Einzelhaft – Tatort 209 / Crimetime 173 // #Tatort #TatortDuisburg #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Einzelhaft #TatortEinzelhaft

Titelfoto © WDR / Heydt

Die Fans mögen es so nicht

In der Rangliste des Tatort-Fundus kommt „Einzelhaft“ nicht so gut weg und wird dort gegenwärtig als drittschlechtester von 29 Schimanski-Tatorten geführt. Wir schrieben in der Vorschau:

„Eigentlich sollten wir uns freuen, dass mal wieder ein Schimanski auf den Bildschirm kommt, den wir noch nicht kennen. Auch wenn wir bisher nicht zu absoluten Fans seiner Filme geworden sind.“

Das liegt gewiss auch daran, dass wir ziemlich schnell peinlich berührt sind und uns fremdschämen. Wenn man die Schimanski-Figur heute sieht, merkt man, dass sie kein Klassiker ist, sondern wirklich nur in einer Zeit denkbar, als die klassische Höflichkeit ad acta gelegt werden sollte, die Political Correctness aber noch nicht erfunden war, die im Grunde nichts wesentlich anderes darstellt – nämlichein Wording, das den Ausdruck von Achtung anderen Menschen gegenüber sicherstellen soll.  Sowas kann man von Schimanski nicht erwarten –  und wie war’s sonst so, mit dem prototypischen Proll-Cop? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Thanner ist verärgert: Während er die polizeiliche Dreckarbeit machen muss – er hat die Leiche einer Prostituierten zu identifizieren – , wühlt Schimanski einen Fall wieder auf, den er, Thanner, längst abgeschlossen hat. Und Thanner weiß auch, warum: Ilona Vogtländer – Tochter des wegen Mordes an seiner Frau Eva angeklagten Rolf Vogtländer – ist viel zu schön, als dass Schimanski ihr widerstehen könnte.
Schimanski ist tatsächlich von Ilona fasziniert, und trotzdem hat Thanner Unrecht. Ilona lässt Schimanski nämlich überhaupt nicht an sich heran, im Gegenteil: Sie ist voller Verachtung für die Kripo, die ihren Vater für …

Rezension

Ja, für was? Die innovative Handlungsbeschreibung, die mitten im Satz abbricht, sagt es zwar nicht, lässt aber Ahnungen zu: die ihren Vater für schuldig hielt, obwohl er doch offensichtlich nicht mal im Affekt jemanden umbringen, geschweige denn geplant ermorden kann.

Schwer zu sagen, ob „Einzelhaft“ seine schwache Bewertung von aktuell 5,7 von 10 Punkten im Fundus zu Recht hat oder nicht, weil dafür auch immer eine relative Sicht auf die anderen Filme des Ermittlerpaars Schimanski / Thanner notwendig ist. Sicher gibt es Filme mit den beiden, die schneller und handlungsintensiver wirken, aber für die späten 1980er hat der Tatort 209 doch ein recht hohes Tempo, wenn man von den ersten Minuten absieht, und einen guten Unterhaltungswert. Allerdings resultiert dieser nicht daraus, dass wir es mit einem besonders gut gemachten Krimi zu tun hätten. Vielmehr war es das schrecklich gute Duo oder Trio, wenn man  Hänschen einbezieht, das uns den Abend verschönt hat. Selten in letzter Zeit konnten wir so viel über einen Film lachen. Thanner ist Spitze, mit seiner menschlichen, puren Art. Wenn wir zu dem Zeitpunkt schon gewusst hätten, dass sein Darsteller Eberhard Feik tatsächlich während des Drehs Herzprobleme bekam – so schrieb ein Fundus-Nutzer -, hätten wir das Ganze wohl nicht so witzig gefunden. Menschen, die Choleriker darstellen, sind wohl wirklich etwas näher am Zusammenbruch, siehe auch Louis de Funès. Kein Wunder also, dass Thanner so echt wirkt.

