Côte d’Azur – Tatort 960 / Crimetime 151 // #Tatort #TatortKonstanz #KlaraBlum #EvaMattes #CotedAzur #Tatort960

Crimetime 151 -Titelfoto © SWR, Johannes Krieg

Mord ohne Reue, Weihnachten ohne Hoffnung

Auffällig: Wie in der Vorwoche („Preis des Lebens„) und von einem anderen Team desselben Senders wird in „Côte d’Azur“ der Wert eines Lebens gegen den eines anderen gestellt – dieses Mal unter Zuhilfenahme der Hypothese, dass ein Kind nur wird überleben können, wenn die Rabenmutter getötet wird.

Einen Film, der an Weihnachten spielt und so gegen die Weihnachtsstimmung arbeitet, hat man wohl lieber an Allerheiligen ausgestrahlt, als dem Gebühren zahlenden Publikum damit die Festlaune zu verderben. Vielleicht gut so, denn an Tagen, die dem Gedenken an die Verstorbenen und nicht der Geburt eines Heilbringers gewidmet sind, ist ein so tristes Stimmungs- und Milieubild, wie es im 960. Tatort gezeigt wird, mehr angebracht. Gleichwohl wird sogar Kai Perlmann Fromm und betet erstmalig zu jenem Heilsbringer, weil er glaubt, Schuld auf sich geladen zu haben. Doch, das können wir an dieser Stelle bereits verraten, ihm wird Erlösung zuteil. Frohe Weihnachten? Nein, so, wie er das sagt, Klara Blum im Blick, merkt man, es gibt nichts zu feiern.

Handlung 

Die nächtliche SMS, die die Polizei zur Leiche der jungen Mutter Vanessa Koch am Konstanzer Rheinufer führt, kam wahrscheinlich von ihrem Mörder. Kai Perlmann übersieht den Hinweis auf den Säugling der Ermordeten, der in der Dezembernacht abseits im Schilf zurückbleibt. Nur dank Klara Blums Geistesgegenwart gelingt es, das halb erfrorene Baby zu finden und in ein Krankenhaus einliefern zu lassen. Ob es überleben wird, ist ungewiss. Die Ermittlungsspuren führen die beiden Kommissare in eine heruntergekommene Baracke, die den ironischen Namen „Côte d’Azur“ trägt. Darin findet eine Gruppe selbstorganisierter Obdachloser Unterschlupf.

„Der Tatort – Côte d’Azur“ ist die sechste gemeinsame Arbeit von Wolfgang Stauch und Ed Herzog. Sie erzählen von Menschen am Rande der Gesellschaft, die versuchen, ihr Leben so würdig wie möglich zu gestalten und sich gegenseitig loyal zu unterstützen, auch wenn sie immer wieder durch Armut, Alkohol und Drogen ins Straucheln kommen. Kai Perlmann muss erkennen, dass auch er fehlbar ist, und Klara Blum steht vor der Herausforderung, auch dann noch Empathie zu zeigen, wenn ihr Kollege durch eine Nachlässigkeit das Leben eines Babys riskiert.“ (ARD)

Rezension

Weil sowieso klar ist, dass der Bodensee-Tatort eingestellt wird, lässt man Klara Blum und Kai Perlmann handeln, als ob die persönliche Beziehung und das angenehmde Dienstklima eh nicht mehr wichtig wären. Alles auf Abbruch, nirgends Aubruch, nicht einmal Status Quo. Das passt zu einem Film, der Dissonanzen und dysfunktionale Beziehungen, der zerstörte oder nie zur Entfaltung gekommene Schicksale allerorten aufspürt und zeigt. Der außerdem keine Weihnachtsstimmung aufkommen lässt. Dazu ist der Chor zu schwach, sind die Farben der Welt zu blass – außer, um eine falsche Erwartungshaltung aufzubauen, in der Eingangsszene, die in Warmfarben gehalten ist und in der eine Frau „Stille Nacht, Heilige Nacht“ singt.

Diese Frau wird alsbald tot sein, und es stellt sich heraus, dass sie sterben musste, weil jemand Angst hatte, dass sonst ihr Kind sterben muss, das sie unter Alkoholeinfluss immer wieder misshandelt. Dadurch hat sie einen Hirnschaden bei dem Baby verursacht, der vielleicht reparabel ist, vielleicht nicht. Das bleibt offen. Zunächst rechnet sich Perlmann die Schuld an der Schädigung zu, weil er eine SMS falsch interpretiert hat. Lässt deren Inhalt darauf schließen, dass die Mutter das Kind dabei hatte, als sie getötet wurde, oder ist es zuhause? Ist es stundenlang der Dezemberkälte ausgesetzt oder nicht? Eine seltsame Kontroverse zwischen Blum und Perlmann entspinnt sich um den Aufenthaltsort des Babys, und inhaltlich hat Blum auf jeden Fall Recht, und die Umgebung des Tatortes hätte auf jeden Fall abgesucht werden können, wenn das Einsatzkommando eh schon in der Kälte herumsteht.

