Tödliche Vergangenheit – Tatort 243 / Crimetime 175 // #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Markowitz #Lamprecht #TödlicheVergangenheit #SFB #RBB

Crimetime 175 - Titelfoto  © SFB / RBB

Berlin, kurz nach der Wende

Franz Markowitz (Günter Lamprecht) dürfte einer der ersten Tatort-Ermittler gewesen sein, der mit einem „Schlüsselereignis“ eingeführt wurde. Er wirkt, als sei er immer schon bei dieser Mordkommission gewesen, aber das erste, was die Zuschauer in seinem Erstlings miterleben durften, das war, wie seine Tochter offenbar einem Gewaltverbrechen zum Opfer fällt. Das erinnert uns ein wenig an „Schlaraffenland“, dem ersten Bodensee-Fall mit Klara Blum, deren Mann und Kollege im Verlauf erschossen wird.

Ansonsten ist alles anders. Und wie anders! Berlin im Jahr 1991, das ist eine Welt, ja mehrere Welten von dem entfernt, wie wir die Stadt wahrnehmen. Ein ganz wichtiger Unterschied: Damals war Berlin zwar wiedervereinigt, aber noch nicht Hauptstadt. Und der Hauptstadtstatus hat eine Menge verändert. Nicht, dass es hier nur noch gutbezahlte Menschen im politiknahen Bereich gäbe und viele gut bezahlte Dienstleister, die von jenen leben, aber die heutigen Berlin-Krimis heben klar auf die große Wirtschaft und die große Politik, manchmal auch auf die große Wissenschaft, ab.

Wir kritisieren diese einseitige Darstellung der Stadt, die so viele arme Leute hat wie sonst keine in der Republik, immer wieder. Aber sicher ist auch, dass das Kneipenmilieu, das in „Tödliche Vergangenheit“ gezeigt wird, mindestens für heutige Verhältnisse auch nicht das Kiezberlin ist, das wir gerne einmal in einem Tatort wiederfinden würden. Es ist Vergangenheit. Man stelle sich einen Tatort im Jahr 2012 vor, in dem beinahe pausenlos geraucht wird – auch der Hauptkommissar qualmt sich durch 90 Minuten hindurch. Das Kultige der Darstellung von Bewohnern eines Pintenbiotops ergibt sich wohl auch daraus, dass genau diese Biotope mittlerweile kleine Inseln in einer sterileren Welt sind und selbstverständlich vom Aussterben bedroht.

Es muss leider raus – wir tragen auch nichts zur Erhaltung derselben bei. Wir gehen ins Museum, in eine Ausstellung, auf ein Konzert, mal essen, Kieze erkunden, hin und wieder shoppen und sogar im Park spazieren – aber wir finden uns nicht in Kneipen traditioneller Art ein. Deswegen ist die Kritik daran, dass uns Berlin in den neuen Tatorten mit Ritter und Stark zu gelackt rüberkommt, ein zweischneidiges Schwert. Wir können nicht voller Überzeugung und mit bedauerndem Unterton ausrufen: „Berlin, wie haste dir verändert!“, denn wir kannten das alte Berlin ja nicht.

Gerade erlebt die Stadt eine krisenangstgetriebene Immobilienblase*, das ist der neueste Hype, der erste, dessen Anfänge wir miterleben und wie er aus dem Nichts kam – der Partyhype, der schon da war, als wir kamen, dauert derweil an. Die Blase wird platzen, die Aasgeier werden kommen – ein toller Stoff für handfeste Wirtschaftskrimis. Kommissar Markowitz mit seiner nach dem Anschauen von „Tödliche Vergangenheit“ erklärbaren Melancholie und die besonderen Charaktere aus der kleinen Welt in der großen Stadt, die in seinen Fällen auftreten. Diese Menschen mit Biografien, besonders diejenigen aus dem Osten, sind ein Stück Berliner Geschichte.

