Das Mädchen von gegenüber – Tatort 82 / Crimetime 179 // #Tatort #TatortEssen #Essen #Haferkamp #Tatort82 #DasMädchenvongegenüber

Crimetime 179 - Titelfoto © WDR

Dieses Mal ist der Junge der Täter

Wir hatten das Glück, gestern einen der zumindest gemäß Fundus-Ranking besten Fälle von Heinz Haferkamp anschauen zu können. Dort zeigt sich „Das Mädchen von gegenüber“ als Nr. 3 von 20 Fällen, nach dem Klassiker „Rechnung mit einer Unbekannten“ und „Zweikampf“. Zwar kommt heute kein Haferkamp-Film mehr über 8/10, aber in der Gesamtwertung sieht man den Tatort Nr. 82 aktuell auf Rang 85 von 1074 Filmen. Wie er auf uns mehr als 40 Jahre nach seiner Entstehung wirkte, führen wir in der -> Rezension aus.

Handlung

Kalle, ein 15-jähriger Junge, stellt Bärbel, einem gleichaltrigen, frühreifen Mädchen nach. Er lädt Bärbel vergeblich ein, auf seinem Fahrrad mitzufahren und folgt ihr zu einem verlassenen Bahnhof. Offensichtlich hat Bärbel sich dort mit einem Mann verabredet.

In der Dunkelheit mach Kalle sich an Bärbel heran und versucht, sie zu küssen. Da taucht plötzlich der Mann auf, Kalle gerät in Panik, er ringt mit Bärbel, sie fällt unglücklich, Kalle flieht entsetzt. Der Mann findet Bärbel tot.

Kommissar Haferkamp, der Kalle wie viele andere Schüler befragt, erkennt nicht, dass der Junge große seelische Probleme hat, dass er sich für einen Mörder hält und zutiefst verzweifelt ist. Haferkamp verdächtigt Klaus Lindner, Bärbels Klassenlehrer. Lindner wiederum verdächtigt Kalle und setzt ihn unter Druck. Der Junge gerät immer tiefer in eine aussichtslose Situation.

Aus der Vorschau

Kommissar Heinz Haferkamp, gespielt von Hansjörg Felmy, zählt unbestritten zu den Legenden der Tatort-Reihe. Das kann nur klappen, wenn sowohl die Person des Ermittlers als auch seine Fälle überzeugend sind. Oder die Persona überlappt alles andere so sehr, dass es schon fast egal ist, ob das, was man sieht, auch als formidabler Krimi gelten kann: Schimanski, Haferkamps total anders gestrickter Nachfolger. Der Vorgänger war auch ziemlich anders als Haferkamp und hieß Kressin.

Im Grunde lässt sich die Ansage des WDR, immer irgendwie besondere Typen als Ermittler präsentieren zu wollen, bis heute zum Münster-Team oder zu Faber in Dortmund fortführen, während die in ihrer Jugend auch etwas stürmischen Ballauf und Schenk jetzt den ruhigeren Part geben dürfen.

Haferkamp ist also eine Ausnahme unter den WDR-Kommissaren, der konservative und leicht melancholische Jazzliebhaber, der allerdings auch als zeitlos gelten kann. Ein männlicher Typ, aber nicht machohaft, nicht so prollig wie heute ja jeder unbedingt sein will oder mangels Erziehung nicht anders kann.

Bei allem, was ihn schon als leicht gebrochene Figur zeigt, anders als etwa einen ebenfalls legendären Zeitgenossen, den NDR-Kommissar Finke, der vor allem aufgrund herausragender Fälle bzw. Drehbücher brillieren konnte, ist Haferkamp souverän und geht auch mal ein Risiko ein. Im Grunde bis heute eine der komplettesten Persönlichkeiten unter den Tatort-Cops.

Und wir haben das Glück, heute einen seiner zumindest gemäß Fundus-Ranking besten Fälle anschauen zu können. Dort zeigt sich „Das Mädchen von gegenüber“ als Nr. 3 von 20 Fällen, nach dem Klassiker „Rechnung mit einer Unbekannten“ und „Zweikampf“. Zwar kommt heute kein Haferkamp-Film mehr über 8/10, aber in der Gesamtwertung sieht man den Tatort Nr. 82 aktuell auf Rang 85 von 1074 Filmen. Das ist sehr beachtlich und wir freuen uns daher besonders darauf, unser Haferkamp-Portfolio mit diesem Film zu ergänzen.

