Vom Himmel hoch – Tatort 1074 / Crimetime 168 // #Tatort #TatortLudwigshafen #Ludwigshafen #Odenthal #Stern #Tatort1074 #VomHimmelhoch #Drohnenkrieg #USA

Titelfoto © SWR, Sabine Hackenberg

Täter und Opfer traumatisiert, Gewalt überall

Der Titel des Films ist einem bekannten Weihnachtslied entlehnt, das Martin Luther höchstselbst verfasst hat und das etwa 50 Jahre später seine heute gebräuchliche Vertonung erhielt. Aber im Tatort 1074 kommt nicht die frohe Botschaft, vielmehr fliegen Drohnen an und töten Menschen. Wie kommen Lena und Johanna, die Ludwigshafener Kommissarinnen, mit dieser neuen Herausforderung klar? Das steht in der -> Rezension, unterhalb davon auch etwas mehr zum Weihnachtslied.

Handlung

Dr. Steinfeld wird erschlagen in seiner Praxis gefunden. Der renommierte Psychiater war spezialisiert auf Kriegstraumata, unter seinen Patienten finden sich zivile Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen wie auch traumatisierte Militärangehörige der US Air Base in Ramstein. Menschen mit unterschiedlichsten Gewalterfahrungen, von denen sich einer möglicherweise gegen seinen Therapeuten gewandt hat.

Heather Miller zum Beispiel, die als „Screener“ im Drohnenkrieg eingesetzt war und heute Ordonnanzoffizier in Deutschland ist, weil sie Depressionen bekam. Vor allem aber fesselt der Fall von Mirhat Rojan Lena Odenthals Aufmerksamkeit: Der Kurde verlor bei einem amerikanischen Drohnenangriff im Irak seine beiden Kinder, lebt inzwischen bei seinem Bruder in Ludwigshafen und ist polizeibekannt, weil er mit öffentlichen Aktionen auf sein Schicksal aufmerksam machen wollte.

Die Rojans sind von der Bildfläche verschwunden, aber je intensiver Lena und Johanna sich mit den beiden beschäftigen, desto mehr konkretisiert sich der Verdacht, dass sie einen Drohnenanschlag planen: ein Attentat auf Jason O’Connor, Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, der gerade in Deutschland erwartet wird.

Rezension / Allgemeines

29mal hatten wir nun schon Weihnachten und 29mal begann bald darauf ein neues Jahr, seit Lena Odenthal, dargestellt durch Ulrike, Folkerts, die Tatort-Bühne betrat. Kopper kam, Lisa Stern kam, Kopper ging, doch Lena blieb. Viele berühmte Teams kamen und gingen. Und so lange wie Lena ist niemand dabei. Gut möglich, dass Ulrike Folkerts weitermachen wird, bis sie tatsächlich das Dienstalter erreicht hat, in dem Beamte pensioniert werden – wenn überhaupt nichts dazwischenkommt, was eher selten ist. Acht Jahre sind es bis dahin noch. Odenthal ist trotz der längsten Dienstzeit nicht vorne, was die Zahl der gelösten Fälle angeht. „Vom Himmel hoch“ ist ihr 68. Fall, die Münchener Batic und Leitmayr, die zwei Jahre später starteten, kommen bereits auf 80 und die Jungspunde Ballauf und Schenk aus Köln, die erst seit 21 Jahren zusammen Dienst tun, haben Lena kürzlich überholt und stehen bei 71.

Odenthal hat auch ein Problem, das die beiden erwähnten anderen Langläufer-Teams nicht haben: Sie hat keinen „Achter“. Keinen Film, der in der maßgebenden Bewertungsstelle der Fans, dem Tatort-Fundus, auf einen Durchschnitt von 8,0/10 oder höher kommt. Und es gibt einige böse Ausrutscher, wenn es nach Meinung dieser Kenner der Reihe geht: Mehrere Tatorte liegen unter 4/10 oder nur knapp darüber. Wir überlegen, ob wir die „Cop-Kurven“ wieder einführen, die sichtbar machen, wie sich die Filme eines bestimmten Teams qualitativ entwickelt haben, um den Gründen nachzuspüren, warum Batic und Ballauf derzeit beim Publikum aufgrund aller Durchschnittswertungen zu allen ihren Fällen auf Platz 4 und 5 liegen, Odenthal aber nur auf Rang 14 von 22 Teams und warum ihre Tatorte im Schnitt 0,75 Punkte weniger bekommen als die der Kölner und der Münchener.

