Damian – Tatort 1075 / Crimetime 184 // #Tatort #TatortSchwarzwald #Schwarzwald #BlackwoodForest #Tobler #Berg #Damian #TatortDamian

Crimetime 184 - Titelfoto © SWR, Benoit Linder

Das hätten wir uns nicht erträumt

Wir sind gar nicht so begeistert davon, dass wir am frühen Morgen eines freien Tages schon so die grauen Zellen anstrengen müssen. Falls sie denn wirklich grau sind, womit sie sich den über und neben ihnen wachsenden und nach Tatorten wie diesem sich deutlich vermehrenden Haaren farblich anpassen würden. Falls der vorstehende Satz etwas verschwurbelt klang: Das war dann Absicht. Denn so von hinten durch die Brust ins Knie geschossen ist auch „Damian“ konstruiert, wenn nicht noch schlimmer. Und was uns besonders ärgert: Einen wichtigen Fakt haben wir nicht mehr auf dem Schirm, der aber wichtig ist, um die Idee der Handlung schlüssig beschreiben zu können. Wir hätten nochmal zurückspulen müssen zum Anfang, um uns da sicher zu sein und dass das notwendig gewesen wäre, fiel uns erst später, beim Nachdenken über, auf. Und da hatten wir den Film schon gelöscht. Wir zeichnen jetzt aber nicht eine Wiederholung neu auf, zumal Festtage gemäß bisherigen Erfahrungen den Media Receiver eh an seine Kapazitätsgrenzen bringen.

Was da nun wieder mit unserer Kognition los war und was es sonst zum 1075. Tatort zu sagen gibt, findet sich in der -> Rezension.

Handlung

Friedemann Berg hat sich bei einem Skiunfall einen komplizierten Beinbruch zugezogen, deshalb arbeitet Franziska Tobler bei ihrem aktuellen Fall mit dem Kollegen Luka Weber zusammen. Die beiden versuchen schon eine ganze Weile, den Mord an einer 17-Jährigen und ihrem Tennislehrer aufzuklären und treiben an der Grenze zur Überarbeitung.

Eine neue Spur führt sie zu dem widerspenstigen Peter Trelkovsky, ein selbsternannter Frauenheld, der zurückgezogen im Bauwagen lebt. Zu den von ihnen befragten Zeugen gehört ebenso Jurastudent Damian. Auch er ist erschöpft, steht wegen seiner Prüfungen unter Druck und droht, daran zu zerbrechen. Außerdem wird Damian von dunklen Ängsten geplagt. Seine Freundin Mia versucht ihm zu helfen, dringt aber nicht zu ihm durch. Die einzige Person, auf die er hört, ist sein Kumpel Georg.

Die Kommissare nehmen den verwirrten Damian nicht wirklich ernst, zumal er für den Tatzeitpunkt ein Alibi zu haben scheint. Und sie müssen sich mit einem zweiten Todesfall auseinandersetzen, denn im Wald wurde in einer niedergebrannten Hütte eine Brandleiche gefunden.

Rezension

Bisher haben sie das beim Tatort nie gewagt. Es gibt wunderbare literarische Vorbilder oder auch Filme wie Fritz Langs „Die Frau im Fenster“ / „Gefährliche Begegnung“ (1944), aber in der Regel ist dann wenigstens klar, was Traum ist und was Wirklichkeit. Am Schluss jedenfalls. In „Damian“ ist das nicht so eindeutig. Und wo unser oben erwähntes Problem liegt, da liegt möglicherweise auch die Lösung, weshalb wir hier nur vorsichtig von Möglichkeiten schreiben können: War der Doppelmord am Tennistrainer und seiner Schülerin schon erwähnt, bevor die beiden Ermittler einschliefen? Je mehr wir jetzt wieder drüber reflektieren, desto mehr sind wir sicher, dem war so.

