Türkischer Honig – Tatort 893 / Crimetime 139 // #Tatort #MDR #Dresden #Keppler #Saalfeld #SimoneThomalla #WolframWuttke #Tator893 #TürkischerHonig

Crimetime 139 - Titelfoto © MDR, Junghans

Gesetze des Tatorts und ihre Rangfolge

Vielleicht sind wir heute nicht perfekt in Stimmung fürs Auslesen der Essenz dieses Werkes. Wäre das aber einigermaßen leicht, würden wir’s jederzeit schaffen. Schließlich üben wir das seit vielen Rezensionen, damit unsere Leser einen schnellen  Einstieg haben. Wir versuchen dabei manchmal auch, in die als Lead gestaltete Handlungs-Kurzbeschreibung ein wenig Humor reinzubringen.

Es tut uns wirklich leid fürs Leipzig-Team, dass die Bewertungskurve nicht nur nicht hochkommt, sondern einen erheblichen Rückschlag erfahren hat (siehe die Einzelwertungen und Kommentare vieler Fans der Reihe, verknüpft mit der Rangliste des Tatort-Fundus).

Normalerweise schreiben wir erst, dann schauen wir dort rein, um nicht beeinflusst zu werden, aber da wir gestern wenig Lust hatten, nach drei Tagen schon wieder einen neuen Tatort zu rezensieren, lief es dieses Mal umgekehrt. Die erste Botschaft: So radikal schlecht wie die Fundus-Nutzer werden wir den 17. Leipzig-Tatort mit Saafeld und Keppler nicht bewerten.

Wir schrieben in der Vorschau auch: „Durch den Einstieg von immer weiteren Top-Schauspielerin in die Serie in den letzten Jahren wird’s für die beiden wackeren Ex-Eheleute in der Messestadt nicht leichter, sich nach vorne zu arbeiten. Besonders deshalb, weil sie nach unserer Ansicht für den wichtigsten Mangel der Sachsen-Tatorte nichts können – die wechselnde Qualität der Drehbücher und die Abwesenheit echter Highlights in diesem Bereich. Hinzu kommt die sehr konservative Inszenierung vieler Leipzig-Krimis, das alles wirkt insgesamt nicht so inspiriert und inspirierend wie in manch anderer Stadt.

Wie stehen wir dazu nach der -> Rezension?

Handlung 

Aus heiterem Himmel erhält Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) einen Anruf, der ihr Leben durcheinanderbringt. Ihre Halbschwester Julia, die seit zweieinhalb Jahren in Leipzig lebt und die sie noch nie gesehen hat, will sich mit ihr treffen. Ehe es dazu kommt, wird Julia vor Evas Augen von zwei Männern entführt.

Die Kommissarin und ihr Kollege Andreas Keppler (Martin Wuttke) nehmen sofort die Ermittlungen auf und befragen alle, die Julia nahe stehen. Doch Julias Freund Leon und auch ihr Onkel Hamid, in dessen Café Julia als Aushilfe arbeitet, können sich nicht erklären, weshalb Julia entführt worden sein könnte. In der gleichen Nacht wird Abdul Günes, ein Nachbar Hamids, in seiner Wohnung ermordet. Die Kommissare suchen die Verbindung zwischen beiden Fällen.

Als es Julia kurz darauf gelingt, den Entführern zu entkommen, lernen sich die Schwestern endlich kennen. Über mögliche Hintergründe der Entführung schweigt Julia sich aus. Sie spielt mit der Kommissarin Katz und Maus und gibt immer nur zu, was Eva herausgefunden hat. Währenddessen ermittelt Kommissar Keppler gegen Ersoy Günes, den Sohn des Mordopfers, der als polizeibekannter Krimineller eine Shisha-Bar betreibt.

Die Kommissare finden heraus, dass es eine Verbindung zwischen dem Ermordeten und Horst Saalfeld gibt. Ist Evas Vater, der in Leipzig im Gefängnis sitzt, in Julias Entführung und den Mord an Günes verwickelt? Eva Saalfeld konfrontiert ihren Vater mit diesem Verdacht. 

