Sag nichts – Tatort 551 / Crimetime 156 // #Tatort #TatortMünster #Sagnichts #Thiel #Boerne #Klemm #Tatort551 #TatortSagnichts #WDR

Crimetime 156 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Genug gesagt – jetzt wird brilliert

Wenn Thiel und Boerne zusammen Fisch kochen, dann kann das nur eines bedeuten: ein Fall für Feinschmecker. Und das ist „Sag nichts“ auf  jeden Fall.

Und er beweist, dass die Art, wie Thiel und Boerne ihren Humor ausspielen, exakt steuerbar ist und man das auch bei den neueren Folgen besser mal getan hätte.

Hier ist der Klamauk zurückgenommen zugunsten des tragischen Geschehens und konzentriert auf kleine, feine Gesten und auf große Szenen die die Obduktion zu klassischer  Musik, in der sich das unappetitliche Geschehen  auf Boernes Seziertisch in seiner Brille spiegelt. Dazu die  Mimik und die Dramaturgie.

Kaum ein Tatort, den wir bisher  rezensiert haben, ist so präzise und gekonnt gefilmt. Die Kamerafahrten, die Abstimmung von Musik und Szenen, das macht sehr viel  Atmosphäre.

Die Handlung, wie üblich, ist nicht ganz frei von Fragen, dafür ist die Mehrzahl der Schauspielleistungen über alle Zweifel erhaben. Ein weit überdurchschnittlicher Tatort.

Handlung

Offener Schädelbruch lautet der Befund von Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne. In der Nähe des Aasees wird eine Männerleiche entdeckt. Erstes Indiz für Kommissar Frank Thiel sind Reifenspuren im Schlamm. Doch statt zum Täter führt dieser Hinweis das Ermittlerduo Thiel und Boerne zunächst zur Identität des Opfers.

Der ermordete Wolfram Baermann war Ingenieur und mit seinem langjährigen Freund Klaus Weisberg erfolgreich ins Windradgeschäft eingestiegen. Die junge Witwe Rike Baermann, eine Physiotherapeutin, beschreibt ihren Mann als einen überaus verschlossenen Menschen, der sich manchmal tagelang zurückzog. Seit seiner Kindheit litt Wolfram Baermann unter Depressionen.

Als die Spurensicherung auf verwischte Blutreste im Schlafzimmer der Baermanns stößt, wird klar, dass Wolfram Baermann im eigenen Bett erschlagen wurde. Seine Frau gerät zunehmend unter dringenden Tatverdacht. Irgendwie scheint die Familie Baermann vom Schicksal geschlagen zu sein. Wenige Tage zuvor war die zweite Frau seines Vaters Henner Baermann in der Badewanne verstorben. Und die Schwester Hanne lebt in einer psychatrischen Klinik, weil sie offensichtlich seit ihrer Kindheit unter einem Trauma leidet. Prof. Boernes detektivische Neugier ist geweckt, vielleicht ist Hanne der Schlüssel zu dem Mordfall.

Rezension

Von unten aufgeschlossen.  Wir haben jetzt die ersten vier Münster-Tatorte (511, 517, 543 und „Sag nichts“, dieNummer 551) rezensiert*, da kommt langsam ein kleiner Sammlerstolz ins Spiel. Dazu noch einige der neueren Folgen. Einige weitere haben wir gesehen, bevor die Rezensionstätigkeit begann und warten auf die nächste Wiederholung. Man kann also sagen, wir kennen sie mittlerweile ein wenig, die seltsamen, sympathischen Figuren Thiel und Boerne.

Eine andere Atmosphäre als in Münster üblich. Dieser Thiel / Boerne lebt nicht so vom Wortwitz und irrwitzigen Gags wie einige andere Münster-Tatorte, sondern von präzisem und sehr versiertem Zusammenspiel – gut gespiegelt von der erstklassigen Arbeit bei Schnitt und Kamera und der passgenau gesetzten, teilweise dramatischen Musik. Technisch hat der Tatort 551 Spielfilmformat. Interessant, dass man gerade dieses Thema in für einen Tatort sehr kräftigen Farben gefilmt hat – aber Münster macht die Opernaufführungen in Blaugrau, für die andere Städte berühmt oder berüchtigt sind, ohnehin nicht mit.

Klar passt es zum Thema, das Thiel und Boerne dieses Mal harmonischer agieren als üblich. Man konnte nicht ein Familiendrama mit Kindheitstraumata und lebenslangen Verstrickungen auf den Bildschirm bringen und dann Thiel und Boerne miteinander umgehen lassen wie zwei Komiker, die einen Sketch nach dem anderen liefern. Es gibt durchaus komische Stellen, die beste hat bezeichnenderweise nicht Boerne, sondern die Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), als sie mit ihrer Zigarette die Rauchmelder und die Sprinkleranlage im Institut für Rechtsmedizin auslöst.

