Schuldlos unschuldig – Tatort 202 / Crimetime 149 // #Tatort #Berlin #TatortBerlin #RBB #SFB #DDR #Schuldlosunschuldig #Tatortschuldlosunschuldig #HeinzDrache #Bülow #TatortClassics

Titelfoto © SFB

Der letzte Tatort mit West-Ost-Thematik vor der Wende?

„Alte „Tatort“-Krimis neu restauriert. Zum Auftakt der zweiten Staffel „Tatort Classics“ gibt es ein Wiedersehen mit Heinz Drache als Hauptkommissar Bülow.“

So bewirbt der RBB die Wiederholungen alter Tatorte seines Vorgängers SFB (Sender Freies Berlin). Die erste Staffel beinhaltete im Jahr 2017 die ältesten Berlin-Tatorte, die in den 1970ern und frühen 1980ern enstanden und folgt die anschließende Zeit mit Heinz Drache als Kommissar H. G. Bülow.  Heute gilt „Schuldlos unschuldig“ gemäß Meinung der Nutzer des Tatort-Fundus als mit einigem Abstand bester unter den Bülow-Tatorten. Wie sehen wir das? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Aus einem Container mit verseuchter Erde aus einem Umweltskandal ragt ein nackter weiblicher Arm. Die dazugehörige Leiche weist eindeutig Spuren eines heimtückischen Mordes auf. Der oder die Täter haben offensichtlich gewusst und darauf spekuliert, dass die Ladung von Berlin (West) auf eine Sondermülldeponie in die DDR gebracht werden sollte.

Ein Fall für Hauptkommissar Bülow, der ihm und seinem bewährten Team manche Rätsel aufgibt. Flüchtig, so meint er, sich zu erinnern, ist er der „unbekannten“ Toten einmal begegnet. Wo liegt das Motiv für die Tat? Bülow ermittelt im privaten und beruflichen Bereich der Ermordeten und wird dabei fündig.

Alle Indizien verdichten sich, der Verdacht wird zur vermeintlichen Gewissheit, und Hauptkommissar Bülow erwirkt den fälligen Haftbefehl – die Polizeispitze drängt auf rasche Aufklärung. Doch Bülow ist sich unsicher: War es die richtige Entscheidung, oder wurde jemand schuldlos schuldig

Das rbb Fernsehen sendet bis zum Jahresende in der Reihe „Tatort Classics“ elf in Berlin produzierte Tatorte aus den Jahren 1975 bis 1995 in restaurierter HD-Fassung und mit Videotextuntertitelung.

Aus der Vorschau

Ich erinnere mich gut an das Jahr 1988, weil es in meinem Leben den Wechsel von der Ausbildung an die Uni mit sich brachte – und nichts, gar nichts deutete darauf hin, dass bald die Mauer fallen würde. Im Sommer war eine FDJ-Gruppe bei uns zu Gast, die uns den Eindruck vermittelte, der Westen sei ja nun doch technologisch von der DDR abgehängt worden. Haben wir’s geglaubt? Jedenfalls geht nichts über eine fundierte ideologische Schulung schon in jungen Jahren, wenn man überzeugend sein will.

Auf die Idee, nach Westberlin zu ziehen, wäre ich damals nicht gekommen, denn was viele als eine Art Nische für ein anderes Lebensmodell empfanden, war für mich eher der Ausdruck eines unnatürlichen, negativen Zustandes. Wenn schon wech von zuhause, dann lieber in den Norden oder den Süden bzw. den Südwesten, auch wegen der Qualität der Unis. Das heutige Berliner Bildungswesen – nun gut, wir wollen nicht zu weit ausgreifen.

Aber es zieht sich eben doch durch viele Bereiche, dass Berlin lange Zeit eine Insel war. Nicht abgeschottet, aber erhalten in einem Zustand der Subventionierung, der viele Qualitätsmängel entstehen ließ, die heute noch die Mentalität unter anderem der Administration prägen. Vieles wirkt hier noch immer etwas behelfsmäßig.

Das gilt auch für viele Berliner Tatorte. Die ersten Jahrzehnte waren von experimentellen und häufig unprofessionell wirkenden Filmen geprägt und hinterlassen einige Fragen darüber, was denn so der State of Mind der Kulturschaffenden im Fernsehbereich im geteilten Berlin war, welche Ideen und Konzepte hinter den damaligen Tatorten steckten und wie das alles mit der Lebenswirklichkeit korrespondierte, sie spiegeln, verdichten, durch Verzerrung möglicherweise bewusste machen sollte.

