Feierstunde – Tatort 994 / Crimetime 183 // #Tatort #TatortMünster #Münster #Boerne #Thiel #TatortFeierstunde #Tatort994 #WDR #Feierstunde

Crimetime 183 - Titelfoto © WDR, Wolfgang Ennenbach

Ist Karl-Friedrich Boerne unsterblich?

An einer ganz bestimmten Stelle im 30. Tatort mit dem Rechtsmediziner und seinem Kommissar Thiel wird das behauptet. Aber entscheidend ist, an welcher Stelle. Denn im Grunde ist es eine Binsenweisheit, wir alle wissen, dass Boerne Tatortgeschichte ist und somit unsterblich.

Doch müssen wir nun alles Weitere über ihn in der Vergangenheitsform schreiben, nur, weil er in einem Eierwagen abtransportiert wurde? Und warum hat Thiel ihn nicht gerettet? Fantasie ist ein Spiel für psychische Grenzgänger, das zeigt sich auch in diesem Tatort wieder. Schüsse, Seuchen und die wahre Freundschaft jenseits der Fakultät und diesseits der Dienststelle, in diesem Tatort ist einiges drin. Und er ist ein Thriller und gleichzeitig ein Whodunit, das ist relativ selten. Wie sich das angeschaut hat und was aus Boerne wurde? Das steht in der -> Rezension.

Handlung 

Das Rachegefühl endlich ausleben und Professor Boerne ermorden – Harald Götz kann kaum noch an etwas anderes denken. Das verheimlicht er auch nicht seiner Psychotherapeutin Corinna Adam . Während Boerne gerade die Fördermittel für ein prestigeträchtiges Forschungsprojekt an Land gezogen hat, ist Professor Götz seit Jahren im Labor alleine auf sich gestellt. Fieberhaft sucht er nach einem Medikament für seine schwer kranke Frau Martina. Doch nachdem sie erschossen in ihrem Rollstuhl aufgefunden worden ist, ist für Kommissar Thiel der Fall klar: Harald Götz ist dringend tatverdächtig, zumal Nachbarn beobachtet hatten, wie er fluchtartig das Haus verliess. Abends verschafft sich Götz Zugang zu Professor Boernes Feierstunde im Nobelrestaurant, und ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Jetzt benötigt der Rechtsmediziner die Unterstützung von Kommissar Thiel – mehr als jemals zuvor.

Axel Prahl (Hauptkommissar Frank Thiel), Jan Josef Liefers (Rechtsmedizinier Prof. Karl-Friedrich Boerne), ChrisTine Urspruch (Silke Haller / Alberich), Friederike Kempter (Nadeschda Krusenstern), Claus D. Clausnitzer (Herbert Thiel), Peter Jordan (Prof. Harald Götz), Oda Thormeyer (Corinna Adam)

Drehbuch – Elke Schuch
Regie – Lars Jessen

Interview-Rezension mit Alexander Platz

War der 30. Tatort richtungweisend oder ist Karl-Friedrich Boernes Weg nun zu Ende? 

Nach den ersten Dialogsätzen hatte ich beinahe das Gefühl, der Münster-Tatort geht langsam als Projekt zu Ende, so banal war das, was Thiel und andere zum Besten gaben. Doch kam Boerne rein, wurde es gleich besser, so, als habe sein Sprachliches jemand anderes verfasst als das für die übrigen Figuren. Ein wenig blieb es so während des ganzen Films, der mehr als fast alle anderen bisher eine Boerne-Show ist. Und zeigt, wie Jan Josef Liefers Boerne kann und ihm jederzeit weiterhilft, egal, in welcher misslichen Lage sicher der Rechtsmedzin-Professor befindet. Und kann es eine schlimmere Lage geben, als Ex-Kolleginnen ausgeliefert zu sein, die Rache nehmen wollen und jungen Kolleginnen ausgeliefert zu sein, die nach vorne wollen? Da ist der Geiselnehmer und Mörder, den es auch gibt, zusammen mit Boerne im Status der Bemitleidungswürdigkeit vereint.

Ist das eine vernünftige Handlung?

Wenn es in Münster darauf ankäme, gäbe es die Schiene längst nicht mehr. Der Plot ist irrwitzig, aber da es ja auch eine irre Täterin gibt, passt das. Mich hat dieser Münster-Tatort streckenweise an Kiel erinnert, so abgefahren ist die das, was sich in den Köpfen einiger Menschen hier abspielt. Und es ist überraschend und vor allem ist alles ausgezeichnet gespielt. Wenn man sich auf das manipulative Psychospielchen einlässt, das hier vorgeführt wird und sagt, es gibt Leute, die so denken und handeln, ist der Plot sogar weitgehend logisch. Einige Details am Ablauf wie immer ausgenommen.

Ich muss das eben zu den Dialogen Geschriebene erweitern. Das Team wird ein wenig vernachlässigt, was die Qualität des Sprachlichen angeht, weil der Witz dieses Mal sehr sparsam eingesetzt wird, zumindest sparsam für Münsteraner Verhältnisse. Aber die Täterperson hat auch sehr überzeugende Dinge zu sagen, sodass man sich richtig vorstellen kann, wie ein Kindheitstrauma eine schräge Selbstwahrnehmung auslöst und nicht einmal sicher ist, dass daran wirklich das Trauma schuld ist. Vielleicht ist es genau umgekehrt, schon als Kind war Dr. Adam sehr seltsam.

