Und dahinter liegt New York – Tatort 489 / Crimetime 170 // #Tatort #TatortMünchen #München #Batic #Leitmayr #BR #Tatort489 #NewYork #NYC #UnddahinterliegtNewYork

Crimetime 170 - Titelfoto © BR, Laurent Truemper

Dahinter liegt New York, danach kam 9/11

Als „Und dahinter liegt New York“ am 23.12.2001 zum ersten Mal gesendet wurde, war es im Film Winter, wie in der Wirklichkeit. Es ist davon auszugehen, dass im Film der Schnee vom vergangenen Jahr gezeigt wird, der von 2000/2001.

Warum hat dies eine Bedeutung? Obwohl die Folge 489 erst zehn Jahre alt ist, wirkte der Film auf uns nicht mehr wie ein Tatort von heute. Batic und Leitmayr ermitteln immer noch und waren auch damals schon leicht angegraut, die sozialen Probleme sind seit 2001 gewiss nicht geringer geworden – und doch ist alles anders.

Wichtig für den Eindruck, dass wir einem Tatort aus einer vergangenen Zeit beiwohnen durften, ist wohl der Fluchtpunkt New York. Als der Film gedreht wurde, hatte es wohl 9/11 noch nicht gegeben und schon gar nicht den US-Einmarsch im Irak, wir waren noch nicht viele Jahre lang von George W. Bush genervt, vielmehr war unser Bild von den USA noch bestimmt vom witzigen, lebensfrohen und dank Internetboom ökonomisch auf einer Erfolgswelle schwimmenden Bill Clinton.

Wenige Jahre später und besonders heute sind Tatorte out, in dem die USA das Land der naiven Träume einfacher Menschen sind. In den 1990er Jahren hingegen gab das in Tatorten mehrfach – viele Sehnsüchte und erreichbare oder nicht erreichbare Ziele waren auf das Land der damals vergleichsweise unbegrenzten Möglichkeiten konzentriert. Insofern wirkt „Und dahinter liegt New York“ wie ein Nachbrenner – und ist ein Abgesang auf eine weniger ernüchterte Zeit.

Die einfachen Menschen so zu zeigen, wie man es hier getan hat, wäre heute nicht mehr ganz politisch korrekt und ihre Ziele wären es wohl auch nicht. Was dahinter liegt, kann irgendein Land außerhalb der Eurozone sein, wenn man denn das Auswandern thematisiert – aber unter diesen Ländern nicht mehr unbedingt die USA. Die Wahrheit ist: Jedes Jahr verlassen etwa 150.000 Deutsche  das Land und viele bleiben weg für immer. Es sind meist aber keine einfachen Menschen, sondern gut ausgebildete, die hier dringend gebraucht würden, die man sucht und die dennoch lieber Abstand vom System Deutschland nehmen. Einige davon gehen in die USA, überwiegend nicht mit träumerischen Vorstellungen, sondern mit beruflichen Perspektiven, die meist im Voraus festgelegt sind. Mehr über das Gestern, mehr als über das heute steht in der -> Rezension.

Handlung

Weihnachten steht vor der Tür. Es ist bitterkalt. Nicht jeder freut sich auf die Festtage. Vielen Menschen in den sozial schwächeren Vororten fehlt das Geld für Geschenke. Hier lebt man abseits von der reich funkelnden Innenstadt Münchens.

Die beiden Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr haben Schwierigkeiten, den Weg in das außerhalb gelegene Wohnviertel Münchens zu finden: Ein Wachmann der “City Security” ist nach Dienstschluss erschossen aufgefunden worden. Schnell steht fest, dass der tote Martin Reck Polizeibeamter war, der sich mit seinem Nebenjob den Wunsch nach einem eigenen Haus in Allach erfüllen wollte nach dem Motto “nur weg von hier”.

Dennis Kellerer und der 16-jährige Pit Finke sind Freunde. Dennis hat die Leiche gefunden. Er will später mal Polizist werden. Der Junge hängt sich an die Fersen der beiden Kommissare Batic/Leitmayr und verfolgt und benotet mit Kamera und Kennermiene fast jeden ihrer Ermittlungsschritte.

Pits Mutter, Claudia Finke, hat ihren Ehemann Alfons mit Martin Reck betrogen. Reck war Alfons‘ bester Freund. In der Wohnung von Pits Eltern hängt der Haussegen schief, die Ehe der Finkes droht auseinander zu brechen. Doch Pit ist bereit, alles dafür zu tun, seine Familie zusammenzuhalten. Denn es gibt schon lange den großen Plan, gemeinsam nach Amerika auszuwandern. Pit ist ein talentierter Basketballspieler, und sein Vater spricht immer wieder von seinen “Verbindungen” dorthin. Klar, dass Dennis mit von der Partie sein wird – besonders nach dem Tod von Pits Bruder, Maik.