Zuletzt empfanden wir „Die kleine Kanaille“ als einen recht befremdlichen und fragwürdigen Film. Trotzdem ist es fein, dass der RBB sich um sein nicht ganz einfaches Erbe kümmert und uns die damaligen Filme wieder in restaurierter Fassung zugänglich macht. Wir wollen ja irgendwann ein komplettes Bild der Tatortgeschichte haben und andere Sender haben schon vor Jahren ihre Schätze aus der Truhe gekramt (WDR, SWR, HR, BR).

Rezension

Schon witzig, dass in dem Jahr, in dem wir einen sehr interessanten DDR-Kontakt hatten, ein Krimi über Industriespionage durch die DDR gemacht wurde.

„Einige Kritiker befanden, dass dieser Tatort allzu sehr mit Zufällen arbeitet, was ihn streckenweise unglaubwürdig machen. Andere finden, es war dennoch der beste Fall von Bülow.“, kann man bei „Tatort Fans“ nachlesen. Letzteres finden ja auch die Kenner der Reihe auf der Konkurrenzplattform Tatort-Fundus, siehe oben.

Sicher ist es sehr zufällig, dass H. G. Bülow die junge Frau, die wenige Tage später ermordet sein wird, in einem Restaurant kennenlernt und sie auf einem Bild wiedererkennt, das in der Rechsmedizin von ihr angefertigt wurde. Aber er kann sie ja nicht identifizieren und Papier hat sie nicht dabei. Die Identifikation erfährt die Leiche durch ihren Chef. Dass Bülow vorher mit ihr Kontakt hatte, trägt zur Handlung gar nichts bei, das kann man schon eher kritisieren, wenn man auf dynamische Drehbuchgestaltung Wert legt. Denn auch ihr Begleiter an dem Abend, der Herr Führungsoffizier mit dem grünen Audi 80, wird ja aufgrund einer Kennzeichen-Notiz seitens des Unternehmers in Nöten namens Armin Denzel aufgespürt. Dass sich verschiedene Figuren immer so ungünstig begegnen, ist lediglich in dem Moment etwas dick aufgetragen, als bei der Firma von Denzel wohl kurz nacheinander der Stasi-Mann und der Kollege Sicherheitsbeauftragte erscheinen. Aber nach heutigen  Maßstäben ist das keine eklatante Häufung von Zufällen, sondern tatort-typisch.

Dass Claudia sterben wird, ist anhand ihres risiko- und konfliktreichen Lebens mit lauter miesen Typen absehbar und wer es war, ahnt man auch sofort. Die Versteckung des Mörders oder Totschlägers vor dem Publikum gelingt beinahe zu keinem  Zeitpunkt, denn man weiß, dass es Denzel nicht war und man ahnt sehr, dass es der Stasi-Mitarbeiter auch nicht gewesen sein dürfte. Die Frau von Denzel wäre auch in Frage gekommen, aber daran habe ich zu ihren Gunsten nie geglaubt.

Sehr interessant ist die Titelwahl, weil sie sich auf mehrere Charaktere bezieht. Bülow erwähnt das Wortspiel gegenüber Denzel, der sich komplett verstrickt und in gewisser Weise trifft es auch auf das taffe Mädchen aus dem Osten zu, das versucht, seine Träume durch Spionage zu erfüllen. Am Ende weiß man aber: Es gilt auch für Bülow selbst. Er tut nur seine Pflicht und treibt damit doch den Denzel in den Selbstmord. Dass er nicht eher darauf kommt, dass der Mann suizidgefährdet ist, finde ich angesichts von Bülows Charakterzeichnung als Spürhund und Typ alter Schule gar nicht abwegig. Heute würde man – hoffentlich – einen Mann wie Denzel nicht einfach so davonziehen lassen und nicht einmal reagieren, nachdem er selbst offenbart hat, dass er nicht mehr weiter weiß. Dass er sich umbringt, ist zumindest für den Zuschauer in dem Moment offensichtlich, in dem er Bülow in seine Fabrik bestellte.

Wie aber sieht es mit dem heiklen Thema der Wirtschaftsspionage aus? Gab es Frauen wie Claudia oder wurde auch ihr Handeln von DDR-geneigten Kritikern als unrealistisch angesehen?

„In „Wirtschaftsspionage der DDR“ berichten Insider zum ersten Mal, wie den westlichen Unternehmen geheimste Forschungs- und Entwicklungsunterlagen im Auftrag der Stasi durch eigene Mitarbeiter entwendet wurden. Die taten das nicht nur für Geld, sondern aus ideologischer Überzeugung. Agent „Petermann“ erzählt, wie es ihm gelang, die DDR frühzeitig über den Bau des Kampfflugzeuges Tornado in Kenntnis zu setzen. Spion „Hans Hildebrandt“ legte durch seine Berichte aus der chemischen Industrie im Westen die Grundlage dafür, dass die DDR Plaste und Elaste herstellen konnte. Und Agentenführer Werner Stiller ließ sich von seinen Spionen über die Atomindustrie im Westen berichten.

