Waidmanns Heil – Tatort 557 / Crimetime 155 // #Tatort #MDR #TatortLeipzig #WaidmannsHeil #TatortWaidmannsHeil #Ehrlicher #Kain

Crimetime 155 - Titelfoto © MDR, Hardy Spitz

Es geht immer weiter voran mit dem Ehrlicher-Portfolio, wie nimmt sich „Waidmanns Heil“ im Umfeld anderer Ehrlicher-Tatorte und insgesamt aus? Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Ein neuer Fall führt die Kommissare Ehrlicher und Kain ins Leipziger Umland. Während einer Treibjagd ist der Jäger Lothar Sofsky erschossen worden. In seinem Körper steckt eine Ladung Schrot. Schnell finden die Kommissare heraus, dass sie es höchstwahrscheinlich mit einem Mord zu tun haben.

An der Treibjagd teilgenommen hat auch Wild-Großhändler Karsten Dietz, der bei der ersten Befragung gleich erwähnt, Sofsky nicht gemocht zu haben. Dann allerdings verweist er auf seinen älteren Bruder Gernot, der das Jagdrevier gepachtet hat. Sofsky, wohlhabender Immobilienbesitzer, war stiller Teilhaber von Gernot Dietz´ Reiterhof und deshalb dessen Geschäftspartner.

Als Nächster plaudert der Waffenhändler Georg Herboltz ein pikantes Detail aus Sofskys Privatleben aus: Der Ehemann hatte ein Verhältnis mit der jungen, bildhübschen Simone Körner, die als Kellnerin im Jäger-Stammlokal „Lindenhof“ arbeitet. Die Witwe Birgit Sofsky – ebenfalls bei der Treibjagd dabei – bestätigt, von ihrer 20 Jahre jüngeren Konkurrentin gewusst zu haben.

Sie erzählt außerdem, dass ihr Mann seine Anteile am Reiterhof verkaufen wollte, was Gernot Dietz finanziell das Genick gebrochen hätte. Beide Männer hätten sich deshalb vor drei Tagen heftig gestritten.

Existenzangst und Eifersucht – zwei plausible Motive für einen Mord. Doch innerhalb der Jäger-Gemeinschaft gibt es noch ganz andere Beziehungen. Als im Jagdrevier ein zweiter Mord geschieht, müssen sich Ehrlicher und Kain näher mit der Geschichte der Brüder Gernot und Karsten Dietz beschäftigen. Die Kommissare stoßen auf eine alte, immer noch offene Rechnung und auf Hass, Eifersucht und Neid. 

Rezension 

Es geht voran, spät, aber nicht zu spät. Immerhin ist dies ein Leipzig-Tatort von Bruno und Vorname unbekannt Ehrlicher und Kain, was sich ja in diesem Tatort beinahe geändert hätte. Sein Darsteller heißt jedenfalls Bernd Michael Lade, das hätte ich auch noch auswendig gewusst, abgesehen von Bindestrich oder nicht zwischen den beiden Vornamen. Bruno Ehrlicher heißt Peter Sodann und ist wirklich eine ehrliche Haut. Denkt man meistens.

Das ist ein absoluter Durchschnittskrimi. Mag auch das Milieu ein besonderes sein, die Menschen, im Jagdbusiness sind ganz gewöhnlich, von ganz üblichen Gefühlen wie Renommiersucht und Eifersucht geprägt. Und Ehrlicher bedient wieder einmal das Gefühl des zurückgebliebenen Ossis, indem er sich gleichzeitig als Jagd- und Kulturbanause aufstellt.

Warum soll er kein Herz für Tiere haben? Aber der Kontext, der der aufgerufen wird, ist derjenige, dass einer, der erlesene Musik nicht kann, auch das erlesene Waidwerk nie verstehen wird. Dabei sind das zwei vollkommen verschiedene Dinge. Ich musste auch lachen, als Brunos Handy im Konzert klingelte, weil die Töne so herrlich mit der mediävistischen Musik korrespondierten, aber deswegen ist die Manipulation hinter solchen Darstellungen noch lange nicht witzig.

Heute rächt sich, dass man die Ostbefindlichkeit mit Spießerfiguren wie Ehrlicher doch ein wenig zu sehr gehätschelt hat. Wo Kulturlosigkeit zum guten Ton gehört, sind nicht nur die einfachen Musikgeschmäcker en Vogue, sondern auch die allzu einfachen politischen Ansichten.

Wäre spannend, zu erfahren, welche Musik denn Bruno überhaupt mag oder ob ihm andere Töne als diejenigen, die in Diskussionen mit seinen Kollegen entstehen, generell zuwider sind. Meist finde ich Ehrlicher sympathisch, dieses Mal ist mir doch etwas zu verschroben und daher ein Hoch auf Walter („Muss ich jetzt hier Wurzeln schlagen?“ – auf dem Hochstand). Bei uns heißt das Hochstand oder Hochsitz, leider fällt mir der im Tatort verwendete abweichende Begriff nicht mehr ein, der offenbar regional geprägt ist.

Für mich war gestern der Kriminaltechniker die beste Figur, alle anderen kamen mehr oder weniger unsympathisch rüber. Was nicht schlecht sein muss, aber es wirkte so aufgesetzt, so künstlich, nicht künstlerisch.

