Borowski und die Frau am Fenster – Tatort 812 / Crimetime 157 // #Tatort #TatortKiel #NDR #Borowski #Brandt #BorowskiunddieFrauamFenster #Tatort812

Crimetime 157 - Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n

Wenn ein Tatort mit Zarah Leander beginnt, dann muss schon etwas Besonderes dahinterstecken. Hier ist es die Zeichnung der Figur der Tierärztin Charlotte Delius (Sibylle Canonica). Wenn man diesen Tatort mit anderen vergleicht, ist man geneigt zu sagen, dem Howcatchem gehört die Zukunft. Die Spannung resultiert nicht mehr daraus, den Täter zu ermitteln, sondern daraus, ihn zu fassen.

Viele Spitzentatorte sind so aufgebaut, weil man auf diese Weise eher ins Thrillergenre kommt und weil es möglich ist, Charaktere mit viel mehr Konsequenz aufzubauen und zu differenzieren, als wenn man anfangs peinlich darauf achten muss, falsche Fährten zu legen, was meist dazu führt, dass die Persönlichkeit des Täters viel zu kurz dargestellt, ja versteckt werden muss.

Das ist wirklich klasse gemacht, eine Frau zu zeigen, deren Romantizismus, deren Glauben an ein Wunder und an eine einzigartige Liebe, die irgendwann einmal kommen wird, zu idealisierten Vorstellungen und einer sehr niedrigen Frustrationsschwelle bei Enttäuschungen führt. Werte wie Dankbarkeit geraten dabei ins Zwielicht, die Fixierung auf Objekte einer unwirklichen Form von Liebe wird Realität.

Im Grunde hat man Mitleid mit der Frau – bis sie in einer wirklich überraschenden Aktion Borowski ans Leder will. Was für ein Glück, dass Polizeianwärterinnen schon Schusswaffen tragen dürfen. Damit, dass sie Borowski in letzter Sekunde rettet, spielt Sibel Kekilli als Ermittler-Novizin tatsächlich eine entscheidende Rolle in diesem Tatort.

Handlung

Eine junge Frau ist spurlos verschwunden und ihr Freund, ein Streifenpolizist, ist sich ganz sicher, dass sie ermordet wurde. Aber es gibt keine Hinweise auf ein Verbrechen. Hat der Polizist selbst etwas mit dem Verschwinden seiner Freundin zu tun?

Borowski ahnt nicht, dass die Nachbarin des Polizisten, eine Tierärztin, das scheinbar perfekte Verbrechen begangen hat. Hinter der Fassade der mitfühlenden, freundlichen Tierärztin verbirgt sich eine zutiefst gestörte Persönlichkeit, die vor Mord nicht zurückschreckt. Und dabei äußerst raffiniert zu Werke geht. Mit Hilfe der jungen Polizeianwärterin Sarah Brandt gelingt es Borowski allmählich, das Geflecht aus Lügen und Täuschungen zu durchschauen.

Als aber eine zweite Leiche auftaucht, nimmt der Fall eine überraschende Wendung und es kommt für Borowski zu einem gefährlichen Duell, in dem Sarah Brandt eine Schlüsselrolle spielt. 

Handlung

Da bahnt sich etwas Großes an. Als wir direkt nach der Sendung erstmalig in der Rangliste des Tatort-Fundus nachschauten, lag „Borowski und die Frau am Fenster“ auf einem sensationellen dritten Platz, kurz darauf war es Platz zwölf von über 800 Folgen, gegenwärtig ist es Rang neun. Wie auch immer sich die Bewertung heute und gegebenenfalls in den nächsten Tagen noch verändern wird, dieser Film wird in der Spitzengruppe platziert bleiben.