Dafür ist die Szene, in der  Boerne die Leiche der zweiten Frau Baermann obduziert, eine der besten, die wir je in einem Tatort gesehen haben. Vom Kaugummi, das Boerne sich anfangs reinschiebt und das ein wenig wirkt wie wenn Popeye Spinat zu sich nimmt oder Django die  Pistole lädt, um dann große Taten zu vollbringen über die großartige Sinfonik, die natürlich im Verlauf der Obduktion anschwillt, die Reaktionen von Thiel und der Staatsanwältin, die kurz davor sind, sich zu übergeben – und man sieht sogar warum: Nämlich als  Spiegelung in Boernes Brille. Nicht ganz deutlich, aber doch sehr unappetitlich. Das ist eine große Inszenierung, und man kann nur höchste Noten dafür geben – wenn man solche Inszenierungen mag. Es ist immer auch ein wenig Geschmacksache. Für uns passt es zur Figur Boerne, zur Situation, und, in Maßen, zu „Sag nichts“. Zumindest kontert diese Szene mit ihrer immanten Tragikomik nicht den Rest so sehr, als wenn Thiel und Boerne sich andauernd Wortgefechte geliefert hätten.

Auch sonst hat der Film erstaunlich viele formale Höhepunkte. Großartige Kamerafahrten, eine der besten sicher der Flügel des Windrades, das Schatten auf ockerfarbene Felder  wirft, ein Flügel gibt dann unten ein kleines Auto frei, das sich langsamer bewegt als der Flügel – und wie diese großen Schatten, so denkt man, über dem Irdischen, über dem Schicksal der Familie Baermann liegen. Das kann man natürlich nur erahnen, in Moment dieser Einstellung. Viele Szenen,  in denen die Kameraführung, die Schnitttechnik ganz unauffällig dafür sorgen, dass ein großartiger Bildfluss entsteht, wie wir ihn ebenfalls eher aus Kinofilmen kennen.

Dann, beinahe ironisch abgesetzt von der sonst ruhigen Art, Situationen und Personen ins Bild zu setzen, die hektische Szene bei der Polizei, als Hanne Baermann gesucht wird, alles telefoniert, redet durcheinander – und Alberich alias Frau Haller hat Mühe, die Auflösung des Falles anhand des DNA-analysierten Schlagstockes überhautp an den Mann zu bringen, weil eigentlich niemand dafür Zeit hat.

Beinahe jede Szene ist „sprechend“ ins Bild gesetzt, man könnte das von vorne bis hinten durchgehen und viele  Seiten darüber schreiben. Aber irgendwo hört der Platz dafür auf und wir ziehen ein Zwischenfazit: Formal ist „Sag nichts“ eine glatte 10.

 

Familiendrama. Es ist am Ende nicht alles schlüssig, was sich um Hanne Baermann abspielt, das muss man einschränkend sagen, und am besten gleich vorweg, damit man es los ist. Wären psychologische Auflösungen so einfach, wäre mancher Patient schneller geheilt, wäre manche verborgene Tat längst aufgedeckt, die möglicherweise schwere Traumata ausgelöst hat. Jedenfalls geht das hier etwas zu schnell und Jenny Schily hat Mühe, sich in den verschiedenen Ausprägungen ihrer Persönlichkeit immer sofort zurechtzufinden – korrekter ist es eigentlich zu sagen, die Drehbuchschreiber hatten Mühe, diese im Grunde sehr subtilen Vorgänge so darzustellen, dass sie für den Zuschauer schlüssig werden.

Ansonsten stimmt das Drama. Das Tableau, wenn man so will. Ein alter Mann hat viel auf dem Gewissen, anfangs hat man Sympathie für ihn. Es stellt sich relativ schnell heraus, dass er offensichtlich die beiden Morde, die im Film erkannt werden, begangen hat. In dem Moment, in dem die erste Spur (die Ehefrau des am See aufgefundenen Herrn Baermann und deren Liebhaber Weisberg (Julia Jenkins, Harald Schrott), gleichzeitig der beste Freund und Geschäftspartner von Wolfram Baermann im Sande verläuft weil klar geworden ist, dass die beiden zur fraglichen Zeit nicht am Tatort gewesen sein können. „Wir müssen von vorne anfangen. Ganz von vorne“, sagt Frank Thiel (Axel Prahl) in diesem Moment – und da es nur noch eine weitere Linie gibt, nämlich die des alten Herrn Baermann, der sich auch mehr und mehr als repressiver Charakter entpuppt, nehmen die Macher hier bewusst in Kauf, dass man relativ früh dahinter steigt, wer der Täter  ist.