Wie auch das Drehbuch. Es gibt Momente, da kann ich meine eigene Drehbuchkritik auch nicht mehr lesen, so nervt sie mich, aber was soll ich tun? Diesen hochgradig uninspiriert konstruierten Fall als Kunstwerk des modernen Krimihandwerks hervorheben? Ich habe verstanden, dass die Ehrlichers keine Experimentaltatorte sein sollen, aber muss man hingehen und jedes Mal, wenn das Drehbuch in eine Sackgasse fährt, noch eine, noch eine, noch eine ermüdende Geschichte aus der Vergangenheit hervorkramen, die dann von einem Talking Head ebenso ermüdend erzählt wird, um die vielen, aber wenig nachvollziehbaren Wendungen in der Story noch irgendwie zu verkaufen?

Uff. Allein das Gezerre zwischen Männern und Frauen ist furchtbar, und mag‘s auf dem Land auch so sein, mangels mehr Personal, dass alle irgendwann irgendwas miteinander hatten, muss man es so umständlich auspacken?

Und dann dieses Durchnudeln wirklich aller Motive, die jemals waren: Eifersucht, Rachsucht, Kain und Abel, Besitzstreben, Besitzsterben, falsche und richtige Geschäftspolitik, und das alles einfach so runtergeleiert, ohne Gewichtung und ohne Dramaturgie, die eine gewisse Bündelung hätte bewirken können. Selbst beim Schreiben drüber fühlt sich das unglaublich zäh an.

Hinzu kommt, dass beide Morde keiner Überprüfung ihrer Wahrscheinlichkeit standhalten. Unvorstellbar, dass jemand aus einer so eng beisammen stehenden Jagdgemeinschaft heraus erschossen wird, ohne dass die anderen mitbekommen, wer den Schuss abgab. Und hat der Mörder im zweiten Fall nicht bemerkt, dass eine weitere Person auf dem benachbarten Hochsitz war, wenn er schon die erste nicht erkennen konnte?

Hätte er mit seinem Nachtsichtgerät aber bemerken müssen, und dann hätte er natürlich nicht schießen dürfen. Dann hätte ihn auch der Verdacht heimsuchen müssen, dass er gerade dabei ist, einen klassischen error in persona zu begehen, denn derjenige, auf den er‘s abgesehen hat, hatte ja gerade mit der Frau mal nichts, die ebenfalls auf dem Hochsitz zugange war. Aber gut, könnte ja sein, dass eine Person immer sitzt und unsichtbar bleibt, die andere immer steht. Welch unbequemes Rendezvous.

Ähnlich ist auch der Showdown von ziemlicher Lieblosigkeit in der Ausführung gekennzeichnet. Wo kommt plötzlich die Frau her, das hatte sich doch überhaupt nicht angedeutet? Und wieso reagiert Bruder 1 so passiv darauf?

Gute Krimis sind eben doch Gesamtkunstwerke, und wenn es an einer Stelle nicht passt, dann meist an anderen auch nicht, sodass ein guter Krimi eben nicht entsteht. Etwas besser als handlungsseitig sieht es mit dem Schauspiel aus, auch wenn die Motive der Menschen wirklich sehr, sehr erklärungsbedürftig sind und Ehrlicher und Kain sich geradezu zwangsläufig in fruchtlosen Befragungen und Mutmaßungen verlieren müssen.

Das ist beinahe unabwendbar, wenn es keine nachvollziehbare Interessenlage gibt, sondern alles auf den beliebigen Positionswechseln zwischen Feindschaft und Freundschaft über Jahre hinweg beruht. Und dann dieser Bordell-Trick, mit dem ein Bruder den anderen bei derselben Frau ausgestochen hat. Kein Wunder, dass eine Person, die sich so beeinflussen lässt, dann wie Kai aus der Kiste in den Wald springt, um die Pistole gegen den nun wieder geliebten anderen Bruder zu ziehen.

Menschen sind Idioten, in der Realität zeigt sich das immer wieder, aber in einem Krimi gibt es ja erhöhte Anforderungen an die Plausbilität gegenüber denen, die man an die Wirklichkeit stellen kann.

Fazit

Schwächere Krimis und auch Tatorte versuchen, diese dann so auf Kante genäht herzustellen wie in „Waidmanns Heil“. Sehr gute halten die Plausiblität schon anhand der Figurenzeichnung auf Kurs – und die besonderen Filme sind manchmal die, in denen das Absurde, das den Alltag nicht selten kennzeichnet, zur Kunst gemacht wird. Es gibt Ehrlicher-Tatorte, die gehören zu ersterer Kategorie, bisher noch keiner zu letzterer, aber im Kästchen Nr. 2 wird‘s langsam eng.

Wertung: 5,5/10

© 2018,  2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Frederike – Annekathrin Bürger
Gernot Dietz – Christian Redl
Marion Dietz – Antje Schmidt
Michael Voss – Jacob Matschenz
Georg Herboltz – Henning Peker
Birgit Sofsky – Kirsten Block
Karsten Dietz – Thomas Sarbacher
Techniker Walter – Walter Nickel
Simone Körner – Isabella Jantz
u.a.

Drehbuch – Andreas Pflüger
Regie – Peter W. Bringmann
Kamera – Johannes Kirchlechner
Musik – Enjott Schneider

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