Ob man das von Schimanski auch sagen kann, ist für uns immer wieder Ziel der eigenen Ermittlungstätigkeit. Götz George ist ein besonderer Typ, der sich offenbar seine Darstellungen beim Method Acting abgeschaut hat und daraus eine ganz bestimmte Persona kreiert, die in allen seinen Filmen wirkt und das Gegenteil von sparsamer Darstellungskunst ist. Ob Götz George sich schauspielerischen Vorbildern verpflichtet fühlte, ist uns nicht bekannt, aber seine Kunstfigur Schimanski wirkt ein bisschen wie von Marlon Brando & Co. abgeschaut, wobei die Co’s, die Method Actors der 1950er, alle etwas dezenter waren als Brando selbst und später so vielseitig wurden wie z. B. Robert de Niro, der das Aufgehen in seinen Rollen wirklich ernst nimmt. Womit wir nicht andeuten wollen, dass George ähnliche Superstar-Qualität oder ein ähnlich breites Spektrum vorweisen kann. Deutsche Schauspieler hatten dieses Superstar-Gen eigentlich selten, zumindest nicht, wenn es um den großen internationalen Erfolg ging. Auch George war eine rein nationale Größe.

Man kann aber auch eher auf monolithische Weise, mit einer ausgearbeiteten, immer gleichen Persona bekannt werden, das trifft beispielsweise auf Komiker zu und erfordert ebenso viel Können wie ein großes Rollenspektrum, wenn es gut funktionieren soll. Im Grunde ist Schimanski auch eine komische Figur, ebenso wie sein Partnerpolizist Thanner und mit Hänschen sind es sogar drei. Wenn man sie mit anderen Ermittlern der 1980er vergleicht, versteht man, warum sie damals, als alle unbedingt cool sein wollten, so beliebt waren. Gerade das manchmal Krampfige an dem, was man in diesen Tatorten an Verhaltensweisen und Manierismen sieht, ist sehr hintergründig. Ob man das seinerzeit schon gesehen hat, welch scharfes Licht dies auf eine Gesellschaft wirft, die sich vom Althergebrachten emanzipieren sollte, aber dabei irgendwie den Kompass für eine angemessene, selbstsichere Modernität nicht hatte, darüber kann man anhand der Duisburg-Tatorte gut nachdenken. Und natürlich darüber, wie es  heute so ist.

Das Hintersinnigste an den Tatorten sind aber oft die Titel. Ob der Vogtländer wirklich in Einzelhaft untergebracht ist, erfährt man gar nicht, aber der Begriff ist wohl eher auf das einzelgängerhafte Agieren der Charaktere bezogen. Vogtländers Tochter macht ihr Ding allein, Schimanski ist auch in seinem Egoding gefangen und auch Thanner muss sich von Hänschen sagen lassen, dass er sich vom Kollegen als seelisches Klo missbraucht fühlt. Die Verbrecher, die Frauenhändler hingegen, wirken kooperativ und gleichzeitig als eine Art Wand, hinter die man nicht blickt. Das Thema Zwangsprostitution war damals im Tatort sicher noch recht neu und wir sehen bei der Gelegenheit, dass es nicht erst durch die Öffnung der Grenze nach Osten zum Thema wurde. Das hat uns doch ein wenig überrascht. Ein Fundus-Nutzer schrieb, damals wusste man wohl sehr wenig über das Thema, aber wir gehen davon aus, dass es wirklich erst nach der Wende von 1989  zu einem Massenphänomen wurde. So gesehen, war man 1988 ziemlich vorausschauend, als man es für einen Tatort wählte. Leider wusste man wohl tatsächlich nicht genug darüber, um es zum Ankerpunkt des Films zu machen. Das Schicksal der Prostituierten bleibt vollkommen belanglos, es geht lediglich um ein Beziehungsgeflecht.

