Ein Fuß kommt selten allein – Tatort 986 / Crimetime 165 // #Tatort #TatortMünster #TatortEinFußkommtseltenallein #Boerne #Thiel #WDR #Münster #Tatort986

Titelfoto © WDR, Martin Menke

… aber hin und wieder doch?

Im Wald, da wachsen nicht nur die nicht nur wahlweise tödliche oder halluzinogene Fliegenpilze, da findet man als Pilzsammler immer wieder menschliche Überreste. Doch ist Rechtsmediziner Boerne mit seinem Spruch „Ein Fuß kommt selten allein“ nicht wieder mal etwas zu flott? Dies und einige Tatbestände aus der Welt des Tanzsports erklärt der 29. Münster-Krimi, der am 08.05.2016 Premiere feierte.

Sicher hat der Rechtsmediziner mit dem schnellen Mundwerk auch irgendwann einmal einen Tanzkurs gemacht, oder er musste den Tango eigens für den aktuellen Münster-Tatort erlernen. Vermutlich waren aber schon Kenntnisse vorhanden. Ganz klar wird das nicht, dient er doch lediglich als Ersatzpartner für Staatsanwältin Klemm, weil der ursprünglich vorgesehene Politiker einen Beinbruch fingiert, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Aber wie kommt eine Ex-Tänzerin als Leiche in den Wald? Und was hat es mit dem Männerfuß auf sich, den Vaddern Thiel alsbald dort findet?

Handlung

Was machen denn Professor Karl-Friedrich Boerne und die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm gemeinsam auf dem Tanzparkett? Kommissar Frank Thiel kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auch ihn hat es in die Tanzsportgemeinschaft Münster verschlagen – allerdings aus beruflichen Gründen. Bei einer im Wolbecker Wald gefundenen Leiche handelt es sich um die Tänzerin Elmira Dumbrowa. Ihre ehemaligen Tanzpartner sind geschockt von der Nachricht, dass die junge Moldawierin ermordet wurde.

Zwei von ihnen trifft es ganz besonders: Marie wohnte mit Elmira zusammen, Jonas war in die Tänzerin verliebt. Doch eigentlich ist zum Trauern keine Zeit. Die Formation steht kurz vor einem wichtigen Wettkampf, der sie in die Spitzenklasse des Tanzsports katapultieren könnte. Vereinspräsident und Star-Orthopäde Dr. Winfried Steul sowie der Trainer Andreas Roth machen dem Team mächtig Druck – gerne hätten sie die Nachricht von Elmiras Tod unterm Tanzparkett gehalten, wie so einiges andere auch. Dann wird im Wald, in der Nähe des Tatorts, ein abgetrennter Männerfuß gefunden. Thiel und Boerne fragen sich: Geht es hier um einen Doppelmord? 

Rezension

Sicher hat der Rechtsmediziner mit dem schnellen Mundwerk auch irgendwann einmal einen Tanzkurs gemacht, oder er musste den Tango eigens für den aktuellen Münster-Tatort erlernen. Vermutlich waren aber schon Kenntnisse vorhanden. Ganz klar wird das nicht, dient er doch lediglich als Ersatzpartner für Staatsanwältin Klemm, weil der ursprünglich vorgesehene Politiker einen Beinbruch fingiert, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Aber wie kommt eine Ex-Tänzerin als Leiche in den Wald? Und was hat es mit dem Männerfuß auf sich, den Vaddern Thiel alsbald dort findet?

Allgemein begonnen – hat sich der Abend mit Thiel und Boerne gelohnt?

„Ein Fuß kommt selten allein“ war der erste Tatort nach längerer Zeit, den ich tatsächlich wieder „live“, also direkt während der Erstausstrahlung angeschaut habe, nicht um Stunden oder Tage versetzt. Das kriegen die Münsteraner immer noch gut hin, ein gewisses Plus-Interesse zu wecken, das Ermüdungserscheinungen angesichts so vieler so ähnlicher Tatorte in den letzten Monaten ausgleicht. Und es war schon eine gute Idee, so zu verfahren.