Dann müsste das Kennenlernen zwischen den Ermittlern und der Polizeiberaterin erst nach dem Beginn des Traums stattgefunden haben und am Ende noch einmal in der Realität und die ganze Auflösung des Tennis-Falls ein Traum, während das, was sich um Damian abspielt, real bezüglich seines Wahns ist, die Figuren, die er sieht, aber Wahnvorstellungen, bis hin zu seinem Kommilitonen – aber vielleicht erst ab einem bestimmen Punkt, in dem dieser beginnt, Damian in den Tod zu treiben. Vielleicht ist es auch Absicht, dass sich die beiden Frauen, die im Abstand von vielen Jahren umgebracht wurden, gar nicht so sehr ähneln, wenn man sich die Fotos anschaut, denn die Auflösung des Mordes ist ja ebenso makaber wie psychologisch unglaubwürdig. Ein typischer Polizisten-Alptraum. Und mitten in diesem Alptraum führt eine DNA-Spur zu Damian.

Ob man dieses Drehbuch als besonders ausgefuchst ansieht oder als Verarsche, liegt wohl eher in der Mentalität als in der Wahrnehmung begründet: Kritiker dürfen nicht ohne Weiteres zugeben, dass sie etwas nicht verstanden haben und sind daher von cleveren Filmemachern sehr leicht – vielleicht einmal zu manipulieren, aber in die dunkle Ecke der Täuschung oder sogar Selbsttäuschung zu drängen, aber das ist ja auch eine Manipulation.

Wir konzentrieren uns nun auf das, was ist bzw. was eindeutig ist. Zum Beispiel, warum man den Bodensee mit dem Schwarzwald getauscht hat. Dieses Dreiländereck mit seiner idyllischen Gediegenheit, Konstanz, wo Klara Blum ermittelt hat, das war eben zu idyllisch und gediegen, zu posh irgendwie. Wir haben den Schwarzwald bisher auch immer so wahrgenommen, was daran liegt, dass die Orte, durch die man üblicherweise kommt, auffällig gepflegt und wohlhabend ausschauen. Aber dahinter, da liegt noch ein Land und in diesem Hinterland, da gibt es wirklich finstere Ecken, schmuddelige, ungepflegte Häuser mit Finsterlingen drin, alles scheint verwunschen und verschoben zu sein. Hier haust das Böse. Manchmal in Form von ideologisch verdächtigen Aussteigern, manchmal eben allein. Hier gibt es keinen Betrieb, nichts, was ablenkt, was die Aufmerksamkeit vom Fall und den in ihn verwickelten Personen abziehen könnte. Die Ermittler haben auch kein Privatleben, das Spielzeit und vom Zuschauer Aufmerksamkeit fordert. Um bei der heutigen, schnellen Filmweise die Zeit zu füllen, müssen die Fälle und die Episodencharaktere sehr prägnant sein und richtig was hergeben.

In den Figuren liegt aber auch die Stärke des Films. Der Student Damian wird von Thomas Prenn herausragend verkörpert, aber auch alle anderen inklusive den Erimittlern fallen nicht ab. Die Inszenierung eines jeden Moments und einer jeden Reaktion ist geradezu überpräzise. Es ist eine Stärke von Eva Löbau als Franziska Tobler, auf eine minimalistische Art viel zu zeigen und das Doppelspiel mit dem Ersatzpartner Carlo Ljubek als Weber weist mehr Spannung auf als das mit „Friedemann Berg“. Lediglich Nora (von) Waldstätten wirkt in ihrer kleinen Rolle als aufgekratzte Einsatzbegleiterin oder -beobachterin ein wenig unterfordert.

Das Thema dieses Films ist Überforderung. Die Ermittler sind so überfordert, dass sie wilde Träume haben und in diesen Träumen oder vielleicht auch neben ihnen her arbeitet sich ein Jurastudent in den Wahn, weil er unbedingt etwas erreichen will, was seine einfach gestrickten Eltern ihm nicht zutrauen. Schade, dass man es Kommilitionen nicht ansieht, wenn sie so drauf sind und es kommt normalerweise nicht vor, dass jemand so austickt wie Damian und eine so auffällige Schizophrenie zeigt. Wer Stimmen hört, hat es normalerweise schon fast geschafft: Er wird diagnostiziert und behandelt. Ob es dann noch mit dem Studium weitergehen kann, ist eine andere Frage, aber es ist ja auch krass, wenn man in eine Verwaltungsrechtsklausur will, in einer Schuldrecht-BT-Vorlesung landet und sich dann von der Professorin eine Frage zum Zivilverfahrensrecht stellen lässt. Die heutige Form des Studiums hat die Lage offenbar zusätzlich verschärft, denn einst durfte man, wenn an durch einen „Schein“ fiel, also drei Klausuren verhauen hatte, im nächsten Semester noch einmal antreten und hatte wieder drei Möglichkeiten.