Einen Effekt, der bei Odenthal besonders stark ausgeprägt ist, können wir aber benennen, weil er uns in vielen ihrer Filme der letzten Jahre aufgefallen ist: Sie hatten  nicht das besondere Etwas, viele wirkten eher routinemäßig, vor allem die Drehbücher haben nicht überzeugt. Und im einen oder anderen Fall fielen auch die Schauspielleistungen auffallend schwach aus, die von Ulrike Folkerts nicht ausgenommen. Aber es gab auch Lichtblicke und wann, wenn nicht am zweiten Advent, sollte es einen weitern Lichtblick geben – in Form einer weiteren Kerze. Für Lena hätten wir uns aber gerade deshalb eher den vierten Advent als Ausstrahlungstermin für ihre Nummer 68 gewünscht. Ist jemand da, der 68 Kerzen am Weihnachtsbaum plant? Drohnen, die sich von besonder hellem Licht angezogen fühlen, könnten für unliebsame Überraschungen sorgen.

Rezension / zu „Vom Himmel hoch“

Nichts dergleichen. Die Drohne des Todes, die zwei Männer gebastelt haben, deren Kindr bei einem US-Angriff im Irak getötet wurden, kommt gar nicht erst zum Einsatz.

Selbstredend haben wir nachgeschaut, wie es mit dem von Deutschland aus gesteuerten US-Drohnenkrieg wirklich ausschaut. Bereits im Jahr 2013 gab es einen Bericht des ARD-Magazins Panorama, dass sehr wohl Drohneneinsätze von der Airbase Ramstein aus geflogen werden, wie im Film dargestellt – und zwar aktiv, nicht nur in Form von „Datenhilfe“ für andere Kriegseinsatz-Zentren. Damals bestritt Präsident Obama das bei einem Deutschlandbesuch persönlich, doch im Jahr 2016 gab es dann die Bestätigung: Die Bundesregierung räumte ein, dass es diese Einsatzplanung und- durchführung von Deutschland aus tatsächlich gibt.

In der Rangliste des Tatort-Fundus liegt der Film derzeit auf einem enttäuschenden Rang 693 und genau im Durchschnitt aller bisherigen Odenthal-Fälle (6,14 Punkte). Leider kann man die Begründungen der Nutzer noch nicht sehen, die hätten uns wirklich interessiert. Viel hängt nach unserer Ansicht davon ab, wie man den Film politisch bewertet, aber dass er schlecht gemacht ist, kann man wohl nicht sagen. Was wir zu unserer allgemeinen Odentahl-Darstellung (s. o.) geschrieben haben, müssen wir aber hier anhand des konkreten Falles, den wir jetzt kennen, ergänzen: Es gibt einige Tatort-Nutzer, die generell eine Aversion gegen Polit-Krimis haben und es gibt Odenthal-Hater, die sich seit Jahren auf sie eingeschossen haben und gerne mal unsinnige 0,0 für ihre Filme vergeben.

Na gut, dass Lena wirklich die kleinere und anders gebaute Heather mit Johanna verwechselt, dass Johanna sich ihrerseits von Heather so leicht übertölpeln lässt und ein paar andere Wischer in den Film – geschenkt, jedenfalls kein Grund, sich daran aufzuhängen. Dafür fanden wir die US-Soldatin super gespielt. Nicht, weil ihr Akzent so komplett echt wirken würde, sie hat ja kaum einen und das fanden wir besser, als ihn zu simulieren, aber der Typ – einfach passend. Eine Kampfmaschine, die nicht mehr funktioniert, aber natürlich kann sie immer noch sehr körperlich agieren, wenn’s drauf ankommt und sie sich bedroht fühlt. Wie die Darstellerin Lena Drieschner der inneren Zerstörung der Frau Ausdruck verleiht, wirkte sehr authentisch. Ob Lena Odenthal so jemandem in ihrem Alter noch im Nahkampf standhalten kann – nun ja, Ulrike Folkerts ist bekanntermaßen sehr sportlich.

