Kassensturz – Tatort 720 / Crimetime 138 // #Tatort #Kassensturz #LenaOdenthal #Tatort720 #Ludwigshafen #TatortLudwigshafen #SWR

Crimetime 138 - Titelfoto © SWR, Krause / Burberg

Der Lebensmittel-Discounter als Symbol der Ausbeutung

Es ist eine harte, ja grausame Welt, in die uns Lena und Mario dieses Mal mitnehmen, die Welt der Lidls, Aldis, Nettos und wie sie heißen mögen. Eigentümer dieser Ketten werden trotz Billigstpreisen zu Milliardären und das funktioniert nur, weil sie ihre Angestellten ausquetschen, bis sie nicht mehr können. „Wär ich nicht arm, wärst du  nicht reich“, lautet das passende Teilzitat von Bert Brecht dazu. Wie diese Welt dargestellt wird, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Boris Blaschkes Leiche liegt auf dem Müll. Inmitten von Resten und Verpackungen, die aus den Läden stammen könnten, für die er gearbeitet hat. Denn Blaschke war Gebietsleiter bei der Discounter-Kette Billy und dort zuständig für drei Ludwigshafener Filialen. Als Lena Odenthal und Kopper seine Wohnung inspizieren, erkennen sie, dass für Blaschke neben der Arbeit praktisch nichts anderes existierte. Ihre Ermittlungen konzentrieren sich deshalb auf den Discounter.

Schon bald wird den Kommissaren klar, dass bei Billy dem verstorbenen Gebietsleiter niemand eine Träne nachweint. Nicht Verkäuferinnen wie Gisela Dullenkopf, die zwei Jobs hat und außerdem versucht, bei Billy eine Mitarbeitervertretung durchzusetzen. Oder Beate Schütz, die mühsam versucht, neben der Arbeit für Billy noch ein wenig Zeit und einen Funken Energie für ihren Freund Tom und den gemeinsamen Sohn aufzubringen. Nicht Filialleiterin Hannelore Freytag, die nach üblicher Discounter-Praxis gezwungen ist, ihre Mitarbeiterinnen zu sogenannter freiwilliger Mehrarbeit zu überreden, um die Zielvorgaben für ihre Filiale zu halten, und die sich dabei zuallererst selbst ausbeutet. Aber auch nicht die Vorgesetzte Gesine Fuchs, in deren Augen Blaschke nicht durchsetzungsfähig genug war und gekündigt werden sollte. Und schon gar nicht Gebietsleiter Günter Novak aus dem benachbarten Mannheim, der die Ludwigshafener Filialen von Blaschke übernimmt, und dort umgehend den Druck auf die Beschäftigen erhöht.

Doch keiner von ihnen macht eine Aussage, die Lena Odenthal weiterbringt. Allerdings findet sie ein Dossier, das Blaschke über seinen Konkurrenten Novak angelegt hatte. Und von dem Detektiv, den er beschäftigte, erfahren die Kommissare, dass Blaschke die Verkäuferinnen auch privat beobachten ließ. So hatte er sie am Tatabend bei einem heimlichen Treffen fotografieren lassen, bei dem die Durchsetzung eines Betriebsrats besprochen werden sollte. Das Treffen endete jäh, als der Detektiv erkannt wurde. Die Angst der Frauen, ihren Job zu verlieren, wenn die Billy-Leitung von ihren Plänen erführe, war zu groß.

Tatsächlich erweist sich dies als berechtigte Angst. Denn schon beim nächsten Besuch von Lena und Kopper in der Filiale arbeitet Gisela Dullenkopf nicht mehr bei Billy. Nachdem sie bei der Versammlung die einzige war, die zu dem Anliegen einer Mitarbeitervertretung stand, wurde sie unter einem fadenscheinigen Vorwand zur Kündigung gezwungen. Bei einer Überprüfung der Mitarbeiterlisten von Billy stellen die Kommissare aber auch fest, dass wenige Monate zuvor Gisela Dullenkopfs Sohn von Billy gekündigt worden war, der danach Selbstmord verübte. Für Dullenkopf ist es durchaus denkbar, dass die ungerechtfertigte Kündigung den Tod ihres Sohnes verursachte. Nun gehört sie zum Kreis der Verdächtigen. Aber Gisela Dullenkopf hat für den Abend des Mordes ein Alibi. Als Lena und Kopper herausfinden, dass die letzte SMS ihres Sohnes eine Liebeserklärung an die Verkäuferin Beate Schütz war, rückt die junge Frau in den Fokus ihrer Ermittlungen.