Der Täter ist dann so überraschend, weil man nicht davon ausgeht, dass er tatsächlich die ganze Zeit über wahr gesprochen hat. Allerdings wird das auch mit dem etwas unfairen Trick erreicht, dass er selbst so rüberkommt, als wenn er jemanden decken wollte. Und seine Tochter ist sich ja so sicher, dass der Mann niemandem etwas zuleide tun kann. Wie Thanner aber richtig sagt: Es wurde doch damals korrekt ermittelt und es ergaben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass es z. B. Reiko Plewitsch war, der Spediteur, der sich auf das heimliche Transportieren menschlicher Fracht spezialisiert hat. Die Konstruktion des Films ist nicht besonders überzeugend, aber das kennen wir ja von den Schimmi-Tatorten, dass der Geist der Zeit sich auch darin ausdrückt, dass man die Grundlagen, nämlich, dass zu einem guten Krimi unabhängig von den stilistischen Anreicherungen ein stimmiger Plot gehören sollte, vernachlässigt hat. Eigentlich ist das aber eher 1970er, wie die Schimansiki-Figur – antiautoritärer Typ trifft auf adäquat gestaltetes Skript. Wie es wirklich aussieht, merkt man, wenn er schnodderig über eine nach seiner Ansicht als lesbisch anzusehende Beziehung herzieht. Das meinten wir oben: Die Höflichkeit alter Schule hätte das nicht zugelassen und heute trainiert man sie wieder unter neuem Label. Wie es in den Köpfen aussieht, ist eine andere Frage. Manchmal können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die den Menschen innewohnenden Aggressionen sich nicht einfach durch gewalt- und diskriminiereungsfreie Sprache beseitigen lassen.

Fazit

Unterhaltsam fanden wir „Einzelhaft“ durchaus, aber nicht in dem Sinn, dass er hohe Ansprüche an spannende Krimi-Unterhaltung erfüllt. Die Spannung resultiert vor allem daraus, wie Thanner und Schimanski miteinander klarkommen und daraus, ob Letzterer mal wieder bei einer Frau landen kann – sogar bei einer, die möglicherweise eher sexuell gleichgeschlechtlich orientiert ist. Eine solche Beziehung anzudeuten, hat sicher dazu beigetragen, dass den Schimanski-Tatorten etwas Avantgardistisches zugerechnet wird, nachdem schwul schon ein paar Jahre zuvor langsam tatortrelevant wurde. Dummerweise wird aber die Einstellung des traditionell überwiegend männlichen Tatort-Guckers hinsichtlich lesbische Liebe durch Schimanskis Einstellung dazu nicht gerade positiv beeinflusst und das ist im Grunde eine ganz fiese Manipulation. Man zeigt mehr, kommentiert aber auch mehr als in den Tatort-Klassikern der 1970er, in denen Ermittler in der Regel nicht so direkt waren und die Filme so ausgerichtet wurden, dass sie Dinge zeigten, auf die der Zuschauer so oder so reflektieren konnte. Ob man die Kritik an der inneren Verwahrlosung durch Wohlstand, die in vielen der Klassiker untergebracht ist, als Subtext erfasste, hing von der eigenen Prägung und Einstellung des Betrachters ab – wenn Schimanski hingegen herumschnoddert, wird man ziemlich rücksichtslos auf seine Seite gezogen, wenn man die Figur mag.

Aber so war es ja auch gedacht: Man muss den Typ nicht mögen und es fällt uns nach wie vor schwer, ihn zu mögen.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Schimanski – Götz George
Thanner – Eberhard Feik
Ilona Vogtländer – Brigitte Karner
Hänschen – Chiem van Houweninge
Petra Carstens – Maria Hartmann
Reiko Plewitsch – Juraj Kukuro
Rolf Vogtländer – Franz Boehm

Regie – Theodor Kotulla
Buch – Frank Göhre
Kamera – Karl Kases
Musik – Eberhard Weber

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