Keine Tricks, Herr Bülow – Tatort 219 / Crimetime 167 // #Tatort #TatortBerlin #Bülow #KeineTricksHerrBülow #Tatort219

Crimetime 167 - Titelfoto © SFB / RBB

Hoffentlich ist ihm nichts passiert

„Das rbb Fernsehen hat elf Tatorte aus den Jahren 1975 bis 1993 restaurieren lassen, die bis Jahresende im rbb Fernsehen ausgestrahlt werden. Es gibt ein Wiedersehen mit Heinz Drache als Kommissar Bülow, Günter Lamprecht als Kommissar Markowitz und Martin Hirthe als Kommissar Schmidt. In diesem Fall muss Feinschmecker Bülow eine Erpressung aufklären.“

Nicht nur eine Erpressung. Nebenbei muss er einen Serienkiller und Vergewaltiger stellen und anfangs nebenbei noch einen Bankraub unblutig beenden. Wie das alles in einem Tatort von nur 80 Minuten Spieldauer möglich ist, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Mehrere Fälle nebeneinander bearbeiten zu müssen, ist Polizeialltag, und ein Alltag bestimmt in einem „Tatort“ das Geschehen: Aus einem ersten Gespräch mit seiner neuen Mitarbeiterin, Karin Jellineck, die unter anderem als Lockvogel für einen Frauenmörder eingesetzt werden soll, wird Hauptkommissar Bülow zu einem Banküberfall gerufen. Als dieser durch sein persönliches Eingreifen zu einem relativ unblutigen Ende gebracht wird, hat Kommissar Bülow (Heinz Drache) wenig Zeit, den Erfolg zu feiern.

Die Wirtin seines Lieblingsrestaurants, Franziska Gellert, die sich schon seit einiger Zeit beobachtet und bedroht fühlt, wird entführt, und die Entführer verlangen zwei Millionen DM. Der Mörder schlägt wieder zu, seltsamerweise immer dann, wenn die Polizei nicht observiert. Ineinander verschachtelt entwickeln sich beide Fälle und deren Lösung nicht ohne überraschende Wendungen. 

Rezension – was wären Fernsehkrimis ohne überraschende Wendungen?

Berlin 1989. Wäre die Stadt zehn Jahre länger geteilt geblieben, wäre sie vermutlich so komplett degeneriert, dass man zehn Fälle in zehn Minuten hätte lösen können und verchachtelt sind die drei vorliegenden auch nicht. Einer wird bereits abgeschlossen, bevor die beiden anderen beginnen – der Bankraub – und in den beiden anderen, der Erpressung und dem Fall des Sexualmörders, wird parallel ermittelt, aber es gibt keinerlei Bezugspunkte.

Schon möglich, dass man 1989 noch einmal einen Fall à la Stahlnetz machen wollte, in dem die „realistische Polizeiarbeit“ so dargestellt wird, wie sie eben ist: Es gibt mehrere Verbrechen, die in einer großen Stadt fast gleichzeitig passieren und man muss sich die Kräfte gut einteilen, wenn man sie als einziger zuständiger Kommissar mit einem kleinen Team zusammen lösen möchte. Da kommt es gut, wenn sich Täter grundblöd verhalten oder / und sich als Zeugen selbst zur Verfügung stellen.  Wie lange die Bankräuber brauchen, um auf die Idee mit einer Geisel zu kommen, die sie dann auch nicht richtig ausführen, ist bemerkenwert, aber wenn Pierre Frankh einen davon spielt, ist man geneigt, an alles zu glauben, was Menschen eben manchmal, in seltenen Fällen, nicht können. Dafür war aber alles ganz durchsichtig. Anders als im Fall Gellert. Wir konnten kaufmännisch so lange hin und her überlegen, wie wir wollten, wir sind nicht dahintergestiegen, was Gellert davon haben soll, wenn er eine Entführung seiner Frau fingiert, ganz unabhängig davon, dass diese Sache entgleist und seine Frau zu Tode kommt.

Er ist pleite, typisch Berlin halt, aber Sinn würde sein Handeln doch nur ergeben, wenn er sich echtes Geld leiht, das er dann aber an den scheinbaren Entführer nicht übergibt, sondern eben hauptsächlich Papier mit ein paar echten Scheinen drauf übergibt. Es gibt jedoch keinerlei Gespräch, in dem es wirkt, als ober sich Geld leiht oder dergleichen, das man ihm bankseitig ohne diesen Entführungsfall nicht zur Verfügung gestellt hätte. Oder gibt es eine hohe Lebensversicherung zugunsten von Gellert, wenn seine Frau umkommt? Wenn er selbst in das Geschehen verwickelt ist, zahlt die sicher nicht. Auch wenn es seine offenbar Geliebt, die Schwester seiner Frau ist, die ebenjene auf dem Gewissen hat und er das gar nicht wusste. Wie man in so wenig Spielzeit doch so viele Handlungslöcher  hineinpraktizieren kann, aber das liegt ja vielleicht auch daran, dass keine Zeit war, den Fall ordentlich auf- und auszuarbeiten.