Rezension

„Kassensturz“ gilt gemäß Rangliste des Tatort-Fundus als einer der besten Tatorte mit Lena Odenthal – zu Recht?

Wenn ich an Sozialtatorte denke, habe ich immer Köln, Bremen, die früheren Frankfurter Dellwo /  Sänger im Kopf und vergesse Ludwigshafen und Lena. Warum, darüber werde ich nachdenken und versuchen, künftig die Aufzählung etwas vollständiger werden zu lassen.

Freilich haben alle die Ermittler und Ermittlerinnen, die lange dabei sind, in Sozialdramen gespielt, die Münchener können das ebenfalls, wobei deren kernige Art alles immer ein wenig anders klingen lässt. Aber Lena Odenthal ist eigentlich wie geschaffen für diese sozialkritische Spielart – nur, warum macht man dann so wenig daraus? In „Kassensturz“ agiert sie ausgesprochen dezent, es wird auch kein Thesentatort inszeniert, in dem sie zum Beispiel mit Mario Kopper durchdeklinieren könnte, wie das Für und Wieder der Billigkauf-Antikultur ausschauen könnte. Wobei das Wort „Antikultur“ es schon sagt: Es gibt kaum ein „Für“. Vielmehr ist sie Ausdruck einer ökonomischen Entwicklung, von der man irgendwie den Eindruck hat, dass Menschen sich und dem von ihnen geschaffenen System das Grab schaufeln.

Das ist jetzt keine Antwort auf die Frage gewesen. 

Ich meine, Kassensturz ist ein guter Film. Kantig, konsequent, und die Inszenierung? Da wir es heute gewöhnt sind, dass auch Sozialdramen mächtig bebildert und bezüglich des Actins  sehr hochgefahren werden, wirkt der Film ein wenig Old School.

Dabei passt die biedere Inszenierung ja perfekt zum Billigladen-Ambiente, das uns hier als Schreckenswelt dargeboten wird. Wir rezensieren den Film acht Jahre nach seiner Entstehung, daher kann ich nicht die anschließende Anne-Will-Talkrunde hinzuziehen, um mich mehr ins Bild über die wirklichen Zustände in den Discountern zu setzen, aber diverse Skandale in diesen Konzernen haben ja mittlerweile belegt, dass die Darstellung nicht so unrealistisch sein kann.

Man glaubt es immer nicht so recht, wenn zum Beispiel der Gebietsverkaufsleiter mit einer Reinigungsmittel-Sprühflasche nach der Filialleitung schmeißt, auch die vielen Verbalinjurien wirken einfach saugrob, aber in anderen Branchen geht es kaum besser zu. Vielleicht etwas gehobener die Wortwahl betreffend, aber der Druck und das Mobbing sind nicht so viel anders.

Insbesondere die Mechanismen, die verhindern, dass Menschen sich organisieren und sich wehren, sind ja sehr vielfältig. Kaum verhohlene Drohung mit Kündigung hier, ein fieser Appell an die Eigenverantwortlichkeit des Individuums da. Fehlt noch das suggestive „Wir“, das aus Kapitalisten und Ausgebeuteten eine Scheingemeinschaft herstellen soll. Die einen werden regelrecht oder regelwidrig bearbeitet und das Arbeitsrecht ist das Papier nicht wert, auf dem es steht, die anderen werden manipuliert und beuten sich lieber selbst aus. Die Zeche zahlen die betroffenen Menschen und zahlt die Gesellschaft, welche die Folgekosten die Dauerkrankheiten aufgebrummt bekommt. Die Gemeinschaft übrigens, aus der die Neoliberalen die Ausbeuter herauszulösen versuchen, damit sie die Folgen ihres Tuns nicht doch indirekt und in sehr erträglichem Maß selbst zu spüren bekommen. Über die Art, wie die in den Discountern angebotenen Produkte hergestellt werden, haben wir dabei noch nicht gesprochen, weil sie in „Kassensturz“ kein Thema ist, aber sie gehört zur Gesamtbetrachtung.

Aus der Solidargemeinschaft herauszulösen?

Das Ganze ist ja eine Kette, die bis in die solidarischen Versicherungssysteme reicht. Und das andere ist der Niedriglohnsektor. Ob in den Discountern jetzt der Mindestlohn gezahlt wird, kann ich nicht sagen, die dortigen Mitarbeiter lassen sich ja wohl nicht als Werkvertragler beschäftigen, was in anderen Branchen einen beliebten Umgehungstatbestand darstellt.

