Der Turm – Tatort 1076 / Vorschau DAS ERSTE Mittwoch, 26.12.2018, 20:15 Uhr

Titelfoto © HR, Bettina Müller

Frankfurter Blütenträume – geplatzt?

„Der Tum“ ist der achte Film mit dem Frankfurter Ermittlerduo Brix-Janneke, gespielt von Margarita Broich  und Wolfram Koch. Wir blicken zurück. Als im Jahr 2001 der Altherrenkommissar Edgar Brinkmann durch das erste (fast) gleichberechtigte Tatort-Ermittlerpaar Sänger-Dellwo ersetzt wurde, tat sich eine neue Welt auf. Das vorher zwar dem Geldimage der Stadt gegenüber kritisch eingestellte, aber sehr konservative Layout der Hessenhauptstadt-Tatorte wandelte sich schlagartig.

Die Filme wurden sehr modern, sehr auf soziale Konflikte konzentriert und Charlotte Sänger war für viele traditionelle Tatort-Fans eine Provokation, weil sie in fast jeder Hinsicht anders war als ein typischer Cop, gleich ob männlich oder weiblich. Letzteres war damals durch Lena Odenthal und Inga Lürsen bereits etabliert, wenn auch in der Gemeinde teilweise kritisch beäugt. Jedenfalls wurden mit den beiden die Franfurt-Tatorte formal und bezüglich der Polizisten außergewöhnlich,  sehr modern, sehr viel fordernder auch. Dann der Wechsel zu Steier-Mey, der erste Teamwechsel, der schon in die Zeit unserer Premieren-Rezensionen fiel (ab April 2011). So progressiv wie Sänger-Dellwo konnte diese Nachfolge nicht sein, weil ein sehr asymmetrisch wirkende gemischtes Doppel eben durch Sänger-Dellwo bereits eingeführt war.

Aber schauspielerisch erwartete man von Joachim Król und Nina Kunzendorf mindestens die Fortsetzung, wenn nicht sogar eine nochmalige Steigerung. Die beiden waren auch gut, aber ihnen gelang kein absoluter Spitzentatort, während Sänger-Dellwo noch heute mit „Weil sie böse sind“ einen Film in den Top-Ten Fundus-Rangliste vorweisen können Und Nina Kunzendorf war mit der etwas zu offensiven Auslegung ihrer Rolle wohl nicht einverstanden. Sie entschied sich ziemlich plötzlich zum Ausstieg, Król machte allein noch zwei Filme, dann ging auch er, weil er nicht mit einer anderen Partner als ihr dauerhaft zusammenarbeiten wollte. Das ist ungewöhnlich und spricht von enger Verbundenheit.

Das Team Janneke-Brix, das seit 2015 aktiv ist, war eine Notlösung, weil Steier und Mey vorzeitig aufhörten, kein lang geplanter, mit viel Verve und Überzeugung gestalteter Übergang, wie 2001 und 2011. Und mit diesem Wechsel fiel der Frankfurt-Tatort ins Mittelfeld zurück. Es fehlt diesem Duo nichts Wesentliches, formal sind die Frankfurter Filme weiter auf der Höhe der Zeit, aber eben auf der Höhe, nicht voraus – und die Drehbücher sind vielleicht auf die beiden nicht perfekt zugeschnitten oder generell nicht mehr so gut, jedenfalls fällt es schwer, die Vorgänger zu vergessen oder zu sagen, es ist alles gut gelaufen und richtig, wie es ist. Dafür fehlt der besondere Touch, das Spannende, ja Elektrisierende, das auch im jeweiligen persönlichen Verhältnis der Ermittler_innen begründet lag. Und ob dieses Drehen ins Absurde oder Abstrakte, das die Filme aus Frankfurt immer mehr aufweisen, der Ausweg aus dem Dilemma ist, in große Fußstapfen getreten zu sein, wagen wir zu bezweifeln. Zumindest kann das keine Dauerlösung sein.

TH

Handlung

Janneke und Brix werden nachts zu einem Tatort gerufen. Eine junge Frau, spärlich bekleidet, eine Plastiktüte über den Kopf gezogen, liegt tot zu Füßen eines der Bankentürme Frankfurts. Während Janneke früh an dem gesicherten und geräumten Tatort eintrifft, verspätet sich Brix. Auch die KTU ist noch nicht da. Janneke geht allein in den Turm und verschafft sich einen ersten Eindruck vom Tatort, macht wie so oft Fotos.

Plötzlich hört sie Schritte hinter sich. Instinktiv greift sie zu ihrer Kamera. Ein paarmal erhellt ein Blitzlicht die Szenerie, dann ein Schlag. Als Brix endlich eintrifft, findet er Janneke bewusstlos im Aufzug. Mit einem Schädel-Hirn-Trauma wird sie ins Krankenhaus gebracht. Brix macht sich allein an die Arbeit und stößt schnell an die Grenzen des hermetisch abgeriegelten Turms.

Als Janneke im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein kommt, kann sie sich nur noch undeutlich erinnern. Sie steht zudem unter starken Medikamenten und traut ihrem eigenen Kopf nicht mehr. Einzig ihre Fotos geben ihr etwas zum Festhalten in ihren äußerst nebligen Erinnerungen. Der Täter selbst ist auf keinem der Bilder wirklich zu erkennen, nur Ausschnitte, verschwommene Details, überbelichtete Fragmente. Gemeinsam versuchen Brix und Janneke aus den widersprüchlichen Erinnerungsfetzen, den Fotos und Zeugenaussagen ein klares Bild der Tat zusammenzusetzen. Alle Fäden laufen im Turm zusammen. Die Kommissare müssen sich noch einmal Zugang verschaffen.

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Anna Janneke – Margarita Broich
Hauptkommissar Paul Brix – Wolfram Koch
Kriminalassistent Jonas – Isaak Dentler
Rechtsmediziner Dr. Lorenz – Michael Stange
Staatsanwalt Bachmann – Werner Wölbern
Fanny – Zazie de Paris
Bijan Merzadi – Rauand Taleb
Bijans Mutter – Ilknur Boyraz
Bijans Vater – Husam Chadat
Bijans Kollege und Freund Jonathan – Rouven Israel
Jennys Mutter Antje Trauber – Nele Rosetz
Jennys Vater Traubner – Rüdiger Klink
Jennys WG-Mitbewohnerin Nele – Zoe Moore
Dr. Rothmann, Rechtsanwältin und Geschäftsführerin – Katja Flint
Dr. Bendler, Arzt in der Klinik – Michael Benthin
Krankenschwester – Barbara Stollhans
Beamter – Karsten Jaskiewicz
Frey – Eberhard Dudziak
Fanny – Zazie de Paris
u.a.

Tatort-Stab

Drehbuch – Lars Henning
Regie – Lars Henning
Kamera – Carol Burandt von Kameke
Schnitt – Stefan Blau
Szenenbild – Annete Reuther
Musik – Jan Žert

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