Tödlicher Galopp – Tatort 364 / Crimetime 146 // #Tatort #Dresden #TatortDresden #Tatort364 #Ehrlicher #Kain #TödlicherGalopp #TatortTödlicherGalopp #MDR

Crimetime 146 - Titelbild © MDR

Der beschissenste Job in einer beschissenen Welt

Wir schreiben das Jahr 1997. Die Wende ist vollzogen, die innere Wiedervereinigung halbwegs missglückt Kriminalhauptkommissar Bruno Ehrlicher ist seit fünf Jahren im Dienst. Und er ist so etwas von amtsmüde und wird nicht müde, dies in „Tödlicher Galopp“ zu betonen . Angesichts der Tatsache, dass gegen Ende des Tatorts Nr. 364 auf ihn geschossen wird und auch sonst die Welt nicht gerechter ausschaut als zu Beginn, kann man das verstehen. Er hat dann noch zehn Jahre weitergemacht und hält zusammen mit seinem Co-Ermittler Kain den Tatort-Rekord aller bereits außer Dienst stehender Teams (45 Fälle).

Trotz seiner Genervtheit steigert er sich in diesen Fall ganz schön hinein und lässt im Negativen und im Positiven jede Distanz zu den Beteiligten am Rennbahn-Komplott hinter sich. Dennoch wirkt dieser Fall nicht dynamisch, auch wenn die hin und wieder galoppierenden Pferde, in Tele und Zeitlupe gefilmt und mit dramatischer Musik unterlegt, für 1997 und die optisch wenig innovativen MDR-Tatorte sehr schöne und suggestive Szenen erbringen. Wir verstehen schon, eins, zwei, drei im Sauseschritt saust die Welt, wir – kommen kaum hinterher, die Veränderung der Zeiten lässt uns ratlos und hilflos zurück.

Das Gefühl hat man in der Tat, wenn man diesen wieder einmal mehr historisch als kriminaltechnisch interessanten Fall angeschaut hat. Es wirkt, als seien wir in einer anderen Epoche angekommen. Da gab es im Osten noch schlechtere Straßen als im Westen, gab das Schachern um Großgrundstücke zu Tötungshandlungen Anlass.

Handlung

Ein Renntag auf der Dresdener Galopprennbahn. Nach dem Hauptrennen kursieren unter den Zuschauern und Wettenthusiasten Dopinggerüchte um das Pferd Feuerteufel. Als wenig später die Reiterin Agnes Damrau tot aufgefunden wird, hat sich das Kriminalistenduo Ehrlicher/Kain mit einem neuen Fall zu beschäftigen, der sich nicht ausschließlich im Pferderennsportmilieu bewegt.

Die Spuren ihrer Ermittlung führen von Dresden nach Leipzig. Sehr schnell begreift Ehrlicher, daß es sich bei diesem Fall keineswegs nur um Wettmanipulation dreht. Er kommt dahinter, daß die Damrau sterben mußte, weil sie von einem Millionendeal um die Galopprennbahn Leipzig erfuhr. Stück für Stück arbeitet sich Ehrlicher durch einen Sumpf von Korruption und Spekulation. Als auf ihn ein Mordanschlag verübt wird, weiß er, daß seine Gegner vor einem weiteren Todesopfer nicht zurückschrecken würden. 

Rezension

Wie hier von einem immerhin ARD-Sender Ost und West dargestellt werden, das erinnert uns an etwas. Nämlich daran, wie Hollywood jahrzehntelang die Südstaaten verhätschelt hat, damit sie ihr Trauma, vom Norden besiegt worden zu sein, vergessen und sich in den großen USA  zuhause fühlen sollten. Die Prämisse ist, der Osten ist vom Westen nicht mit ungeheuren Geldsummen aufgepäppelt worden, obwohl in Wirklichkeit dieser Prozess noch heute andauert (1), vielmehr ist Tabestand: Er wurde besiegt und filetiert.

