Hinkebein – Tatort 831 / Crimetime 153 // #Tatort #TatortMünster #Münster #WDR #Thiel #Boerne #AxelPrahl #JanJosefLiefers #Hinkebein #TatortHinkebein

Crimetime 153 - Titelfoto © WDR, Martin Menke

Der Tiger, der Wiesmann und der fliegende Thiel

Eines war in diesem neuen MünsterTatort spannender als sonst: Den Wagen zu erraten, den Professor (und Doktor, echt, nicht wie zu Guttenberg und Alberich) Karl-Friedrich Boerne chauffierte. Jedenfalls war es ein Wiesmann Roadster, wir legen uns aber nicht auf den genauen Typ fest. Die Seite des Sportwagenherstellers ist derzeit wegen Überlastung nicht aufrufbar, aber hier der Link: www.wiesmann.com.

Während die Autos von KF immer ausgefallener werden, kann man das von den Plots aus Münster nicht unbedingt behaupten. Wir hatten ein Déjavu. In unserem Bekanntenkreis hatte bei der letzten Tatortpremiere („Scherbenhaufen“) das Wort vom Wohlfühlkrimi die Runde gemacht. Wenig Spannung, keine beunruhigenden Sondermilieus und Sub-Parallelgesellschaftsangehörige wie Rechtsradikale, muslimische Fanatiker. Keine sinisteren Hinterwäldler. Gute Gefühle dürfen sich wiederholen, so auch dieses: Wohlfühlkrimi am Sonntagabend.

In „Hinkebein“ demontieren sich aber nicht die Reichen, was den mittelständischen Zuschauer besonders freuen würde, der mehr arbeiten muss, um weniger zu verdienen – vielmehr bleibt das Milieu für Münsteraner Verhältnisse überraschend bescheiden. Dass Ole Puppe in einem ziemlichen Kraftakt vom bösen Unternehmersohn zum harmlosen, vom Sorgerecht benachteiligten Fleischfahrer mutieren musste, und dies innerhalb einer Woche, ging nicht spurlos an ihm vorüber. Er hatte nicht einmal Zeit zum Rasieren und auch keine Zeit, seine für einen Fleischfahrer ziemlich gehobene Sprache zu überdenken.

Oft mussten wir schmunzeln, manchmal auch lachen, finden die Darstellung von Alkoholismus und überzogener Jugendrenitenz immer ein wenig peinlich, vor allem in Kombination, aber das angenehme Gefühl, dass alles gut wird (außer natürlich für die einzige Leiche im Film) überwog bei weitem. Ein Tiger, der zum Plüschtier wird, ein eher sanguinischer Pressesprechertyp, der vermutlich einmal die neunschwänzige Katze dem Kuschelsex vorgezogen hat, sowas gibt’s nur im wunderprächtigen Münsteraner Typenzoo.

An „Zwischen den Ohren“ reicht „Hinkebein“ nicht heran, soviel steht fest. Gar keine Frage, dass wir uns gut unterhalten haben, aber hin und wieder denken wir ja noch darüber nach, was so ein Thema wie der Rächer nach 13 Jahren bei ernsthafterer Bearbeitung als Krimi  hergeben könnte. Wir würden uns dann wünschen, dass das Drehbuch nochmal nach München geschickt wird, von den schlimmsten Klamaukdialogen befreit und noch einmal verfilmt wird, mit weniger Rollen und Nebenschauplätzen. Das war jetzt nur so eine Idee.

Handlung

Kommissar Frank Thiel und Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne ermitteln im Fall einer ehemaligen Kripo-Beamtin, die auf offener Straße tot aufgefunden wurde – nur mit einem Slip bekleidet. Am Leichnam der Frau hat Boerne keine Spuren von Gewalt feststellen können.

Kommissar Frank Thiel von der Mordkommission übernimmt trotzdem: Denn warum ist Katja Braun fast nackt auf die Straße gelaufen und stirbt dann an Herzversagen? Bei der Kripo ist das Opfer keine Unbekannte. Früher war Katja Braun Polizistin. Jetzt weist ihr Tod Parallelen zu einem Fall auf, in dem sie selbst einmal ermittelt hatte. Eine Prostituierte war damals erdrosselt worden. Als dringend tatverdächtig galt deren Zuhälter Heinz Kock, wegen seiner Gehbehinderung in der Szene auch als Heinz Hinkebein bekannt. Kurz vor seiner Festnahme war er untergetaucht. Hat er sich nun an der ehemaligen Kommissarin gerächt? Oder ist Katja Brauns Tod doch mehr ihrem Alkoholproblem zuzuschreiben? Dadurch war auch das Verhältnis zu ihrem Ex-Mann Jörg Braun und zu ihrer Tochter Marie offensichtlich sehr angespannt.

