Kinderland – Tatort 834 / Crimetime 180 // #Tatort #TatortKöln #TatortLeipzig #Köln #Leipzig #Sachsen #NRW #MDR #WDR #Ballauf #Schenk #Saalfeld #Keppler #Kinderland #TatortKinderland

Crimetime 180 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Der Solizuschlag steckt in Leipzig, nicht in NRW

Und dort stecken in „Kinderland“ als Ermittler-Zuschlag auch die Kölner Max Ballauf und Freddy Schenk – neben den Leipziger Kripocops Eva Saalfeld und Andreas Keppler.

Als Keppler dem Kollegen Ballauf die Leipziger Lärche geschenkt hat, mussten wir schmunzeln. Süßes ist Muss und etwas Nostalgie war auch dabei. Dass sich in Leipzig viel getan hat, wissen wir ebenfalls.

Wir haben uns jetzt eine kleine, private Schleife erlaubt, warum soll uns nicht billig sein, was den Kölner Ermittlern recht ist?

Wir waren gespannt auf dieses Städte-Crossover, das die Kölner ja schon einmal mit dem früheren Leipzig Duo Ehrlicher und Kain praktiziert hatten und hatten Bedenken wegen des Fortsetzungstatorts. Können wir die beiden Folgen überhaupt getrennt rezensieren oder müssen wir die morgige noch abwarten? Die ARD hatte mal wieder nicht an Leute wie uns gedacht, die es hassen, Fortsetzungsromane zu gucken und dann auch noch darüber zu schreiben. Das hat etwas Unbefriedigendes.

So ist es leider nach 90 Minuten auch geblieben. Die Art, wie die Kölner eingebunden wurden, war nicht zwingend und hat nichts zur Lösung des Leipziger Kindsmordes beigetragen. Es gab ein paar nette Momente zwischen Freddy und Eva und ein paar spannende zwischen Andreas und Max, aber daraus kann ein Tatort nicht ausreichend Honig saugen, um zu überzeugen.

Die Hauptsache ist aber das Drama um die ermordete Lisa und die weggelaufene Anna, Mädchen, die sich auf der Straße begegnet sind, flüchtige Bekannte, wie alle diese Straßenkinder zwar irgendwie zusammen sind, aber nicht einander verbunden. Auf der Straße leben, Ursache oder Wirkung – Bindungslosigkeit. Mehr aber in der -> Rezension.

Handlung

Die 15-jährige Anna Römer wird von ihrer Mutter als vermisst gemeldet. Kurz darauf wird ein junges Mädchen in der Nähe eines Leipziger Kinderstrichs tot aufgefunden. Doch bei dem Mordopfer handelt es sich nicht um Anna, sondern um die auf der Straße lebende Lisa Noack. Die Kommissare Saalfeld und Keppler hören sich in der Straßenkinderszene um und stoßen dabei auf Gerd Tremmel, den Leiter des Hilfsvereins „Kinderland e.V.“, und seine Frau Claudia, die Lisa als Ärztin kostenlos behandelt hat. Ihr Sohn Paul war der Freund von Lisa und hatte kurz vor ihrer Ermordung einen heftigen Streit mit ihr. Die Kommissare finden heraus, dass Lisa schwanger war, aber Paul das Kind nicht behalten wollte.

Zur gleichen Zeit wird auch in Köln eine 15-Jährige tot aus dem Rhein geborgen. Erste Ermittlungen ergeben eine Verbindung nach Sachsen: Sarah Stellwag war in Leipzig mehrfach wegen Prostitution aufgegriffen worden. Die Kölner Kommissare Ballauf und Schenk machen sich auf den Weg, allerdings ohne sich vorher bei ihren Leipziger Kollegen anzumelden. Als Keppler, der auf dem Kinderstrich ermitteln will, Hauptkommissar Ballauf für einen Freier hält, kommt es zu einer handfesten Auseinandersetzung. Diplomatisch einigen sich die vier Kommissare anschließend auf gemeinsame Ermittlungen.