Handlung

Sonntagvormittag in einer Berliner Eckkneipe – Franz Markowitz, Kommissar der Kripo, hat endlich mal wieder Zeit, zusammen mit Freunden in einer Jazz-Band zum Frühschoppen zu spielen. Aber ein Anruf der Einsatzzentrale beendet vorzeitig sein Trompetensolo. Markowitz muß einen Fall übernehmen, der ihn mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert und seelische Wunden schlägt, die sein Leben verändern werden: Im Opfer einer gewaltsamen Tötung, zu dem er gerufen wird, erkennt er eine ihm sehr nahestehende Person.

Obwohl noch am Fundort der Leiche wegen Befangenheit von den offiziellen Ermittlungen entbunden, treibt ihn die tiefe persönliche Betroffenheit umso unerbittlicher zur Aufklärung der Tat und ihrer Hintergründe. Und so kommt es zum ersten Male seit der Scheidung vor gut 30 Jahren zur Wiederbegegnung mit seiner Frau Eva-Maria, die noch immer jenes Lokal im Ostteil der Stadt führt, in dem die beiden einander kennenlernten – damals in den 50er Jahren war es Treffpunkt amerikanischer Soldaten, hielt sich später, nach dem Bau der Mauer, mühsam durch Stammgäste aus dem umliegenden Kiez über Wasser.

Mit den meisten von ihnen war Franz Markowitz – bevor es zur Scheidung, seinem Umzug in den Westteil der Stadt und infolge der Mauer zur gewaltsamen Beendigung aller Kontakte kam – befreundet. Jetzt, nach dem Fall der Mauer, sieht er sie wieder, um in ihrem Kreise nach dem Mörder zu suchen. Zugleich spürt er, daß seine geschiedene Frau Eva-Maria ebenfalls dem Täter auf der Spur zu sein scheint, aber aus tiefem Mißtrauen ihm gegenüber eigene Vorstellungen vor der Verfolgung und Bestrafung des Mörders hat. 

Rezension

Ein unverzichtbares Stück. Wir meinen, dass „Tödliche Vergangenheit“ zu den unverzichtbaren Tatortfolgen gehört. Wer sich mit der Materie etwas tiefergehend beschäftigen will, kommt an diesem besonderen Stück nicht vorbei. Es ist Fernsehgeschichte, Tatortgeschichte, Berlingeschichte.

Inszenierung: klassisch, wie alle Markowitz-Tatorte, die wir bisher gesehen und rezensiert haben. Musik: jazzig, wie in allen Markowitz-Tatorten, die wir bisher … siehe oben. Grundnote Blues. Ganz seltsam, wie die Stadt sich bei dieser Musikuntermalung atmosphärisch verändert. Es passt wunderbar zum vergehenden alten Osten und zur Erinnerung an den alten Westen gleichermaßen, der in der Besatzungszeit wiedergeboren wurde.

Dazu eine Handlung, die punktgenau auf deutsch-deutsche Geschichte reflektiert. Republikflucht, Stasimitarbeit, alte Freundschaften über den eisernen Vorhang hinweg, zerstörtes Vertrauen, Misstrauen allerorten. Man ahnt in diesem Krimi schon beinahe, warum es mit der inneren Wiedervereinigung so langsam vorangeht. Obwohl Markowitz eher ein typischer Berliner als ein typischer Wessi ist, merkt man deutlich, dass er eben auch kein Ostberliner ist. Alle Charaktere des Films sind wunderbar gestaltet. Vielleicht sogar intuitiv, denn man musste sie zu der Zeit ja nur der Wirklichkeit abschauen.

Raum für Figuren, Zeitreisen, persönliche Betrachtungen. Für diese Charaktere wird sehr viel Zeit gegeben. Die Kritik am schleichenden Handlungstempo und der ein wenig konstruiert wirkenden Stasi-Hintergrundgeschichte, die den Tod von Markowitz‘ Tochter Lilo auslöst, kann man als berechtigt ansehen. Wenn man dies aber kritisiert, dann kommt man nicht daran vorbei, alle Tatorte, die sich eher auf Atmosphäre und Figuren konzentrieren, abzuwerten. Diese Variante gibt es heute immer noch, häufig weniger als Familien- denn als Sozialdrama konzipiert. Sie ist nur etwas weniger behäbig und mehr auf Hochglanz gefilmt als vor 20 Jahren – selbst bei niederen Milieus – und wirkt dadurch moderner.