Derweil versucht sich eine Delegation russischer Polizeibeamten unter Aufsicht des Polizei-Pressesprechers Michael Hausner mit den hiesigen Ermittlungspraktiken vertraut zu machen. 

Rezension

„Hinkebein“ ist ein höchst durchschnittlicher Tatort. Wenn man die Anlage der ständig wiederkehrenden Figuren Thiel, Boerne, Krusenstern, Klemm, Vaddern und Alberich akzeptiert, fällt eines sofort auf: Wieso hat die Polizei in Münster plötzlich einen Pressesprecher namens Michael Hausner (Arndt Schwering-Sohnrey)?

Nein, wir hatten nicht beim ersten Auftritt desselben vermutet, dass er er der Mörder ist, sondern seine plötzliche Einführung nach so vielen Folgen, in manchen davon musste Thiel sich selbst mit der Presse abquälen und wieviel Freude hatte doch Boerne an solchen Auftritten, der Betreuung der russischen Gastdelegation zuzuschreiben.

Bis auf die Kinoszene war diese Delegation komplett sinnfrei. Oder doch nicht? Nein, wir wollen nicht ungerecht sein. Endlich wurde der hübschen Nadeshda Krusenstern eine Lovestory ins Drehbuch geschrieben, bevor  sie vielleicht für diese Art von schwärmerischer Liebe für einen russischen Austauschpolizisten zu alt ist. Da sie ja gemäß Filmbiografie Russlanddeutsche ist und die Sprache ihres Herkunftslandes spricht, wirkt dieser Part sogar recht überzeugend und die Russen tragen im Kino sogar dazu bei, dass die Ermittlung sich beschleunigt.

Vaddern Zufall

Die Ermittlung an sich ist wieder einmal, münstertypisch, auf Zufälle angewiesen, die sich vor allem zum Ende hin häufen und ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirken, wie zum Beispiel diese plötzliche Erkenntnis des Hinkebein anhand eines russischen Kosenamens oder der Tochter (Michelle Barthel) der ermordeten Polizistin Braun (Tanja Schleiff), die zufällig gerade im Polizeibüro sitzt und die Stimme des Pressesprechers wiedererkennt, der einst zusammen mit ihrer Mutter dafür gesorgt hat, dass Hinkebein (Wolfram Koch) zu Unrecht hinter Gitter kommt. Die persönlichen Konstellationen und Verwerfungen und die Herleitung etwa des Alkoholismus der Mutter aus Lasten und Lastern der Vergangenheit sind gar nicht so schlecht, aber in Münster wird alles durch die Inszenierung der beiden Ermittlungskomiker Boerne und Thiel überlagert.

In diesem Fall besonders stark, weil die Gagdichte – und zugegebenermaßen auch die Qualität – gegenüber den letzten Folgen wieder zugenommen hat. Nicht jeder Dialogpartikel ist pures Humorgold, aber das erwartet ja nun niemand, das erwartet man nicht einmal bei einer Comedy-Show, dass der Witz als solcher neu erfunden und als unterhaltende Kunstform zu immer neuen Höhen geführt wird. Da ist zum Beispiel die seltsame Szene mit dem Genitiv, da trumpft Thiel einmal auf, hat gegenüber Börne Recht und wird trotzdem krude abgemeiert. Hauptschüler als Schimpfwort, das muss nicht sein.

Alles auf meine Kippe!

„Ich nehme alles auf meine Kippe“ hingegen ist herrlich. So ein Freud kann nur der Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) unterlaufen, die den Hinkebein hat entkommen lassen (durchs Fenster!), weil sie für seine Tabaksucht naturgemäß Verständnis zeigte und ihn an ebenjenes Fenster treten ließ, damit er sich eine anstecken kann. Dafür musste extra eine im üblichen Vorgehen nicht enthaltene Vernehmung eines Verdächtigen durch die Staatsanwältin inszeniert werden, für die es, da geben wir Thiel Recht, keinerlei Notwendigkeit gibt. Aber so sind die meisten Münster-Tatorte seit einiger Zeit: Wohl und Wehe in der Kunst des Schreibens von halbwegs sinnvollen Handlungen liegen dicht beieinander und manches, was dabei herauskommt, ist nur Kunst für die Kunst und natürlich für die Lachmuskeln derer, die Münster-Tatorte einfach als das sehen, was sie sind: Komödien, in denen die Logik mehr flöten gehen darf, als man sich das in klassischen Kriminalkomödien getraut hätte.