Sie alle waren angewiesen auf technische Geräte, die das MfS in einer über 1000 Mitarbeiter starken Abteilung, dem operativ-technischen Sektor (OTS), entwickeln ließ: Gießkannen mit eingebauter Kamera, Füller mit versteckten Mikrofonen, fotografierende Schirme und Taschen. Der ehemalige Leiter der OTS-Abteilung Funkaufklärung, Reinhard Schiffel, erläutert, wie dort Agenten- und der Abhörtechnik angefertigt wurden. Er führt uns zu den volkseigenen Betrieben der DDR, in deren geheimen Abteilungen man ausschließlich für den OTS arbeitete.“ (Begleittext zu einer ARD-Dokumentation aus dem Jahr 2017).

Claudia ist höchstens insofern eine Ausnahme, als sie eher auf eigene Faust zu arbeiten scheint und ideologisch nicht gebunden wirkt. Und ihr ganz normaler Fotoapparat, von dem man nicht so richtig mitbekommt, wie er mit ihr ins Archiv gelangt, ist ein eher einfaches Mittel der Wahl.

Keine leichte Kost für Ostalgiker, dass die DDR selbstständig kaum etwas Industrielles auf die Beine brachte, was sich mit den Entwicklungen des Westens messen konnte, aber zum Glück für die Erfinder und zum Unglück für die Spione wird die Innovation der  Zukunft, wenn sie endlich in die richtige Richtung gesteuert wird, kein technischer Wettlauf im früher üblichen Sinn sein, da die Innovationsfähigkeit klassischer Industrieprodukte ohnehin weitgehend ausgeschöpft ist und das Internet im Grunde kaum eigenständig wertschöpfend innoviert, sondern lediglich die menschliche Arbeit strikter kapitaldienlich macht als jede Wirtschaftsform seit dem berüchtigten Manchester-Kapitalismus.

Fazit

Kaum nötig zu erwähnen, dass der Film konservativer ist und langsamer als heutige Tatorte, aber wie sich Claudia und Armin in ihrem Leben verfangen, ist schön nachvollziehbar, erzeugt Spannung und auch die Motivlagen wirken schlüssig. Das konventionalle, aber insgesamt stimmige Szenario erweckt den Eindruck, als habe man in Berlin Ende der 1980er die Schnauze voll gehabt von schrägen Filmen, die von der Kritik verrissen werden und beim Zuschauer des Jahres 2018 ein Gefühl von Befremdung auslösen. Am neuzeitigsten, von der Mode natürlich abgesehen, wirken die beiden Assistenten von Bülow und die Arbeiter von Alba und am Bau, sofern es heute noch welche unter ihnen gibt, die berlinern. Gut gespielt auch der treue Nachtwächter und seine Frau, deren Dasein als Gegenwelt zur allgemeinen Hatz nach dem Geld gezeigt wird. Heinz Drache wirkt wenigstens nicht so überzogen wie in „Die kleine Kanaille“, Claudia Demarmels, die mit dem Film „Theo gegen den Rest der Welt“ (1980) an der Seite von Marius Müller-Westernhagen bekannt wurde, wirkt hingegen etwas angestrengt – möglich, dass das so gewollt war, weil die ehrgeizige Frau, die sie darstellt, immer unter innerem Druck steht.

Sicher ist „Schuldlos schuldig“ einer der besten Berlin-Tatorte der Vorwende-Ära.

7,5/10.

Besetzung und Stab

Heinz Drache (Hauptkommissar H. G. Bülow) Jürgen Kluckert (Kommissar Matthias Leuschner) · Maximilian Wigger (Assistent Öllerink) · Horst Schön (Stegmüller) · Almut Eggert (Sonja Bach) · Rolf Becker (Armin Denzel) · Claudia Demarmels (Claudia Lorek) · Hans-Werner Bussinger · Edeltraut Elsner · Gudrun Genest · Ursula Gerstel · Antje Hagen · Klaus Jurichs · Arnfried Lerche · K. U. Meves · Klaus Mikoleit · H. H. Müller · Hans Nitschke · Rainer Pigulla · Horst Pinnow · Peter Schiff · Eric Vaessen

Regie -Thomas Engel
Buch – Peter Scheibler
Kamera – Michael Marszalek
Schnitt – Barbara Herrmann
Musik – Friedrich Scholz

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