Nachbarn – Tatort 1016 / Crimetime 174 // #Tatort #TatortKöln #Köln #Nachbarn #TatortNachbarn #Tatort1016 #Ballauf #Schenk #WDR

Crimetime 174 - Titelfoto (c) WDR, Martin Menke

Tief in unserer kleinen Welt ruht ein böses Geheimnis

Es ist mittlerweile eindeutig. Max Ballauf und Freddy Schenk wollen an die Spitze. Wie anders ist es zu erklären, dass innerhalb von vier Monaten drei Tatorte mit ihnen Premiere feiern? Ja, wir haben die 70 erreicht und bis zu den Rekord-Bayern mit derzeit 75 Filmen, aber sechs Dienstjahren mehr ist es nicht mehr weit. Geht die sehr kurze Taktung, welche die Kölner aufweisen, zulasten der Qualität? Immerhin hat der WDR mit Münster und Dortmund zwei weitere Schienen mit vernünftigen Drehbüchern zu versorgen. Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung


+++ Mord in der Nachbarschaft: Polizei ermittelt in Einfamilienhaus-Siedlung +++ Mordopfer war als Querulant bekannt +++ Jeder Nachbar hatte ein Motiv +++ Es sollte aussehen wie ein Selbstmord:

Mitten in der Nacht wird Werner Holtkamp von einer Brücke geworfen und von einem Lastwagen erfasst. Doch zu diesem Zeitpunkt war der geschiedene Mittvierziger bereits tot. Er war zu Hause in seinem eigenen Bett erschlagen worden. Die sichergestellten Spuren sind eindeutig. Seine Frau hatte ihn vor Jahren für einen anderen Mann verlassen und die Tochter mitgenommen. Seitdem lebte er allein und zurückgezogen in der Vorstadtsiedlung bei Köln. Mit seinem Nachbarn Leo Voigt lieferte er sich jedoch einen erbitterten Streit. Ein Gericht hatte entschieden, dass die Grenze zwischen ihren beiden Grundstücken nicht korrekt gezogen worden war. Seine neu gewonnene Fläche nutzte Holtkamp, um Zypressen zu pflanzen – und brachte Leo Voigt damit nur weiter gegen sich auf. Schon bald entdecken Max Ballauf und Freddy Schenk weitere Verbindungen in der Nachbarschaft, die die Bewohner mit aller Macht geheim halten wollen.

Rezension von Anni und Tom

Tom: 
„Tanzmariechen“ (Tatort 1011), den letzten Kölner Tatort, fanden wir ja nicht überragend, „Wacht am Rhein“ (Tatort 1007) recht gelungen. Eindeutig feststellen lässt sich aber, dass nach dem Aufschwung vor ein paar Jahren mit „Franziska“ und „Ohnmacht“ die Kölner wieder ein wenig ruhiger geworden sind und ihre Filme nicht mehr herausragen.

Anni: Dafür ragen Max und Freddy heraus. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie bald die meisten Filme haben. Die beiden sind einfach zu knuffig. Und komischerweise nimmt es immer mehr zu, je älter sie werden. Wenn Max jetzt so mit einer Mischung aus stetem Erstaunen und einem leise dämmernden Wissen guckt, hat das bei seinem mittlerweile recht  zerfurchten Gesicht und dem kurzen Grauhaar einen anderen Style als vor zwanzig Jahren, wo das manchmal noch etwas naiv aussah.

Tom: Und Freddys hochgezogene Augenbrauen und die in solchen Momenten leicht zusammengekniffenen Lippen sagen mehr als tausend Worte. Als die beiden zugehört haben, wie der Voigt sich als Täter bezichtige und dann jeder von ihnen zu erkennen gab, dass sie den armen Mann für einen Märchenonkel halten, das war göttlich. Ich mag solche Sachen, auch, weil sie so vertraut sind und man sich wünscht – ja, es ginge ewig so weiter. Da gebe ich dir Recht.