„Ein Fuß kommt selten allein“ habe ich gestern wirklich als Erholung empfunden. Eigentlich eine traurige Geschichte um eine Vergewaltigung und falsch verstandenen Ehrgeiz, aber ohne dräuende Großkatastrophe allgemein-politischer Art. Wer das vermisst hat, wer nach den Tatorten der letzten Monate schon geradezu süchtig nach Abendland-Untergangsstimmung geworden ist, der konnte ja dran bleiben und Anne Will gucken.

Die Sache mit dem Fuß hingegen wird – wie erwartet – perfekt aufgeklärt. Parallel, aber nicht simultan von Kommisasar Thiel und Professor Boerne, die im selben Moment dasselbe Ergebnis präsentieren, der Polizist unspektakulär, der Mediziner mit Hammerschlag genau dorthin, wo eben doch nur ein Fuß fehlt, und nicht zwei. Boerne hat immer die spektakulären Aktionen, und Thiel muss dabei immer die Luft anhalten und sich sehr zurücknehmen, woraus sich erklärt, dass er immer mehr wie ein aufgeblasener Luftballon aussieht.

Die Täterfigur war weniger überraschend als der Hintergrund der Tatsache, warum Vaddern nur diesen einen Fuß und keine weiteren Skelett-Teile finden konnte. Wer genau aufgepasst hat, konnte ziemlich früh darauf kommen. Eisenstange, seit Ewigkeiten am Waldrand verrostend? Warum nicht, wenn’s der Kausalität für bestimmte Tatsachen dient. Als Krimi hat „Ein Fuß kommt selten allein“ um einiges besser funktioniert als viele Münster-Tatorte zuvor und der Humor wird zunehmend selbstreflexiv, was für ein reifes Stadium des Konzepts spricht.

Wo waren die Ansätze für selbstreflexiven Humor?

Zum Beispiel als Thiel zu Boerne beim DNA-Einsammeln bei den Tänzern sagt, er soll mal weniger klamaukig sein. Die Diskussion, wie viel Klamauk ein Krimi verträgt, gibt es bezüglich der Münster-Tatorte seit Jahren. Und bei „Ein Fuß kommt selten allein“ hat man ein gutes Maß gefunden, denn die Ironie geht auch jenseits dieser deutlich auf die benannte Diskussion ausgerichteten Dialogstelle schon beinahe in Richtung Selbstzitat.

Da ist nun eine Ebene zu erkennen, die den Humor humorvoll nimmt, und das wirkt befreiend. Man muss nicht mehr darauf aus sein, immer neue Supergags zu erfinden, sondern belässt es dabei, dass jeder weiß, die guten Sprüche sind endlich, also müssen die nicht ganz so guten wenigstens überzeugend vorgetragen werden. Deswegen stört auch das nicht sonderlich inspiriert wirkende Geblödel ums Bundesverdienstkreuz für Silke Haller nicht. Dass Boerne sie sogar beim Festakt „Alberich“ nennt, passt aber nicht zu seinem Snobismus, der ja auch umschließt, dass er in der Öffentlichkeit eine Kinderstube glaubt vorweisen zu können. Aber wer sollte diese stellenweise mittelmäßigen Gags besser bringen können als Karl-Friedrich Boerne bzw. sein Darsteller Jan Josef Liefers?