Trotzdem gibt es am Ende Überraschendes im Garten von Baermann und der Fall wird per DNA gelöst, nachdem die hobbypsychologische Versuchsanordnung mit Tochter Hanne, Bezugsperson Weisberg, Gerichtsmediziner Boerne und dem hinzueilenden Frank Thiel nichts Eindeutiges bringt, obwohl auch der Vater plötzlich ins Haus kommt und damit ja hätte etwas auslösen können. Man hat eine andere Auflösung, ein anderes Ende gewählt, das in den letzten zehn Minuten nicht zwingend war. Es ist aber auch nicht einfach, alles immer perfekt zu timen und da war wohl noch etwas Spielzeit für das Verschwinden von Hanne und den dramatischen Schluss im Garten von Herrn Baermann übrig.

Herr Baermann senior, Schatten der Vergangenheit. Der übrigens keine so einfache Figur ist. Am Ende ist er ja außer sich und panisch und kann gar nicht von seiner Tochter ablassen, selbst, als Thiel schon in den Garten klettert. Er ist ein Spießer und züchtet große Kaninchen, ah, das ist schön, wie er sie Käftige bedächtig schließt und man merkt gleich:  so geht  er auch mit Menschen um. Ein Angstcharakter, ein Kontrollfreak, der seine Familie nach dem möglichen Totschlag an seiner ersten Frau zum Schweigen verdonnert und im Lauf der Zeit landet die Tochter im Käfig einer psychiatrischen Einrichtung und der Sohn im Gefängnis seiner Depressionen. Vermutlich ging die erste Frau dem alten Baermann fremd, weil sie unglücklich mit ihm war. Den Amerikaner gab es also wirklich, auch wenn er sie nicht mitgenommen hat, sondern irgendwann einmal mit seinem großen Auto vor dem Haus aufgetaucht war. Und die zweite Frau wurde im Zusammenleben mit ihm zurAlkoholkerin.

Er ist ein dämonischer Charakter, seine Motive, die erste Frau – wohl eher im Affekt – umzubringen, sind bei diesem jähzornigen Typ schlüssig, aber man merkt, wie er selbst unter Zwängen handelt, die irgendwoher stammen und ihn geprägt haben. Eine Generation kann dabei nach außen noch einen guten Eindruck machen, die Nachbarin symbolisiert die typische Umgebung, die nicht merkt, was wirklich vorgeht. Schön wird das am Ende auf die Spitze getrieben, als der Vater der Tochter im Garten an den Hals geht und die  Nachbarn, die kurz eingeblendet werden – einfach gar nichts tun. Da hätte er die arme Hanne umbringen können, in aller Seelenruhe. Die Nachbarn hätten sicher nicht die Polizei gerufen.

Ein eigenes Drama ist, wie sich die Geschichte wiederholt. Die als lebenslustig charakterisierte Frau des jungen Baermann geht mit Weishaupt fremd, weil beide sich schon dadurch nahekommen, weil sie so viel unter Baermanns Depressionen zu leiden haben.Und natürlich wollte der Mann keine Kinder, im Gegensatz zu seiner Frau. Kein Wunder, bei der eigenen Kindheit.

Und damit schließt sich der Kreis zum Vater und seiner ersten Frau, die ja laut Thiels Mutmaßung auch seine erste Frau im Sinn von Geschlechtspartnerin gewesen sein dürfte. Verlustängste sind eine ganz starke Triebfeder für die Entwicklung von Neurosen wie der des Herrn Baermann senior. Wie kann man in dem Haus leben, mit der im Frau, die  im Garten vergraben ist, fragt Thiel. Klar ist das etwas plakativ. Aber sie hat eben ihren Käfig, ihren ewigen Käfig, sie kann nicht das tun, was Baermann seinen Kindern eingetrichtert hat: Sie kann niemals wegrennen. Sie ist für immer sein, in der kalten Erde, auf der ein Blumenbeet gepflanzt ist. Man könnte fast meinen, es ist eine Art von krankhaft besitzorientierter Liebe, die diesen Mann antreibt.

Vordergründig ist dieses Hasen züchten Spießertum, aber da steckt weit mehr dahinter. Man muss alles, was damit zu tun hat, nur in Bezug zu der Art setzen, wie der Mann mit seiner Familie umgeht, dann hat man die ganze Symbolik entschlüsselt.