Anni: Dass Freddy den Max am Ende zum Geflügel einlädt, hatten wir ja noch nie, oder? Sicher ein ironischer Kommentar auf das enge Nachbarschaftsverhältnis in dem der Mord stattgefunden hat. Die Wurstbraterei am Dom kann jetzt weg, sondern gegessen wird zuhause.

Tom: Aber Freddys Frau werden wir niemals zu Gesicht bekommen, das steht für mich nun fest. Die muss ja außergewöhnlich hübsch sein, wenn man Freddy mit seiner Tochter vergleicht, die aber auch schon lange nicht mehr mitspielen durfte.

Anni: Ja, ja, spekulier du nur. Das war ja nun ein klassischer Whodunit, ganz alte Schule, obwohl die ersten Tatorte ja oft gerade keine waren, sondern dieses Schema, bei dem der Täter klar ist, aber die Spannung daher kommt, weil man wissen will, wie sie ihn kriegen. Thriller.

Tom: Howcatchem. Mansplaining.

Anni: Genau. Also, geben wir’s zu?

Tom: ich gebe es zu. Dass ich während des Films eingeschlafen bin und wir am nächsten Abend fertiggeguckt haben, weil du so rücksichtsvoll warst, mich nicht zu wecken. Ich hatte wirklich Mühe, dem Film zu folgen, weil hier auf wahrlich engstem Raum so viel konstruiert wurde. Bei so wenigen Menschen muss ja das Konstrukt exorbitant sein, damit ein 90-Minuten-Krimi dabei herauskommt. Aber da mussten Freddy und Max den alten Ford Granada Kombi nicht so viel bewegen. Angeblich hieß dieses Sondermodell „Chasseur“, was für ein Hipstermobil.

Anni: Auf Deutsch: „Jäger“. Wirklich cool. Ich dachte am Ende, Mensch Freddy, hup doch mal, damit der Papagei wegfliegt! Aber so war das Ende lasch, der Vogel ging von alleine stiften. Ich fand das überflüssig. Du musst in so einer Vorstadtsiedlung groß geworden sein, um das alles nachvollziehen zu können. Bei uns gibt es diese engen Beziehungen zu den Nachbarn nicht, aber auch nicht den Stress.

Tom: Wir haben keine echte Hausgemeinschaft, das ist auch in der Großstadt oft anders. Aber so eng natürlich auch weiter draußen eher selten. Es erinnert mich ein wenig an die Zeit, als ich in Österreich gewohnt habe, da hatten wir eine Hofgemeinschaft. Trotzdem, dieses durcheinander schlafen und Kinder kriegen …

Anni: Voll ekelhaft, was? Spießer! Ich fand die Schicksale, vor allem das von Sandra, berührend. Wie kann man nur so unschuldig schuldig sein? Sowas geht wirklich nur im Tatort und auch für diese Masche sind die Kölner ja Spezialisten. Du bist am Ende sauer auf das Opfer, das du nicht einmal kennenlernen durftest. Aber einen sozialen Stoff konnte ich dieses Mal nicht erkennen.

Tom: Es sei denn, du nimmst diese Nachbarschaften generell als kritisch, vielleicht, weil sie sich in Häusern aus den 1930ern abspielen.

Anni: Sicher?

Tom: Ich meine schon. Das ist eine NS-Siedlung gemäß damals aktueller Familienpropaganda gewesen, wie etwa Kleinmachnow, wobei sich die heutigen Hipster-Familien, die dort wohnen, sicher nichts mehr denken.. Genau der Stil. Hinter der Argentinischen Allee gibt es auch sowas, die Siedlung war sogar speziell für SS-Kader gebaut. Aber ob man das mit „Nachbarn“ wirklich transportieren wollte, indem man von oben auf die kleine Welt blickte? Mit einer Kamera-Drohne, vermutlich.

Anni: Ich kann in den Verhältnissen der Leute zueinander jedenfalls keinen Faschismus erkennen. Mann, ist es nicht mal möglich, einen Krimi zu gucken, ohne immer gleich so auszugreifen? Dafür gibt’s doch die Polit-Tatorte, die wir ja nun auch immer häufiger haben.

