Alles Theater – Tatort 221 / Crimetime 169 // #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Bülow #Jahnke #AllesTheater #TatortAllesTheater

Crimetime 169 - Titelfoto © SFB / RBB

Der letzte Berliner Tatort vor dem Mauerfall

Stopp. Ein Standbild. Berlin, wie es war. Im vorausgehenden Fall „Keine Tricks, Herr Bülow“, da war sie zu sehen. Die Berliner Mauer. Wie sie war, kurz bevor sie bestiegen, durchlöchert, niedergerissen wurde. Wer sich Westberlin nochmal anschauen möchte, der wird sich mit Bülows letztem Fall „Alles Theater“ einen Nostalgiekick verabreichen können. Allerdings nicht nur wegen der Mauer, sondern wegen einiger Elemente der Bülow-Tatorte, die auch in den späten 1980ern schon antiquiert gewirkt haben dürften.

Sollen wir schon festhalten „Schön war’s!“ oder uns mehr darauf freuen, dass der RBB mit seinen restaurierten Tatort Classics nun ins neu vereinte Berlin und zu Kommissar Markowitz wechseln wird? Gerade seine Filme haben ja etwas  von Sehnsucht nach der alten Zeit, was die Tatorte, die noch in der alten Zeit spielen, nun überhaupt nicht ausstrahlen. Vermutlich sah niemand die neue Zeit kommen und deshalb war, anders als bei der berühmten Fin-de-Siècle-Stimmung, auch kein Gefühl von traurig Abschied nehmen spürbar. Vielleicht ist das aber in „Alles Theater“ anders. Bülow geht ab. Der Vorhang fällt. Es war wieder ein recht kurzes Stück, 80 Minuten Spielzeit.

Aber war es ein gutes Stück? Das klären wir in der -> Rezension.

Kommissar Bülow begibt sich hinter die Kulissen und löst einen brisanten Mordfall in der Theaterwelt.

Hauptkommissar Bülow ist zu einer Theaterpremiere eingeladen worden, man gibt „Sechs Personen suchen einen Autor“ von Luigi Pirandello. Die knisternde Spannung der Aufführung zeigt jedoch nicht nur Premierenfieber an. In der Selbstmordszene erschießt sich einer der Hauptdarsteller wirklich.

Noch am Tatort beginnt Bülow zu ermitteln. Schnell wird aus der Frage „Selbstmord, warum?“ die Frage: „Mord durch wen und warum?“. In der emotional aufgeladenen Theaterwelt gibt es viele Verdächtige … Kommissar Bülow begibt sich hinter die Kulissen und löst im Laufe dieser einen Nacht einen brisanten Mordfall.

Heinz Drache, der seine Schauspielerkarriere nach dem Krieg am Theater unter Wolfgang Langhoff und Gustav Gründgens fortsetzte, wurde einem breiten Publikum vor allem durch seine Rolle als Inspektor Yates in den legendären Durbridge-Krimis ein Begriff. 1985 kehrte er nach seinen Erfolgen in rund 20 deutschen Edgar-Wallace-Verfilmungen ins deutsche TV-Ermittler-Geschäft zurück. Als Hauptkommissar Bülow ermittelte er in brandheißen Fällen im West-Berlin der 1980er Jahre. Der Tatort „Alles Theater“ war Heinz Draches letzter Fall als Tatort-Kommissar.

Das rbb Fernsehen sendet bis zum Jahresende in der Reihe „Tatort Classics“ elf in Berlin produzierte Tatorte aus den Jahren 1975 bis 1995 in restaurierter HD-Fassung und mit Videotextuntertitelung.

Rezension

Der Dramatiker und Romancier Luigi Pirandello, dessen Stück „Sechs Personen suchen einen Autor“ offenbar die Grundlage für das diente, was wir in „Alles Theater!“ sehen, sieht in seinem Werk das Leben als groteskes Maskenspiel, so steht es in der Wikipedia. Damit steht er unter anderem in der Tradition der Comedia dell‘ Arte. Was macht nun ein Berliner Tatort des Jahres 1989 aus dieser Vorlage oder Vorgabe?

Dass es hinter der Bühne genauso theaterhaft zugeht wie auf der Bühne und chargiert wird bis zum bitteren Ende, nimmt der Zuschauer sehr wohl wahr, und können Gefühle echt sein, wenn Schauspieler sie äußern? Man sagt ihnen durchaus nach, dass sie auch deshalb so erfolgreich in andere Rollen schlüpfen können, weil sie wenig eigene Persönlichkeit haben, die sie daran hindern würde, sich ständig zu transformieren. Wir meinen, für viele große Mimen gilt das nicht, sie konnten sehr wohl trennen zwischen Leben und Bühne oder Leben und Film, aber es ist doch häufig zu bemerken, welch kitschroman-artige Züge beispielsweise ihr Beziehungsleben aufweist. Sicher, die Medien tragen dazu bei, dass wir es so wahrnehmen, aber wäre ein Schauspieler nicht auch eitel, nicht egozentrisch, nicht in der Lage, anderen etwas vorzuspielen und auch sich selbst, vor allem, wenn es mit der Karriere nicht so gut läuft, könnte er dann diese große Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion überbrücken?

Über das Leben hinter den Kulissen kann man ganz wunderbar reflektieren, aber wenn man eine Satire daraus machen will, muss man eine gewisse Ader dafür haben, das Unwirkliche im Wirklichen so darzustellen, dass es lächerlich, aber auch berührend wirken kann, denn so richtig politisches Kabarett ist es ja nicht, in dem Sketche nur die Aufgabe haben, jemanden auf die Schippe zu nehmen. Es muss auch Drama und Tragödie drin sein und die darf natürlich nicht ebenfalls lächerlich wirken.

