Die kleine Kanaille – Tatort 177 / Crimetime 137 // #Tatort #Berlin #TatortBerlin #HeinzDrache #Tatort177 #DiekleineKanaille #TatortClassics

Crimetime 137 - Titelfoto © SFB / RBB

Ich krieg dich noch, du!

Zugegeben, dieser Titel ist ein wenig grob gezimmert, aber heute sind wir besonders zeiteng und ich verbinde nun einmal Heinz Drache immer noch am meisten mit den Edgar-Wallace-Filmen, in denen er mehr als 20 Jahre vor „Die kleine Kanaille“ mitgespielt hat. Ich glaube, „Das indische Tuch“, in dem er die Hauptrolle hat, war der erste Wallace-Film, den ich überhaupt gesehen habe. Seine vielen Fernsehrollen hingegen kann ich nicht würdigen, weil ich die betreffenden Serien nicht kenne.

Aber das wird ja nun anders. Bisher hat der RBB vor allem Filme aus den 1970ern restauriert und im vergangenen Jahr schon ausgestrahlt – und hin und wieder einen Markowitz aus den frühen 1990ern. Möglicherweise werden die ganz alten Tatorte jetzt noch einmal gezeigt, aber mit Bülow schließt man dort an, wo man zuletzt stoppte, nämlich Mitte der 1980er. Wir kommen also in die Zeit hinein, in der ich auch schon hätte nach Berlin ziehen können, wenn ich schlau gewesen wäre oder das Bedürfnis verspürt hätte. Ich freue mich schon darauf, Berlin zu sehen, wie es damals war.

Handlung

Die 16-Jährige Birgit lebt im Kinderheim und liebt Kitschromane. Als Zeugin eines vermeintlichen Badeunfalls wird sie zur Erpresserin.

Im Kinderheim eines Berliner Villenbezirks lebt die 16-Jährige Birgit. Sie träumt von einem glanzvollen Leben im Luxus, wie es in den von ihr verschlungenen Groschenromanen beschrieben wird. Unerwartet scheint sich ihr die Chance zu bieten, diesen Traum zu verwirklichen, als sie Zeugin eines Vorfalls wird.

Im Swimmingpool des benachbarten Villengrundstücks ertrinkt die Pelzhändlerin Marianne Lorenz im Beisein ihres wesentlich jüngeren Mannes Theo.

Obwohl sich für die Polizei keinerlei konkrete Hinweise auf ein Verbrechen ergeben, interessiert sich Hauptkommissar Bülow für den Fall. Dabei lernt er Birgit kennen, die es geschickt versteht, sich durch Andeutungen zur wichtigen Person zu machen. Zwischen ihr und Bülow entwickelt sich eine merkwürdige, von Theo mit wachsender Nervosität beobachtete Beziehung, was Birgit ausnutzt, um ihn zu erpressen.

Bülow ahnt nichts von Birgits Doppelspiel und will die Hoffnung, von ihr eine entscheidende Aussage zu erhalten, bereits aufgeben. Da erhält er die Nachricht, dass das Mädchen in Theos Garten nur durch Zufall einer tödlichen Falle entgangen ist. Diesmal glaubt Bülow, Theo endlich mit Birgits Hilfe überführen zu können.

Das rbb Fernsehen sendet bis zum Jahresende in der Reihe „Tatort Classics“ elf in Berlin produzierte Tatorte aus den Jahren 1975 bis 1995 in restaurierter HD-Fassung und mit Videotextuntertitelung.

Aus der Vorschau

Ich verbinde Heinz Drache bisher nahezu ausschließlich mit den Edgar-Wallace-Filmen, in denen er mehr als 20 Jahre vor „Die kleine Kanaille“ mitgespielt hat. Ich glaube, „Das indische Tuch“, in dem er die Hauptrolle hat, war der erste Wallace-Film, den ich überhaupt gesehen habe. Seine vielen Fernsehrollen hingegen kann ich nicht würdigen, weil ich die betreffenden Serien nicht kenne.

Aber das wird ja nun anders. Bisher hat der RBB vor allem Filme aus den 1970ern restauriert und im vergangenen Jahr schon ausgestrahlt – und hin und wieder einen Markowitz aus den frühen 1990ern. Möglicherweise werden die ganz alten Tatorte jetzt noch einmal gezeigt, aber mit Bülow schließt man dort an, wo man zuletzt stoppte, nämlich Mitte der 1980er. Wir kommen also in die Zeit hinein, in der ich auch schon hätte nach Berlin ziehen können, wenn ich schlau gewesen wäre oder das Bedürfnis verspürt hätte. Ich freue mich schon darauf, Berlin zu sehen, wie es damals war.