Wir hatten bereits erwähnt, dass die TatortAnthologie des „ersten Wahlberliners“ sofort nach dem Start 2011 und in den Folgejahren einige Beachtung fand, unter anderem führte sie zum Austausch mit dem Produzent der Haferkampf-Filme, Werner Kließ. Den Touch in Richtung Neuer Deutscher Film, den ich den Tatorten der 1970er unterstellte, wollte er zumindest nicht als bewusste Anlehnung an Fassbinder und Co. verstanden wissen – aber diese oft entlarvend zurückhaltende, beobachtende und auf eine heute kaum noch denkbare Interpretationsfähigkeit ausgelegte Inszenierungskunst sollte nach unserer Ansicht sehr wohl den Zuschauer dazu anregen, sich seine eigene Meinung zu bilden, die Rezeptionsfähigkeit des Publikums auf ein höheres Niveau heben, als es damals beim deutschen Mainstream-Film üblicherweise verlang wurde. Lieber subtil manipulieren als häufig konstatieren, womit sich ja später beim WDR die Herren Ballauf und Schenk so hervortaten, deren Film ihre eigenen Qualitäten haben. Sie kommen aber wesentlich mehr pädagogisch-dialektisch daher als frühe Werke der Reihe, die sich vordergründig aufs Zeigen beschränkten und wenig gesprochenen Kommentar beinhalteten.

Rezension

Dieses Mal haben wir die Vorschau nur leicht gekürzt und der Rezension vorangestellt, weil wie eine wirklich gute Einleitung darstellt. Das zeigte sich nach dem Anschauen des Films. Der Bezug zu Kommissar Finke aus Schleswig-Holstein ist klar: „Das Mädchen von Gegenüber“ ist „Reifezeugnis“ deutlich nachgebildet.  Und es passt auch zeitlich. Die Erstausstrahlung von „Reifezeugnis“ lag etwa einen Monat vor dem Drehbeginn des Felmy-Tatorts. Es wäre also durchaus möglich, dass zumindest ein bereits vorhandenes Drehbuch nochmal umgeschrieben wurde, nachdem der damals heiß diskutierte Mega-Klassiker von Wolfgang Petersen gezeigt wurde.

Die Parallelen: Schülerin liebt Lehrer und umgekehrt und Junge von der Schule stellt Schülerin nach – nur dass dieses Mal der Junge sie umbringt und nicht umgekehrt. Dieses Mal ist es ein Unglücksfall, keine vorgetäuschte Notwehr, um das Verhältnis zum Lehrer zu vertuschen. Der Vergleich beider Filme kann nicht bei dieser aufälligen Ähnlichkeit des Szenarios nicht ausbleiben. Wir sind wirklich froh, dass wir „Reifezeugnis“ als einen von bisher nur zwei Tatort-Filmen mit der Bestnote 10 bewertet haben. Warum? Weil wir dadurch den Abstand wahren können, der unbedingt angezeigt ist und doch eine gute Note für „Das Mädchen von gegenüber“ vergeben können.

„Reifezeugnis“ ist ohne Frage der ausgefeiltere, wesentlich komplexere Film und was ihn heute so angenehm macht: Er ist nicht so düster im Layout. Es ist ja ein Merkmal der Haferkamps, dass sie den Ruhrpott in so gedeckten, fast schwarzgrauen Farben darstellen, dass man schon ahnt, diese Region wird keine Zukunft haben. Während in der wohlhabenden Region um Malente herum Lehrer und Schüler in einer geradezu gediegenen Umgebung zuhause sind, wohnt hier das Lehrer-Ehepaar in einer erst vor wenigen Jahren fertiggestellten GWS (Großwohnsiedlung), während die Schülerin aus einem emotional in den 1950ern verbliebenen Arbeiterhaushalt groß wurde und der Täter sozial schwierig einzuordnen ist. Der Vater könnte ein kleiner Beamter sein, gemäß seinem Outfit und wie er schön die Kleider des Sohnes faltet, die Mutter hat keinerlei Antene für das, was ihren Spross bewegt, der Vater natürlich auch nicht. Die beiden schauen am liebsten zusammen Krimis aus den 1960ern oder die wirken wie aus den 1960ern. Das ist sehr schön und subtil von der Machart der Haferkamp-Tatorte abgegrenzt. Wir bleiben dabei, dass da ein gewollter und dem NDF geschuldeter Stilbruch gegenüber den Krimis der Stahlnetz-Reihe zu bemerken ist, obwohl diese auch schon psychologisierende Ansätze zeigt.