Es war zu befürchten, wenn man schon einige Bülow-Tatorte gesehen hat, dass dieser Spagat nicht gelingt. Und die Befürchtungen bestätigen sich. Man sitzt vor dem Bildschirm und staunt, das schon. Langweilig ist das Ganze also nicht. Es ist aber deshalb nicht langweilig, weil man immer wieder denkt: Was die eine Traute hatten, sowas zu filmen! Dieses Berlin vor der Wende muss wirklich der Hammer gewesen sein, von Jahr zu Jahr mehr losgelöst vom Rest der Republik und vielleicht auch vom Rest der Welt, nicht nur die Tatorte sind etwas anders, in vielen Bereichen wurden die üblichen Standards unterschritten und die Probleme, die daraus resultierten, wirken bis heute nach.

Regisseur Peter Adam hatte vor „Alles Theater!“ einige Schimanski-Tatorte inszeniert und dadurch Erfahrung mit einem Schauspieler, der gerne etwas übertreibt – da er das nicht nur in den Filmen von Adam tut, kann man Ursache und Wirkung einigermaßen klar voneinander trennen. Aber dass „Alles Theater“, der übrigens wieder nur 80 Minuten Spielzeit aufweist, so seltsam wirkt, liegt sehr wohl dieses Mal nicht nur am Drehbuch, sondern auch an der Inszenierung, die sich zwischen Kitsch und Satire nicht entscheiden kann. Bei allem, was wir sehen, können wir als Zuschauer unmöglich auch nur einen Hauch von Sympathie für irgendeine Figur empfinden. Selbst eine gute Filmsatire erlaubt das normalerweise aber, indem es irgendwen gibt, dem wir uns nah fühlen, der uns ähnlich ist, der handelt, wie wir vielleicht doch handeln könnten, wenn wir ein klein wenig anders wären.  Na gut, Daniela Ziegler als Regine von Lempert hat uns etwas mehr überzeugt als das übrige Personal, aber das war bei dem Film auch nicht so schwierig.

Die Typen in den Berliner Bühlow-Tatorten wirken tatsächlich wie aus einer anderen Welt, die zumindest uns vom Wahlberliner ziemlich verschlossen zu sein scheint. Wir haben uns den ganzen Film über gefragt, wie Menschen, die so drauf sind wie diese Theatertruppe, es schaffen, einigermaßen konzentriert eine Vorstellung zu absolvieren, angesichts ihrer maximalen privaten Kalamitäten. Klar, Schauspieler sind alles, was wir oben beschrieben haben und auch Profis, und Profis können im Job noch funktionieren, wenn sonst nichts mehr läuft. Und viele Schauspieler machen über viele Jahre einen gleichbleibend guten Job, auch wenn die Umstände ihres Lebens sich immer wieder ändern. Aber uns war das alles hier etwas too much. Hatte auch damit zu tun, dass  hier wirklich jeder mit jedem was hat. Dieses Klischee wurde einfach überstrapaziert, damit ein im Grunde tödlich einfacher Fall noch halbwegs kompliziert wirkt.

Der Vorhersehbarkeit tat das keinen Abbruch, wir hatten ziemlich schnell die Diva im Auge, die so emotional-radikal ist, dass sie erst jahrelang schreckliche Verhältnisse duldet oder selbst mitentwickelt und dann zwei Morde an einem Abend begeht. Den letzten so dilettantisch, dass H. G. Bülow nicht einmal die üblichen 90 Minuten brauchte, um alles aufzuklären. Insgesamt tut er das übrigens fast in Echtzeit und wir sehen hier eine der schnellsten Ermittlungen der Tatortgeschichte. Freilich wäre das nicht möglich gewesen, wenn die extrovertierten Theaterleute nicht unentwegt über sich und andere plappern würden und damit dem Kriminaler die Vorlagen für seine Überlegungen aus ziemlich unbedrängter Lage heraus liefern würden. Einmal wird er investigativ, aber gleich zieht er seine Frage wieder zurück, als die angesprochene Person sich sein Insistieren verbittet.

Fazit

In der Rangliste des Tatortfundus steht „Alles Theater“ derzeit nur auf Rang 1064 von 1087 Filmen. Bedeutet, bei der Mehrzahl der Nutzer ist dieses Stück nach Pirandello durchgefallen. Wir tendieren ebenfalls dazu, die Satire nicht zu kaufen, weil sie von teils unglaublich unglaubwürdigen Handlungselementen gekontert wird, die ja gerade satirefeindlich, dafür unfreiwillig komisch sind. Man denke an die Schlafzimmervideos, die so furchtbar auffällig in einem Schrank abgelegt waren. Vermutlich wirken sie deshalb wie Fremdkörper, weil die Video-Aufzeichnungstechnik zu Pirandellos Zeiten noch nicht erfunden war. Dass wir mit der Figur H. G. Bülow relativ wenig anfangen können, hatten wir bereits erwähnt. Sicher beeinflusst auch dies unsere Bewertung.

5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Bülow (Heinz Drache)
Kommissar Jahnke (Hans Nitschke)
Holger Koch (Dietrich Mattausch)
Anna Pfeil (Christine Ostermayer)
Regine von Lempert (Daniela Ziegler)
Georg Mertens (Jürgen Heinrich)
Uta Pohl (Petra von Morzé) u.a.

Musik: Stephan Melbinger
Kamera: Klemens Becker
Buch: Knut Boeser
Regie: Peter Adam

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