Das ist vielleicht das Mittel, um den Münster-Tatort am Leben zu halten und neu zu inspirieren: ganz locker ranzugehen und sich nicht immer wieder selbst überrumpfen zu wollen, wenn man andererseits nicht den großen Schritt wagen möchte, neue Kapitel zu öffnen und die Figuren weiterzuentwickeln. Jetzt muss nicht mehr auf Teufel komm raus immer wieder nach dem allerletzten Alberich-Gag gesucht oder gar zu sehr geprollt (Thiel) oder herumgesnobt (Boerne) werden. Nun ist mehr ein Ausgleich zu spüren, eine Harmonie der Elemente, die bei „Ein Fuß kommt selten allein“ eine angenehme Ruhe, eine Nähe zur inneren Mitte an den Zuschauer weitergibt. Dieses Auspendeln wird auch nicht durch grausige Skelettfunde gestört, denn auch jene gehören in Münster zum Inventar, ohne dass die Wiederholung – bis jetzt – mehr redundant als bekannt wirkt.

Freilich ist der Fall nicht rasant, aber dafür nimmt man sich Zeit für die Milieuzeichnung der Tanzsportgemeinschaft (also der TSG, nicht des bzw. dem TSG, wie Thiel sagt) und ich habe noch in Erinnerung, wie zuhause auch über die Latein-Formation erzählt wurde, in der die Tänzer jünger und weniger häufig als Tanzpaare auch Lebenspartner waren als in der Standard-Formation, in der meine Eltern viel von ihrer Freizeit aufbrauchten.

Wie war das Tanzmilieu geschildert?

Die Tänzer fand ich gut, auch diese Verwandlung von Menschen, die recht unterschiedlich aussehen hin zu einer optisch fast einheitlichen und zu einer Bewegungseinheit hin choreografiert, die wie eine Show-Truppe wirkt – und heutiger Turniertanz ist auf jeden Fall Show, das Geschehen auf dem Parkett erinnert sehr an das Training für eine Musical-Chorusline, inklusive manischem Trainer-Impressario, und gerade bei den Lateinern gibt es auch eine Art Standard-Optik, nach der die Tänzer und Tänzerinnen eben auszusehen haben wie Latinos.

Außerdem gibt es eine interne Dynamik, die im Grunde bei allen Sportarten zu beobachten ist, insbesondere im Mannschaftssport. Wie schafft es ein Trainer, Menschen, die eben auch als Charaktere sehr unterschiedlich sind, tatsächlich zu einer Einheit zu formen, die sich in diesem Fall in der gemeinschaftlichen Optik und in der Präzision, der Abstimmung ihrer Bewegungen ausdrückt? Die Mannschaft auf’m Parkett, sozusagen.

Was der Trainer hier auf sich nimmt und verdeckt, um die Truppe beisammen und bei Laune zu halten, geht sicher etwas über die Realität hinaus, aber nicht so, dass es komplett absurd wirkt. Dieser Teil, die Darstellung der TSG, ist, im Gegensatz zu manch anderem Milieu, das in Münster schon dargestellt wurde (ich erinnere mich gut an „Satisfaktion“) nicht satirisch angelegt, sondern allenfalls leicht überzogen, was den Ehrgeiz einiger Tänzer, ihres Trainers und des Vorsitzenden angeht, der sich sogar an eine verhasste Punktrichterin heranmacht, damit seine Schützlinge von ihr nicht immer abgewertet werden.

Dass hier ohne allzu viel Überdrüber die üblichen Wettbwerbs-Verhaltensweisen von Sportlern gezeigt werden und man das Gesehene dadurch verallgemeinern kann, dass nicht zu deutlich geurteilt oder ein Hobby durch den Kakao gezogen wird, lässt dem Zuschauer den Raum, sich selbst auf eine Position zu stellen. Diese Luft zum Atmen hat mir persönlich sehr gut getan, denn heute ist es so verdammt üblich geworden, dem Publikum die Haltung, die es gefälligst einzunehmen hat,  mit maximaler Wucht aufs Auge und ins Ohr zu drücken.