Im Lebensmitteleinzelhandel wäre der Missbrauch in Form von Scheinselbstständigkeit wohl doch etwas zu offensichtlich. Aber die Lohndrückerei und dass immer mehr Menschen auf Discounter angewiesen sind, um überhaupt noch die übliche Versorgung mit drei Mahlzeiten am Tag sicherzustellen, die spielt natürlich eine große Rolle. Werden die Pausenzeiten eingehalten. Werden Überstunden bezahlt? Ich kann sagen, geh doch in den Bioladen, aber viele können es einfach nicht aufbringen, was Lebensmittel dort kosten. Allerdings sind auch viele weitere Menschen komplett unbewusst und unsensibel, was die vielen dicken Autos mir belegen, die auf Discounter-Parkplätzen stehen. Das idiotische SUV muss sein, dafür wird eben bei der Ernährung gespart.

Was uns wieder zum Kulturpessimismus leitet? 

Zur Kapitalismuskritik. Man kann Menschen nicht einfach machen lassen, von wegen freies Spiel des Marktes. Das funktioniert immer nur in ausgeglichenen Situationen, aber nicht, wenn die Kapitalseite so am Drücker ist wie in den letzten Jahren. Dann kommt nämlich sowas dabei heraus und nicht etwa ein funktionierender Ausgleich für alle. Längst nicht mehr, weil Qualität als Kriterium zuschanden geritten wurde, die es erfordern würde, dass alles etwas konsensorientierter und motivierender geregelt wäre.

Das war ja mal in guten Zeiten ein wichtiges Element des Marketings, Qualität hat auch höhere Preise rechtfertigt. Aber wo gilt das heute noch? Es wird einen Grund haben, dass kaum noch Konsumgüter in Deutschland hergestellt werden, daran hat auch der Niedriglohnsektor nichts mehr geändert, den wir mittlerweile haben.

Der Einzelhandel hat ja für uns als Konsumenten und für Arbeitnehmer im Grunde noch den Vorteil, dass er nicht ins Ausland ausweichen kann, dass die Waren hier angeboten werden müssen. Aber dafür sorgt eine entfesselte Konkurrenz für üble Zustände. ALDI hat damit angefangen und wird ja in einer der besten Szenen des Films auch genannt. In dieser Szene empfiehlt der Regionalverkaufsleiter von „Billy“, dem fiktiven Discounter im Film, der sinnigerweise nach einem Ikea-Regal benannt und markenfarblich irgendwo zwischen Lidl und einer der Netto-Ketten angesiedelt ist, in dieser Szene empfiehlt nämlich dieser Mann einer Mitarbeitern, doch bei den echten Ketten ihr Glück zu versuchen – nach dem Motto, Sie werden sich wundern, dort ist es genauso wie bei uns. Das ist nett gemacht, weil auf diese Weise keine rechtlichen Probleme für die Filmemacher entstehen.

ALDI und IKEA sind aber bei Studenten ab der 68er-Generation beliebt (gewesen?) während die anderen Discounter erst später kamen. 

Aldi hat aber den Boden für die Billigheimer-Mentalität bereitet. Aus gewissen Notwendigkeiten in Zeiten knapper Kasse, also für viele während des Studiums, ist so eine Art hippe Billigwelt mit Linksdrall entstanden, die beweist, wie dumm Menschen in der Konsumentenrolle sind. Denn als das alles aufkam, gab es kaum jemanden, der Vollzeit arbeitete und so billig hätte einkaufen müssen. Aber das Marketing war natürlich erstklassig, die Produkte waren und sind es oft nicht, auch wenn es immer heißt, häufig stecke das Gleiche darin wie bei den „Marken“. Und dann kamen diejenigen, die gar nicht mehr versucht haben, auch noch cool zu wirken, weil Geiz ist Geil eh eine anerkannte Mentalität war, die leider zu den Faktoren gehört, die dieses System des angeblich immer aufs beste oder dem Kunden dienliche Ergebnis zielenden freidrehenden Marktes ruinieren. Könnte der Kunde über den Tellrrand blicken, wäre ihm das möglich, gäbe es enorm viele Umweltprobleme zum Beispiel nicht.

Also doch staatlicherseits eingreifen und die Menschen führen?

 Wenn die Welt bzw. die Menschheit überleben soll, kann jedenfalls nicht mehr jeder auf Kosten der anderen machen, was er will. Wem das noch nicht einleuchtet, der ist wirklich dumm oder böswillig oder beides. Dass mehr Achtsamkeit, mehr Rücksicht auch das Leben qualitativ fördert, also auch selbstbefreiend wirkt, das muss in unserer vom Neoliberalismus vergifteten Mentalität erst einmal wieder verankert werden. Der Film hat, um zu belegen, wie absurd eingeschränkt unsere Wahrnehmung ist, auch noch diese nette Nebenhandlung.