So war auch unser Gefühl – bis die Polizeianwärterin Sarah Brandt (Sibil Kekilli) eingeführt wurde. Der ganze Part mit den illegalen Computerinformationen roch sofort nach Punktabzug. Dann fing sich das Ganze aber wieder und, ja, in diesem Punkt ist nun einmal ein Tatort konservativ: Die Ermittlungsarbeit muss nach gewissen Grundregeln ablaufen. Dass hingegen die forsche Jungkriminalistin beinahe hellseherische Fähigkeiten hat und dagegen die anderen Bewerber naturgemäß dröge ausschauen und sich auch schnell ins Bockshorn jagen lassen, muss man wohl als typisch norddeutsch ansehen. Es geht selten mit normalen Mitteln, immer muss etwas überhöht werden. Dass aus dieser Haltung viel Gutes und Schlechtes erwachsen kann, zeigt die Geschichte in allen Facetten.

Hier hat aber dieselbe Einstellung dazu geführt, dass mit der Tierärztin Charlotte Delius eine der besten Täterpersönlichkeiten entwickelt wurde, die wir bisher in 98 rezensierten Tatortfolgen gesehen haben. Es ist alles stimmig. Der Beruf, die Unfähigkeit, relativ und realistisch denken zu können. Wir gehen davon aus, dass es unter Ärzten einen größeren Anteil an pathologischen Persönlichkeiten gibt als zum Beispiel unter Taxifahrern, unter den Führungskräften ist er höher als bei den unteren Chargen.

Die gestörte Persönlichkeit der Charlotte D. Es ist nicht unsere Aufgabe als Kritiker, psychologischen Figuren nachzugehen, welche die Störung von Charlotte D. am besten beschreiben. Wir kennen nicht ihre Hintergründe, sehen nur, wie sie leidet und Leid zunächst über ihre Tochter bringt, der ihre erdrückende Form von Scheinliebe offenbar zu viel wurde und die das Haus verlassen will. Dafür wird sie von ihrer eigenen Mutter bestialisch ermordert und beim alten, verrückten Harry Reens deponiert, der immer von einer Hexe quatscht. Beinahe zwanzig  Jahre später folgt ihr die junge Frau des benachbarten Polizisten in die Klärgrube nach.

Obsessionen sind eine Waffe in der Hand der Besessenen und machen sie gleichzeitig hilflos. Das wird anhand der Figur Charlotte Delius hervorragend herausgearbeitet. Wie sie sich auf den Nachbarn fixiert und dessen junge Frau beiseite räumt, als diese plötzlich die idealisierte Möglichkeit einer Beziehung stört, wie  sie diesen eher einfachen Polizisten zu irgendetwas hochstilisiert, das nur in ihrer Fantasie existiert, das hat vielleicht die gleiche Ursache wie ihre Hinwendung zu  den Tieren als Patienten, denn Tiere sind bekanntermaßen unschuldig und verdienen alle Hilfe der Welt. Wie gespalten die Ärztin ist, erkennt man daran, dass sie Zecken in der Mikrowelle explodieren lässt. Gut, es sind eben Zecken. Aber sie stellt auch kleinen Tieren große Fallen und verarztet sie anschließend.

Wie grausam also die Erkenntnis, dass Menschen mit einem Mal ganz eigene Wege gehen wollen, und wie unverwindbar. So, wie es einst bei Charlottes Tochter gewesen sein muss. Man kann sich den Druck vorstellen, dem das junge Mädchen bei dieser Mutter ausgesetzt war, die ja auch, so wirkt es hier, keinen Partner halten konnte.

Dass man die Frau mit zwei Liedern von Zarah Leander in Verbindung bringt, ist so viel Subtext, dass man diesem einen eigenen Abschnitt in der Rezension widmen muss.