Die vermisste Anna Römer hat unterdessen Unterschlupf bei Olaf Dürer gefunden, einem zwielichtigen Mittdreißiger, der obdachlose junge Mädchen für ein paar Nächte bei sich aufnimmt, angeblich ohne eine Gegenleistung dafür zu fordern. Nach Hinweisen aus der Szene kommen Ballauf und Keppler auf seine Spur und können ihn nach einem Fluchtversuch auch stellen. In seiner Wohnung finden die Kommissare die völlig verängstigte Anna, die von Zuhause weggelaufen war, weil sie herausgefunden hatte, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Mutter ist. Die Kommissare stoßen auf einen viele Jahre zurückliegenden Fall von Kindesentführung. 

Rezension

Wir legen uns sofort fest. Die Teamkreuzung hat dem Tatort „Kinderland“ eher geschadet als genützt.

Mehr dabei als mittendrin. Wir haben zwar den alten Max Ballauf aus seiner Düsseldorfer Zeit wiedererkannt, der einfach mal losmacht und seine Kollegen auch noch reinzieht, anstatt sich an die Vorschriften zu halten.

Bei seiner jetzigen Funktion als Dienststellenleister hat das aber wieder ein anderes Gschmäckle als unter KHK Flemming, wo der jung Wilde noch Hörner zum Abschleifen hatte. Aufgrund fortdauernder Beziehungslosigkeit, Unbehaustheit, wenn auch nicht Obdachlosigkeit, kann er nicht mehr gehörnt werden. Da wir aber schon mehrfach mitbekommen haben, dass Ballauf und Schenk besonders dann gut zusammenarbeiten, wenn es darum geht, Beweismittel zwecks Verwirklichung der eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen verschwinden zu lassen.

Da wir mittlerweile auch wissen, wie Schenk zu Beginn seiner Zusammenarbeit mit Ballauf drauf war, nämlich alles andere als gesetzeskonform, wirkt das, was die beiden hier abziehen, gar nicht unmöglich. Die Figuren geben das her und wer ihre Historie kennt, wird sich denken: Schöner Rückgriff auf die Vergangenheit dieser Charaktere – falls es so gemeint bzw. beabsichtigt war. Das wäre dann sozusagen die Rechtfertigung dafür, dass man Spielzeit für den Mädchemordfall wegnimmt, um eine andere Sache einzuflechten, die sich morgen erst entfalten wird. Nämlich einen weiteren Mord in Köln, der aber ganz offensichtlich nicht von der Person begangen wurde, die in Leipzig die 15jährige Lisa umgebracht hat.

Das sind wir auch schon bei den Seltsamkeiten. So stark sind die Übereinstimmungen zwischen den Morden nicht, dass dies Motivation genug für die Kölner, einfach nach Leipzig zu fahren, um schneller voranzukommen und den Dienstweg umgehen zu  können. Das hätten sie dann schon mindestens zwanzigmal vorher machen müssen, anstatt in ihrer Domstadt sitzen zu bleiben und auswärtige Fakten  dort zu besorgen, wo es sinnvoll ist: von auswärtigen Kollegen.

Die Konstruktion der Fortsetzungsgeschichte. War der Fall von heute Abend ein Whodunnit, wird der von morgen, so hat man den Eindruck, ein Howcatchem, denn da ist ja schon dieser Typ mit dem weinroten Alfa 164 Richtung Köln unterwegs, mit Anna an Bord. Es muss nicht so kommen. Aber nur dadurch sind die beiden Städte jetzt erst einmal miteinander verhakt, nachdem sich herausgestellt hat, dass der Fall der toten Lisa in Leipzig mit dem dem toten Mädchen vom Rhein nicht in direkter Verbindung steht.

Dass diese Anna sowas noch macht, nach den Erfahrungen mit dem komischen Sturzkampfbomber-Modellbauer, nachdem sie sogar von den Straßenkids in Leipzig zunächst gemobbt wurde, nachdem man ihre Habe auf dem Klo hat mitgehen lassen – und nachdem sich Eva Saalfeld und deren Mutter so liebevoll um sie gekümmert haben – wirkt deprimierend. Mit echten und falschen Eltern konfrontiert zu werden, das scheint für manche Kinder tatsächlich horribler zu sein, als sich auf jedwede fremde Gefahr einzulassen.

