Die Frau im Zug – Tatort 460 / Crimetime 178 // #Tatort #TatortKöln #Köln #Ballauf #Schenk #Franziska #DieFrauimZug #Tatort460

Crimetime 178 - Titelfoto © WDR, Guido Engels

Who framed Freddy Schenk?

In den frühen Jahren der Zusammenarbeit zwischen Max Ballauf und Freddy Schenk als Kommissarduo bei der Kölner Mordkommission ging es manchmal drunter und drüber. Wie zu der Zeit kein anderer Ermittler eignete sich der heute so etabliert wirkende Schenk fürs Dubiose.

Wir erinnern uns noch gut an die erste Folge mit den beiden, „Willkommen in Köln“,  da rettet der nach seiner Rückkehr aus den Staaten plötzlich sehr professionelle Ballauf dem unsauber arbeitenden Schenk den Arsch – obwohl dieser ihn spüren lässt, dass er nicht begeistert darüber ist, dass der Mann aus Miami ihm den Posten als Dienststellenleiter wegnimmt. Daraus wurde eine große Männerfreundschaft. Was sonst noch passiert, klären wir in der -> Rezension.

In der 14. Köln-Folge aus dem Jahr 2000 wird diese wieder auf die Probe gestellt, weil Freddy unter Verdacht gerät, sich mit Drogenhandel ein Nebeneinkommen zu verschaffen. Um es vorwegzunehmen – die Handlung ist haarsträubend, aber einige Schauspieler liefern sehr gute Leistungen ab.

Man könnte anhand von Tatorten wie diesem Vermutungen aufstellen, warum mittlerweile auf Realitätsnähe vergleichsweise wenig Wert gelegt wird. Sie waren erfolgreich. „Die Frau im Zug“ liegt gemäß Rangliste des Tatort-Fundus 13 Jahre nach ihrer Premiere noch auf Rang 127 von 908 gewerteten Tatorten (Stand 14.01.2014) (1).

Handlung

Kommissar Freddy Schenk ist überarbeitet. Ein abgeschlossener Fall, bei dem er in Notwehr einen russischen Mafiaboss erschoss, lässt ihn nicht in Ruhe. Er wird daher – gegen seinen Willen – in den Urlaub geschickt. Schenks Stimmung steigt, als er im Zugabteil eine attraktive Blondine kennen lernt. Die junge Frau trägt ein Gipsbein und hat eine Bitte: Ob er beim nächsten Stopp ihre Tasche mit Medikamenten aus einem Schließfach holen könne? Als Schenk zurückkommt, ist die Frau verschwunden. Dass die Sache stinkt, sieht Schenk beim ersten Blick in die Tasche: Kokain! Doch bevor er die Angelegenheit melden kann, läuft er den Kollegen von der Drogenfahndung in die Arme. Sie seien einem Tipp nachgegangen, heißt es. Jetzt steht Schenk unter Verdacht, mit Rauschgift zu handeln. Seine Geschichte von der Frau im Zug findet kein Gehör…

Schenks Lage spitzt sich zu, als bei der Durchsuchung seiner Wohnung Bargeld und Drogen in größeren Mengen gefunden werden. Auch sein Zeuge Tim Dorfmann, der mit ihm im Zug saß, entlastet ihn nicht. Schenk kommt in Untersuchungshaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, aber er hat einen Verdacht: Jemand will sich an ihm rächen! Ballauf will als Einziger an seinen Freund glauben und versucht herauszufinden, wer Kommissar Schenk aus dem Verkehr ziehen will. Bei seinen heimlichen Ermittlungen stößt er auf die Unternehmerin Marie Tramitz. Eine Gegenüberstellung mit ihr im Präsidium gerät zur Katastrophe. Schenk erkennt: Das ist die Frau im Zug! Als ihm niemand glauben will, ergreift er mit einer Pistole bewaffnet die Flucht. Er ist jetzt fest entschlossen, den Fall auf eigene Faust zu lösen. Doch bevor es dazu kommt, geschieht ein Mord: Dorfmann wird erschlagen aufgefunden. Neben ihm liegt Schenks Handy, das diesem angeblich im Zug gestohlen wurde.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

In der 14. Köln-Folge aus dem Jahr 2000 wird diese wieder auf die Probe gestellt, weil Freddy unter Verdacht gerät, sich mit Drogenhandel ein Nebeneinkommen zu verschaffen. Um es vorwegzunehmen – die Handlung ist haarsträubend, aber einige Schauspieler liefern sehr gute Leistungen ab.

Man könnte anhand von Tatorten wie diesem Vermutungen aufstellen, warum mittlerweile auf Realitätsnähe vergleichsweise wenig Wert gelegt wird. Sie waren erfolgreich. „Die Frau im Zug“ liegt gemäß Rangliste des Tatort-Fundus 13 Jahre nach ihrer Premiere noch auf Rang 127 von 908 gewerteten Tatorten (Stand 14.01.2014) (1).

Schade, dass dieser Tatort ein deutliches Gefälle zum Ende hin aufweist. Offenbar war es schwierig, die Dichte und den Suspense der ersten Minuten aufrecht zu erhalten. Natürlich ist Freddys Zugfahrt mit der geheimnisvollen Blonden eine Hommage an Zugthriller wie „Eine Dame verschwindet“, „Der Fremde im Zug“ oder „North by Northwest“ / „Der unsichtbare Dritte“ von Alfred Hitchcock. Außerdem wird man als Zuschauer in eine Geschichte ganz anders hineingezogen, in der ein liebgewordener Ermittler wie der kräftige und herzhafte Freddy nicht die Verbrecher jagt, sondern selbst gejagt wird.

