Schürfwunden – Tatort 589 / Crimetime 147 // #Tatort #Köln #TatortKöln #Koeln #Ballauf #Schenk #Schürfwunden #Tatort589 #Tatort Schürfwunden

Crimetime 147 - Titelfoto © WDR, Thekla Ehling

Es baggert der Bagger noch und der Trekker steht ungünstig quer

Es muss einen ähnlichen Tatort geben – oder ist es gar ein alter DDR-Polizeiruf oder einer aus der Nachwendezeit? Das Szenario erscheint bekannt: Ein Dorf wird verlegt wegen des Braunkohle-Tagebaus. Ich meine, es war ein alter Polizeiruf aus der Zeit vor der Wiedervereinigung. Unbedingt nochmal anschauen, denn wie das Thema damals behandelt wurde, wäre doch nochmal interessant. Vermutlich waren diejenigen, die nicht weichen wollten, ein paar mistige Fortschrittsverweigerer.

Und wie 2005 so? Tagebau schon als ökologische Schande à la Hambi oder noch in Abwägung zwischen Energieversorgungssicherheit, Heimatverlust, Arbeitsplätzen und Umweltbelangen? Die Kölner sind ja so geeignet fürs Dialektische, ich könnte mir vorstellen, dass Freddy eher der Verteidiger des Tagebaus ist, weil er an die Kohle denkt, die seiner Familie die Hinterbacken wärmt und Max, der Unbehauste, dem eh immer kalt ist, der denkt vor allem an die Verdrängung. In diesem Fall nicht durch hohe Mieten, sondern durch Umsiedlung und die Vernichtung einer gewachsenen Kulturlandschaft.

Und wieder einmal ein Tatort mit den beiden, den wir noch nicht kennen, also ein Premierenfest. Wiederholt man den Film jetzt wegen dem Hambacher Forst? So häufig geschieht das mit dem Tatort 589 wohl nicht, sonst hätten wir ihn schon mal abgefangen und kritisiert. Aber es war keine Rezension zu finden. Das wird heute oder in den nächsten Tagen wieder ein netter Abend werden mit den beiden besten Freunden aller Tatortzeiten. Außerdem steht er in der Rangliste des Tatort-Fundus derzeit auf Platz 255 von fast 1100 Tatorten und auch im Ballauf-Schenk-Tableau finden wir ihn noch gut in der oberen Hälfte: Platz 27 von 73.

Bloß dieses Mal daran denken, die Aufnahme zu programmieren, das hatten wir nämilch am Montag beim Berliner Tatort Classics-Film „Tödliche Blende“ vergessen. Zur Strafe müssen wir ihn uns jetzt auf Youtube in einer furchtbar schlechten alten Aufnahme anschauen, denn die HD-Restaurierung ist natürlich nicht in der RBB-Mediathek enthalten – wie alles Gute, das kommt alles nie in die Mediatheken. Macht nur weiter so mit unseren Rundfunkgebühren.

TH

Handlung

In „Schürfwunden“ ermitteln Max Ballauf und Freddy Schenk in einem kleinen Dorf, das wegen des Braunkohletagebaus gerade umgesiedelt wird. Hier wurde eine schockierende Postsendung an die Kölner Kripo aufgegeben, die auf einen brutalen Mord hindeutet.

Neu-Schaffrath ist eine kleine, trostlose Gemeinde mit sprichwörtlich entwurzelten Menschen. Auf ihre alte Heimat warten die Abrissbagger, sogar die Leichen werden umgebettet. Nur die Dorfkneipe ist noch in Betrieb. Im „Goldenen Pflug“ treffen sich die eher unscheinbaren Schaffrather noch regelmäßig zum Bier bei der attraktiven Gastwirtin Alice Rausch. Mit ihrer Tochter Tatjana und ihrer Großmutter ist sie die einzige, die in Alt-Schaffrath noch die Stellung hält.

Ballauf und Schenk wissen inzwischen, dass die Postsendung aus Neu-Schaffrath in direktem Zusammenhang mit einem Raubmord-Überfall auf einen Geldtransporter steht. Die vermeintliche Komplizin des Täters, Gitte Schäfer, wurde aus Mangel an Beweisen gerade freigesprochen. Doch welche Rolle spielt das beschauliche Dorf bei diesem professionell geplanten Verbrechen?

Die Kommissare stehen vor einem Rätsel: Allein der jugendliche Landwirtschaftsgehilfe Hansi Lensen scheint den beiden Kommissaren aus der Großstadt etwas zu verheimlichen. Als sie ihn stellen wollen, geschieht ein Unglück. 

Aus der Vorschau

Es muss einen ähnlichen Tatort geben – oder ist es gar ein alter DDR-Polizeiruf oder einer aus der Nachwendezeit? Das Szenario erscheint bekannt: Ein Dorf wird verlegt wegen des Braunkohle-Tagebaus. Ich meine, es war ein alter Polizeiruf aus der Zeit vor der Wiedervereinigung. Unbedingt nochmal anschauen, denn wie das Thema damals behandelt wurde, wäre doch nochmal interessant.

