Erfroren – Tatort 605 / Crimetime 172 // #Tatort #TatortKöln #Köln #Ballauf #Schenk #Erfroren #TatortErfroren #WDR

Crimetime 172 - Titelfoto © WDR, Michael Boehme

Glattes Eis

In ihrem 31. Fall ermitteln Max Ballauf und Freddy Schenk in der Sportwelt des Eiskunstlaufens und erleben verwickelte Familienverhältnisse, Leistungdruck im Leistungssport und wie Träume auf unterschiedliche Weise zerplatzen.

Eiskunstlaufen fanden wir früher mal faszinierend, weil der Sport so ästhetisch ist und einen künstlerischen Touch hat.  Weshalb auch der Begriff „Kunst“ drinsteckt. Wie etwa beim Kunstturnen – aber mit dem wesentlichen Unterschied, dass das glitzernde Eis, die tollen Kostüme und vor allem die Musik eine viel unterhaltsamere Atmosphäre schaffen.

Jedoch, wenn die Spitzenläufer dann gestürzt sind, haben wir jedes Mal den Atem angehalten, weil wir sahen, wie in Sekundenbruchteilen zerplatzende Träume inmitten der weiterlaufenden Musik eine Melancholie, eine Traurigkeit erzeugen, die wir von keiner anderen Sportart kennen. Woanders ist man eben langsamer als die anderen, im Hochsprung kann man mal die Latte reißen, aber im Eislauf während des Ausführens eines Dreifachen zu stürzen, das hat etwas Tragisches. Und so ein ganz klein wenig können wir’s nachfühlen, denn immerhin konnten wir mal selbst so einigermaßen eislaufen, dass wir’s in recht hoher Geschwindigkeit, auch rückwärts und mit Drehungen schafften. Nicht mit gedrehten Sprüngen und Pirouetten und von Kunst konnte keine Rede sein.

Auf der anderen Seite steht das Pathos, die Theatralik, wenn diese Sportler zu tollen Rhythmen übers Eis fliegen – ob sie das heute noch zum „Ritt der Walküre“ von Richard Wagner tun, wie anfangs der Preisrichter, der selbst ein guter Läufer ist, wagen wir eher zu bezweifeln – aber ironisch ist das Stück schon, angesichts der Tatsache, dass er gleich darauf tot ist. Was danach geschieht, steht alles in der -> Rezension.

Handlung

Eiskunstlaufen war sein Leben, im Eislaufstadion fand er den Tod. Stefan Müller ist erfroren, nachdem ihn ein Unbekannter auf dem Eis niedergeschlagen hat. Ein Fall für die Kölner Mordkommission. Schnell stellen die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk fest, dass der ehemalige Leistungssportler, Trainer und Preisrichter nicht nur Freunde hatte.

In der Gerüchteküche brodelt es: Von parteiischen Preisrichterentscheidungen ist die Rede. Es gibt Dopingvorwürfe und sogar sexueller Missbrauch von Minderjährigen wird Müller vorgeworfen. Vor allem die ehrgeizige Mutter der Eislaufschülerin Jeanette nimmt kein Blatt vor den Mund. Ilona Hinze fühlte sich und ihre Tochter durch Müller stets benachteiligt. Ganz fixiert sei er hingegen auf seine junge Musterschülerin Lily Wandhoven gewesen.

Tatsächlich hat Müller das Mädchen nicht nur fachlich, sondern gemeinsam mit seinem Bruder Martin Müller auch finanziell unterstützt. Müllers Frau Sonja und sein Sohn Peter bestätigen: Nach dem Tod seiner Tochter bei einem Verkehrsunfall sei Lily für Stefan Müller sein Ein und Alles gewesen. Was ist dran an den schmutzigen Gerüchten? 

Rezension

Viele Aspekte des Eiskunstlaufens und des Leistungssports im Allgemeinen vermittelt „Erfroren“ recht gut. Die Stimmung ist trotz des Humors, für den vor allem Freddy zuständig ist, gedrückt.