Da es nun kein Zusammenspiel mit Kopper mehr gibt, was Lena auch sehr bedauert, muss das Verhältnis zu Johanna irgendwie geklärt werden. Man hat sich entschieden, die beiden Frauen Best Friends werden zu lassen. Und das Ende, das auch diesem Verständnis heraus inszeniert wurde, war für uns stimmig und dadurch berührend. Wenn sie dieses Verhältnis im nächsten Film nicht zurücknehmen, hätten wir erstmals in Frauenteam, das emotional auf gleicher Höhe oder Tiefe angekommen ist wie die Kumpels Ballauf und Schenk in Köln und Batic und Leitmayr in München. Nie kann man etwas Verlorenes komplett ersetzen, das Neue ist immer anders, aber man verliert etwas und mit Glück gewinnt man etwas ähnlich Wertvolles. Es kam auch nicht so überraschend, weil Odenthal und Stern sich in den vergangenen Fällen schon deutlich weniger kämpferisch zueinander verhielten als am Beginn ihrer Zusammenarbeit. Ganz sicher, und auch das ist gut nachvollziehbar, spielt dabei eine Rolle, dass Kopper nicht mehr dabei ist und sich dadurch das Dreieck, in dem die beiden Altgedienten Johanna Stern als Störenfried wahrgenommen hatten, auflösen konnte und sich ein Gespann bildet, dessen Angehörige sich nicht mir ihrer Wirkung auf Dritte befassen müssen.

Wir finden, dass man den Tatort Ludwigshafen, der jahrelang ziemlich dahindümpelte, auf eine Weise renoviert hat, wie das bisher eigentlich noch nie gelang: Wenn man der Ansicht ist, Lisa Bitter als Johanna Stern kann Filme tragen, dann kann man sie als Nachfolgerin von Lena Odenthal aufbauen. Dass sie einen Anfängerfehler gemacht und die US-Soldatin unterschätzt hat, macht sie vor allem für jene greifbarer, die immer so etwas wie eine kathartische Runter-vom-Ross-Krise brauchen, um eine Figur annehmen zu können. Da konnte sich Lena auch nicht verkneifen zu erwähnen, dass es einen Unterschied macht, ob Mario Kopper unvorschriftsmäßig alleine loszieht oder ob Johanna Stern das tut. Wir finden, der LU-Tatort wieder viel interessanter geworden. Und an Spannung hat es in „Vom Himmel hoch“ auch nicht gefehlt. Odenthals Dynamik, fast wieder in ihrer Glanzzeit, als sie sich nach eher dezentem Start in den 1990ern zur Frontfrau des physisch-moralischen Tatorts entwickelt hatte und – wird der Drohnenanschlag wirklich stattfinden?

Wieso haben wir den beiden kurdischen Vätern, die ebenso traumatisiert sind wie die Mörder ihrer Kinder, gewünscht, dass es klappt? Vielleicht nicht in der Form, dass es zu Toten kommt, aber dass das Ding zündet und Schaden anrichtet. Vielleicht, weil man wirklich Zeichen setzen muss, damit die Politik mal reagiert. Sich nur zu beschweren ist schon so – ja, was eigentlich? 2018 jedenfalls nicht mehr. Wie dringt man noch zu dieser abgehobenen Kaste durch? Das ist eine Frage, die wir uns hier in Berlin auch an jedem neuen Tag stellen müssen und die Antwort hängt nicht davon ab, ob man unsere Liebsten in einem  Scheißkrieg umgebracht hat, einfach, weil man es konnte und als „Kollateralschäden“. Die Antwort hängt viel mehr davon ab, welche Welt wir wollen und ob wir tatsächlich so machtlos sind, wie uns die Einflüsterer aus Politik und Medien-Mainstream suggerieren wollen.

