Titelfoto © WDR
Die besten Tatort-Legenden
Kommissar Heinz Haferkamp, gespielt von Hansjörg Felmy, zählt unbestritten zu den Legenden der Tatort-Reihe. Das kann nur klappen, wenn sowohl die Person des Ermittlers als auch seine Fälle überzeugend sind. Oder die Persona überlappt alles andere so sehr, dass es schon fast egal ist, ob das, was man sieht, auch als formidabler Krimi gelten kann: Schimanski, Haferkamps total anders gestrickter Nachfolger. Der Vorgänger war auch ziemlich anders und hieß Kressin.
Im Grunde lässt sich die Ansage des WDR, immer irgendwie besondere Typen als Ermittler präsentieren zu wollen, bis heute zum Münster-Team oder zu Faber in Dortmund fortführen, während die in ihrer Jugend auch etwas stürmischen Ballauf und Schenk jetzt den ruhigeren Part geben dürfen. Haferkamp ist also eine Ausnahme unter den WDR-Kommissaren, der konservative und leicht melancholische Jazzliebhaber, der allerdings auch als zeitlos gelten kann. Ein männlicher Typ, aber nicht machohaft, nicht so prollig wie heute ja jeder unbedingt sein will oder mangels Erziehung nicht anders kann, weshalb ihm per PoC das beigebracht werden muss, was ein Haferkamp noch aus dem Effeff beherrscht – sonst würde die Kommunikation nicht mehr funktionieren zwischen den Menschen. Was sie ja in weiten Teilen auch nicht tut.
Bei allem, was ihn schon als leicht gebrochene Figur zeigt, anders als etwa einen ebenfalls legendären Zeitgenossen, den NDR-Kommissar Finke, der vor allem aufgrund herausragender Fälle bzw. Drehbücher brillieren konnte, ist Haferkamp souverän und geht auch mal ein Risiko ein. Im Grunde bis heute eine der komplettesten Persönlichkeiten unter den Tatort-Cops.
Und wir haben das Glück, heute einen seiner zumindest gemäß Fundus-Ranking besten Fälle anschauen zu können. Dort zeigt sich „Das Mädchen von gegenüber“ als Nr. 3 von 20 Fällen, nach dem Klassiker „Rechnung mit einer Unbekannten“ und „Zweikampf“. Zwar kommt heute kein Haferkamp-Film mehr über 8/10, aber in der Gesamtwertung sieht man den Tatort Nr. 82 aktuell auf Rang 84 von 1074 Filmen. Das ist sehr beachtlich und wir freuen uns daher besonders darauf, unser Haferkamp-Portfolio mit diesem Film zu ergänzen.
Wir hatten bereits erwähnt, dass die TatortAnthologie des „ersten Wahlberliners“ sofort nach dem Start 2011 und in den Folgejahren einige Beachtung fand, unter anderem führte sie zum Austausch mit dem Produzent der Haferkampf-Filme, Werner Kließ. Der Touch in Richtung Neuer Deutscher Film, den ich den Tatorten der 1970er untertellte, wollte er zumindest nicht als bewusste Anlehnung an Fassbinder und Co. verstanden wissen – aber diese oft entlarvend zurückhaltende, beobachtende und auf eine heute kaum noch denkbare Interpretationsfähigkeit ausgelegte Inszenierungskunst sollte nach unserer Ansicht sehr wohl den Zuschauer dazu anregen, sich seine eigene Meinung zu bilden, die Rezeptionsfähigkeit des Publikums auf ein höheres Niveau zu heben, als es damals beim deutschen Mainstream-Film üblicherweise verlang wurde und lieber subtil zu manipulieren als zu konstatieren, womit sich ja später beim WDR die Herren Ballauf und Schenk so hervortaten, deren Film ihre eigenen Qualitäten haben, aber eben viel mehr auf direkte Weise pädagogisch-dialektisch daherkommen als frühe Werke der Reihe, die sich vordergründig aufs Zeigen beschränkten und wenig gesprochenen Kommentar beinhalteten.
Handlung
Kalle, ein 15-jähriger Junge, stellt Bärbel, einem gleichaltrigen, frühreifen Mädchen nach. Er lädt Bärbel vergeblich ein, auf seinem Fahrrad mitzufahren und folgt ihr zu einem verlassenen Bahnhof. Offensichtlich hat Bärbel sich dort mit einem Mann verabredet.
In der Dunkelheit mach Kalle sich an Bärbel heran und versucht, sie zu küssen. Da taucht plötzlich der Mann auf, Kalle gerät in Panik, er ringt mit Bärbel, sie fällt unglücklich, Kalle flieht entsetzt. Der Mann findet Bärbel tot.
Kommissar Haferkamp, der Kalle wie viele andere Schüler befragt, erkennt nicht, dass der Junge große seelische Probleme hat, dass er sich für einen Mörder hält und zutiefst verzweifelt ist. Haferkamp verdächtigt Klaus Lindner, Bärbels Klassenlehrer. Lindner wiederum verdächtigt Kalle und setzt ihn unter Druck. Der Junge gerät immer tiefer in eine aussichtslose Situation.
TH
Haferkamp – Hansjörg Felmy
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Klaus Linder – Jürgen Prochnow
Kalle Dahlmann – Gerhard Theisen
Mutter Dahlmann – Eva Maria Bauer
Jutta Linder – Herlinde Latzko
Bärbel – Holle Hörnig
Vater Dahlmann – Werner Abrolat
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum
Bärbels Vater – Hans Joachim Krietsch
Drehbuch – Martin Gies
Regie – Hajo Gies
Bauten – Jörg Meier
Ton – Harald Hamela
Musik – Birger Heymann
Schnitt – Ingrid Träutlein-Peer
Kamera – Gernot Roll
Produktionsleitung – Richard Deutsch
Produzent – Werner Kließ
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