Roomservice – Tatort 948 / Crimetime 140 // #Tatort #Ludwigshafen #SWR #Tatort948 #Odenthal #Stern #Kopper #TatortRoomservice #Roomservice

Crimetime 140 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Schwanz oder Quote, das ist die Frage

Jetzt ist es passiert, in Ludwigshafen wird Politik gemacht. Gab es nicht schon einmal einen Kanzler, der aus der Nähe von Ludwigshafen stammte? Offenbar war die Region davon längere Zeit traumatisiert – weil erst jetzt wieder so direkt Kampagne gemacht wird für ein wichtiges Thema, die Frauenquote in Wirtschaftsunternehmen, muss einen Grund haben.

Einen Mord gibt es auch noch, und noch einen Treppengeländersturz, und obwohl es ungewöhnlich ist, sind beide Vogänge mit diesem Thema in mehrfacher Art und Weise verknüpft. Dass ein Team von zickenden Frauen nicht besser sein muss als eines von Männern, die Platzhirschkämpfe austragen, beweisen sehr hintersinnig derweil Lena Odenthal und Fallanalytikerin Johanna Stern im spannungsgeladenen Gegenmiteinander. Hätten sich diese Frauen nicht mit den Ellenbogen in einer Männerwelt durchsetzen müssen, sondern wären locker mit einer Frauenquote nach oben gespült worden, dann wären sie möglicherweise pflegeleichter. Vielleicht ist das aber auch ein Denkfehler. Mehr dazu in der -> Rezension

Handlung

Zimmermädchen Yasemin Akhtar stürzt im Treppenhaus eines Luxushotels zu Tode. Fremdverschulden oder nicht, fragen sich Lena Odenthal und Mario Kopper bei ihren Ermittlungen. Aber auch: Steht ihr Tod in Zusammenhang damit, dass der Politiker Joseph Sattler kurz zuvor in Suite 426 Sex mit Yasemin hatte?

Sattlers Verwicklung in den Fall wird erstaunlich schnell publik und schadet nicht nur seinem persönlichen Ruf, sondern auch seinem aktuellen politischen Projekt. In Lena Odenthals Augen passt das alles ein bisschen zu gut zusammen. Ähnlich wie Sattlers Anwältin, seine Ehefrau Valerie, hält sie eine Intrige gegen den Politfunktionär für möglich.

Wenn ja, hat die funktioniert, denn sowohl die öffentliche Meinung als auch Johanna Stern als Repräsentantin des LKA schießen sich auf Sattler als sexuellem Aggressor und möglichem Mörder ein. Lena dagegen glaubt, dass ihre forsche junge Kollegin sich instrumentalisieren lässt und konzentriert sich gegen alle Widerstände auf die Suche nach Sattlers Feinden.

Angeregt durch die Vorkommnisse und Prozesse um den ehemaligen IWF-Präsidenten Dominique Strauss-Kahn, entfalten die Autoren Stefan Dähnert und Patrick Brunken sowie Regisseur Tim Trageser in „Roomservice“ das Bild eines Machtmenschen, der glaubt, sich in seinem Privatleben über Grenzen hinwegsetzen zu können und der Versuchung, ein Zimmermädchen als Freiwild für seine sexuellen Avancen anzusehen nicht widerstehen kann. Lena Odenthal und ihr Team erleben in ihrem 62. Fall aber auch, wie schnell dieser blinde Fleck zur Falle werden kann, wenn es zu einem rabiat geführten Machtkampf unter Einbeziehung der öffentlichen Meinung kommt.

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Fallanalytikerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Edith Keller – Annalena Schmidt
Valerie Sattler – Suzanne von Borsody
Joseph Sattler – Peter Sattmann
Dreusen – David C. Bunners
Tim – Peter Benedict
Rana Akhtar – Nilam Farooq
Jasmin Akhtar – Naima Fehrenbacher
Rene Haussmann – Peter Kremer
Dr. Hakan Özcan – Kailas Mahadevan
Wolfgang „Wolle“ Schüttler – Jürgen Rißmann

Regie: Tim Trageser
Drehbuch: Stefan Dähnert, Patrick Brunken
Kamera: Michael Merkel

Rezension

Eine Firma braucht sich um die Frauenquote keine Sorgen zu machen. Das ist die Tatort-Polizei in Ludwigshafen und damit auch der SWR, der oberste Dienstherr dieses Filmpräsidiums. Eine Tradition weiblicher Chef-Ermittlerinnen gab es beim Südwestfunk bereits, als Lena Odenthal 1989 an den Start ging, ihre Vorgängerinnen waren Marianne Buchmüller und Hanne Wiegand. Jetzt gibt es sogar zwei Frauen, eine athletischer und schlanker als die andere. Während Lena Odenthal aber eine prägende, damals ganz neuartige Figur war, wird Johanna Stern das nicht vergönnt sein – zu viele hübsche junge Blondinen am Tatort, die trotz des schlimmen Jobs Frau sein können. Diese Normalität ist so schlecht auch nicht, und in gewisser Weise schließt sich sogar ein Kreis. Denn Buchmüller, die erste SWF-Kommissarin, war auch eher ein unkompliziert-weiblicher Typ, wenn auch, gemäß damaliger Standards, auf glaubwürdige Weise älter als Johanna Stern.

