von Prinz sehr extrem dargestellt werden, um griffig genug zu wirken. Auch wenn der alte Herr Broich eine gut gespielte Figur ist, sie bleibt eindimensional, das gilt auch für die Frauen, die in Deutschland illegal oder scheinlegal arbeiten, gilt etwas weniger für den Staatsanwalt von Prinz, den wir bisher immer nur dienstlich kennengelernt haben und der den Kommissaren Ballauf und Schenk, ergo dem Zuschauer, manchmal ganz schön auf den Zeiger ging.

Der Kölner Trick, mehr Einbindung des Zuschauers dadurch zu erreichen, dass das Privatleben der Kommissare mit dem jeweiligen Fall verzahnt wird oder neben dem Fall herläuft und unnötig Spielzeit in Anspruch nimmt, wird dieses Mal so abgewandelt, dass der dienstlich mit ihnen verbundene Jurist betroffen ist, weil seine Frau zum Verdächtigenkreis bezüglich des Tötungsdeliktes an Ingo Broich gehört. Sie wird sogar verhaftet und vernommen und von Prinz lässt nie Unklarheit darüber, dass er die volle Aufklärung will, auch wenn ihm seine Kommissare, besonders der loyal-joviale Schenk, den einen oder anderen Deal anbieten, damit er persönlich unbeschädigt bleibt.

Überhaupt steht Freddy fürs Echte und Beständige, obwohl man es in der Folge 857 nicht sieht, sondern nur zweimal aufgrund von Telefonaten mitbekommt: Er hat diese Anbindung ans echte Leben, die Erdung, die allen anderen Figuren mehr oder weniger abgeht. Das ist das große Thema von „Scheinwelten“, wie zwischenmenschliche Verbindungen durch materielle Umstände, Wünsche, Ziele zustande kommen und mühsam aufrecht erhalten werden, manchmal auch eine nicht  hinterfragte Selbstverständlichkeit erreichen, die erst aufgrund außergewöhnlicher Ereignisse ins Wanken kommt. Die Verfahrensweisen ums Geld, die bei den Prinzens herrschen, lassen wir mal unkommentiert, weil sie nicht besonders realistisch sind. Okay, eine Anmerkung doch: Von Prinz soll nicht gemerkt haben, dass teure Reisen etc. nicht von seinem Beamten- bzw. Staatsjuristengehalt bezahlt wurden, sondern aus dem Gefälligkeitenpool seiner Frau? Juristen sind nicht immer auch Zahlenmenschen und gerade Anwälte verfügen mangels ökonomischer Schulung häufig nicht über eine Top-Organisation, aber das ist nun doch übertrieben. Auch wenn der andere Ehepartner das Finanzielle verwaltet – ein Gefühl dafür, was man sich vom eigenen Gehalt in etwa leisten kann, hat wohl jeder, zumal, wenn das Gehalt über Jahre so stetig und gleichförmig fließt wie im Staatsdienst (bei unveränderter Position).

Doch wenn man sieht, wie das Geld das Denken prägt, wenn man keines hat, wenn man zu viel hat, wenn man mehr möchte, als einem vernünftigerweise zusteht oder guttut, dann kann man auf die Idee kommen, dass Existenzialist Max Ballauf zwar seine Einsamkeit aushalten muss, dafür aber auch der einzige unabhängige Charakter in diesem Spiel ums Materielle ist.

Fazit

Anhand der Einblicke in die Seelenzustände, die eine jahrhundertelange Geldwirtschaft geschaffen hat, in die Korrumpierbarkeit Vieler und die tatsächliche Unsicherheit der meisten Menschen über die eigene Aufstellung, welche nicht durch Anhäufung von Besitz beseitigt werden kann, zeigt uns „Scheinwelten“ den Stand der Dinge.