Die Vereinigung als war in erster Linie die Dämmerung des guten Realsozialismus. Aber keine Angst, nichts ist für ewig, der Kapitalismus hat nur etwas länger überlebt. Warum das nicht mehr lange so gehen kann, das zeigt nicht erst die Realität des Jahres 2013; auch die Investoren in „Tödlicher Galopp“, die aus ebenjenem Westen kommen oder sogar aus einem Dorf namens Lichtenstein. Ehrlich, Ehrlicher, die benehmen sich so doof, dass uns durch die Hintertür prophezeit wurde, was heute Allgemeinwissen ist oder sein sollte. Nämlich, dass auch dieses System den Weg aller hybriden Imperien gehen wird.

Trotzdem müssen wir noch einmal zurück zu unserem Vergleich. Was hat es genützt, dass in den USA dem Süden bis in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung hinein so viel Anteilnahme geschenkt wurde? Nicht viel. Die Leute dort unten sind heute noch in weiten Teilen rassistisch und hissen bei jeder Gelegenheit die Sezessionistenflagge aus der Bürgerkriegszeit, die 150 Jahre zurückliegt. Ähnlich wird es, falls nicht – siehe oben – sowieso alles ganz anders kommt, mit Ost- und Westdeutschland sein, wobei Zirkel und  Hammer allerdings für ein ideenreiches Staatsverständnis einstehen, die westdeutsche wie die vereinigte Trikolore hingegen ist merkwürdig symbolfrei. Vielleicht fehlen die inneren Werte, die man sich auf die Fahne nähen kann. Das wäre dann allerdings bei den meisten Ländern so und es ist ja auch bei den meisten Ländern so, dass sie keine schönen Gegenstände auf ihren Flaggen ausweisen.

Ein Parade-Ostalgiker wie Bruno Ehrlicher, nicht gespielt, sondern persönlich verkörpert vom Obernostalgiker Peter Sodann, ist genau das richtige Medium für diese niemals endende Stimmung. 1997 war die Epoche der Investitionsruinen dank Sonder-AfA-Ost, da gingen die Wogen hoch. Die die heutigen Leipziger Tatorte mit Saalfeld und Keppler spielen die Ost-West-Karte ja leider kaum noch, obwohl so viel an ausdrucksstarken Misstimmungen übrig geblieben ist.

Aber auf welch platte Art vor 15 Jahren dafür gesorgt wurde, dass sich ja niemand Gedanken über die eigene Vergangenheit machen musste, sondern alles auf den Westen geschoben werden konnte, das ist auf eine finstere Art beeindruckend und wir sind froh, dass man sich diesbezüglich heute etwas mehr zurückhält. Man merkt, kurz vor dem Ende der Kohl-Ära war die witzige und verrückte Welt der Wende zu Ende (unser Lieblings-Wende-Tatort ist „Hand in Hand“).

Und Peter Sodann wird auch nicht Bundespräsident werden, dazu ist DIE LINKE nicht stark genug oder nicht verbreitungsfähig genug, vor allem in diesem nervigen Westen nicht. Eine seltsame Idee, die auch irgendwie aus den USA kommt, diese Politisierung von Schauspielern bis hin zum Streben nach höchsten Ämtern (und manchmal auch zu deren Erlangung). Die Menschen, die in den Medien tätig sind, sollten es besser wissen: In denZeiten der SED-Herrschaft hätte Sodann niemals eine so dem herrschenden System gegenüber kritische Rolle spielen dürfen wie zum Beispiel in „Tödlicher Galopp“.

Aber auch das beweist seine Figur und spielt möglicherweise auch damit: Die Zonies sind ein wenig naiv. Das heißt, sie waren es in den 1990ern. Historisch kann man die Epoche zudem als weitgehend aufgearbeitet bezeichnen, inklusive der Stasi-Thematik und, wenn’s denn in einen größeren Zusammenhang gestellt werden soll, auch inklusive der Nazis, die im Westen nach dem Krieg führende Positionen (wieder-) erlangten. Im Osten waren es eher Mörder wie Mielke, aber das ist eine andere Geschichte und nun wird die Aufarbeitung der Nachwende-Geschichte in Form einer Treuhand-Wahrheitskommission angedacht.