Der Fall liegt von heute aus betrachtet in der mittleren Kölner Phase, als sich eine  Routine eingestellt hatte, die unterschiedliche Variante mit oft ähnlichen Ansätzen mit sich brachte. „Erfroren“ ist durchaus sozialkritisch, auch wenn kein aktuelles politisches Thema eingearbeitet scheint. Es geht um Leistungs- und Konkurrenzdruck und unterschiedliche Famlienmodelle und dieses oder jenes Verhalten von Eltern. Eine Mutter kümmert sich nicht um die Interessen der Tochter, eine andere peitscht ihre Tochter geradezu nach vorne, ein Junge hört mit dem Leistungssport auf, weil er die Ansprüche seines Vaters nicht erfüllen kann, junge Spitzensportler werden mit Dopingmitteln versorgt von einem gewissenlosen Trainer, der natürlich aus Osteuropa kommt. Man weiß ja, die Osteuropäer sind nur so gut, etwa im Eiskunstlaufen, weil sie so viel dopen und dadurch höher springen können. Ein Klischee? Natürlich, aber das Wort Klischee ist tückisch, denn ein Klischee muss keine komplette Lüge sein.

Elf Jahre nach den tatsächlichen Ereignissen wurde der Film auch vom Fall Harding / Kerrigan inspiriert, bei dem 1994 die US-Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan Opfer eines Attentats während des Trainings zu den Landesmeisterschaften wurde, und es stellte sich heraus, dass dahinter ihre schärfste Konkurrentin Tonya Harding steckte – zumindest konnte nie ausgeschlossen werden, dass sie davon wusste.

Nun ist der Kölner Tatort aber Mitte der 2000er der Hort der besonders korrekten Korrektheit und da hätte man es nicht bringen können, dass die Mädchen (deren Darstellerinnen Frauen jenseits der 20 waren) derart entgleisen. Man beließ es bei Verleumdungen seitens der ehrgeizigen Mutter eines der Mädchen, während diese sich vergleichsweise gut verstehen und ihr Verhältnis nur durch den von außen erzeugten Konkurrenzdruck ständig auf die Probe gestellt wird. Außerdem hat man es vermieden, den Sponsor und Chef-Preisrichter mit einer Beziehung zu seiner Lieblingsschülerin Lilly in ein schräges Licht zu setzen, sie hat ein altersmäßig adäquates Verhältnis zu seinem Sohn. Aus Gründen des Sports ließ sie ihr Kind allerdings abtreiben.

Die Kölner können gut mit Kindern, das haben wir schon öfters angemerkt – sie können auch gut mit Jugendlichen wie den beiden Eislaufprinzessinnen, die hier eine Rolle spielen. Vor allem ist der 605. Tatort Freddys großer Auftritt. Zuletzt hatten wir einige Kölner Tatorte zu rezensieren, in denen Max im Mittelpunkt steht (z. B. „Bildersturm“), aber hier wird Freddy uns als Vater gezeigt und als Mädchenversteher erster Klasse. Sowohl seiner aktivistischen Tochter als auch den Eislaufsternchen beweist er seine Empathie und es wirkt richtig schön und echt, phasenweise ist seine Mimik in diesem Film umwerfend. Wenn Dietmar Bär zeigen darf, was er drauf hat, merkt man, dass er das darstellerische Kronjuwel der Kölner Tatorte ist, während Klaus J. Behrendt vor allem die authentisch wirkende Aura des sensiblen Einzelgängers hat, welche die eine oder andere schauspielerische Schwäche, z. B. seine vergleichsweise begrenzte stimmliche Bandbreite, wettmacht.