Trotzdem – irgendwie gruselig, dass sie dann, nachdem sie ein paar Leute gefragt hat und die sie nicht mitnehmen wollten, sofort wieder zu einem allein fahrenden Mann ins Auto steigt. Manche Menschen haben keinen Instinkt, den eigenen Schutz betreffend, das suggeriert dieser Moment deutlich und man möchte seinen Realitätsgehalt auch deshalb anzweifeln, weil sich alles dagegen sträubt, dass so ein Kind von 15 Jahren tatsächlich so wenig an diesem Selbstschutz interessiert ist, zumal nach jüngsten Erlebnissen. Muster sind aber offensichtlich nicht so schnell zu verändern. Wenn etwas schiefgelaufen ist und falsche Muster hervorgebracht hat, haben wir als Kritiker eines Films ein Problem. Wir möchten sagen, das ist unglaubwürdig, so kann man nicht mit Figuren umgehen.

Dass wir uns über dieses Ende des Films, das eine Fortsetzung einleitet, ärgern, liegt an einer literarischen Konvention, die offenbar ein kognitives Muster bedient – eben auch ein Muster, das negative Muster offenbar ausgleichen soll. Figuren in Büchern und auch in guten Filmen haben so etwas wie eine „Maximalkapazität“. Das heißt nicht, sie müssen Helden sein; sie müssen keinen IQ von 180 haben, aber das, was sie bei ihren Möglichkeiten leisten können und manchmal etwas mehr, das leisten sie auch. In amerikanischen Filmen oft etwas mehr, und das rüht uns an und reißt uns als Zuschauer mit.

Niemand sieht gerne dabei zu, wie sich Leute immer wieder suboptimal verhalten und nichts aus ihren Fehlern lernen und dass sich kein sichtbaren Grund dafür gibt, sich beschränkt zu verhalten. Solche Figuren würde man am liebsten mal ordentlich ins Gebet nehmen. Weil wir so etwas nicht mögen, nehmen massentaugliche Bücher und Filme auch von solchen entwicklungsunfähigen Figuren meist Abstand, zumindest, wenn es um wichtige Charaktere geht. Das gehört zum Vertrag zwischen Autor oder Drehbuchautor und Leser bzw.  Zuschauer, dass man nicht immer mit Typen konfrontiert wird, die genauso blöd sind wie man selbst und zum siebten Mal die gleiche Sache falsch angehen. Egal, ob es berufliche, beziehungsmäßige oder sonstige Verhaltensweisen betrifft. Und die meisten von uns haben es ja nicht präzise reflektiert, sondern mehr so ein ungutes Gefühl ganz hinten in den Drüsen und ganz tief im Bauch, dass sie sich gerne mal selbst im Weg stehen. Es muss so sein, sonst wären wir ja alle ganz oben auf der Hierarchieleiter.

Es besteht eine weitere Möglichkeit. Nämlich die Hintergründe von Figuren so gut auszuleuchten, dass wir ihre negativen Muster eben doch verstehen können und damit ihr Handeln. Dafür aber war hier mal wieder nicht hinreichend Zeit, weil zu viel in diesen Tatort hineingedrückt worden ist. Wir verstehen nicht wirklich, warum Anna Reißaus nimmt, wir können es allerdings ahnen, die Grenze ist dort erreicht, wo sie offenbar in ihr Unglück rennt. Es muss ja nicht so sein, schauen wir morgen mal. Es wirkt aber so, Stand heute, 21:45 Uhr.

Wir prognostizieren schon wegen dieses Endes, dass „Kinderland“ bei der Fangemeinde nicht sehr gut wegkommen wird (in dieser Minute gibt es noch keine einsehbare Auswertung beim Tatort-Fundus).

Der Fall Lisa. Wir können’s nicht ändern, zwar ist der Todesfall Lisa tragisch, dabei spielt es keine Rolle, ob es um Mord geht, oder um Totschlag im Affekt, wie sich herausstellt. Der Täter hat für uns von Beginn an zum engsten Verdächtigenkreis gehört, auch wenn er zunächst nicht wusste, dass Lisa von seinem Sohn Paul schwanger war. Kinder, die Kinder kriegen und sich die Zukunft damit in der Tat erschweren. Aber dass die Zukunft damit kaputt ist, das ist genauso ein Klischee wie die ganze Gutmenschenfamilie von Ärzten und Aussteiger-Kinderland-Gründern, die am Ende die Nerven verlieren. Dieses Mal kann man auch nicht sagen, die Schauspieler reißen alles raus. Dafür sind die Rollen zu knapp und damit die Figuren zu flach gehalten und werden zu viele Vorurteile in Marsch gesetzt und bestätigt.