Das Innenleben der Figuren ist ähnlich gut ausgeleuchtet wie in „Reifezeugnis“, aber die Reduktion auf ein Milieu bei gleichzeitiger Fülle der Motive und Komplexität der Figuren ist in „Reifezeugnis“ so gut, das kann man kaum besser machen und natürlich zeigen sich dabei schon die besonderen Qualitäten von Wolfgang Petersen – „Reifezeugnis“ hat  Kinoformat, das würden wir von „Das Mädchen gegenüber“ nicht behaupten wollen, auch deswegen nicht, weil er mehr Kammer- oder Fernsehspielcharakter aufweist. Aber Jürgen Prochnow spielt eine wichtige Rolle und der hat bekanntlich drei Jahre später mit Wolfgang Petersen „Das Boot“ gedreht.

„Das Mädchen gegenüber“ ist etwas rauer als der sehr edle NDR-Vorbildkrimi – sorry, wir bezeichnen ihn hier mal so, es ist fast undenkbar, dass es keine Einflüsse gab. Beide Filme haben sich der schwierigen Aufgabe gestellt, das Gemüt von Jugendlichen auszuleuchten, die nicht so offensiv auftreten wie in Pennälerklamotten oder betont auf überschwänglich gemachten Filmen der 1950er. Sowohl das Mädchen Sina als auch der Junge Kalle, der wohl nicht zufällig fast den selben Vornamen hat wie Haferkamp, sind eher verschlossene, zurückhaltende Persönlichkeiten, die beide im Grunde als Einzelgänger gezeigt werden. Kalle wird zwar von seinem Sitznachbarn geholfen, als er ein Gedicht nicht kann, weil ihm beim Lernen aufgrund des Eindrucks, den seine Tat bei ihm hinterlassen hat, die Konzentration fehlte, aber in den Pausen ist er nicht bei einer Gruppe zu finden. Dafür ist die Realschule, die aber ehr wirkt wie ein Gymnasium, räumlich sehr modern, der Lehrer allerdings nicht ganz so soft wie der Kollege in „Reifezeugnis“ und dessen Ehe ähnlich aufgestellt, aber etwas bodenständiger dargestellt. Bei Kommissar Finke undenkbar: Offenbar gab es einen Flirt zwischen der Ehefrau des Lehrers und Haferkamp, aber ausgerechnet die Szene hat unser Netz verschluckt, das für ca. zwei Minuten ausgefallen war. Aber danach wirkten die Frau des Lehrers und  Haferkamp auch irgendwie vertrauter als zuvor. Dabei wurde unser Router doch gerade erst ersetzt. Irgendwann werden wir von der Telekom Schadensersatz verlangen, denn man verpasst nicht alle Tage einen Haferkamp, wie er mit der Frau eines Verdächtigen nette Worte austauscht. Zum Ausgleich gab es durch die Pause aber keinen Verlust, der die Verständlichkeit des Films beeinträchtigt hätte.

Ohnehin ist „Das Mädchen von gegenüber“ wohl einer der am einfachsten gestrickten Tatorte aller Zeiten. Es gibt nie Fragen, nie muss man über den Plot nachdenken und kann sich daher ganz auf die Figuren konzentrieren. Da „Das Mädchen gegenüber“, wie „Reifezeugnis“, Überlänge aufweist, kann man das sogar sehr ausgiebig. Und da kommt ein weiterer Unterschied zwischen den Filmen zutage. „Reifezeugnis“ wirkt an keiner Stelle langatmig, weil die Mädchenfigur von Nastassja Kinski so gespielt wird und mit, sagen wir, solchen Schauwerten versehen ist, dass man gar nicht anders kann, als gebannt ihrem Weg zu folgen. Bei Kalle, dem etwas abgeschiedenen, unspektakulären Jungen, ist das nicht so einfach. Wir können alles, was in ihm vorgeht,  nachvollziehen, aber stellenweise wirkt es auch etwas überdehnt und daher doch langsam.

Umso mutiger, „Reifezeugnis“ in den Ruhrpott zu verlegen und eine Art Anti-Film daraus zu machen, der sich dem Charme des Gehobenen verweigert, der Petersens Film so zeitlos wirken lässt. Das Milieu des gehobenen Mittelstands, das seinen sozialen Raum bestimmt, ist bis heute fast unverändert erhalten, auch das Wording ist für damalige Verhältnisse von beinahe prophetischer Qualität, besonders am Lehrer-Ehepaar festzumachen, während es den Pott in der Form, wie er als Bergarbeiter- und Kleinbürgerreservat in allen Haferkamp-Filmen gezeigt wird, nicht mehr gibt. Letzteres vielleicht eher, aber eben ohne diese Kohlerevier-Tristesse, die gerade in den alten Arbeitervierteln einer No-Go-Area-Dystopie gewichen ist.