Aus einer Zeit mit falschen Idealen. Es ist immer nur Sehnsucht, nie Erfüllung, Zukunft, nie heute. So war die Stimmung, als diese Lieder entstanden, und wer konnte sie mit so viel Leid in den Augen vortragen wie Zarah Leander? „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ ist das vielleicht berühmteste Lied der Filmdiva und stammt aus dem Kriegs- und Durchhaltefilm „Die große Liebe“ von 1942.“Einmal kommt die Liebe“ ist allerdings ein Nachkriegssong, der aber ebenfalls noch dieses Muster von unerfüllter Sehnsucht reflektiert.

In diesen Liedern liegt ein Schauer, man fühlt in ihnen den Ausnahmezustand der Gefühle einer Nation und das Pathos, das in den Untergang führte und doch ist der Unterschied zwischen einer jugendlichen Romantik, die absoluter ist als spätere Gefühle und Dinge noch nicht einordnen kann, und dem Entgleisen zu einer gestörten Persönlichkeit nur gering. Mutig ist es sicher nicht mehr, die alten Lieder zu einer heutigen Figur in Bezug zu setzen, man hat sie schon für alle möglichen Zwecke verwendet, manchmal mit parodistischer Färbung.

Filmisch aber ist es hervorragend gelöst, damit gleich die emotionale Temperatur einer Person zu inszenieren. Dazu passt beinahe jede ihrer Gesten und ihre gesamte Mimik. Je nachdem, aus welcher Perspektive sie gefilmt wird und welchen Gesichtsausdruck sie gerade zeigt, hat sie etwas sehr Anziehendes oder Abstoßendes, selbst ihr Alter wirkt unterschiedlich – auf jeden Fall aber wirkt sie jünger, soviel Kompliment muss sein, als die Darstellerin Sibylle Canonica tatsächlich ist.

Borowski und die Frauen und Männer. Frieda Jung ist Vergangenheit, Sarah Brandt vermutlich aber nicht die Zukunft. Dafür nimmt das schon länger vorhandene freundschaftliche Verhältnis zwischen Borowski und seinem Vorgesetzten Schladitz (Thomas Klügel) Fahrt auf, als dieser bei dem Kommissar einzieht, offiziell auf Urlaub ist und in Wahrheit vor seiner Frau flieht. Am Ende stellt sich heraus, dass das nur eine Krise war und Borowskis skeptischer Blick angesichts der Versöhnung des Paares in seiner Wohnung spricht vom einsamen Wolf, der er nun einmal ist. Nein, Sarah Brandt ist zu jung, da legen wir uns fest. Aus dem Ermittlerteam wird seine nächste Romanze, falls es eine gibt, nicht kommen.

Dafür wirkt er in „Borowski und die Frauen“ sehr sympathisch. Wir entwickeln uns ohnehin zu Fans des Kieler Kommissars, gespielt von Axel Milberg. Weil er mit kleinen Gesten und seinem Ausdruck viel machen kann, ohne dabei wie ein Theaterschauspieler zu wirken. Da ist noch ein Kind in ihm, das verletzt sein kann, die gewisse Verschlossenheit, die er zeigt, ist äußerst nützlich. Im Grunde ein Typ, den Frauen, die schon etwas Lebenserfahrung haben, sehr schätzen dürften.

Ermittlungstechnisch ist er in der Folge 812 auf einige  Zufälle angewiesen, und dass die Fahrzeugspuren hinter dem  Haus des Polizisten Hans Nielsson (Dirk Borchardt), aus dem die junge Valeska verschwunden ist, nicht eher entdeckt und zudem nicht untersucht werden, ist nicht gerade hohe Schule. Hätte man das alles getan, die Umgebung examiniert und die Spuren einer näheren Betrachtung unterzogen, hätte man merken müssen, dass sie nicht von von Harrys Traktor stammen können, sondern zum Beispiel vom Geländewagen der Frau Dr. Delius.