Lena Odenthal und die anderen haben also keine Frauenquote gebraucht. Das sagt Lena auch gegenüber der Anwältin Valerie Sattler, die dabei ist, ihren Mann als Vehikel für ihr Lieblingsprojekt, die Durchsetzung der Frauenquote auf EU-Ebene, zu verwenden, und dabei immer wieder mit dessen charakterlichen, für eine Frau und für seine Frau besonders deprimierenden Charaktereigenschaften zu kämpfen hat. Und wenn man dann diese beiden wackeren Kämpferinnen, die beide auf ihre Weise so viel für die Akzeptanz von Frauen in der Berufswelt tun, da sitzen sieht, dann denkt man: Dieser Weg war kein leichter. Quote anstatt qualvolles Durchsetzen immer und immer wieder, das hätte die beiden vielleicht etwas weniger angestrengt altern lassen. Dann hätte Lena vielleicht auch noch Familie haben können, wegen besserer Infrastruktur, wie es sie heute langsam gibt. So sagt es Frau Sattler. Dabei hat das mit der Frauenquote gar nichts zu tun, die Lebensorganisation ist eine ganz andere Baustelle. Und was die ganz große Karriere angeht: Lena wollte nicht, das war in anderen Tatorten zu sehen. Hätte es eine Quote gegeben, wäre sie vielleicht zum Aufstieg zwangsverpflichtet worden. Absurde Konsequenz einer gutgemeinten Regulierung.

Politik dem Volk zu verkaufen und dann auch noch schlüssig zu argumentieren, das schaffen nicht einmal die echten Regierenden und werden doch gewählt. Warum also soll ein Drehbuch das besser können als die hochgezüchteten Regierungssprecher, die Think Tanks, die manchmal so leer wirken, dass deren Tun als Drehbuch nicht einmal für eine Vorabendserie ausreichen würde und das zudem aus Gründen mangelnder Plausibilität miserable Kritiken erhielte.

Allerdings hat die Politik, und das zeigt und „Roomservice“, Fallstricke und doppelte Böden, und davon krigen wir nur dann etwas mit, wenn Skandale hochkochen. Und wie wir dabei manipuliert werden, das kann man ebenfalls in „Roomservice“ anschauen. Dass allerdings ein Unternehmer und politischer Gegener einen Intimfeind in die Honigfalle lockt, nur wegen der Frauenquote, das ist vereinfacht, da geht es mehr ums Ganze. Tut es ja auch, denn es steht weiterhin ein Aufsichtsratsposten zu Buche, und den will die Frau des Politikers.

Ganz schön kompliziert klingt das, aber „Roomservice“ beherrscht das Spiel mit diesen Elementen von Macht und Politik recht gut. Im Grunde auch gut genug, um nicht noch Migrantenausbeutung und Polizistinnenkrieg ausbreiten zu müssen. Dass Lena sich nochmal verändern darf und sogar Fetthaar-Mario verlässt und am Ende auf Umzugskartons sitzt, ist okay, ein eigenes Leben für eine so versierte Frau, bei der sich in puncto Mario eh nichts mehr entwickelt, ist doch fast schon ein Aufbruch für das gesamte Team.

Aber die 5000 Euro-Masche, der Manager, der seine Roomserivce-Mitarbeiterinnen zur Prostitution anhält, die Damen, von denen man zunächst denkt, sie kommen aus Arabien, dann aber ist es wohl doch Indien oder Pakistan, was auch den englischen Akzent eher erklären würde, die ist zu rudimentär und dadurch unglaubwürdig, wenn auch politisch mindestens so hoch korrekt wie die Frauenquote. Schade, denn immerhin fußt der anfängliche Mord an einem Zimmermädchen vordergründig-kausal auf dieser Konstellation. Und wenn man behauptet, deutsche Frauen könnten diesen schwierigen Job kaum machen, dann sollte man oben am Geländern nicht eine Riege von Zimmermädchen auftreten lassen, die fast alle nicht-ethnisch aussehen – nach dem Mord. Vielleicht gab es in LU nicht genug passende Statistinnen, wir hätten von Berlin her locker aushelfen können. Aber das wäre ja auch wieder eine Art Menschenverschickung mit Unterbezahlungshautgout gewesen.