Platzhirsche und Eindringlinge. Das ist ärgerlich, denn gerade Leipzig braucht unbedingt Tatorte, in denen starke Nebenfiguren und ein immer mehr Profil gewinnendes Team miteinander agieren. So aber dominieren Ballauf und Schenk die Szenen, in denen sie zu sehen sind und das Jugendlichendrama wird nur anskizziert, anstatt detailliert ausgemalt. Dass Ballauf und Schenk nach unserer Ansicht mehr präsent sind als die Leipziger, liegt nicht so sehr an deren schauspielerischer Dominanz, darüber kann man insbesondere im Vergleich zu Martin Wuttke verschiedener Ansicht sein – sondern, weil sie eben in einem fremden Revier einfallen, legt man viel Aufmerksamkeit darauf, wie sie sich darin verhalten.

Das ist auch wieder ein Instinkt in uns, dass wir die Eindringlinge mit mehr Faszination betrachten als diejenigen, die schon da sind und sich zu den Neuen stellen müssen. Wir stehen auf der Seite der Abenteurer. Wir sind als Zuschauer auf der Seite derer, die einen neuen Weg gehen – im wirklichen Leben leider nicht immer, vor allem, wenn wir selbst zu den Revierverteidigern gehören. Mit etwas Glück kommt dieser Mechanismus in der morgigen Fortsetzung allerdings dem Team Keppler / Saalfeld zugute. Mit etwas Glück deshalb, weil man sich ja nun schon kennt und die körperlichen Konfrontationen ebenso wie der erste Flirt bereits Vergangenheit sind.

Fazit

Eine Bewertung der Doppelfolge als Ganzes steht selbstverständlich noch aus, aber der erste Teil hat uns bezüglich seiner Konzeption und der teilweise auch konzeptbedingten Schwächen nicht überzeugen können. Die Verflechtung der beiden Städte und der gewaltsamen Mädchentode in beiden Städten soll kunstvoll wirken; einerseits abgeschlossen, andererseits fortsetzungsgeeignet, aber Tatort-Macher hatten schon mit weit weniger schwierigen Aufgabenstellungen Probleme. Besonders in Leipzig, wo es dem MDR nicht gelingt, das Ermittlerduo Keppler / Saalfeld endlich so zu entwickeln und zu steuern, dass es durch gute Drehbücher und starkem Feilen an der Persönlichkeit der beiden endlich aus der Kritik kommt.

Lieber geht man mit dem WDR eine neuartige Kooperation in Form einer direkten Fortsetzung ein und macht damit wieder ein neues Fass auf, nur, weil’s zu anderer Zeit mal ganz gut geklappt hat. Der WDR kann sich ein Risiko und einen Flop wie diese Doppelfolge eher leisten, die Kölner Ermittler sind sowas von etabliert – und man hat ja noch die Münsteraner, die immer funktionieren, auch wenn ihre Fälle nicht immer so erlesen sind wie die gastronomischen Ausflüge von Prof. Boerne.

Wir geben gerne zu, dass ein klein wenig von unserem Ärger auch dadurch verursacht ist, dass wir morgen schon wieder vor dem Fernseher sitzen müssen, um die TatortAnthologie bezüglich der Erstausstrahlungen lückenlos zu halten. Das war nicht vorgesehen, als wir uns vor einem Jahr beim Wahlberliner für diese Kritiken-Reihe entschieden haben. Wir finden zwei neue Tatorte an zwei  Abenden hintereinander ein wenig zu viel, auch wenn morgen gefühlt erst Sonntag ist, wegen Ostern Aufzeichnen, ein paar Tage später schauen und dann darüber schreiben gilt nicht, der Aktualität wegen.

Wegen des hohen Aufwandes an Ermittlerpersonal (der leider wenig genutzt wird) und wegen der Experimentierfreudigkeit geben wir 6,5/10 Punkte und heben damit den halben Punkt wieder auf, den wir gerne für die im vorherigen Absatz beschriebenen Umstände abziehen würden. Möglich, dass wir die morgige Folge und damit das 2 + 2-Konzept nach zwei Filmen besser bewerten.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

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