Was wir nicht wollen sollten, ist, dass von Deutschland aus Krieg geführt wird, denn das Wort, das Versprechen muss Gültigkeit behalten, dass von diesem Boden nie wieder ein solcher ausgehen darf. Was er mit Menschen macht, auch mit den Tätern, finden wir in „Vom Himmel hoch“ gut herausgearbeitet, ohne dass man ins Therapeutische einsteigt. Funktioniert  ohnehin suboptimal, die Traumabewältigung, denn alle, die von Gewalt geprägt sind, kommen nicht so leicht aus diesen Mustern heraus, bauen Sprengdrohnen oder bringen ihre Therapeuten um. Dass derlei Erfahrungen nicht so leicht zu überwinden sind, sollte uns übrigens auch klar sein, wenn es um die bisher viel zu wenig intensive bzw. konsequente Betreuung von Kriegsflüchtlingen geht.

Fazit

Vom Himmel hoch kommt also keine Friedensbotschaft, keine Erlösung. Nicht 2018. Nach unserer Ansicht spiegelt der Film gut die aktuelle Stimmung wieder, in die längst eingeflossen ist, dass Krieg ein alltägliches Schauspiel darstellt, dass er immer asymmetrischer wird, dass die Sprache der Politik in vielen Ländern immer aggressiver wird, die Zerfallserscheinungen der internationalen Ordnung und der Zivilisationen immer deutlicher zutage treten. Im 1074. Tatort wird nicht moralisiert, auch wenn Lena dieses Mal wieder einen moralischen Anspruch ausdrückt, nämlich den, dass Politik nicht über den Ermittlungen stehen darf. Vor allem die Bilder und das  Handeln der Personen sprechen jedoch für sich. Vielleicht wollen einige das nicht wahrhaben, aber in diesen Zeiten kann auch der Tatort nicht mehr sein wie früher, sondern muss sich dem stellen, was uns alle angehen sollte.

Habe ich schon erwähnt, dass ich die politische Forderung, die Airbase Ramstein zu schließen, richtig finde?

8,5/10

Zum Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“

Im Grunde geht es gar nicht, einen Film, der sich auf ein Kirchen-Weihnachtslied bezieht, schon am 9. Dezember zu zeigen. es folgen doch noch zwei Advenssonntage, bevor das Lied seine Relevanz erhält. „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue M2019-04-15 Vom Himmel hoch, da komm ich herär“, so fängt es an.

Wobei man „Mär“ nicht unbedingt mit Märchen gleichsetzen sollte, zumindest hatte der Autor der Strophen dieses sehr bekannten Liedes nicht die Intention, die Botschaft als Märchen zu apostrophieren. Der Autor heißt Martin Luther und wir haben die erste Strophe von „Vom Himmel hoch“ abgebildet. Zum Mitsingen. Entweder währen des Tatorts heute Abend oder doch erst am 24.12. Hier gibt es weitere Informationen: Alle Strophen, die Entstehung, die Bedeutung des Songs.

Besetzung und Stab 

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Ermittlerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Kriminaltechniker Peter Becker – Peter Espeloer
Sekretärin Edith Keller – Annalena Schmidt
Oberstaatsanwalt Benninger – Max Tidof
Dr. Christa Dietrich – Beate Maes
Martin Rojan – Diego Wallraff
Mirhat Rojan – Cuco Wallraff
Heather Miller – Lena Drieschner
US-Staatssekretär Jason O’Connor – Peter Gilbert Cotton
General Peter Huffing – Jim Boeven
Dr. Hakan Özcan – Kailas Mahadevan
Ortspolizist Flörke – Stefan Ruppe
u.a.

Drehbuch – Tom Bohn
Regie – Tom Bohn
Kamera – Jürgen Carle
Schnitt – Isabelle Allgeier
Szenenbild – Andreas C. Schmid
Musik – Jan Kazda

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