Tom: Daran merkst du eben, dass mir etwas langweilig war. Da macht man sich schon mal Gedanken. Wirklich, dieser Tatort war schon besonders ruhig gefilmt.

Anni: Man hat sich eben mit den Figuren beschäftigt, die Szenen richtig ausgespielt, kein stylisches Hopsen, Zoomen, Raffen und was es sonst gibt, um Filme rasanter wirken zu lassen. Das hätte auch nicht zum Inhalt, diesen feinnervigen Verhältnissen, gepasst. Aber wenn schon Familien eine Blackbox sind, dann Nachbarschaften, die aus mehreren Familien bestehen, eine viel größere. Es gab keine Mätzchen, die Figuren sind richtig gut entwickelt worden. Und die Szenen des Ehepaares Möbius hatten auch was Satirisches. Und es war zwischen denen am Ende sogar versöhnlich. Das war eben ein Film mit leisen Tönen und genauen Beobachtungen.

Tom: Ich hab doch nichts gegen genaue Töne und leise Beobachtungen. Aber ich war eben auch nicht emotional drin. Vielleicht, weil ich im echten Leben im Moment  mehr Drama mitkriege als noch vor einem halben Jahr. Nein, Quatsch! Das schließt doch emotional eher auf. Nee, ich lasse mich jetzt nicht dahingehend manipulieren, ich würde abstumpfen, weil mich das Actionkino aufgesaugt hat.

Anni: Niemand hat die Absicht, eine Manipulation durchzuführen.

Tom: Mir waren auch die Dialoge zu konventionell. Ja, diese zwischenmenschlichen Schwingungen sind zu bemerken, weil nicht so auf den Putz gehauen wurde, aber kann man nicht trotzdem die Wortwechsel etwas inspirierter wirken lassen?

Anni: Wir sind hier bei ganz normalen Leuten, die reden nicht so, wie du gerne reden würdest. Ich fand auch die Dialoge angemessen. Wir sind nicht in Münster oder Wien. Sondern in einer Siedlung mit Menschen, die teilweise gar nicht mehr richtig reden, sondern nur noch flüstern können. Ist dieses Symbol jetzt wenigstens klar?

Tom: Klar wie rote Sonne. Und ich erkenne an, dass man einen Tatort mit so wenigen Personen erst einmal so kunstvoll plotten muss, damit das Geheimnis unter oder bei den Zypressen oder Lebensbäumen – auch wieder sehr passend, die Pflanzen, noch einen Effekt hat, nach etwa 83 Minuten. Richtig ermittelt wurde eigentlich auch nicht, Freddy und Max stellen sich halt zu den Leuten, nerven sie, gehören am Ende schon fast dazu, und alles ist Einfühlung. Nicht Ermittlung, Einfühlung. Sie ahnen, was los ist, da kann die Kriminaltechnik auch weg bleiben.

Anni: Ich gebe 8/10.

Tom: 6/10.

Anni: Na klar.

 7/10

© 2018, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Pharrell Williams – „Happy“
Bruce Springsteen – „Hungry Hearts“
David Bowie – „Girl Loves Me“
HVOB – „Ghost“

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Assistent Tobias Reisser – Patrick Abozen
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Leo Voigt – Werner Wolbern
Sandra Voigt – Claudia Eisinger
Mira Voigt – Lena
Frank Möbius – Stephan Grossmann
Anne Möbius – Birge Schade
Jens Scholten – Florian Panzner
Hella Scholten – Julia Brendler
Paulina Scholten – Lilli
Lydia Rosenberg – Juliane Kohler
Werner Holtkamp – Uwe Freyer
u.a.

Drehbuch – Christoph Wortberg
Regie – Torsten C. Fischer
Szenenbild – Thomas Schmid
Schnitt – Dora Vajda
Ton – Theo Bierkens
Musik – Fabian Römer, Steffen Kaltschmid

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