„Tödliche Vergangenheit“ ist hingegen noch ein typischer 80er-Film, in dem alles sehr genau entwickelt und auch definiert und erklärt wird. Eines lässt er nicht, was wir sowohl in Büchern als auch in Filmen schätzen: Spielraum für eigene Interpretationen. Er ist kein Gefäß, in das wir unsere eigene Geschicht gießen könnten. Wir fanden ihn interessant, aber eher so, wie wir uns eine gute Dokumentation anschauen. Zuweilen gab es auch kleine, emotionale Momente für uns, aber im Ganzen blieben wir distanziert – und bemerkten, wie wenig wir immer noch über die Menschen im Osten Deutschlands wissen, obwohl wir mittlerweile mit ihnen zusammenarbeiten und auch privat viele von ihnen kennen gelernt haben. Unsere Welt war niemals diese Welt und auch niemals die von Franz Markowitz.

Die biografielastigen, eindeutigen, gebrochenen Menschen, die sich selbst in seinem Dienstumfeld angesammelt haben, wie der politische Kommissar Gerber, der in späteren Markowitz-Folgen fehlt, die sind faszinierend, aber wir spüren, dass wir eben doch ein Teil des neuen Berlins sind, das nicht einmal die große politische Vergangenheit spiegelt. Nicht die Kämpfe, nicht die Kieze, nicht das raue und Urtümliche, das so oft kolportiert wird, sind unser Metier. Eher schon die Architektur der Postmoderne, die man bei Ritter und Stark in fahlen Tönen gefilmt sieht. Wir haben damit jeden Tag zu tun und wenn uns das Alte begegnet, dann überwiegend in saniertem Zustand, für einen heutigen, etwas uniformen Menschentypus aufbereitet und genauso cool und clean wie das wirklich Neue.

Es ist geradezu programmatisch, dass wir Teil der Veränderung sind, sie zwar kritisch begleiten, aber tagsüber und jenseits der Rezensionen für den Wahlberliner auch neutral dokumentieren und viel mit denjenigen zu tun haben, die für diese Veränderung stehen und die darüber in den meisten Fällen genausowenig reflektieren, wie das Neue immer schon das Alte reflektiert hat. Alles, was war und ist, zieht seine Berechtigung aus sich selbst und fragt nicht nach denen, die dabei auf der Strecke bleiben – so, wie die Verlierer der Wende von 1989 und anderer Zeitenwenden.

Das alles schoss uns während des Films und danach durch den  Kopf, daher ist die Rezension ein Stück persönlicher als sonst. Wir haben jede Minute von „Tödliche Vergangenheit“ in dieser sehr interessierten Form genossen. Von allen Folgen mit Markowitz (von denen es nur acht gibt) ist  ja auch die erste vermutlich die persönlichste, es passt also oder wird passend gemacht.

Einige Worte über Franz Markowitz. Einen Kommissar, der den Jazz liebt, den kann  man nur  mögen. Es gehört zu diesem Mann, der ein großer Junge war, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, dass es der Jazz ist, wie ihn die Amerikaner damals nach Deutschland brachten, dass Markowitz ihn sogar mit einer kleinen Combo in einer kleinen Kneipe spielt und dabei geblieben ist.

Der Jazz hat sich inzwischen verändert. Auf eine Weise, die ihn aus dem Mainstream der Musik entfernt hat. Man mag das bedauern oder nicht, fest steht, dass Markowitz die Transformation des Jazz zu einer Musik für Eliten nicht mitgemacht hat. Er ist bodenständig geblieben, „old school“. Um eine melancholische Atmosphäre zu erzeugen, eignet sich der Trumpet Jazz, den Markowitz pflegt, ja auch eher als manch andere Richtung.Es ist seltsam, dass gerade eine Stadt im Aufbruch innerhalb der Tatortriege gerade durch diesen Kommissar vertreten wird.