Dass Familienvater Freddy in einem Film, in dem es viel um Eltern-Kind-Relationen geht, in der Pole ist und Max auch ironisch klar macht, dass er nicht so kompetent in Erziehungsfragen ist und in allem, was festgefügte Beziehungsverhältnisse angeht, ändert nichts daran, dass Max die bessere Spürnase hat und zum Beispiel sofort merkt, wer mit wem ein Verhältnis haben könnte. Auch das ist logisch, denn der Empfindsame ist ja nicht Single, weil er auf Frauen keine Wirkung hätte oder zu plump wäre, sondern, weil er so verletzlich ist – und dadurch zum Beobachter zwischenmenschlicher Schwingungen prädestiniert.

Vieles an diesem ruhigen, zeitweise introvertiert wirkenden Tatort ist stimmig, auch wenn es Figuren gibt, die recht einseitig konstruiert sind. Dass sie uns nerven, wie etwa Frau Hintze, die ehrgeizige Mutter eines ganz normalen Mädchens, ist ja so gedacht und was sie an positiven Eigenschaften haben könnte, wird hier aus Gründen der Eindeutigkeit weggelassen.

Die einfache Handlung ist zwar nicht frei von fragwürdigen Elementen, Logikschwächen und Plotlöcher gibt es jedoch nicht, sodass man von einem gelungenen Drehbuch sprechen kann. Das muss erwähnt werden, weil die Bücher hauptsächlich für Schwachstellen in den Filmen der Reihe verantwortlich sind, mit Abstand folgt als zweitgrößtes Problemfeld die Inszenierung und die Qualität der Dialoge, also ein weiteres Element, das vom Schreiben kommt. Mäßiges Schauspiel führen wir hingegen im Zweifel lieber auf die Regisseure zurück, nicht auf mangelnde Fähigkeiten der Darsteller.

Auch ein guter Tatort ist ein kleines Kunstwerk. Was uns an „Erfroren“ gut gefällt ist, dass er trotz aller pädagogischen Tendenzen – es ist halt ein Kölner der mittleren Phase – die Figuren im Blick behält und sich Zeit für Details nimmt, bis hin zum Kölsch sprechenden Eismeister, der wohl in etwa das ist, was eine Kultfigur von Stadionsprecher im Fußball darstellt. Das Ruhige wirkt hier wohltuend und angemessen.

Fazit

Sicher ist „Erfroren“ kein Spitzentatort, der auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Dafür fehlen ihm die markanten Momente, auch wenn es schön ist, Freddy beim Einlegen in der Küche „Sexy Thing“ singen zu hören. Aber es ist ein guter, den man sich heute noch  ansehen kann, ohne dass Quer- oder Längsfalten auf der Stirn (noch mehr) sichtbar werden und der von beachtlichen Darstellerleistungen lebt – vor allem die Ermittler und die Mädchen betreffend, die aber, siehe oben, in Wirklichkeit erwachsene Schauspielerinnen sind, sodass man keinen Jungdarstellerbonus einbauen kann.

7,5/10 

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

The Valkyrie – Wagner
Chan Chan – C. Segundo
You sexy thing – E. Brown
Coolo – Horvilleur/Zalazar/Spinetta
American beauty – T. Newman
Can things be better – G. Santaoialla
Structure & discipline – T. Newman
When our wings are cut – G. Santaoialla

Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk – Dietmar Bär
Peter Müller – Florian Jahr
Sonja Müller – Eva Kryll
Ilona Hinze – Gabriela Maria Schmeide
Martin Müller – Peter Davor
Lily Wandhoven – Zoe Weiland
Jeanette Hinze – Merle Wasmuth
Heismeister Mahlzahn – Heinrich Pachl
Monika Wandhoven – Heike Trinker
Melanie Schenk – Karoline Schuch
Trainer Ilya Knjashinskij – Jevgenij Sitochin

Regie – Züli Aladag
Buch – Patrick Gurris, Stephan Brüggenthies
Kamera – Wojczech Szepel
Musik – Ennis Rotthoff

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