Dieser Tatort hat’s nicht mit der Affirmation, die erkennbare Verweigerung einer beruhigenden Auflösung teilt er mit allen anderen, die in letzter Zeit Premiere hatten. Seit dem Ende der Sommerpause ist alles grau, ist alles nur entsetzlich und traurig. War es vorher überwiegend auch schon, aber als so bedrückend haben wir den Eindruck eines Welt-Gesamtdesasters, das durch den ARD-Primetime-Sonntagabendkrimi an uns vermittelt wird, nie zuvor empfunden. Es gibt kein Entrinnen. Wer sich zwecks Vorbereitung auf die kommende Arbeitswoche am Vorabend bereits in depressive Stimmung bringen will, für den ist der Erstausstrahlung-Tatort in diesem Herbst 2015 Pflicht.

Manchmal lenkt ein allzu komplex konstruierter Fall noch von der traurigen Lage der Dinge ab, man muss über Fakten nachdenken, über die Logik des Ganzen, die Glaubwürdigkeit. Nicht bei „Côte d’Azur“, dessen Plot macht weniger Schwierigkeiten als das Auffinden des selten verwenden accent circonflexe auf der Tastatur des Computers, das wir aber zuletzt schon bei „Château Mort“ üben durften. Es könnte eine witzige Marotte der Konschtanzer Tatorte werden, ihnen französische Titel zu verleihen, in denen immer ein solcher Akzent vorkommt. Wunschdenken, denn Blum und Perlmann werden sich trennen und das Kommissariat am idyllischen Bodensee wird verwaisen.

Um nicht zu sehr betroffen zu sein vom Schicksal des Babys Alex, haben wir dennoch versucht, ein wenig über alles mit gebotener Distanz nachzudenken, und natürlich auch deswegen, weil wir nicht anhand vom Krankheitsverlauf des Kindes konstatieren zu müssen, dass es Gott auf jeden Fall gibt, dass dieser aber leider ein wenig fies ist und uns im Unklaren darüber lässt, ob er diesem unschuldigen Wesen endgültige Heilung wird zukommen lassen oder sich an einem leidvollen Schicksal mehr erfreuen will.

Obdachlose sehen wir in Berlin jeden Tag, im Moment nutzen sie die letzten schönen Tage des Jahres und übernachten auf Parkbänken, werden von der Sonne beglänzt, wirken vertraut und unglaublich fremd, wir gehen mit Scheu an ihnen vorüber und wagen den einen oder anderen verstohlenen Blick, aber alles ist so friedlich. Nicht wie sonst manchmal, wenn sie im Weg herumliegen, etwa am Eingang zum Automaten-Raum der Hausbank, oder wenn sie uns am Tisch des kleinen Biergartens um die Ecke bedrängen, an einem dieser letzten schönen Tage. Da schauen wir lieber nicht hin, und wir können nicht jeden unterstützen, der uns in Berlin um einen Euro nachsucht, sonst müssten wir zum Ausgleich selbst auf die Piste – und wer weiß, ob wir zwecks Einnahmenerwirtschaftung so gute Ideen hätten wie die Weihnachtsmänner aus dem „Côte d’Azur“, bei dem nur der Name einen Hauch von ironischer Poesie hat. Die Obdachlosenzahlen steigen seit Jahren und sie werden weiter steigen, das ist geradezu unvermeidbar. Und daran sind weder Gott noch der Weihnachtsmann schuld. Und auch nicht daran, dass am unteren Ende der Gesellschaft künftig noch mehr zusammengerückt werden muss. Wir erhalten durch den 960. Tatort eine Ahnung von den Ursachen:

Die üblichen Verdächtigen: Menschen, die finanziell ins Schleudern kommen, deren Ehen und Familien sich auflösen, die in Alkohol- und Drogenabhängigkeit geraten. Die ihr eigenes Leben aus der Kontrolle verlieren. Aber auch Hartz IV-Dynastien, die sich herausbilden und von Generation zu Generation mehr absturzgefährdet sind, keine Widerstandskraft, keinen Willen haben, die also degeneriert sind. Dieser Tatort stellt nicht nur Fragen an den Charakter Gottes, sondern hat auch selbst einen Hauch von Boshaftigkeit, denn er kritisiert das System der Alimentierung, das von Menschen nicht mehr fordert. Oder klagt er an, dass man sie nicht mehr fördert, sondern im Existenzminimum verkommen lässt, wenn sie gar nichts anderes mehr kennen, weil sie schon in solche Verhältnisse hineingeboren werden?