Rezension

Im neuen Tatort wird Eva Saalfelds ohnehin reichhaltiges Panorama an Familienmitgliedern noch einmal erweitert – eine Halbschwester taucht auf, von der bisher nie etwas zu sehen war. Dazu darf auch Vater Horst wieder eine Rolle spielen, der in „Nasse Sachen“ aus der Vergangenheit in Evas Leben gesprungen ist wie Kai aus der Kiste und schließlich ist Co-Ermittler Keppler ihr Exmann. Wir finden dieses permanente Ausweiten des Privatpanoramas nicht sehr einfallsreich und es kann zu erhöhter Unglaubwürdigkeit führen. Aber die Wege des Lebens in der DDR und der ehemaligen DDR-Bürger nach der Wende waren nicht selten verworren und das merkt man dem Tatort 893 an.

Angesichts eines komplett vom Leben abstrahierten Handlungskonstruktes kann man nur noch Schreikrämpfe bekommen, wie es hier mehrere Darsteller eindrucksvoll vorführen. Vielleicht ist diese Art der Inszenierung auch ein verschlüsselter Ausdruck der Qualen von Christine Hartmann, der Regisseurin, die das Skript umzusetzen hatte. Sie hat für den wesentlich einleuchtenderen „Schwarzer Peter“ verantwortlich gezeichnet und zufällig haben wir auch gerade „Schichtwechsel„, einen Kiel-Tatort mit Klaus Borowski als Ermittler, gesehen, der uns ebenfalls gut gefallen – hat. In letzterem Tatort haben wir besonders die schönen zwischenmenschlichen Augenblicke geschätzt, die einer entsprechenden Inszenierung bedürfen.

Allerdings sind die oben genannten Produktionen eher konservativ gestaltet. Keine Experimente im visuellen Bereich – keine Extravaganzen bei Schnitt, Ton und Kamera. Bei den Dialogen gibt es jedoch größere Unterschiede, und das ist Sache des Skripts. Es gibt leider nichts, was „Türkischer Honig“ heraushebt, was ihn jenseits der überkonstruierten Handlung ausgleichend mit Eleganz oder einer besonderen Atmosphäre, einer besonderen Idee ausstatten würde und damit die Schwächen des Plots ausgleichen könnte. Diese wiederum sorgen dafür, dass ein ohnehin eher belanglos hintereinander weg gefilmter Krimi es auch an Spannung vermissen lässt.

Dieses Mal sind es nicht einzelne Schlaglöcher in der Logikpiste, die beim Drüberfahren erheblich ins Kreuz des Liebhabers gelungener Handlungen schlagen, es ist eher der Gesamteindruck, der es gar nicht erst zulässt, dass man sich noch über einzelne Handlungselemente größere Gedanken macht. Dieser Eindruck sorgt dafür, dass man Mühe hat, mit diesem Film klarzukommen und ihn schmerzfrei und mit Konzentration bis zum Ende  zu schauen. Die seltsamen Wege der Handlung bedingen es leider auch, dass die Figuren inkonsistent wirken (besonders fällt dies bei dem wichtigen Charakter Ersoy Günes auf, der offenbar selbst nicht weiß, welche Art von Persönlichkeit er verkörpern soll).

Nichts gegen differenzierte Menschendarstellungen, aber wir können das von inkonsequent ganz gut unterscheiden. Keine der Figuren in einem Tatort-Whodunit kann so prägnant gestaltet werden, dass man ständig das Gefühl haben darf, sie wird mit Dialogen je nach Szene und Stimmungslage gerade so gefüttert, dass die  Handlung mühsam am Laufen gehalten wird, nicht aber so, dass diese Figur sich erschließt. Man fragt sich häufig, was die Leute antreibt, wie sie drauf sind, wo sie herkommen und hinwollen. Man kommt nicht dahinter. Nicht wirklich.