Außerdem sind einige Szenen schön gefilmt und vermitteln etwas von der enormen Anstrengung, die es braucht, um im Turniertanz wettbewerbsfähig zu sein, aber auch von der Ästhetik des Tanzsports, die der Mühe durchaus wert ist, auch für den Beobachter. Und der Vorsitzende-Mäzen, der außerdem noch als Orthopäde in der Lage ist, die Auas, die beim verschärften Tanzen entstehen können, zu behandeln, ist eine gute Figur. Das macht viele teure Arztbesuche überflüssig, denn, wie Boerne sagt, Orthopäden sind deshalb so unglaublich gut verdienend, weil ihre Patienten weder an ihren Krankheiten versterben – noch werden sie geheilt. Gemäß meiner eigenen Anschauung und meiner Geschichte im Sport eine nicht ganz von der Hand zu weisende Behauptung – andererseits hängt nach einer orthopädischen Diagnose auch viel vom Geschick des Physiotherapeuten ab.

Eine treibende Kraft wie Dr. Steul, der von Thomas Heinze sympathisch gespielt wird, selbst dann, wenn sie nicht fachlich unterstützend wirken kann, braucht es in der Regel, um eine Truppe aus der Mittelmäßigeit heraus zu Höherem zu führen. Die Dynamik und der Zusammenhalt kanalisieren sich oft in einer solchen Führungsfigur, der Ehrgeiz von Individen kann sich dadurch zu einem positiven Energiefeld verdichten – und ein gewisses Rivalitäts-Knistern zwischen dem Chef und dem ambitionierten Coach als Konkurrenten um die Platzhirsch-Position ist alles andere als weit hergeholt. Dass der Mäzen  auch die Kostüme und Schuhe sponsert, ist ein großes Benefit und erleichtert weniger betuchten Menschen den Zugang zu diesem Sport.

Nur bei den blutenden Füßen der Tänzerin Marie hat’s mir ein wenig die Brauen hochgezogen und Erinnerungen an hochdramatische Ballettfilme wurden wach. Unmöglich, dass jemand dauerhaft weitermachen kann, wenn er sich bei jedem Training die Füße blutig tanzt. Aber, wie jeder Leistungssport, ist professionelles oder halb professionelles Tanzen kein Ponyhof.

Fazit?

Die Normalfarben, in denen „Ein Fuß kommt selten allein“ gefilmt ist, symbolisieren das Normale am 986. Tatort. Und da nichts ins Extreme verzerrt wurde, kann man sich auch über nichts extrem aufregen. I

Ich muss auch das insgesamt stimmige Drehbuch und die routinierte Regie loben, gerade, weil ich die Bücher oft kritisiere. Nicht nur die Krimihandlung ist okay, frei von groben Schnitzern und dieses Mal nicht zu sehr vernachlässigt worden, es sind auch viele kleine Momente drin, die erfahren im besten Sinn wirken, kleine optische Gags, wie etwa, dass eine verschwommene Figur im Hintergrund ein Eigenleben entwickelt; dann das eine oder andere Zitat, das auch ohne Hintergrund zum Schmunzeln anregt, also, wenn man nicht über das Vorbild instruiert ist.

Beispiel: der Moment, in dem Klemm und Boerne gleichzeitig durch die runden Glasfenster zwischen Vorraum und Tanzsaal gucken. Das ist eine m. E. dezente, aber eindeutige Reminiszenz an eine ganz reizende Szene aus „Mon Oncle“ von Jacques Tati.

8/10

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Kommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Kommissarin Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Rechtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller – ChrisTine Urspruch
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Trainer Andreas Roth – Max von Pufendorf
Vereinspräsident Dr. Winfried Steul – Thomas Heinze
Waldarbeiter – Burkhard Bunse
Rezeptionistin – Madeleine Krakor
Journalist – Philipp Wasmund
Minister Broegger – Marcus Calvin
Oleg – Firat Baris Ar.
Marie Ade – Mersiha Husagic
Jonas Körner – Gordon Kämmerer
Remo Dorn – Max Hemmersdorfer
Tina – Nathalie Thiede
u.a.

Drehbuch – Stefan Cantz, Jan Hinter
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Clemens Messow
Schnitt – Julia Oehring

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