Aktuelle Zwischenmeldung um 23 Uhr: Der Tatort liegt auf einem sensationellen vierten Platz in der Fundus-Rangliste. Das könnte auch Borowski als Ermittler weiter nach vorne bringen, zumal die Kölner Ballauf und Schenk, hinter denen er beim „Fundus“ gegenwärtig auf Platz fünf aller aktiven Tatort-Kommissare liegt, zuletzt für ihre Fälle oder / und ihre Darstellungen einige Kritik einstecken mussten (Ausnahme: Nr. 808, „Altes Eisen“).

Fazit

Das Jahr 2011 neigt sich dem Ende zu, daher kann man schon sagen, dass „Borowski und die Frau am Fenster“ einer der besten Tatorte des Jahres ist. Vor allem die schauspielerischen Leistungen machen ihn zu einem Highlight, außerdem enthält das würzige Verhältnis zwischen dem Kommissar und dem Kriminalrat viel Humor. Wenn man die neue Ermittlerin Sarah Berndt weiterentwickeln will, kann man sie durchaus unkonventionell sein lassen, das war Ballauf schon vor zwanzig Jahren in seiner Düsseldorfer Zeit.

Was uns gestört hat, war diese übertrieben nassforsche Art, die mit Borowski sicher nicht funktionieren wird. Vielleicht kann man ein weiteres asymmetrisches Ermittlerpaar aufbauen, aber man darf die Balance nicht zerstören. Hätte Sibel Kekilli über den ganzen Film hinweg agiert wie in ihren ersten zehn Minuten, hätte es deutliche Abzüge dafür gegeben, weil es unnatürlich wirkt, dass Borowski, der ersichtlich an seiner inneren Mitte interessiert ist, sich jemanden an Bord holt, der dazu einige Minuten lang wie die eigentliche Hexe im Film wirkt – mit übersinnlichen Gaben ausgestattet, in diesem Fall sind es Kombinationsgaben.

Dafür hat sie am Ende eine starke Szene, die zwar auch wieder etwas übertrieben wirkt, aber so auf Action gepolt, das könnte ihre Rolle sein, um den Kieler Tatorten mehr Schwung zu verleihen, ohne ihre Atmosphäre zu  zerstören. Die rothaarige Hexe Charlotte Delius hingegen, Klischee hin oder her, ist ein typisches Täteropfer oder eine Opfertäterin, mit der man jederzeit mitgehen kann. Die Opfer lernt man nicht wirklich oder gar nicht kennen – und das ist ja wieder ein Grundmuster der Tatorte.

Wenn man es so sehen will, ist auch Borowski so ein Unerfüllter wie die Tierärztin, aber bei ihm ist die Sehnsucht tatsächlich etwas, das sich zunehmend romantisiert und in hartnäckiger Polizeitätigkeit abgearbeitet wird.

Aktuell (02.10.2011, 23:30) steht der Tatort „Die  Frau am Fenster“ auf einem sensationellen vierten Platz in der Fundus-Rangliste, dazu gratulieren wir den Machern und Schauspielern herzlich und – greifen zu 8,5/10. Das ist die zweithöchste Bewertung, die wir bisher vergeben haben, freilich wurde sie bereits mehreren Tatorten zuteil.*

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Angaben beziehen sich auf die TatortAnthologie, das Vorgängerfeature von „Crimetime“ im „ersten“ Wahlberliner von 2011 bis 2016.

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Polizei-Anwärterin Sarah Brandt – Sibel Kekilli
Rechtsmediziner Dr. Stormann – Samuel Finzi
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Charlotte Delius – Sibylle Canonica
Ernst Klee [Kriminaltechniker] – Jan Peter Heyne
Harry Reens – Klaus Manchen
Hans Nielsson – Dirk Borchardt
Anwärter 1 – Stephan Möller-Titel
Valeska Orschanova – Karolina Lodyga
Mops Frau – Edie Samland
Anwärter 2 – Matthias Lier
Frau vom Ordnungsamt – Christa Krings
Karen [Nielssons Exfrau] – Judith Hoersch

Buch – Sascha Arango
Regie – Stephan Wagner

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