Das klingt allerdings  luxuriöser als es war, denn manche Professoren setzen die Anforderungen so hoch an, dass beim ersten Anlauf nicht mehr als 10 der 20 Prozent der Probanden durchkamen. Die Verschulung und Verengung an den Unis hat es trotzdem nicht besser gemacht, nicht erleichtert, sich dort wie ein selbstbestimmter Mensch zu fühlen und nicht wie der Hamster im Rad – und auch mal was für die Persönlichkeitsentwicklung tun zu können. So war es auch gedacht, alles im Sinn der Wirtschaft, die angepasste, willfährige Arbeitskräfte verlangt hat, nicht „Köpfe“. Diese Angepassten, die Mechaniker unter den Akademikern, sind allerdings auch die ersten, die man bald durch gehobene Formen der KI wird ersetzen können.

Ob das bei Juristen schon bald möglich sein wird, ist eine interessante Frage. Vom Lernaufwand eines der anspruchsvollsten Studien und es ist bis heute nicht gelungen, künstliche Experten zu entwickeln, die Recht sprechen oder Rechtsberatung machen können, obwohl schon lange in diese Richtung geforscht wird. Das liegt vor allem daran, dass, anders als beim Schach, nicht das Durchspielen von Millionen von Varianten zum besten Ergebnis führt, sondern jeder neue Fall bisher unbekannte Aspekte aufweisen kann und, weil es dabei um Menschen geht, individuell behandelt werden muss.

Fazit

Oder werden sollte. Dass z. B. im ohnehin nicht grundgesetzmäßig organisierten Sozialrecht bald die Roboter 08/15-Urteile fällen, ist gar nicht so abwegig, die Überlastung der Gerichte, die es nämlich auch gibt, würde dann sicher fast schlagartig enden. Der Gerechtigkeit wäre wohl nicht gedient. Doch ist es gerecht, dass ein Junge wie Damian in ein Elternhaus geboren wurde, welches ihn durch ständige negative Verstärkung so geprägt hat, dass er nicht studierfähig werden konnte. Dass er mit den Anforderungen, die er sich selbst stellt, nicht mithalten kann und zerrissen wird in der ständigen inneren Anspannung, die zu psychischer Krankheit geführt hat? Interessant aber, wie positiv hier die Verbindung dargestellt wird, inklusive des Mentors, der sich eines Fuchses annimmt (Leibvater oder Biervater). Hatte der Drehbuchautor selbst positive Erfahrungen? Es gibt da in der Tat große Unterschiede und die Gemeinschaft tut noch mehr für die Mitglieder, als sie nur günstig unterzubringen und für soziale Einbindung zu sorgen. Nicht zu unterschätzen sind die „alten Herren“, die bei der Karriere behilflich sind. Gerade in einer Welt zunehmender Vereinzelung wird hier ein Student gezeigt, der ein Korsett bekommt, das den meisten, die Mitglied einer Verbindung sind, lebenslang dienlich ist. Damians offensichtliche „Marotten“ werden aber nicht nur dort, sondern überall ohne größere Probleme akzeptiert. Da wir uns in einem Raum bewegen,von dem wir nicht wissen, wie real er ist und der Film beabsichtigt, den Zuschauer im Verlauf immer mehr in die Perspektive von Damian hineinzumanipulieren, befreit sich dieser Tatort von vielen Zwängen, die seinen Protagonisten plagen, der sich eben keine eigene Wirklichkeit schaffen kann, keine eigene geschützte Welt aufbauen kann und daran zerbricht.