Aber wir sind im Film nicht im Jahr 2013 oder 2018, sondern in 1997 und wollen nicht zu streng darüber urteilen, dass eine rückwärts gewendete Mentalität fatal dazu beitrug, dass der Anschluss an die Zukunft mittlerweile für das ganze Land schwierig geworden ist. Gegen das, was mittlerweile auf höherer Ebene ansteht, sind die bösen Spielchen der Investoren in diesem 97er Tatort Peanuts. Und heute würde Ehrlicher auch nicht mehr die Deutsche Bank auf die Weise mit einer Regionalbank in Leipzig vergleichen, dass er die Deutsche als Paradebeispiel für einen gut aufgestellten Koloss nennt. Das hat uns unabhängig davon verwundert, was wir heute über Banken wissen.

Dieser Krimi löst nach 15 Jahren aber nicht nur Sarkasmus aus – sondern auch Trauer wie kein anderer von 244 zuvor rezensierten Fällen. Es ist die Trauer um die verpassten Chancen dieser langen Zeit und um jene, die garantiert noch verpasst werden. Mögen einzelne Charaktere in „Tödlicher Galopp“ auch unrealistisch sein, das Szenario ist Zeitgeschichte und Zeugnis verlorener Schätze. Der Galopp des politisch-wirtschaftlichen Weltgeschehens wirkt insgesamt zu schnell für uns.

Aus einer mittleren Ferne, von Berlin aus betrachtet, ist es uns schnuppe, ob die Gäule in Sachsen DD oder Sachsen L um die Wette rennen, damit Jungkommissare wie der Kain zocken können. Auf uns wirkt dieser Erhaltungswahn bezüglich unrentabler Sportanlagen, den einige Figuren im Film pflegen, ziemlich konstruiert. Ja, ja, der Turf in der Messestadt hat große Tradition, aber im Gegensatz zur Messe, die heute als Organisatorin für Branchenfachschauen wieder einen guten Namen hat, war die Rennbahn eben nicht zu halten. Es ist absurd, dass eine Stadt, die damals erheblichen Nachholbedarf an modernem Wohnraum hatte, ein mittendrin gelegenes Grundstück nicht nutzen sollte, um etwas Gutes für viele Bürger zu tun, anstatt ein einigen Paarhufer-Nostalgie-Fans dieses Areal zu überlassen. Zum Ausgleich wurden ja im Lauf der Zeit auch viele DDR-Plattenbaublocks abgerissen. Einheitsbetonburgen zu Parkanlagen!

War da nicht was? Doch, es nennt sich Tempelhofer Feld und liegt in Berlin, ist um ein Vielfaches größer als eine Reitanlage und darf heute nicht mal ein wenig am Rand bebaut werden, weil in einer anderen Zeit eine andere Entscheidung getroffen wurde, die heute dazu führt, dass Partikularinteressen über das Ganze gestellt werden, obwohl – sic! – dringend mehr bezahlbarer Wohnraum notwendig werden. Und diese Freifläche liegt im Westen, nicht im Osten der Stadt.

Der Fall als Plot ist wirr, sonst hätten wir uns vielleicht mehr auf ihn gestürzt und ihn mit Freude in seine Bestandteile zerlegt. Wenn man will, kann man weiterlästern und sagen: Gemäß dem Zustand der von der rasenden Veränderung verwirrten Ostdeutschen. Schon die Prämisse bzw. die Motive sind fragwürdig, auch oder gerade nach vielen Wendungen ist der Giftmord an der jungen Reiterin Agnes Damrau nicht plausibel und die Schauspielleistungen leiden unter der bruchstückhaften Handlung. Dass der seltsame Karsunke, dieses Fossil aus einer Zeit, die noch vor der Gründung der DDR liegt, einen interessanten Typ abgibt, ist der besonderen Leistung von Rolf Hoppe zu verdanken, diesem dann doch Bruder im Geiste von Ehrlicher (weshalb die beiden sich ja auch verbrüdern und duzen) (2). Und überhaupt, es gibt keine Gerechtigkeit. Für einen dingfest gemachten Verbrecher wachsen 50 neue aus den frisch asphaltierten Straßen von Leipzig (entweder ist das eine Fehldarstellung, oder der Asphalt ist Teil des Syndikats). Und genau deshalb ist es so beschissen, Polizist zu sein.