Großartig, dass man aber die Muster verändert hat. Dass die Charaktere sich von einer Generation zur  anderen verändert haben, dass die Repression zur Depression führte. Das ist absolut realistisch und auch für die Art, wie dieses Familiendrama mit Eigenschaften und Motiven hinterlegt ist, muss man die höchstmögliche Punktzahl geben. Mehr kann  man in einem Tatort an schicksalhafter Verkettung von Generationen kaum zeigen. Seltsamerweise ist es nicht das etwas verdeckte Motiv der ersten Tötungshandlung, sondern der Ablauf der zweiten, der uns etwas Kopfzerbrechen macht. Da bleiben einige Details im Unklaren, zum Beispiel, wie der ziemlichgroße und kräftige Baermann junior von nur einer recht alten Person aus dem Bad geschafft und zum See gefahren wurde.

Nichtsdestotrotz ist dieser Typ, der Spießer mit der veralteten Einrichtung, den spießigen Nachbarn, den Hasen, der Familie, den hintergründigen Charakterverwerfungen eine der vielschichtigsten Figuren, die wir je in einem Tatort gesehen haben, ist die ganze Familie hervorragend entworfen. Was es noch besser macht: Dass man das ins Tatortformat gepackt hat. Manches ist nur angedeutet, das hat man sich getraut. Der Zuschauer muss viel Symbolik interpretieren, auf viele Kleinigkeiten achten, aber es lohnt sich, das zu tun.

Man ist es aus Münster eben nicht unbedingt gewöhnt, das macht es anfangs etwas schwierig, sich auf die vielen Zwischentöne in ‚Sag nicchs“ einzustellen. Aber wenn man drin ist und sich darauf einlässt, ist das packend und es ist egal, ob der Täter etwas früh feststeht und am Ende so banal per DNA-Analyse bestätigt wird, oder ob es ein paar Unklarheiten um den ersten Mord herum gibt.

Fazit

Ein fesselnder Tatort – einmal mehr nicht wegen rasanter Action, sondern wegen der Familientragödie, wegen der formalen Vorzüge und weil Thiel und Boerne perfekt eingepasst wurden. Das ist geradezu ein Lehrstück. So knuffig sind die beiden dieses Mal, dass man merkt: Das Familiendrama wird damit noch mehr hervorgehoben. Weil man dem Kommissar und dem Rechtsmediziner die Handlungsbasis des gegenseitigen Vertrauens, des freiwilligen Ziehens an einem Strang mitgegeben hat als Kontrast zu der Angst und dem Misstrauen in der Familie Baermann, der Dysfunktionalität aller Beziehungen, die Mitglieder dieser Familie eingehen können.

Je länger man über 551 nachdenkt, desto mehr gute Details und Ideen findet man darin. Ob er einer der ganz großen Tatorte ist? Wir haben ihn schon einmal gesehen und viel von damals behalten, u. a. von den Szenen mit Jenny Schily. Das nehmen wir als Indiz dafür, dass „Sag nichts“ nachwirkt. Wegen einiger Schlingerbewegungen des Plots und der etwas rauen Psychotour mit Hanne Baermann am Ende verbleiben wir zwar bei 8,5/10, aber man weiß nie, was die Zeit und eine spätere Revision bringen werden, wenn wir noch mehr Einblick ins gesamte Tatort-Universum haben.

Aber schön, dass wir zum zweiten Mal hintereinander nach „Herzversagen“ eine so hohe Bewertung vergeben konnten. So macht Tatorte anschauen und darüber Schreiben Spaß!

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

*Bezogen auf die ursprüngliche Tatort-Anthologie im „Ersten Wahlberiner“, die vorliegende Rezension war die Nr. 45 der Anthologie.

Kommissar Frank Thiel: Axel Prahl
Professor Karl-Friedrich Boerne: Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern: Friederike Kempter
Silke Haller („Alberich“): Christine Urspruch
Wilhelmine Klemm: Mechthild Großmann
Bernd Bulle: Oliver Bokern
Herbert Thiel: Claus D. Clausnitzer
Hanne Baermann: Jenny Schilly
Wolfgang Baermann: Otto Mellies
Roswitha Baermann: Julika Jenkins
Klaus Weisberg: Harald Schrott
Sheriff / Professor Scherfenhagen: Tina Engel
u.a.

Regie: Lars Kraume
Buch: Hans-Christian Laaber
Kamera: Philippe Cordey
Musik: Jan Josef Liefers

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