Rezension

Ah, diese damals neuen Innenausstattungen der Cafés am Ku’damm mit ihrem ins Deutschbürgerliche gedrehten Las-Vegas-Style. Blinkende Treppenstufenkanten!  Cremigrosige Wände (wieder hip, zumindest politisch). Deckenspiegel, kupferbraun getönt! Und Villen, deren Gepräge noch 1960er-Charme versprüht, aber es gibt natürlich immer mal wieder Anfälle von Renovierungswut, vor allem bei den Schlafzimmern. Und die Pelzmode! Gut wattierte Schultern, die Mode der Zeit. Aber schon Mitte der 1980er hatte Pelzmode keinen richtig guten Ruf mehr, deswegen ist sie hier auch als Zeichen von Dekadenz und schwachem Charakter zu verstehen, wenn jemand Pelzmode verkauft und vorführen lässt. Aber ich denke schon, dass die Pelze, die wir hier sehen, „echt“ sind. Ein Zeitbild mal wieder. Und natürlich ein Berlin-Tatort. Was in der interessantesten Stadt des deutschsprachigen Raums passiert, ist eben grundsätzlich interessant.

„Die kleine Kanaille“ war der zweite Tatort mit Heinz Drache als Kommissar Bülow und gilt gemäß Bewertung der Fangemeinde des „Fundus“ als schwächster von sechs Fällen, knapp drüber ein Werk namens „Alles Theater“. Kein Bülow-Film ist wirklich hoch angesiedelt in der riesigen Rangliste, die mittlerweile 1083 Titel führt. Aber darin den 1063. Platz einzunehmen (Stand 13.11.2018), ist doch herb. Und vielleicht ist wirklich alles nur Theater.

Man muss dem RBB auf jeden Fall danken, dass er die alten SFB-Film so hübsch restauriert. Klares, vollfarbiges Bild, aber nicht, wie die historienvergessenen Hessen das machen (oder war es gar der NDR?), auf 16:9 umgestellt. Man muss auch den Mut bewundern, der dahintersteckt, einen Film wie „Die kleine Kanaille“ noch einmal zu bringen. Berliner sind ja mutige  Menschen. Das merkt man an den vielen verschrobenen Tatorten, die hier gemacht wurden. Einer kurioser als der andere, so lassen sich die ersten beiden Jahrzehnte der Berliner Geschichte des Formats zusammenfassen, ohne dass dies als erhebliche Pauschalisierung bezeichnet werden kann. Ist das zwangsoriginell oder peinlich oder manchmal auch kultig? Es war unter den „Restaurierten“ der ersten Charge schon alles dabei, so wird es wohl weitergehen. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, ob sie auch die Roiter-Fälle noch einmal bringen, die als die unterirdischsten der gesamten Tatort-Geschichte gelten.

So schlecht fängt der Fall gar nicht an. Eine Villa, ein noch recht junger Mann, der eine ältere, aber nicht alt wirkende Frau geheiratet hat, man denkt, aus materiellen Gründen, bis man später erfährt, das ist gar nicht der Fall. Ein Heimkind von 16 Jahren, das aus einer Dachluke heraus das Nebenan beobachtet und Groschenromane liest und sich in diese Welt hineinversetzt, die nicht so mondän ist wie in den Heftchen, aber doch weit weg von der eigenen im Heim und noch weiter weg der Vergangenheit. Verwahrloster Hinterhof, müsste heute als künstliches Set nachgebaut werden. Schön ironisch die schwülstige Sprache mit Massen von übertreibenden Adjektiven, die es in den Groschenheften ja wirklich so gibt – oder gab, denn dieses Genre des Heft-Liebesromans stirbt wohl doch aus.

Grundsätzlich ist die Charakterisierung des gleichermaßen verträumten wie taffen und rücksichtslosen Mädchens klasse. Und Anja Jaenicke spielt diese Birgit mit ihrer offensiven Straßengörenart auch gut. Schwierig ist es dennoch: Falls das nicht auch wieder sehr ironisch ist: Als Nachwuchs-Laufstegmodel ist sie ungeeignet bzw. wirkt unglaubwürdig. Wenn man diese Besetzung also als tiefsinnigen Humor deutet, muss das auch für viele andere Rollen gelten. Nicht so sehr für Theo, der wird von Herbert Herrmann im Grund ganz gut verkörpert. Ein Weichei, das von seiner Frau gedemütigt wird und am Ende – ja, sie nicht ermordet. Ich musste so lachen, als er mit dem Motorschlitten so schnell fuhr, dass Birgit sich kaum an der Reling halten konnte. Schadenfreude kann etwas Verbindendes haben, Identifkation schaffen, weil sich da jemand endlich aus seiner Opferrolle befreit. Wenn auch leider nur für ein paar gelöste, glückliche Sekunden. Aber die Szene an sich – echt jetzt, oder doch etwas übertrieben?