Dieses Mal sieht man nicht das BASF-Werk und damit überhaupt nichts Ludwigshafen-Typisches, trotzdem ein Lob für den „Austragungsort“, dieses Schlosshotel, das im Film mit seinen Zimmerfluchten und dem spiralgewendelten Treppenhaus eine nicht zu unterschätzende Eigenpersönlichkeit gewinnt – und es ist auch entsprechend gut in Szene gesetzt. Dieses ständige Puppenwerfen hat etwas Skurriles und Absurdes, erinnert fatal an die Geräusche beim Fall der Menschen aus dem WTC an 9/11, aber wie diese Treppenspirale als Absturz von Menschen aus dem politischen und wirtschaftlichen Olymp metaphorisiert werden kann, das hat was. Psychologisch nicht so stimmig, wie es in dem Nachgespräch zwischen Lena und Johanna erscheint, aber hübsch symbolisch ist denn auch der Freitod der Anwältin.

Sollen wir über deren Mann einen eigenen Absatz schreiben? Naja. Er ist eben ein Politiker. Also im Grunde eine schwache Persönlichkeit, die ihre Macht ausnutzt, um jene Disziplin lassen zu können, die zum Beispiel seine Frau hat, die bei genauem Hinsehen aber auch aus eigennützigen Gründen bei ihm bleibt.Der Film wirkt ein wenig männerfeindlich, weil diese Sattler-Figur und die übrigen Männer so negativ dargestellt sind. Was soll’s.

Die Clintons winken lässig rüber, denn Hillary war zu schlau, zu taff, um so aus dem Konzept zu kommen wie Valerie Sattler. Dafür wird sie vielleicht die nächste Präsidenten der USA. Und wieder hat sich ein Traum der Frauenbewegung ohne Quote erfüllt. Vielleicht animiert sie dann noch mehr Frauen, sich in der Politik zu betätigen und die Macht auch zu wollen. Angela Merkel ist vermutlich kein Role Model gewesen, sie wird dann auch nicht mehr als mächtigste Frau der Welt gelten (nach unserer Ansicht ohnehin eine Falschbewertung).

Fazit

Leider quillt der Fall ein wenig über und der häufige Fehler, zu viel in 90 Minuten zu packen und dafür die Tiefe des Einzelthemas nicht auszuloten, ist wieder einmal zu beobachten. Die Ermitllungsmethoden am Tablet sind zu gewollt  modern. Allerdings ist dies nicht so gravierend, dass nicht die positiven Aspekte überwiegen würden.

Als wir oben schrieben, den Zwist zwischen der älteren und der jüngeren Ermittlern hätte man sich sparen können, dann machen wir an dieser Stelle eine Einschränkung: Wenn damit der LU-Tatort aufgepeppt und in die Zukunft geführt werden soll, in der vielleicht tatsächlich Johanna Stern den Job von Lena Odenthal übernimmt oder dauerhaft mit ihr zusammenarbeitet, alles okay. Diese nun schon mehrere Fälle andauernde Einführung einer neuen Figur wäre die gelungenste sukzessive Übernahme seit langem. Aber nur als Show, bei der demnächst ganz plötzlich der Vorhang fällt und offen bleibt, warum’s nicht weitergeht, finden wir das zu aufwendig, weil es Spielzeit in Anspruch nimmt, die man ins Thema des Falles stecken sollte. Okay, hier passt es sogar ein wenig, weil Frauen in einer stressigen Arbeitswelt und wie sie dorthin gelangen, wo sie sind ebenjenes Thema darstellen.

Nicht alles ist gelungen, aber die Reichhaltigkeit, die Location, die handwerkliche Qualität des Films und die interessanten Frauenfiguren führen zu 7,5/10. Das ist eine deutliche Steigerung gegenüber vielen LU-Tatorten zuvor.

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Fallanalytikerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Edith Keller – Annalena Schmidt
Valerie Sattler – Suzanne von Borsody
Joseph Sattler – Peter Sattmann
Dreusen – David C. Bunners
Tim – Peter Benedict
Rana Akhtar – Nilam Farooq
Jasmin Akhtar – Naima Fehrenbacher
Rene Haussmann – Peter Kremer
Dr. Hakan Özcan – Kailas Mahadevan
Wolfgang „Wolle“ Schüttler – Jürgen Rißmann

Regie: Tim Trageser
Drehbuch: Stefan Dähnert, Patrick Brunken
Kamera: Michael Merkel

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