Und wie 2005 so? Tagebau schon als ökologische Schande à la Hambi oder noch in Abwägung zwischen Energieversorgungssicherheit, Heimatverlust, Arbeitsplätzen und Umweltbelangen? Die Kölner sind ja so geeignet fürs Dialektische, ich könnte mir vorstellen, dass Freddy eher der Verteidiger des Tagebaus ist, weil er an die Kohle denkt, die seiner Familie die Hinterbacken wärmt und Max, der Unbehauste, dem eh immer kalt ist, der denkt vor allem an die Verdrängung. In diesem Fall nicht durch hohe Mieten, sondern durch Umsiedlung und die Vernichtung einer gewachsenen Kulturlandschaft.

In der Rangliste des Tatort-Fundus steht Nr. 589 „Schürfwunden“ derzeit auf Platz 255 von fast 1100 Tatorten und auch im Ballauf-Schenk-Tableau finden wir ihn noch gut in der oberen Hälfte: Platz 27 von 73.

Rezension

Die Ökologie spielt in dem Film nur am Rande eine Rolle. Wenn die riesige Kraterlandschaft gezeigt wird oder dieser seltsame Neubaugebiet-Auftritt der Dörfler von Schaffrath. Plötzlich ist alles von gewachsener Düsternis in betont mittelständische Eintönigkeit gewechselt. Und der Bergbau muss sich doch lohnen, bei den riesigen Entschädigungssummen, die für die Umsiedlung ganzer Dörfer notwendig sind – sie es ja wirklich gab, der Fall ud ist zwar fiktional, der Vorgang aber realistisch. Schaffrath gibt es also nicht als Dorf, aber als Familienname immer mal wieder.

Für mich gibt es in diesem Film einige Dinge, die nicht vernünftig aufgelöst werden. Ab hier gibt es daher Angaben zur Auflösung:

  • Wer schickte den Finger und dann die Hand und warum? Der mit dem Motiv müsste wohl der Bruder des Polizisten Gernot gewesen sein. Alles andere ergäbe keinen Sinn, aber erklärt wird’s leider nicht.
  • Der Showdown in Westernmanier, aber mehr aus der Ferne hinterlässt ebenfalls eine Frage: Warum erschießt der Holländer den Bruder des Polizisten, der doch den Polizisten daran hindern will, auf den Holländer zu schießen? Abirren beim Zielobjekt, Fehlschuss? Jedenfalls wird keine besondere Verbindung zwischen dem  Holländer und irgendeinem Charakter aus dem Dorf gezeigt, der auf einen gezielten Schuss auf den Bruder hindeuten würde.
  • Warum fährt der Geldtransporträuber über Land durch ein fast verlassenes Dorf und wo wollte er hin?

Auch nicht so richtig cool:

  • 2005, als der Fim gedreht wurde, waren gerade die kleinen, randlosen Brillen sehr en Vogue, muss man da einen stark kurzsichtigen Jungen mit einem dreifach überdimensionierten clownesken Gestell ausstatten, um die früher nicht unübliche Diskriminierung von Brillenträgern zu zitieren, die immer so nerdig wirken? Und wenn der Junge kein Auto fahren darf – Traktor aber schon? Weil man nicht viel anrichten kann, außer dass man die Ackerfurchen nicht gerade hinkriegt? Zu kurz gedacht, wie wir im Film erfahren.
  • Die extreme Reaktion von Fred auf das Cevapcici. Es war doch gar nicht der Tote, es war auch nicht das Wild, zumindest nicht beim Erstehen der Probe fürs Labor, es war bestes Rindfleisch. Voll  halal, außer bei den Veggies.

Die Aufstellung fasst ein Nutzer des Tatort-Fundus gut zusammen. Zitatesammlung à la Tarantino: Braunkohlelandschaften wie in Ehrlichers „Atlantis“, Lindholm-Flair auf dem Land, surreale Leichenwagen wie bei Murot und Darsteller wie Lannerts „Schicksal“ Victor de Mann alias Filip Peeters und Anna Schudt, Fabers Martina Bönisch. Das verwirrt zu sehr, um ein wirklich guter Tatort zu sein.

Allerdings ist der Lannert-Film neueren Datums bzw. es gibt zwei mit de Maan, die erst später produziert wurden, Anna Schudt ist erst seit 2012 mit „Faber“ am Ermitteln und auch die Murto-Tatorte begannen einige Jahre nach „Schürfwunden“. Lindholm begann erst 2002 zu ermitteln, die Dorf-Tatorte waren zwar von Beginn an ihr Markenzeichen, aber 2005 zumindest noch kein Manierismus in dem Sinn, dass hier einem Typ Mensch eine Plattform geboten wird, der sich mal so richtig über andere stellen will. So gesehen, ist eher der Ballauf-Schenk-Film das Vorbild und die beiden haben eine stets angenehme, vorurteilsarme Weise, an ihre Fälle heranzugehen. An Bruno Ehrlichers „Atlantis“ dachte ich beim Schreiben der Vorschau gar nicht, da wird ein Tagebau zum Freizeitpark, wenn ich mich richtig erinnere.