Einerseits ist das Publikum heute sehr anspruchsvoll, will immer Neues und filmische Gimmicks (von denen „Hinkebein“ übrigens einige bietet, es gibt durchaus bildsprachliche Höhepunkte in diesem Film), findet so Vieles fad, aber lässt sich bezüglich der kriminalistischen Seite, an den Maßstäben gemessen, welche die Tatortserie insgesamt für sich in Anspruch nimmt, doch zu häufig blenden, weil Kommissar Thiel und sein Boerne so ulkig sind. Die Chemie zwischen den beiden stimmt auf ihre schrullige Art dieses Mal wieder sehr gut, keine Frage.

Da sind viele kleine Momente zum Genießen, besonders übrigens bei Thiel, der facettenreich gezeigt wird wie schon lange nicht mehr. Und dass ihm der Anzug eine andere Aura gibt, haben nicht nur wir schon in der Vorschau bemerkt, es ist auch Silke Haller (Christine Urspruch) aufgefallen. Aber dann solche Szenen wie den Strom im Treppenhaus abstellen und Boerne stellt ihn wieder an – to be continued. Welches so schön sanierte Objekt wie dieses 20er-Jahre-Mehrfamilienhaus hat schon die Stromkästen an dieser beschissenen Stelle im Treppenhaus, wo tatsächlich jeder ran kann, um zum Spaß die Sicherungen umzulegen. Neuere Stromkästen wie die hier gezeigten sind entweder in den Wohnungen oder für alle Parteien gemeinsam im Keller angebracht.

Immerhin, wie mit den Autos von Boerne, so mit den Häusern, in denen Thiel und Boerne Tür an Tür leben,als Mieter & Vermieter, als etatmäßiger Ermittler & hobbymäßiger Ermittler: Jedesmal ist alles anders. Und diese Wechsel von fahrbaren Untersätzen und festen Wohnsitzen zwischen den Folgen sind auf gewisse Weise spannender als die Handlungen der Filme selbst und sie sind Rituale. Rituale müssen nicht logisch sein, wie die jährlichen Zwangsvereinigungen verzankter Familien unterm Weihnachtsbaum beweisen.

Fragen hinter der Lösung des Falles

Was an „Hinkebein“ handlungstechnisch vor allem stört – dass die Handlung so viele Jahre nach der Verurteilung von Hinkebein ins Rollen kommt. Wieso kehrt er so spät zurück, warum beseitigt der seltsame Hausner die qua Alkoholproblem unzuverlässige Ex-Kollegin nicht sicherheitshalber früher und nimmt nicht selbst das Beweismittel an sich, das jahrelang in der Asservatenkammer von Boerne schlummert, das wäre für ihn doch leichter gewesen als für Katja Braun, die dafür sorgen muss, dass Boerne sich an seine Zeit als Tiger erinnert, zum Kaffee holen verschwindet, derweil Katja den betreffenden Karton mit dem verräterischen Taschentuch aufsuchen und dieses entnehmen kann.

Und wieso wurden bei der Ermittlung nicht alle erhältlichen Beweisstücke ausgewertet? Ob die Staatsanwaltschaft das als notwendig empfunden hat, ist eine Sache, aber der Verteidiger von Hinkebein hätte doch darauf bestehen müssen, dass auch dieses gebrauchte Schnupftuch Verwendung findet. Alle Beweisstücke sind für alle Parteien zur Be- oder Entlastung zugelassen. Seltsame Details also in der Handlung, wohin man schaut, und wir schauen ja gar nicht so genau, weil wir ja in Münster sind und nicht etwa in München.

Fazit

Das Schauspielerpaar Axel Prahl und Jan Josef Liefers tut für Münster wirklich sehr viel.

Es sorgt zum Beispiel auch dieses Mal wieder dafür, dass ein schwacher Plot von uns wieder einmal nicht so richtig abgestraft wird. Natürlich haben auch die übrigen Figuren, die uns regelmäßigen Tatortguckern so ans Herz gewachsen sind, dass wir uns immer wieder auf neue Münster-Folgen freuen, ihren Anteil daran, dass es wieder nicht  talwärts geht. Es ist wohl auch eine Kalkulation, die immer wieder funktioniert: Thiel und Boerne sind eine Marke, die sich von der Qualität ihrer Fälle unabhängig stellt und es verträgt, dass mindestens jeder zweite Fall nicht mehr als hochwertige Krimiunterhaltung bezeichnet werden kann.

Für 7/10 reicht es wieder.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Silke Haller [Alberich] – ChrisTine Urspruch
Nadeshda Krusenstern – Frederike Kempter
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Jörg Braun – Ole Puppe
Katja Braun – Tanja Schleiff
Heinz Kock – Wolfram Koch
Michael Hausner – Arndt Schwering-Sohnrey
Marie Braun – Michelle Barthel
u.a.

Drehbuch – Jan Hinter, Stefan Cantz
Regie – Manfred Stelzer
Produzent – Sonja Goslicki
Set-Aufnahmeleitung – Marcel Kommissin

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