Wir sind jetzt auch wieder etwas verwöhnt, nach dem großartigen „Borowski und der Engel“ vom 30.12.2013, aber ein Durchschnittstatort hätte es gestern auch getan. Nun aber ist die Landung hart und man kann jetzt schon feststellen, dass 2014 schlechter anfängt als 2013, damals kamen um den Jahreswechsel mehrere gute Tatorte hintereinander zu ihrer Premiere. 2013 wurde am Ende zum schlechtesten Jahr des neuen Millienniums, aber das war eine Entwicklung, die nicht zuvorderst die Leipziger zu verantworten hatten.

Einzig Martin Wuttke als Kommissar Keppler gibt diesem Tatort etwas wie Festigkeit und Kontinuität– und Substanz. Dass er das ohne geniale Dialoge hinbekommt, spricht sehr für ihn und es wird immer deutlicher, was der Leipzig-Tatort diesem Schauspieler zu verdanken hat. Ein Glücksgriff, ohne den dieses wahlweise auf der Weißen Elster oder Parthe schwankende Krimi-Boot vermutlich schon untergegangen wäre.

Mit dem neuen Weimar-Team Lessing / Dorn („Die fette Hoppe„) hat der MDR bewiesen, dass es auch flotter geht und eingermaßen schlüssig, warum gibt es in Leipzig immer wieder diese Rücksetzer? Wir wissen es nicht. Vielleicht sind sie dort nicht bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, um gute Drehbücher zu bezahlen. Die gehen dann wohl an andere Sender.

Fazit

Wir erlauben uns, heute einen Nutzer des Tatort-Fundus aus den o. g. Einzelwertungen zu „Türkischer Honig“ zu zitieren, der etwas Wichtiges auf den Punkt gebracht hat „TO-Grundgesetz § 1 („Wer raucht ist der Mörder“) bricht hier sogar TO-Grundgesetz § 2 („Der Mörder ist niemals ein Migrant“).

Heißt, normalerweise geht die „speziellere“ Regelung vor, die mit der höheren Paragrafennummer. Witzig zusammengefasst, finden wir, und es ist wirklich so, dass sie in Leipzig die PC durchbrochen haben. Das hat schon beinahe etwas Verruchtes oder Revoluzzerhaftes. Wir bewerten diesen Aspekt nicht, sondern erwähnen ihn nur, weil er in der Tat auffällig ist.

Es besteht ohnehin für die türkische Gemeinde kein Grund, diesen Tatort anzufeinden, dazu ist er zu belanglos, hat keinerlei religiöse oder politische Brisanz, das Milieu der türkischen Einwanderer wirkt eher zufällig und in Leipzig nicht maximal authentisch – vor allem nicht in der Kombination mit einem ehemaligen DDR-Funktionär wie Eva Saalfelds Vater.

Wir haben den leisen Verdacht, dass unsere heutige Rezension etwas lustlos gewirkt haben könnte, dafür entschuldigen wir uns an dieser Stelle bei unseren Lesern – aber wir sind enttäuscht davon, wie da wieder ein Team im Drehbuch-Quark herumstapft, anstatt den finalen Befreiungsschlag zu schaffen.

Gottseidank ist die Zusammenarbeit zwischen Saalfeld und Keppler besser geworden und manchmal auch gefühlig – da kommen die Fähigkeiten der Regisseurin hin und wieder zum Vorschein, das Menschelnde gut auf die Reihe  zu bekommen. Die beiden Ex-Eheleute bzw. die für deren Figuren zuständigen Kräfte beim MDR  haben wohl erkannt, dass nur Zusammenhalt und die Befriedung von Nebenscharmützelschauplätzen es ermöglicht, alle Kraft fürs Durchstehen echt sperriger Fälle freizusetzen und damit dem Burnout zu entkommen. Unsere Wertung: 5,5/10.

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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