So übertrieben wie das Spiel von Heinz Drache? Er ist ja nicht der einzige Wallace-Darsteller, der ziemlich knallig chargiert, was die Filme teilweise auch so witzig wirken lässt. Oder, sagen wir, es ist alles Absicht und diese Werke waren  auf Exploitation des Overactings ausgelegt. In unterschiedlichem Maß, das wird wohl auch für die Bülow-Tatorte gelten, die ja nicht alle von den Fans punktemäßig ganz so abgestraft werden wie „Die kleine Kanaille“. Aber das Spiel von Heinz Drache und wie er sich einer 16jährigen Zeugin gegenüber verhält – das ist richtig psycho. Hat man damals noch nicht geheckt, welch ein Abgrund an Sexualisierung da drin steckt? Die Bülow-Figur als gentlemanlike zu beschreiben, mag ein wenig auf den poshen Kleidungsstil dieses Kommissars zutreffen, aber sicher nicht auf seinen kantiges und übergriffiges Wesen. Dieser penetrante Duktus, das alberne Lachen bei jeder unpassenden Gelegenheit, die Überbetonung der eigenen Hartnäckigkeit und Intelligenz und – dieses andere Personen klapsen, sogar von hinten, um ihnen einen Schreck einzujagen. Also nee. Das ist ja nicht mal 1980er, das ist – weiß ich auch nicht. Steinzeit?

Ich wartete darauf, dass er auch Theo einen kräftigen Schubs gibt und der in den Pool fällt. Den Schubs hätte eher Bülow verdient gehabt, wegen seiner sehr rudimentären Art der Verhörführung, die zudem in der gezeigten Form unzulässig ist, weil man nicht einfach irgendwo reinspazieren kann und dies tun – okay, in der Hinsicht sparen sich viele Tatorte die in der Realität vorhandenen Umständlichkeiten.

Wie war das nun mit dem Knopf? So ein kleines Biest. Aber heute hätte die KT feststellen können, dass sie auch im Schlafzimmer der Villa war und es nichts beweist, dass sie den Jackenknopf „gefunden“ hat, den seine Frau dem Theo im Kampf am Pool abgerissen haben soll.

Fazit

Gelangweilt habe ich mich bei dem Film nicht, weil er so schräg ist, sondern immer wieder ziemlich gestaunt. Und wenn man erst einmal im Staunen ist, will man ja wissen, wie es weitergeht, ob es also noch mehr zum Staunen geben wird. Sensationsgier nennt man das auch. Offensichtlich hat das Aufkommen des Privatfernsehens Mitte der 1980er die Medienmacher der ARD zu Experimenten getrieben, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte. Sogar die anfangs übliche Methode, immer einen Kommissar aus einer anderen Stadt mit ein paar Sekunden Spielzeit zu bedenken, hat man ironisiert und Schmimanski nur noch telefonisch eingebracht. Und wie. Ich habe keine Ahnung, ob die Dialogsätze von Birgit aus einer anderen Feder stammen als die übrigen, aber es wirkt so, denn ihre heben sich deutlich ab. Ihre Figur und wie mit ihr umgegangen wird, mag ist seltsam; die Sprache der Polizisten, der Umgang miteinander und mit anderen Personen, die ganze Aufstellung ist mindestens ebenso seltsam.

Berlin macht mit diesem Film seinem Ruf wieder Ehre, hübsch trashig sein zu können, wenn’s drauf ankommt und das Tatortformat auf eine sehr eigenwillige Weise zu interpretieren. Ich habe mich beim Anschauen mehrmals dabei ertappt, dass ich mir vorstellte, wie man einen solchen Film heute machen könnte. Das wäre durchaus möglich und man könnte das Thema sozialpolitisch auch mehr aufladen – nur würde sich das heutige Berlin-Team Karow / Rubin dazu nicht eignen. Da müsste in der Tat ein etwas älterer Ermittler wie Max Ballauf oder Ivo Batic den von der Göre manipulierten Typ spielen. Die beiden wären perfekt und würden gerade aus dem Zwang, sich nicht übergriffig zu verhalten, einen anderen Tenor und mehr Dynamik reinbringen. Natürlich würde man auch Birgit heute anders formatieren. Weil es ja keine Groschenromane mehr gibt, sondern Instagram-Storys von Stars und Influencer_innen.

Aber ob wir auch ein anderes Ende für besser halten würden? Es ist doch amüsant, wie der Cop vor dem Haus des Verdächtigen rumtigert und sich komplett in die Sache verbissen hat. Warum wohl? Ob die KT heute diese Tour vermasseln würde? Durchaus möglich.

Wertung: 4,5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar H. G. Bülow (Heinz Drache)

Kommissar Matthias Leuschner (Jürgen Kluckert)
Assistent Öllering (Maximilian Wigger)
Sonja Bach (Almut Eggert)
Birgit (Anja Jaenicke)
Theo Lorenzen (Herbert Herrmann)
Marianne Lorenzen (Johanna Elbauer) u. a.

Musik: Jürgen Franke
Kamera: Rolf Liccini
Buch: Dieter Schubert
Regie: Rolf von Sydow

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