Es kann natürlich auch anders sein – das Drehbuch zu „Das Mädchen von gegenüber“ exsistierte bereits, als „Reifezeugnis“ gedreht wurde und wurde daraufhin vielleicht sogar so geändert, dass man eine andere Figur in den Mittelpunkt gestellt hat. Oder man hat sich darauf verlassen, dass Hansjörg Felmy als Haferkamp das ausgleicht, was „Reifezeugnis“ ansonsten mehr zu bieten hat. Da ist auch etwas dran, denn der Essener Kommissar ist mit der in der Vorschau gut beschriebenen Persona sehr präsent, selbst der Jazz, den er witzigerweise deutsch ausspricht und dadurch noch markanter wird, spielt in diesem Film eine wichtigere Rolle als üblich. Das Mädchen, das aus Liebe zum Lehrer dessen Lieblingsmusik hört, obwohl es zu Miles Davis sicher noch keinen eigenständigen Zugang hat und drumherum ein kleines Zimmer in einem Arbeiterhäuschen, das ist für uns eine Gegeninszenierung zu der Welt von Sina in „Reifeprüfung“. Aber in beiden Filmen werden die Erwachsenen als nicht sehr verständig gezeigt und machen sich gar nicht die Mühe, sich in ihre Kinder einzufühlen. Kein Wunder, dass da solche Projektionen zustande kommen wie das Verlieben in einen Lehrer, dem man viel mehr Empathie zutraut. In „Das Mädchen von gegenüber“ kommt hinzu, dass er moderner, fescher, begehrenswerter wirkt als die Menschen, die man von Hause aus kennt. Diesen Effekt sieht man in „Reifeprüfung“ nicht in der Deutlichkeit, aber das emotionale Defizit des verträumten Mädchens aus gutem Hause wird dadurch umso mehr spürbar.

Beide Filme sind musikalisch hervorragend unterlegt und verstärken die jeweilige Atmosphäre. Die ist in „Das Mädchen von gegenüber“ gemäß obigen Ausführungen sehr wuchtig, sehr intensiv. Heutige Filme vermeiden das, weil es in unserer Zeit schwer zu ertragen wäre. Man müsste die Tatorte im Prekariat ansiedeln, um diese depressiv machende Stimmung zu erzeugen und das geschieht aus naheliegenden Gründen selten. In den 1970ern war es Programm, nicht zu optieren wie etwa in „Der Kommissar“ und ähnlichen Reihen, beim NDR hingegen ging es – manchmal – schon mehr in diese Richtung. Heute spielt aber Abscheu, geraubte Würde und wie man sie besser nicht auf den Bildschirm bringt, eine wichtige Rolle.

Die Zuschauer in den 1970ern erkannten sich im Essener Arbeiter- und Kleinbürgermilieu entweder selbst oder konnten dieses Milieu akzeptieren, aber mittlerweile alles durchdringende gesellschaftliche Spaltung hat dafür gesorgt, dass Tatorte auffällig oft in sehr stylischer Umgebung spielen, um bloß nicht die Wurzeln des Zerfalls offenzulegen. Einige Tatort-Fans lehnen die sogenannten Sozialtatorte, die es auch hin und wieder gibt, rigoros ab, weil dieser Zugang zu einem wichtigen Teil der Wirklichkeit, zu allen Facetten der Wirklichkeit, der in den 1970ern selbstverständlich schien wie nie zuvor und danach nie wieder, weil die Souveränität, alles zeigen zu können und zu wollen, heute nicht mehr vorhanden ist. Gerade die Morallastigkeit vieler heutiger Filme der Reihe will das Beobachten lassen durch – soll man es Indoktrinierung nennen? – ersetzen und dabei eine bestimmte Haltung des Zuschauers fördern. Heutige Werke der Reihe zeigen überwiegend nicht mehr, was ist, sondern werben für politische Haltungen. Entweder geht man d’accord oder ist genervt von der manchmal holzhammerartig daherkommenden Aufforderung zum Gutmensch sein, während man in klassischen Filmen der Reihe seinen eigenen Raum als Beobachter ausfüllen und über die eigenen Verhältnisse reflektieren kann, beispielsweise wenn man Kinder hat: Würde man bei ihnen bemerken, dass etwas mit ihnen geschieht, wie es mit Kalle geschieht, dass er in ein Mädchen verliebt ist, das er angeblich kaum kennt und die Mutter kauft ihm das auch ab – oder würde man es nicht, selbst dann nicht, wenn man glaubt, das Familienleben auf einem anderen kommunikativen Niveau gestalten zu können, als es in den 1970ern noch vielfach der Fall war, die berüchtigte Sprachlosigkeit zwischen den Generationen?