Das Blöde ist, dass ihr Referat über den erhöhten Psychopathen-Anteil in Führungspostionen richtig ist. Weil er von einer offensichtlich kranken Person gesprochen wird, misstraut man seinem Wahrheitsgehalt möglicherweise, aber wer hätte das sonst in diesem Film sagen sollen? Und schließlich beweist es sich gleich vor Ort: Die karrieregeile Jungkollegin von Boerne ist die einzige Person, die aktive Sterbehilfe leisten will. Wenn man möchte, eine ironische Reflektion auf den Tatort der vergangenen Woche (Freitod), denn dieses Mal fehlt es doch ein wenig am Wunsch des Patienten selbst, aus dem Leben zu scheiden.

Ist das deswegen ein philosophischer Münster-Tatort?

Die besten Thiel-Boerne-Filme haben auch ihre philosophischen und sozialen Botschaften, die weniger guten auch, nur akzeptiert man sie dort nicht so. Hier schon. „Feierstunde“ ist wirklich eine Feierstunde geworden.

Zu feiern gilt es die wunderbaren Menschen von der Münsteraner Mordkommission, die beweisen, dass sie wirklich die Guten sind. Im Gegensatz  zur versnobten Welt der Uni-Professoren, in der Boerne so gerne  und eitel verweilt, kämpfen Thiel und Alberich für den in Geiselhaft befindlichen und gesundheitlich schwer angeschlagenen Wisecracker und wir erfahren es auch dieses Mal wieder und wären schwer enttäuscht gewesen, wenn es nicht sichtbar geworden wäre: Im Grunde ist unter Boernes arroganter Schale eine so noble Seele verborgen, seine emotionale Substanz überragt die aller seiner Berufskollegen bei Weitem.

Doch Gesellschaftssatire?

Die guten Tatortschienen zeichnen sich nicht nur durch wiedererkennbares Personal aus, sonder auch durch ihren eigenen Touch und die besondere Schwerpunktsetzung. Beim WDR ist das deutlich zu erkennen. Während Köln Sozialthemen ernsthaft und mit leichtem Humor abhandelt, Dortmund thematisch zwar noch nicht so definiert, dafür aber besonders edgy gestaltet ist, hat Münster sich der Gesellschaftssatire verschrieben. Der Kern von Münster ist durchaus nicht klamaukig, leider haben das die Macher aber zwischenzeitlich aus den Augen verloren und nur noch auf Gags gesetzt, die zudem mit der Zeit schwächer wurden. Zu Beginn und auch nun wieder in „Feierstunde“ konnte man aber immer beobachten, wie Menschen sich in besonderen Situationen als großartig oder als mies erweisen und damit auch Emotionen auslösen. Und alle, die einfache Jobs haben, in denen Konkurrenz möglich, aber nicht sinnvoll ist und nicht ein Kollegium wie das von Boerne, können sich glücklich schätzen.

Ganz ohne Gefahr ist diese Botschaft nicht und dass wieder einmal die Psychotherapeuten schlecht wegkommen, ist ebenso eine Form von Diskriminierung wie die typische und hier ebenfalls zur Anwendung gelangende Tatort-Masche, dass Mediziner keine guten Menschen sein können – mit Juristen wird ebenso verfahren. Der Unterschied ist, dass es sich bei den Angehörigen der letztgenannten Berufsstände oftmals auch in der Realität um recht blasierte Zeitgenossen handelt, die auf Münster-Art zu als substanzlos zu enttarnen durchaus sozialhygienische Qualitäten aufweist.

Fazit?

So unglaubwürdig die Situation ist, die sich im Verlauf der Handlung entspinnt, so gut ist sie gefilmt und alles wirkt authentisch im Unmöglichen. Ganz sicher gehört „Feierstunde“ zu den überdurchschnittlichen Münster-Tatorten und ist vielleicht der beste seiner Art seit Jahren. Der Preis ist, dass man erheblich Dampf aus dem Witzkessel gelassen hat, um freier in der Plotgestaltung zu sein und eine spannende Situation auch so darstellen zu können, dass sie eben spannend ist und man nicht aufgrund allzu großer Blödelei eh weiß, es wird sich alles in Wohlgefallen auflösen.

Für einen Moment hielt ich es für möglich, dass Boernes Ableben zu beklagen ist und war richtig angefasst. Emotional einer der größten Momente aus 30 Münster-Tatorten. Dass es den gab, ist für mich schon ein Grund, im Anschluss an den Text eine hohe Punktzahl zu vergeben. Denn das war in den ersten Jahren auch ein Markenzeichen der Thiel-Boerne-Filme: Dass sie bei allem Humor auch berührende Momente hatten und im richtigen Moment auch mal Abstand von der Distanz nehmen konnten. Von der Distanz, die ein allzu verblödelter Film zwangläufig zu den Figuren schafft, die sich in ihm tummeln.

Ein großes Lob zum Schluss ans Spiel, vor allem natürlich an Jan Josef Liefers, der den schwerst infizierten Boerne genau so spielt, dass man mitfühlt und doch eine Art Resthumor bleibt. So etwas sieht man selten. Sehr gut sind auch die Episodenrollen von Peter Jordan (Prof. Götz) und Oda Thormeyer (Dr. Corinna Adam) gelungen. Während ich Jordan als Führungsoffizier des früheren HH-V-Manns Cenk Batu kannte, musste ich die frühere Burgtheater- und heutige Thalia-Schauspielerin Thormeyer erst googeln. Aber wir wollen doch nicht immer dieselben Gesichter, also ist Recherche hin und wieder Pflicht.

Wertung: 8/10

© 2018, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Axel Prahl (Hauptkommissar Frank Thiel), Jan Josef Liefers (Rechtsmedizinier Prof. Karl-Friedrich Boerne), ChrisTine Urspruch (Silke Haller / Alberich), Friederike Kempter (Nadeschda Krusenstern), Claus D. Clausnitzer (Herbert Thiel), Peter Jordan (Prof. Harald Götz), Oda Thormeyer (Corinna Adam)

Drehbuch – Elke Schuch
Regie – Lars Jessen

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