Die unterschiedliche Atmosphäre im alten und im neuen Dorf sind gut gemacht, vor allem ist es so witzig, wie sich im neuen Dorf alle zeigt, was es an Verstrickungen vorher auch gab, wie alle wieder zusammen wohnen wollen. Das ist vielleicht der am wenigsten realistische Teil, dass nicht einige die Chance nutzen, mit der Enteignungsabfindung dieser Enge zu entfliehen und sich wenigstens ein paar Kilometer abzusetzen. Aber wenn eine Frau sich schon von ihrem Mann, der eine Neue hat, in den Wohnwagen verfrachten lässt – offenbar kleben alle an ihren missgestalteten Verhältnissen und das kommt ja auch in der Realität nicht so selten vor. Auf dem Dorf sicher häufiger als in Großstädten, wo die Auflösung von Verbindungen auch in den Milieus viel weniger für dramatische Verschiebungen im Sinn eines Statusverlustes oder dergleichen sorgen.

Die Figuren sind gut gezeichnet, die Verhältnisse untereinander für so eine kleine Gemeinschaft nicht unrealistisch, wenn man sie auch als Verdichtung begreift, denn alle, die in der Kneipe mit dem treffenden Namen Rausch zugange sind, sind auch am Fall beteiligt. Witzige Idee, den Überfall darzustellen, indem man anfangs Max und Freddy eine Übung machen lässt, die einen solchen Überfall zum Inhalt hat. Natürlich ist Max dabei wieder der bessere Polizist, geht eben nichts über eine Schulung in dern USA. Da der Film ja sehr konsequent aus der Perspektive von Max und Freddy gefilmt ist, erhält man auf diese Weise einen Eindruck vom realen Überfall, ohne dass er gezeigt wird. Es gibt allerdings auch ein paar Szenen, in denen die beiden Cops nicht im Bild sind.

Ein Tempodrom ist „Schürfwunden“ sicher nicht und ganz logisch ist er auch nicht, es gibt noch mehr Wischer als die oben angerissenen, aber er besticht durch seine Figuren und die Idee, ein Dorf darzustellen, das ganz neu und doch so von der Vergangenheit belastet ist. Sogar die Toten reisen mit und wie einfach kann man da mal eine zusätzliche Leiche entsorgen. Max und Freddy hatten schon Auftritte, in denen sie mehr entfesselt wirken und warum sie ausgerechnet in diesem Film keinen alten Straßenkreuzer fahren dürfen, sondern einen auch 2005 schon ziemlich alten Ford Fiesta nehmen müssen, dafür gibt es keinen erkennbaren Grund. Besser: Es gibt immer Gründe, Polizisten eher defensiv wirken zu lassen und schlicht im Auftritt, aber diese Gründe werden in Köln normalerweise ignoriert.

In der Vorschau hatten wir uns noch zu Max‘ Unbehaustheit und Freddys Familienleben geäußert und tatsächlich spielt beides hier eine Rolle: Max findet – sic! – kein Zuhause und Freddy wird pädagogisch gegenüber einer Jugendlichen. Was dem Film neben der Stringenz ein wenig fehlt, ist, dass man mitgehen kann. Die Identifikation mit einer der Figuren ist schwierig, weil sie alle auf einem recht gleichmäßigen Niveau dargeboten werden, niemand fällt aber, aber niemand wird besonders hervorgehoben. Nur mit der jungen Frau aus – Thailand? Vietnam? – hatte ich Mitleid, weil sie von ihrem Mann wie ein Gebrauchsgegenstand behandelt wird. Besonders die Szene, in der Max und Freddy an der Haltestelle vorbeifahren, an der sie steht und sie nicht mitnehmen, war krass – aber sie haben ja auch die reaktivierte Ehefrau im Auto, die auf ihre Nachfolgerin-Vorgängerin gesponnen hat. Was man alles an Sozialkritik doch in solche Filme packen kann. Aber gäbe es die nicht, wäre es auch kein Köln-Tatort der „klassischen“ Ära, zu der man die Filme mittlerweile zählen kann, die in den 2000ern entstanden sind.

Finale

Man hätte auch den Braunkohle-Tagebau und seine Auswirkungen mehr herausstellen können. Selbstverständlich ist er präsent, sonst müsste ja das Dorf nicht umgesiedelt werden, aber ich glaube, heute würde man beispielsweise noch eine Schar Umweltaktivisten integrieren, von denen irgendwer auch als Mörder infrage käme. Aber 2005, wir erinnern uns, war das Thema Umelt fast weg vom Schirm, wegen der hohen Arbeitslosigkeit, der schlechten Wirtschaftslage Anfang der 2000er. Vielleicht gibt es ja wirklich bald einen Hambi-Tatort.

7/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Besetzung

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Dr. Roth – Joe Bausch
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Manfred Ackermann – Werner Wölbern
Gernot Ackermann – Stephan Kampwirth
Lensen – Dieter Brandecker

Stab

Drehbuch – Frank Posiadly, Niki Stein
Regie – Niki Stein
Kamera – Arthur W. Ahrweiler
Szenenbild – Frank Polosek

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