Wer hat ihn mit dieser Drogensache in Form der Unterschiebung falscher Beweise reingelegt? Am Ende war’s genau jene blonde Schöne, die zwar nicht blond ist, aber doch sehr an ihrem Exmann hängt, einem Russenmafia-Boss. Das Motiv und das Verhalten der Frau musste man wohl so anlegen, dass niemand darauf kommen konnte, sonst wäre die Sache zu früh offensichtlich geworden. Daran krankt aber auch dieser Krimi, dass man sich am Ende durchaus verschaukelt fühlen kann. In etwa so wie der Drogenfahnder Assenbacher, ein unangenehmer Typ, der viel zur polizeiinternen Spannung beiträgt – und mit dem sie in Köln noch etwas vorhatten, sonst hätten sie ihn nicht so eingeführt. Wir verraten aber hier nicht, in welchem Tatort er wiederkehrt und wie die Sache ausgeht.

Schön anzusehen, wie aufrecht Max Ballauf durch den Tatort 460 schreitet – selten zweifelt er an Freddy und festnehmen mag er den Kumpel schon gar nicht, wirkt allerdings manchmal ein wenig zu weich, nicht nur im Umgang mit Schenk. Vielleicht ist da doch etwas zurückgeblieben von „Direkt ins Herz“, dem vorausgegangenen Köln-Tatort, in dem Max Ballauf eine der schönsten Polizisten-Romanzen der Tatortgeschichte erleben durfte, welche – man ist geneigt zu sagen: selbstverständlich – tragisch endete.

Als Trost für die männlichen Zuschauer wird nun anstelle von Lissy Pütz (Anna Loos) die neue Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Teresa Mittelstaedt) eingeführt und macht sich gut. Sie war schon einmal mit dem Vornamen Anja als Praktikantin oder Vertretung in einer früheren Folge zu sehen. Auch sie hat die beiden Kommissar-Kumpels und uns Zuschauer mittlerweile – auf traurig-spektakuläre Weise – verlassen („Franziska„). Ihr zu Ehren dieses Mal ein Titelfoto nicht mit Freddy und Max, sondern mit Max und ihr. So vertraut miteinander, wie sie auf dem Bild wirken, wurden sie aber nie.

Daran merkt man, wie viel Zeit ins Land gegangen ist, seit den Millennium-Filmen, 13 Jahre war sie treu, wenn auch nicht immer ohne Protest bei langen Überstunden-Nächten zu Diensten. Freddy war es, der sich dafür eingesetzt hat, dass sie den Job als Assistentin bekommt, Max war offensichtlich gar nicht im Bilde –eine der vielen Ungereimtheiten des Films; schwer vorstellbar, dass der Stellvertreter bei seinem  Dienststellenleiter nicht vorher eine Abstimmung vornehmen muss, wenn es um die konkrete Besetzung einer Stelle geht.

Man riecht den Braten früh. Eine Frau, die verschwindet, ein Kaugummi kauender, also auf jeden Fall unehrlicher Zeuge im selben Abteil – jedoch eine schöne Szene, als plötzlich die alte Dame da sitzt, eine Art gedrehtes Zitat aus Hitchcocks „A Lady Vanishes“. Schade, dass der Zug mit der Zeit an Fahrt verliert, die Stringenz der Handlung betreffend und dass die Eisenbahn nur zu Beginn eine Rolle spielt. Ein echter Zug-Krimi ist „Die Frau im Zug“ trotz des Titels nicht.

Im Verlauf wird offensichtlich, dass die Intrige gegen Freddy wohl doch etwas mit dem Russen zu tun hat, den er in einer Notstandssituation erschoss. Dass der Mann tot ist, wird so schön hervorgehoben, dass klar ist, dass genau dies keine Rolle spielt. Auf die Idee, dass sein Umfeld Rache nehmen könnte, kamen wir relativ schnell, hatten aber zunächst nicht an die Frau aus dem Zug als Täterin oder Triebfeder der Aktion gedacht, sondern eher an einen Lockvogel gedacht, gesteuert von den Burschen mit den Tätowierungen, die auf eine Ex-Eliteeinheit der Sowjetunion hinweisen.

Fazit

Ein präsenter Dietmar Bär dominiert den Tatort 460 – nicht nur aufgrund der Plotanlage, welche ihm den Mittelpunkt zuweist. Er kann diesen Part auch spielen. Unter anderem gelingt dies, weil es zu den Unglaubwürdigkeiten des Films gehört, dass er immer wieder einen Weg findet, weiter nach seinen Gegnern zu suchen und dafür sogar kurzzeitig einen Kollegen als Geisel nehmen darf. Wie auch immer die Sache in der Realität ausgegangen wäre, das hätte ihn den Dienstausweis gekostet, den er in „Die Frau im Zug“ sehr häufig zücken muss.

Auffällig ist, wie rau und stellenweise mit Szenen versetzt, in denen man wirklich lachen muss, die frühen Köln-Tatorte waren. Es gibt allerdings auch ein paar Momente in „Die Frau im Zug“, die wir aufgrund ihrer grotesken Unwahrscheinlichkeit amüsant fanden, die sicher nicht als Gags beabsichtigt waren. Daher kommen wir über die knapp durchschnittlichen 7,0/10 nicht hinaus, obwohl dieser Tatort viel bietet.

(1) Zum Zeitpunkt der Erstellung des Entwurfs dieses Beitrags im Juni 2013 noch etwa auf Platz 100.

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk – Dietmar Bär
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Marie Tramitz – Ina Rudolph
Tim Dorfmann – Patrick Elias
Assenbacher – Paul Faßnacht
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Oliver Berthold – Klaus Schreiber

Musik – Joe Mubae
Kamera – Thomas Etzold
Ausstattung – Frank Polosek
Buch – Axel Götz
Regie – Martin Gies

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