Frau Kellers Ride on George Clooney?

Was für ein Quatsch, dieses blöde Gewinnspiel, mag man sich zunächst denken. Das ist jedoch falsch. Dieses Ding ist ein wenig überzogen, aber die naive Assistentin Keller auf dem Kommissariat eignet sich für solche Sidestorys. Die Interpretation ist nicht schwierig. Während da draußen der Kampf ums Überleben tobt, staubt die Keller als gut versorgte Beamtin Gummibäume ab, hört Radio, vernachlässigt darüber sogar ihre Dienstpflichten und – setzt zu allem Überfluss noch die Behörde, der sie angehört, ein, um sich beim Gewinnspiel einen unerlaubten Vorteil zu verschaffen. Und gewinnt am Ende vor einer Horde heranstürmender Kinder, die das Nachsehen hat. Das ist natürlich dick aufgetragen, aber für mich setzt es dem Film die Krone auf und ist mal eine Nebenhandlung, die zumindest auf der Ebene der Sozialkritik sinnvoll mit dem eigentlichen Geschehen verzahnt ist.

Vielleicht doch noch ein paar Worte zur Qualität, da wir ja von Qualität sprechen – als Krimi?

Diese Filme können keine perfekten Krimis sein, weil der Schwerpunkt nun einmal anders gewählt ist. Das heißt, der Mord am bisherigen Gebietsverkaufsleiter wird eher lapidar abgehandelt, freilich mit einem traurigen und, auch typisch für  die Akzentuierung weg vom guten Krimi, recht hastigen Ende. Das Traurige an der Sache wirkt dadurch ebenfalls leicht unterambitioniert.

Aber es klappt noch gerade so, ich habe überwiegend mehr gestaunt, als dass ich mittendrin gewesen wäre und Mitgefühl gehabt hätte, am Ende klappte das dann aber.

Das junge Paar, das sich verstrickt hat, im Grunde ohne eigene Schuld, hat mir sehr leid getan und die Filialleiterin eigentlich auch. Spannend war der Film für mich trotzdem, weil ich diesen Einblick in die Discounter-Welt spannend fand. Die Regalverräumung, die man hier auch sieht, wird übrigens bei großen Supermärkten von Spezialfirmen ausgeführt, und die haben die Leute früher mit 3 oder 4 Euro netto nach Hause geschickt, die da jede Nacht Knochenarbeit verrichtet haben. Wie der Mindestlohn jetzt in diesem Sektor zu Buche geschlagen hat, kann ich wiederum nicht sagen. Ich würde mir wünschen, dass solche Dienstleister keine Existenzberechtigung mehr haben. Da die Arbeit aber im Moment noch von Hand gemacht werden muss, führt der Mindestlohn natürlich zu höheren Preisen und das trifft wieder die ganz Armen am meisten. Die gehen dann nicht mehr zu Aldi oder Lidl, sondern zur Tafel.

Finale

 Als „Kassensturz“ gedreht wurde, da war die Welt schon ganz schön prekär, für viele jedenfalls. Und die Angehörigen vieler anderen Branchen werden sich in den Einzelhandels-Ausgebeuteten wiederfinden. Gerade gab es ja erst den Tatort zum Thema ambulante Pflege, „Im toten Winkel“, der ähnlich hohe Relevanz als Sozialanklage aufweist wie „Kassensturz“. Das Beunruhigende ist, selbst wenn zehn Millionen Zuschauer solche Filme sehen, weil das Tatort-Format ja dazu da ist, Problembewusstsein bei so vielen Menschen zu wecken, die anders gar nicht erreichbar sind, es ändert sich nichts. Im Gegenteil, der Zwang, alles billig zu machen, wird größer. Die Kapitalallokation wird schwieriger. Und Adele Neuhauser gefällt mir als Bibi Fellner und mit ihrer realen Persona politisch besser als in ihrer Managerinnen-Rolle in „Kassensturz“.

8/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Gisela Dullenkopf – Barbara Philipp
Günter Novak – Jan Henrik Stahlberg
Hannelore Freytag – Traute Hoess
Kampmüller – Axel Werner
Peter Becker – Peter Espeloer
Beate Schütz – Stefanie Stappenbeck
Frau Keller – Annalena Schmidt
Gerichtsmedizinerin Kessler – Brigitte Zeh

Drehbuch – Stephan Falk
Regie – Lars Montag
Szenenbild – Anette Reuther
Kamera – Cornelia Wiederhold

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