Alfons Finke weiß, dass der Chef der “City Security”, Hartmut Grosser öfter “Stress mit Reck” hatte – des Geldes wegen, genau wie er. Doch was genau lief zwischen Grosser und dem als untadelig geltenden Polizisten? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz der Wachmänner von “City Security” und der Häufung von Einbrüchen in ihrem unmittelbaren Einsatzgebiet? Finke sieht seine Chance, dem verhassten Chef eine Lektion zu erteilen. Endlich profitiert auch er von Grossers Geldtropf. Für den großen Traum – ein Leben in der neuen Welt – setzt Vater Finke alles auf eine Karte.  

Rezension

Die armen Leute von München. Friedrich Ani, der das Drehbuch verfasst hat, gilt unter Kennern als einer der besten deutschsprachigen Kriminalschriftsteller der Gegenwart. Ihm haben wir einen im Wesentlichen fehlerfreien Plot zu verdanken, eine Gradlinigkeit, die auch in der Inszenierung durch Friedemann Fromm zum Ausdruck kommt.

„Und dahinter liegt New York“ ist vergleichsweise simpel aufgebaut, es gibt nur sehr wenige Verdächtige und der Fall hat kein sehr überraschendes Ende. Es ist schade und eine Tragödie, dass der junge Pit Finke der Täter ist, aber im Verlauf deutet schon einiges darauf hin, dass es nicht der unsympathische Sicherheitsunternehmer Hartmut Grosser (Sepp Schauer) war. Es gibt dazu einen Handlungsstrang, der klarlegt, dass der ermordete Martin Reck von diesem Grosser zu illegalen Handlungen angestiftet worden war (Reck bricht als nebenberuflicher Wachmann in zu bewachende Objekte ein).

Arm ist also zunächst der Streifenpolizist Reck. In München, das lernen wir schnell, kommt ein einfacher Beamter nicht mit seinem Gehalt und auch nicht mit seinem Nebenverdienst aus, er mus zusätzlich einbrechen gehen, damit er seiner Geliebten plötzlich eine Möglichkeit auf ein gemeinsames Haus eröffnen kann. Wir glauben, da ist sogar etwas dran. Ortszulage hin oder her, in München sind Leute mit niedrigem Einkommen besonders aufgeschmissen (Berlin bemüht sich gerade, nachzuziehen, wird diesen Stand aber zum Glück nicht erreichen).

Zunächst dachten wir, so schlimm ist es ja gar nicht, mit der als so kaputt dargestellten Familie Finke. Wie im Film gesagt wird: Es ist immerhin eine Familie, die geht ihren Weg gemeinsam. Mehr noch, die Mitglieder dieser Familie, Mutter Claudia (Barbara Rudnik), Vater Alfons (Thomas Anzenhofer) und Sohn Pit (Frederic Walter) lieben einander, auch wenn Mutter Claudia ihre Träume auf den im Grunde nicht geeigneten Martin Reck (Markus Völlenklee) überträgt und mit ihm fremdgeht – wohl mehr aus Enttäuschung wegen der gescheiterten Träume, die sie mit ihrem Mann hatte als aus wirklich tiefen Gefühlen für Martin. Die Leute haben alle einen Job, der Sohn ist gut in der Schule, eigentlich gar keine Problemfamilie.

Gerade deshalb macht die hier gezeigte Hoffnungslosigkeit so nachdenklich. Der Vater ist als New-York-Träumer, der einen alten Ami-Pickup fährt, etwas überzeichnet, die Weihnachtswelt in dem Einkaufscenter, in dem Pit aushilft, wird zu plakativ gegen die sozialen Verhältnisse gestellt. Es ist eher ein zwischemenschliches als ein soziales Thema, das hier gezeigt wird. Es gibt noch kein Hartz IV. Die Welt war zu Beginn des Jahres 2001, bevor in den USA Flugzeuge ins WTC flogen und in Deutschland der Genosse Schröder die Agenda 2010 tatsächlich ganz und gar zu Lasten der Armen umsetzte, noch vergleichsweise sicher.

Eher in den Köpfen. Eine knallige, richtig prollige und verhärtete Unterschichtwelt gibt es also nicht zu bestaunen, sondern das, was in München schon ausreicht, um Tristesse zu erzeugen: Träume von einem Leben mit mehr als einer kleinen Etagenwohnung und einem Mann mit einfacher Arbeit. Man fragt beinahe gar nicht nach den Hintergründen – und das liegt an Barbara Rudnik.