Aus heutiger Sicht eine großartige Idee, die viele Brechungen erlaubt und natürlich eine großartige Fremdheit des Mannes in der sich rasant verändernden Umgebung. 1995 war allerdings Schluss damit, der damalige SFB wollte offenbar doch eine Harmonisierung zwischen dem langsam entstehenden neuen Berlin-Gefühl und den Figuren, die es verkörpern. Dazu mussten sie auch jünger sein als Günter Lamprecht, der Franz Markowitz verkörpert.

Markowitz ist noch vor 1933 geboren und hat als Kind die ganze Nazizeit erlebt. Er hat sich als Schieber durchs Nachkriegsberlin geschlagen und dann die Front gewechselt. Er hat geheiratet und nach dem Mauerbau seine Frau im Osten sitzen lassen, um die Freiheit zu gewinnen. Er ist gleichermaßen pazifistisch wie zivilcouragiert und – obwohl als Staatsdiener, welcher der Aufrechterhaltung der Ordnung dient, ein Teil desselben – dem Establishment gegenüber skeptisch. In „Tödliche Vergangenheit“ wird sein ganzes Familienleben aufgeschlagen wie ein Fotoalbum und Seite für Seite  intensiv betrachtet – wenn auch nicht chronlogisch. Die Idee  zu diesem Eröffnungsfilm für die neue Kommissarsfigur, der so tiefe private Einblicke gibt, stammt von Günter Lamprecht selbst; das wird sich bei späteren Folgen wiederholen.

Fazit

Ach ja, einen Fall gab es auch, wir haben es kurz angedeutet. Ansonsten aber widmen wir diese Rezension der Zeitreise zurück in eine Epoche kurz nach der Maueröffnung, die uns, als wir sie erlebt haben, gar nicht so altmodisch vorkam, wie sie hier gezeigt wird. Sie wirkt viel im Film mit seiner Ostperspektive aber vergangener auf uns als der Westen der 70er oder 80er Jahre, der immer noch in uns lebt und uns geprägt hat und auf dessen Fundamenten das Meiste aufbaut, was heute ist.

Dass dabei eine junge Frau sterben muss und dass es nach einer unwidersprochenen Darstellung letztlich ein Unfall war, ist tragisch und sehr lebensherbstlich, wie die Stadt in diesem Tatort. Die wichtigen Momente sind gut gespielt, die Lösung des Falles eher nebensächlich. Für uns ist „Tödliche Vergangenheit“ einer der besten „alten“ Tatorte (mit bereits inaktiven Ermittlerteams), die wir bisher gesehen haben und dafür geben wir 8,0/10 Punkte.

*Die Rezension ist bis auf kleine Stilkorrekturen im Original von 2012 wiedergeben, der Film wird am 17.12.2018 in der Reihe der vom RBB frisch restaurierten Tatorte aus den Jahren 1985-1995 gezeigt. Dass die Immobilienblase noch immer anhält und sich im Schlagwort #Mietenwahnsinn manifestiert hat, haben wir 2012 nicht vorausgesehen denn der Hauptgrund dafür wäre nach normalen volkswirtschaftlichen Maßstäben nicht über einen so langen Zeitraum als Triebfeder wirksam. Die Zeiten sind nicht normal, aber waren sie das in Berlin jemals?

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Kriminalhauptkommissar Franz Markowitz – Günter Lamprecht
Gerber Max – Volkert Martens
Eva Maria – Karin Baal
Lilo – Katja Junge
Harrys Mutter – Renate Grosser
Brialzik – Hans Teuscher
Klaus – Jürgen Rothert
Karla – Dagmar Manzel
Pohl – Hans Nischke
Harry – Richy Müller
u.a.

Drehbuch – Marianne Lüdcke
Regie – Marianne Lüdcke
Kamera – Michael Baldenius

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