Dahinter verbirgt sich mehr als die in Max‘ Augen ablesbare Frage, ob es besser ist, gleich einsam zu sein, als sich Bindung zu erkaufen. Die Frage geht an uns, ob wir weiter in einem System leben möchten, das uns immer größere emotionale Opfer abverlangt – ohne dass für die Mehrzahl der Menschen noch das „Jedes-Jahr-etwas-mehr“ gilt, das uns vom Beginn der neuen Zeitrechnung nach dem  Zweiten Weltkrieg an überzeugt hat, dass wir auf der richtigen Seite stehen. Freiheit haben wir vor allem als Freiheit von materiellen Sorgen verstanden. In dem Sinn sind die Akademiker und Unternehmer in „Scheinwelten“ auch frei, sehr frei sogar. Selbst die illegalen Arbeitskräfte sind freier als diejenigen, die in der Heimat geblieben sind und dort kein Auskommen finden. Aber steht es dafür? Was bleibt zum Beispiel einem Jakob Broich am Ende eines langen, gewiss arbeitsreichen Lebens als Chef einer Firma mit über 1000 Angestellten? Ein Sohn, mit dem er nicht kann und der zu Beginn dieses Tatortes – wie wir erfahren, nicht gezielt, sondern aufgrund eines dummen zeitlichen Zufalls – umgebracht wird. Eine sehr berechnende jüngere Frau, die ihm Nähe suggeriert, aber nicht wirklich geben kann. Seine eigene Frau hat sich ohnehin vor längerer Zeit selbst getötet und man ahnt, warum.

Selbst das Fahren auf dem Hometrainer mit einer virtuellen Landschaft auf dem Bildschirm vor sich, welches Frau von Prinz exzessiv zelebriert, ist ein Symbol für das Unechte und eine Scheinwelt. Von wegen Wind in den Haaren (entweder echte Muskelanstrengung ohne Wind oder Wind, verursacht von der geliehene Stärke eines hoch motorisierten Kraftwagens, das sind zwei Pole der Scheinwelt von Frau von Prinz). Mehr oder weniger anonym im Studio trainieren, wie es der Münchener Kommissar Ivo Batic in der letzten Folge „Der tiefe Schlaf“ getan hat, wo die Nachrichten auf Bildschirmen gezeigt werden (das tote Mädchen), ohne dass dies eine erkennbare Bedeutung für einen der Sportler hat – außer für ihn – geht prinzipiell in dieselbe Richtung.

„Scheinwelten“ ist wieder ein ansehnlicher Tatort, vor allem, wenn  man seiner deutlichen Aufforderung zum Nachdenken folgt, ist im Rahmen seines Konzeptes wieder gut gespielt  – bleibt aber aus ebenjenen konzeptionellen Gründen um Nuancen hinter den zuvor ausgestrahlten Erstlingen „Im Namen des Vaters“ und „Der tiefe Schlaf“ zurück, daher 7,5/10 anstatt 8, wie bei den erwähnten Folgen 855 und 856.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1)    Es gibt abweichende Zählweisen, je nachdem, wie man z. B. mit der Zwei-Städte-Doppelfolge „Kinderland“ / „Ihr Kinderlein kommet“ verfährt: Nach der Zählung des Tatort-Fundus, der wir hier gefolgt sind, wird eine davon ausschließlich dem Leipzig-Duo Saalfeld / Keppler zugeordnet, die andere nur den Kölnern.

(2)    Manchmal wäre etwas Recherche nicht schlecht. Reinigung nicht gleich Facility Management. Das ist gemäß der dafür existierenden DIN fürs – technische und kaufmännische – FM natürlich nicht der Fall, auch wenn das Reinigen selbstverständlich und in der Regel zur Immobilienverwaltung gehört.

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Beate von Prinz – Jeanette Hein
Staatsanwalt Wolfgang von Prinz – Christian Tasche
Ingo Broich – Torsten Peter Schnick
Jako Broich – Hans Peter Hallwachs
Toni – Patrick Joswig
Elena – Joana Adu-Gyamfi

Buch: Johannes Rotter
Regie: Andreas Herzog

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