Man kann die Anmerkungen und Anwandlungen von Ehrlicher nur verstehen, wenn man bedenkt, dass er ja als junger Beamter einem anderen System dienen wollte als dem, das er leider nicht verhindern konnte. Von einem Westpolizisten geäußert, wäre diese stark vereinfachende Art von Kritik an der Welt unerträglich, weil er sich heute noch in etwa in dem Rahmen bewegt, den er bei der Berufswahl vorgefunden hat, also wusste, was er tat. Wenn man eines von Erich … Bruno Ehrlicher und seinem Darsteller sagen kann, dann dies: Der Charakter ist echt und einheitlich, und darin liegt eine überragende Ehrlichkeit.

Fazit

Wir haben uns dieses Mal vor allem auf die historische Betrachtung konzentriert, weil sich dies beim Tatort 364 geradezu aufdrängt. Der Film wird aber nicht dadurch besser, dass man ihn mit dem Jahr seiner Entstehung rechtfertigt. Das wäre anderen Tatorten der späten 90er gegenüber ungerecht, und wenn wir schon dabei sind – die meisten von ihnen wirken nicht so überdeutlich moralisierend und arbeiten diesbezüglich auch noch an einem Thema, das alles andere als überepochal ist. Die Faszination, die sich aus der Betrachtung von „Tödlicher Galopp“ als Zeitdokument ergibt, mindert das nicht. Schlecht ist übrigens stellenweise der Ton, besonders bei Außenaufnahmen. Wir dachten zwischendrin, unsere DVD-Maschine hat eine Macke, weil diese technischen Qualitätsmängel bei Tatorten der 16:9-Ära normalerweise nicht vorkommen. Komischerweise haben wir die Wertung vergessen, im Entwurf zu dieser Rezension, warum bloß? Hier ist sie aber: 6/10, weil wir nicht als ostfeindlich gelten wollen.

In diesem Fall haben wir die Rezension aus dem Jahr 2013 für die Wiederveröffentlichung leicht überarbeitet, der eine oder andere neue Satz beinhaltet eine Fortschreibung und in einem Fall einen Vergleich. „Tödlicher Galopp“ war einer der ersten Ehrlicher-Tatorte, die wir rezensiert hatten, was bedeutet, dass der Ostkommissar sehr spät (damals TatortAnthologie Nr. 245) Eingang ins Gesamtbild der Reihe gefunden hat. Demgemäß frappierend war der Eindruck über die Stimmung in diesem Film, die wir aber später in weiteren Ehrlicher-Fällen aus den 1990ern fanden und durchaus kritisch beschrieben. Auch der Erhalt des ursprünglichen Textes hat jetzt schon seine eigene Bedeutung im Rahmen der Historie unserer Reihe „Crimetime“. Sicher wäre der Tenor heute sanfter, aber bei jeder Wiederholung eines Tatorts schauen wir uns den ihn betreffenden Beitrag – sofern das Zeitbudget es erlaubt – noch einmal an und es ist daher möglich, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt eine Revision vornehmen werden.

(1)    Heute darf man das aber immerhin von gestandenen Kommissaren zum Ausdruck bringen lassen. Dafür sind die Kölner Ballauf / Schenk zuständig, die offenbar eine Sachsen-Partnerschaft auf Dienststellenebene pflegen. Sie haben schon mit den Dresdnern Ehrlicher / Kain zusammen ermittelt und jüngst auch mit dem jetzigen Leipziger Duo Saalfeld / Keppler. Statuarischer Spruch: „Da isser ja, der Soli.“

(2)    Rolf Hoppe haben wir in „Der Spezialist“ (Tatort 323) rezensiert.  Die Anmerkung bezieht sich auf die ursprüngliche Reihenfolge der Veröffentlichung unserer Kritiken, in „Crimetime“ wurde diese Rezension noch nicht gezeigt.

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: