Blutschuld – Tatort 935 / Crimetime 152 // #Tatort #TatortLeipzig #MDR #Saalfeld #Keppler #Blutschuld #TatortBlutschuld #Tatort 935

Crimetime 152 - Titelfoto © MDR / HA Kommunikation

Das Blut ist nicht schuld daran

Wir waren gespannt, wie sich Simone Thomalla als Eva Saalfeld und Martin Wuttke als Andreas Keppler, beide KHK, in ihrem vorletzten Einsatz schlagen würden. Schließlich wussten sie bei den Dreharbeiten schon, dass der MDR sie absetzen würde. Wir gehen in der Rezension der Frage nach, woran es wirklich liegt, dass Leipzig II keine Tatorte gefertigt hat, die einmal zu den großen Klassikern zählen könnten. Denn der 935. Tatort bietet sich für eine Nachbetrachtung sehr gut an, weil er prototypisch für diese Schiene ist – bis auf die Brutalität, die ist überdurchschnittlich stark ausgeprägt.

Handlung

Die Kommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler werden zu einem Tatort am Stadtrand gerufen. Dort ist der Abfallunternehmer Harald Kosen im Schlafzimmer seines Hauses erschlagen worden. Obwohl viel Bargeld aus dem Wandtresor gestohlen wurde, deutet die Brutalität des Mordes für die Kommissare auf eine Tat aus Wut oder Hass hin. Der erste Verdacht fällt auf den ehemaligen Firmenpartner Kosens, Christian Scheidt. Seine Tochter wurde vor einigen Jahren von Harald Kosen bei einem Verkehrsunfall getötet. Wollte Scheidt sich rächen?

Kosens herzkranke Ehefrau Astrid hat die letzten Tage im Krankenhaus verbracht, sie kommt als Täterin nicht in Frage. Ihre erwachsenen Kinder Sofie und Patrick wohnen nicht mehr im Haus. Patrick ist von seiner Familie enttäuscht, die ihm keinen Schutz geboten hat, als er in Schwierigkeiten war. Nach einer Jugendstrafe wegen Raubes mit schwerer Körperverletzung gibt er sich nun geläutert und sucht anscheinend die Versöhnung mit seiner Familie.

Sofies Ehe mit Frank steht vor dem Aus, weil sie immer mehr zu ihrem Vater hielt als zu ihrem Mann. Frank ist in Kosens Recyclingfirma angestellt. Dort lief es für ihn auch beruflich alles andere als gut – sein Schwiegervater wollte ihn nach einem Erpressungsversuch aus der Firma werfen. Ein verzweifelter Anruf Sofies setzt die Kommissare unter Druck. Haben sie es mit einem Serientäter zu tun? 

Rezension

Ein Familiendrama. Eines, dessen Ende kaum noch ein Familienmitglied lebend erlebt. Es spritzt Blut und ein Opfer wird umgebracht, während die Kommissare am Telefon zuhören.

So gruselig oder so greulich? In Sachen Leipzig bzw. Dresden sind wir in jüngerer Zeit weitergekommen und haben nun auch viele Ehrlicher-Kain-Tatorte gesehen und die beiden kuriosen Typen richtig schätzen gelernt. Was wir aber selten gut fanden, waren ihre Fälle. Nicht nur, dass es einfach nicht bis in die Drehbuch-Schreibstuben oder zu den (nicht?) korrigierenden Sender-Verantwortlichen zu vermitteln war, dass das Durchsuchungsdingens „Beschluss“ heißt, und nicht „Befehl“ (Freud für die Primarstufe angehender Deutsch-Ost-West-Völkerkundler), denn das hat sich immerhin mit Saalfeld und Keppler geändert. Nein, vielmehr ist der Hauptgrund dafür, dass Leipzig eine Erneuerung braucht, und die braucht es wirklich, auch wenn sie in Dresden stattfinden wird, dass der MDR offenbar die Drehbücher für den halben Preis angekauft hat, die bei anderen ARD-Sendern abgelehnt worden waren. Aber gerade an dieser wichtigen Stelle sollte man eben nicht sparen. Sonst wird man nie dahinterkommen, dass es nicht in erster Linie Simone Thomallas Schauspielerei war, die fürs Ende gesorgt hat.

Auch die drei Engel, die nun kommen werden, und ein so aufgestelltes Team hatten wir immerhin noch nicht, werden auf vernünftige Skripte angewiesen sein. Solche zum Beispiel, bei denen nicht trotz konservativer Inszenierung letztlich auch noch der Effekt überwiegt, den man in Leipzig bisher immer geschickt vermieden hat. „Blutschuld“ wirkt wie eine Art Selbstjustiztatort, in dem der MDR Sühne für die Sünden der Vergangenheit begeht.

Aber da man offenbar den richtigen Knackpunkt noch nicht gefunden hat, geht es in diesem Tatort ebenso: Der Täter war nicht nur früh zu erkennen, zum Beispiel, weil er als einzige Person im Film Raucher war und weil er ohne Not etwas von Täter-Opfer-Ausgleich faselte, und vielleicht in gewisser Weise sogar daran glaubte – also nicht nur andere, sondern auch sich selbst täuschte. Dieser Ansatz von religiöser Hinterlegung, der hier gezeigt wird, kann nur von Atheisten geschrieben worden sein, denn da hätte man – weiß Gott! – mehr draus machen können als diese lapidare, sterile Minimal-Inszenierung.

Warum jemand, der sich – der Sühne wegen – von einem Opfer-Angehörigen totschlagen lassen will, vorher ein so aufwendiges Versteckspiel betrieben hat, wird ebensowenig klar wie die Motivlage als solche. Erst die Morde, dann die Sühne? Komplett unglaubwürdig. Entweder ist jemand davon besessen, seine Familie auszulösen – oder davon, Buße zu tun. Aber gewiss nicht beides gleichzeitig oder abwechselnd innerhalb weniger Stunden. Es gibt (pseudo-) religiös motivierte Ritualmorde und Mordserien, aber hier sind zwei Bewusstseinszustände des Täters komplett voneinander getrennt, ohne dass erkennbar würde, er habe eine entsprechende Persönlichkeitsstörung.

Am Schluss erfahren wir weder, ob der Täter überlebt hat, noch, ob es stimmen konnte, dass er seinem Vater ins Lenkrad gegriffen hatte, als dieser die Tochter seines Geschäftsfreundes überfuhr (welche eine Idee – gut, dass diese Szene nicht gezeigt wird, dadurch fällt weniger auf, wie abstrus sie gewesen wäre). Vielleicht nämlich hat T. das nur gesagt, um den einzigen unversehrt überlebenden Part des einstigen Familiendramas zu provozieren. Was ihm auch gelingt, dieser schmeißt mit allem, was die Küche hergibt, sogar mit einer Kaffeemaschine.

Anfangs werden hingegen geschäftliche Aspekte in den Ring geworfen, wo sie unbeachtet liegen bleiben, denn es wird schnell klar, dass es um Verstrickungen einer Familie geht.

Im Grunde alles super. Ein reines Familiendrama ohne alle Nebenschauplätze war lange fällig. Im besten Fall hätte der Fall also dazu gedient, den Stand der Dinge zu zeigen, wie macht man also in postmodernen Zeiten ein Familiendrama. Nicht mehr mit dem sozialpädagogischen Ansatz wie damals, als der Tatort laufen lernete. Aber mit weniger vielen Elementen und mehr Konzentration als „Blutschuld“. Denn es ist nicht so, dass das Außenvorlassen des Ermittler-Privatlebens und anderer zeitfressender Aspekte dazu geführt hätte, dass ein klar konstruierter Plot entstanden wäre. Einmal wird dieser Zwang zur Verwendung von talking Heads, also Menzel oder das Ermittlerpaar selbst, sogar ironisiert, als Wuttke den KTechniker auffordert, vorzulesen, sprich: dafür zu sorgen, dass nicht nur Keppler, sondern auch das Publikum die neuesten Erkenntnise erfährt.

Ansonsten ist der Film frei von Ironie – oder er ist komplett ironisch, ganz sicher sind wir uns da nicht. Man kann ein Gemetzel ja so darbieten: Als Theateraufführung, wie in „Im Schmerz geboren“, also stilisiert und erkennbar bühnenhaft inszeniert, oder als eine Art Todesballett in einer Aufführung der Wiener Staatsoper, aber man kann es auch so selbstzweckhaft wirken lassen wie in „Blutschuld“. Und damit banal.

Wenn es etwas wie eine Stimmung gab, dann wohl offscreen, denn dieses Mal wirken beide Ermittler sehr nüchtern, obwohl Saalfeld doch gesagt bekommt, wie gut sie ist – falls das ein trotziges Statement war, dann ist dies allerdings ironisch, denn kurz darauf hat sie eben nicht das Gefühl für die Gefahr, sondern kann nicht verhindern, dass ihre Gastgeberin, die ihr jenes Kompliment macht, ermordet wird.

Fazit

Dieses Mal hat man den Eindruck, dass auch Martin Wuttke stellenweise etwas ungelenk wirkt und sein Understatement an Gleichgültigkeit grenzt. Wäre dies eine Kritik für ein größeres Medium, würden wir uns subjektive Anmerkungen wie diese wohl verkneifen, aber alle Sinne sind involviert, wenn es um die Beurteilung eines Films geht. Und dass Wuttke so verstopptelt und irgendwie fertig aussieht und Thomallas Hauttyp die Unterspritzungen nicht besonders gut verträgt, lässt dieses Team wie kaum ein anderes optisch angegriffen wirken – und das steigert den Eindruck von um sich greifender Müdigkeit innerhalb eines reißerischen Falles, der dadurch besonders verschoben wirkt. Das gewählte Titelbild gibt die Stimmung ganz gut wieder, finden wir.

Wir haben uns nicht gelangweilt, sind nur ein einziges Mal für Sekunden weggenickt, obwohl wir den Film zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt angeschaut haben (der noch immer nicht abgebaute Filmstau erfordert das leider). Allerdings hat dieses Dranbleiben seine Begründung auch im Interesse an der Sensation. Und bereits beim vorletzten, nicht erst beim finalen Fall erwartet man irgendetwas Besonderes oder auch nur, ein Fazit wie dieses ziehen zu können.

Schade, dass der neue Leipzig-Tatort mit dem aktuellen Team nach unseren Maßstäben nicht einmal eine durchschnittliche Wertung bekommt: 6/10.

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Astrid Kosen – Lina Wendel
Christian Scheidt – Uwe Bohm
Einsatzleiter – Ulf Manhenke
Frank Bachmann – Alexander Khuon
Harald Kosen – Bernhard Schütz
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Kriminaltechniker Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Leonie Krajczinsky – Lisa Hagemeister
Patrick Kosen – Tino Hillebrand
Polizist der SoKo – Jonas Fürstenau
u.a.

Drehbuch – Stefan Kornatz
Regie – Stefan Kornatz
Kamera – Andreas Doub
Musik – Stefan Will, Marco Dreckkötter

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