Jedenfalls bekommen ausgleichsweise die Reichen ihr Fett ab, wie es gute Tradition im „Tatort“ ist. Aber nicht mehr auf ironische, manchmal satirische Art, nicht mehr anklagend. Vielmehr nähert sich der Tenor, wenn sie gezeigt werden, an die Obdachlosen-Elegie an, aber ohne dieses Grundmaß an gegenseitiger Zuwendung, das die Menschen im „Côte d’Azur“ (oder manche von ihnen) noch füreinander übrig haben. Wo alles nur auf Geld aufgebaut ist, da ist es in den Menschen drin noch leerer als dort, wo eh kein Geld ist. Wo keins ist, kann es nicht die Charaktere verderben, aber wenn es schon nur um fünf Euro pro Tag als Erpressungstatbestand geht, da wird’s gleich rabiat, und wie demütigend ist es, um Drogen betteln zu müssen, weil man sie nicht bezahlen kann. Von der Loyalität, die im Infotext zum Film erwähnt wird, ist häufig nicht viel zu sehen, weil es selbst unter den Obdachlosen einige gibt, die nicht miteinander können. Nur der alte Mann, der Ex-Akrobat, der war genau so, wie wir die Berber in Berlin vom Vorübergehen kennen und wie wir sie uns als Menschen vorstellen, ohne jede Romantisierung, und ohne die Angst vor der Berührung auch nur für eine Sekunde zu verlieren. Auch den Typ, den der junge Punker darstellt, den sehen wir immer wieder in der Nähe eines Parks in der Nähe unseres Kiezes, im Sommer spielen sie Boule oder schauen zu und diskutieren über alles, was noch diskutabel ist, und es bleiben, wenn sie abgezogen sind, viele Bierflaschen stehen.

Fazit

Ein Kommentar, der leider im allzu Offensichtlichen ein wenig untergeht, ist in die Szene eingebaut, in welcher der Musikproduzent sein Kind dann scheinbar doch annimmt – und wie er da im Krankenhaus sitzt und sich die Zeit mit dem lärmigen Spielzeugauto vertreibt, das der Punker mitgebracht hat, während Baby Alex nebenan mitten zwischen den vielen Medizingeräten in seinem Bett liegt und schreit, weil der Krach den geschädigten Jungen offenbar stört. Es gibt mehr Details wie dieses, die so vielsagend sind, aber im heute üblichen Stil will „Côte d’Azur“ nichts dem Zufall überlassen und alles wird verbalisiert – und wirkt damit auch redundant und überdeutlich. Genau das ist ebenfalls eine Botschaft, wenn auch keine beabsichtigte: Die Welt ist so voller Unwägbarkeiten ist, so schwer zu erfassen, woraufhin damit auch das Filmhandwerk so mühsam und bedeutungsschwer geworden ist, darf es keine lässigen Inszenierungen, keine prallen Verbrechertypen und keine Bürger mehr geben, die ihren frisch eworbenen Nachkriegswohlstand zu Freiheiten aller Art nutzen, was zu allerlei tödlichen Verwicklungen führt. So, wie es in den so fern scheinenden Anfangsjahren der Reihe war. Damals gab es tatsächlich Ausflüge an die Côte d’Azur oder wenigstens nach Sylt. Heute sind alle schon gefangen in einer engen Welt, bevor sie Gelegenheit hatten, sich selbst Fesseln anzulegen. Was soll in dieser Welt aus Baby Alex werden? Die Sehnsucht nach einem Gestern, das es vielleicht nie gab, wird stärker.

Unsere Wertung: 7,5/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Klara Blum – Eva Mattes
Hauptkommissar Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Annika Beck – Justine Hauer
Baby Alex – Nele Gorbauch
Bill – Frank Fink
Dealer – Mirco Kreibich
Dr. Schwenkner – Barnaby Metschurat
Franziska – Friederike Linke
Hagen Bötzow – Andreas Lust
Jürgen Evers – Markus Hering
Krankenschwester – Rahel Ohm
Lucky – Kai Malina
Urs Hahn – Peter Schneider
Vanessa Koch – Mandy Rudski

Drehbuch – Wolfgang Stauch
Regie – Ed Herzog
Kamera – Andreas Schäfauer
Schnitt – Sandra Kocanek
Musik – Martin Probst

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