Der Fall Kleingartenkolonie-Mörder wird dem, was so ein Serienkiller hergeben kann, noch weniger gerecht als dieses halbgare Erpressungszenario der Welt des Geldes. Okay, es gab schon vor der Wende Horrorclowns, das wissen wir jetzt. Aber dieses Lockvogelsystem, wie lächerlich simpel es enttarnt wird und wie einfach der Mann dann in die Falle geht, obwohl er doch weiß, dass ein Lockvogel unterwegs ist – nachdem er sich vorher auch noch als Zeuge hat vernehmen lassen, also nee. Und göttliche Eingebung war es auch noch, weil die Frauen kurze Röcke tragen oder sowas. Der größte Voyeur ist in den diesem Bülow-Film mal nicht Bülow selbst, sondern die Kamera, die  explizit draufhält, auf die Beine der Frauen, die durch die Kleingartenkolonie stöckeln, als sei das der neue Außenlaufsteg der Berlin Fashion Week. Aber mit Typen wie Patzelt kann ja heute nicht mehr viel passieren, weil die Fashion Week eben doch nicht in Laubenkolonien abgehalten wird, vor allem aber, weil sich die Ganzkörper-Sackmode immer mehr durchsetzt, zuzüglich Haare und Gesicht au ein Guckloch verstecken. Insofern sollte der gesellschaftliche Wandel durchaus eine die allgemeine Sicherheit fördernde Wirkung haben.

Wieso werden in Berlin eigentlich nicht alle Verbrechen ratzfatz aufgeklärt, bei dem Täterpersonal? Vermutlich haben sich die Verbrecher nach der Wende doch schneller weiterentwickelt als die Polizei, weil die überwiegend von außerhalb kamen und die andere Seite, das hört man, die hat viele Urberliner_innen in ihren Reihen. Habe ich schon erwähnt, dass ich immer noch nicht mehr Fahrrad wiedergekriegt habe?

Bis 1989 könnte allerdings auch ein Importverbot für gute Drehbücher gegolten haben und nicht jedes Jahr gelang es, eines auf dem Transitweg oder dem Luftweg in die Stadt zu schmuggeln. Die DDR hat das vermutlich verhindert, weil seitens der SED-Kulturleitung an den DFF die Devise ausgegeben worden war, dass der Polizeiruf 110 gegenüber den Berliner Tatorten das bessere Format darzustellen habe, die Systemkonkurrenz eben. Aber auch der Import fähiger Schauspieler war wohl Glückssache. Unglaublich im Grunde, dass in einer Stadt, die sich als gesellschaftliches Eperimentierfeld der BRD verstand, damals schon, ein rückständiger Chauvi wie Bülow den Kommissar gab, während woanders ein Schimanski rumprollte und Lena Odenthal gerade ihren ersten Fall hatte. Man darf Bülow nicht ins heutige Umfeld stellen, aber trotzdem – dieser Ermittler hat etwas so zutiefst Unsympathisches, das kommt für uns nur an die furchtbare Lindholm-Figur heran und an keine andere – die aber fälschlicherweise als modern angesehen wird. Was hat der Bülow nochmal bei Gellert gegessen? Oh ja, es war Tiramisu dabei. Damals der letzte Schrei auf dem Nachtischsektor, wir erinnern uns.

Trotzdem müssen wir einen Akteur herausheben. Hans Nitschke, der zu Recht dann ins Team Markowitz übernommen wurde. Unser einziger richtiger Lacher während des Films war sein „Hoffentlich ist ihm nichts passiert.“ So trocken und dann die Reaktion von Bülow so typisch fahrig-genervt. Auch sonst spielt er ganz dezent die anderen Darsteller aus.

Es muss mal wieder am Drehbuch gelegen haben. Mit Jürgen Roland führte ein Mann Regie, dessen „Der grüne Bogenschütze“ zu den besten Filmen der Edgar Wallace-Reihe zählt und der die sehr erfolgreiche Tatort-Vorgängerreihe „Stahlnetz“ mit konzipiert hatte. Vielleicht hatte er nicht den extravagantesten Stil unter den Wallace-Filmern und alles, was er inszeniert hat und was wir bisher kennenlernen durften, wirkt ein wenig kantig, aber um einen spannenden, straight forward gefilmten Tatort klassischer Machart zu drehen, reicht sein Können allemal – aber es ist nicht genugt, um aus dieser Kleinsammlung von unterentwickelten Fallfragmenten ein rundes Ganzes zu basteln.

Fazit

Nachdem wir nun alle Vorwende-Ermittler kennen, die in Berlin tätig waren und deren Filme bewerten durften, lässt sich sagen: Es gab einige ansehnliche Werke, aber kein herausragendes und darstellerseitig – welch ein Sprung nach vorne, als Günter Lamprecht mit seinem Franz Markowitz die Bühne betrat. Das lässt sich jetzt erst richtig einschätzen und wir freuen uns so auf die Filme mit ihm, von denen ja dann auch bald einige gezeigt werden müssten. Die Werke mit Bülow umfassen nur fünf von elf Tatorten der frisch auf HD hochrestaurierten Charge.

Gut gewählt ist aber der Titel des Films: In allen drei Fällen geht es darum, ob Bülow Tricks anwendet. Bezüglich seines Versprechens an die Bankräuber in Fall 1, was echtes und falsches Geld im Koffer angeht im Erpressungsfall und den Einsatz eines Lockvogels, um den Serienmörder zu fassen.

5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

H. G. Bülow (Hein Drache) – Hans Nitschke (K Janke) · Christiane Carstens (Karin Jellineck) · Arthur Brauss (Brinkmann) · Dieter Kirchlechner (Walter Gellert) · Eleonore Weisgerber (Nicole Mathern) · Wilfried Herbst (Leo Kussow) · Andreas Mannkopff (Otto Patschke) · Pierre Franckh · Helmut Gauss · Pamela Knaak · Kay Sabban · Uta Sax · Heinz Peter Scholz · Norbert Schwarz · Stefan Staudinger · Monika Stenzel · Peter von Strombeck · Edith Teichmann · Georg Tryphon · Patrick Winczewski

Stab
Regie – Jürgen Roland
Buch – Harald Vock
Kamera – Axel de Roche
Schnitt – Friederike Badekow
Musik – Birger Heymann
Produktion – SFB

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