Die 2009 viel zu früh verstorbene Schauspielerin tut sehr viel für die Glaubwürdigkeit von „Dahinter liegt New York“. Ihre Mimik, ihre Art zu spielen, das ist Melancholie pur. Sehr selbstverständlich wird in dieser Figur Claudia alles, was zu zeigen ist. Es muss nicht viel erklärt werden, schon gar nicht muss es selbsterklärende Hintergründe geben. Es ist, wie es ist, und auch das trägt dazu bei, dass dieser Tatort ein wenig antiquiert wirkt. Die wenigen echten Sozialtatorte heutiger Prägung sind immer mit klaren Symbolen verbunden. Wer abdreht, hat meist schon bekloppte Eltern, das ist so ein gängiges Motiv, das zu falschen Schlüssen verleiten kann. Wehe allen, die aus einem Top-Elternhaus kommen und nicht als Nobelpreisträger enden.

In „Dahinter liegt New York“ wird hingegen einfach eine Familie erzählt, in deren Köpfen sich naive Träume eingenistet haben, allerdings – auch diese werden auf den Sohn übertragen, der sich plagt, ein guter Basketballer zu werden und man ahnt es gleich, gegen die US-Profis hätte er keine Chance. Spielte Dirk Nowitzki damals schon in den USA oder wer ist der Basketball-Star, dessen Poster an der Wand von Pits Zimmer hängt?

Ruhiger Fluss. Natürlich gibt es neben der Familientragödie auch einen Fall, und den lösen der Batic Ivo und der Leitmayr Franz (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl). Das machen sie gut, auch wenn ihr Auto mal unversehens in Flammen aufgeht, die Ermittungsarbeit in einem überschaubaren Fall verläuft ohne spektakuläre Einzelszenen, aber dafür auch weitgehend ohne Pannen. Die beiden wirken recht autark und doch nicht gleichgültig. Eine angenehme Mischung aus Engagement und Distanz.

Diese Mischung wird unterstützt durch eine weitere Tatsache, die uns diesen Tatort als etwas veraltet empfinden lässt: Die sehr schlichte Inszenierung. Wir finden sie stringent und angemessen, das schrieben wir eingangs, nichtsdestotrotz ist sie eher den 90ern als den 2000ern zuzuordnen. Auch die Müncher waren zu der Zeit durchaus schon anders unterwegs, wie der von uns rezensierte Howcatchem „Ein mörderisches Märchen“ belegt, der ein Jahr vor „Und dahinter liegt New York“ entstanden war.

Manchem Liebhaber der spannenden Krimikost wird die Folge 489 zu langsam gefilmt sein und zu beschränkt auf wenige Aspekte, besonders auf die Familie Finke und ihre aus heutiger Sicht etwas abstrakt wirkenden Nöte. Wir können das nachvollziehen, stellenweise war uns das Gezeigte etwas zu plakativ und war uns das Kriminalistische etwas zu simpel geraten. Allerdings wissen wir auch, man kann immer etwas aussetzen. Heute sind es meist die sehr unglaubwürdigen und weit hergeholten Handlungselemente, mit denen verzweifelt an der Originalität gebastelt wird, die uns nicht gefallen.

Fazit

Wir haben schon aufregendere Folgen mit dem Münchener Duo Batic / Leitmayr  gesehen. Viele von deren besten Tatorten kennen wir noch gar nicht, geschweige, dass wir sie schon rezensiert hätten.

Das aktuelle Münchener Team ist immerhin für 6 % aller bisher entstandenen Tatorte verantworlich und wir haben noch viel Arbeit vor uns, bis wir die beiden auf dem Stand der Münsteraner oder der Saarländer Kappl / Deininger haben, deren Folgen sind jeweils schon zur Hälfte oder darüber rezensiert. Aber das kann gegenwärtig nicht der Maßstab sein, angesichts von 60 Fällen, die Batic und Leitmayr bereits abgeliefert haben. Die Wiederholungsdichte ist, auf den einzelnen Fall bezogen, wohl auch etwas geringer als bei den Teams mit weniger Folgen.

Im Bereich der bisher rezensierten München-Folgen mit dem aktuellen Ermittlerduo ordnen wir „Und dahinter liegt New York“ eher in die untere Hälfte, was nicht heißt, dass dies ein schlechter Tatort ist. Allein Barbara Rudnik ist uns einige Punkte wert. Insgesamt vergeben wir 7,0/10.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Ivo Batic – Miroslav Nemec
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Claudia Finke – Barbara Rudnik
Pit Finke – Frederic Welter
Alfons Finke – Thomas Anzenhofer
Dennis Kellerer – Janis Runge
Tanja – Julia Palmer-Stoll
Hartmut Grosser – Sepp Schauer
Martin Reck – Markus Völlenklee
Dame im Bus – Heidy Forster
und andere

Musik – Manu Kurz
Kamera – Jo Heim
Buch – Friedrich Ani
Regie – Friedemann Fromm

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