Wir haben auch was gelernt. Die Schwarzwald-Tatorte dürfen wir uns nicht zu sehr später Stunde anschauen, sonst zerbrechen wir noch an der Unfähigkeit zur sachgerechten Rezeption aufgrund mangelnder Konzentration beim Gucken. Wer jetzt meint, Damian wollte genau das erreichen, der ist ein Schelm und wer sich das ausgedacht hat, arbeitet möglicherweise im Zweitjob als Verkäufer für eine Firma, die Brandbeschleuniger herstellt.

8/10

Aus der Vorschau

Zwei Schwarzwald-Tatorte gab es bisher. Der Schwarzwald-Tatort ist der Nachfolger des Bodensee-Tatorts aus Konschtanz. Das Spektakuläre war nicht so das Ding der Dreiländereck-Cops Klara Blum, Kai Perlmann und wie die Schweizer alle hießen. Meistens nicht, es gab Ausnahmen. Aber Eva Mattes hat dieser Tatort-Schiene ein unverwechselbares Gepräge gegeben, das uns meistens gut gefallen hat. Okay, für „Winternebel“ gilt das nicht, was aber nicht an Blum liegt. Falls jemand die Rezension für diesen Bodensee-Tatort, die wir heute veröffentlicht haben, zufällig gelesen hat und sich wundert.

Aber was immer der Bodensee oder Klara Blum an Ruhe ausstrahlen, ist nichts gegen das neue Schwarzwald-Team. Noch viel unauffälliger kann man nicht sein als die Kommissarin Franziska Tobler, gespielt von Eva Löbau. Und Friedemann Berg, ihr Partner, setzt nach zwei Filmen schon einmal aus, sodass man sich an ihn erst gar nicht gewöhnen kann. Es ist viel zu früh, um einschätzen zu können, wie sich der Schwarzwald-Tatort entwickelt. Das Ermittlerteam ist jedenfalls wie dazu gemacht, dass die Fälle in den Vordergrund treten und nicht deren Privatleben oder deren Manierismen, die anderswo im Tatortland zuweilen sehr ausgeprägt sind. Legendäre Ermittler der ersten Jahre wie Finke waren auch keine Brüller und hatten doch großartige Filme, die heute zu den Klassikern zählen. Seitdem hat sich aber auch einiges geändert, so dezent sind die Tatort-Cops mittlerweile nicht mehr. Wir haben bisher noch kein verwertbares Bild, erlauben uns kein Urteil zu diesem Team, sondern schauen am Sonntagabend einfach rein und schreiben dann darüber.

Aber das Bild der beiden Schlummernden hat was, finden wir.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Hauptkommissarin Franziska Tobler – Eva Löbau
Hauptkommissar Luka Weber – Carlo Ljubek
Kommissariatsleiterin Cornelia Harms – Steffi Kühnert
Meike Richter, polizeiliche Beraterin – Nora Waldstätten
Jurastudent Damian – Thomas Prenn
Damians Kommilitone und Freund – Enno Trebs
Damians Freundin Mia – Lena Klenke
Damians Verfolger „der Mann“ – Dieter Rupp
Bauarbeiter Peter Trelkovsky – Johann von Bülow
Bauarbeiter, Kollege von Trelkovsky – Sascha Maaz
Prostituierte Inge Bürgl – Mareile Blendl
Inges Ehemann und Zuhälter Hans Bürgl – Tom Keune
Jura-Professorin Nina Haaf – Anja Schiffel
Jurastudent Fred – Frederik Bott
Ralf – Jan Hasenfuß
Ina Ickler – Katharina Hauter
Jochen Aubach – Oliver Jaksch
Wilfried Fischer – Stefan Mehren
Ingo Rudolf – Miguel Abrantes Ostrowski
Jacob Wolberg – Stefan Wilkening
Stephan Grabowski – Cornelius Schwalm
Rentner Heinrich Adam, Besitzer des gestohlenen Wagens – André Jung
u.a.

Drehbuch – Stefan Schaller, Lars Hubrich
Regie – Stefan Schaller
Kamera – Andreas Schäfauer
Schnitt – Sabine Garscha
Szenenbild – Marcel Beranek
Musik – Johannes Lehniger, Sebastian Damerius

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