Fazit

Der Vergleich mit „Reifezeugnis“, der unvermeidbare, muss für jeden Tatort, der auf ähnlichem Terrain unterwegs ist, so ausgehen, dass der andere Tatort das Nachsehen hat, trotzdem ist „Das Mädchen von gegenüber“ ein ansehnlicher Film, dessen Einfachheit und Langsamkeit durchaus eine Probe darstellen, aber wir hatten keine Schwierigkeiten mit dem dran bleiben. Aber unsere Figur war Kommissar Haferkamp, nicht der Junge Kalle oder Karl-Heinz. Wir haben einen gewissen Verdacht, dass es da auch zu einer Ablehnung gekommen ist, über deren Gründe wir hier nicht zu ausführlich referieren wollen, jedenfalls fiel uns auf, dass wir manchmal ungeduldig wurden, wenn wir ihn minutenlang dabei zu beobachten hatten, wie er alles mit sich selbst ausmachen muss und sich niemandem öffnen kann.

Haferkamp wirkt auch deshalb herausragend, weil er sich irrt. Weil er nicht wahrhaben will, dass es der Junge gewesen sein könnte. Auch da eine Parallele zu „Reifezeugnis“. Finke ist erkennbar dem Lehrer gegenüber voreingenommen und diese Haltung scheint auch bei Haferkamp durch. Es wird zwar nicht sehr stark kommentiert, dass ein Lehrer mit einer 14jährigen Sex haben kann – Sina in „Reifezeugnis“ ist immerhin 17, also tatsächlich etwas reifer – aber durch die Blume und eben nicht durch einen Kommentar vom Kommissar wird durchaus angezweifelt, dass ein solches Verhältnis okay ist und in einem Moment ist Haferkamp dann doch deutlich um die Ecke herum wahrnehmbar: Als er nachfragt, ob das mit der gelebten offenen Beziehung zwischen dem Lehrer und seiner Frau so funktioniert. Tut es nämlich nicht. Das Verhältnis zu einer Minderjährigen verschweigt der Mann, weil es eben nicht einfach um Fremdgehen oder eine Nebenbeziehung, sondern um ein weiteres, stärkeres Tabu geht. Die Leidenden sind in beiden Filmen aber die Frauen – wobei die coole Judy Winter in „Reifezeugnis“ vielleicht  ihre eigenen Anteile daran hat, dass ihr Mann auf Abwege geht und sich nach anfänglichem Sträuben der romantischen Schülerin zuwendet, während in „Das Mädchen von gegenüber“ keine solche Ebene eröffnet wird, dazu ist die Frau des Lehrers zu nett, ein zugänglicher Typ. Das Verhältnis Lehrer-Schülerin wird hingegen nur angedeutet, wodurch sich der Eindruck verstärkt, er hat dieses Setting der offenen Beziehung so eingerichtet und der Frau mehr oder weniger aufgedrängt, während es in „Reifeprüfung“ nach einer geradezu intellektuell ausformulierten Vereinbarung Gleichrangiger ausschaut, man denkt auch über gemeinsame Versetzung nach, weil man denselben Beruf ausübt, redet viel über das Problem – die partnerschaftliche Fehlkonstruktion, die eine emotionale Geber- und  eine Nehmerperson hervorbringt, ist aber fast exakt die gleiche. Wie anders doch die Lage zwischen Haferkamp und seiner Ex-Frau. Wieso die beiden sich haben scheiden lassen, kann man erahnen, aber man bedauert es immer, wenn die beiden eine Szene zusammen haben. Diesen zusätzlichen beziehungsmäßigen Hotspot hatte Finke in keinem seiner Filme zu bieten.

8/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Haferkamp – Hansjörg Felmy
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Klaus Linder – Jürgen Prochnow
Kalle Dahlmann – Gerhard Theisen
Mutter Dahlmann – Eva Maria Bauer
Jutta Linder – Herlinde Latzko
Bärbel – Holle Hörnig
Vater Dahlmann – Werner Abrolat
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum
Bärbels Vater – Hans Joachim Krietsch

Drehbuch – Martin Gies
Regie – Hajo Gies
Bauten – Jörg Meier
Ton – Harald Hamela
Musik – Birger Heymann
Schnitt – Ingrid Träutlein-Peer
Kamera – Gernot Roll
Produktionsleitung – Richard Deutsch
Produzent – Werner Kließ

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s