„Demokratie: Aus der Leistungsgesellschaft ist eine Ständegesellschaft geworden“ (Tagesspiegel) // #Ständestaat #Leistungsgesellschaft #Leistung #Privilegien #Stadtgesellschaft #Stadtvonunten #Municipality #SocialCities #Empowerment #Dynastien #Adel #Gründerzeit #Entrepreneur #Silvester #Akademiker #Doktortitel

Medienspiegel 187

Wir wollen nicht alles, was wir schreiben, dem Thema „Mietenwahnsinn“ unterordnen, in diesem Fall nach dem Motto: Und deshalb werden Mieter nie Vermieter werden und umgekehrt und die Interessen der Vermieter können nicht die Interessen der Mieter_innen sein.

Deswegen auch heute wieder der Medienspiegel mit klassischem Solo-Logo für einen Beitrag des Berliner Tagesspiegels. Es ist, wie unser Kommentar dazu, ein kurzer Beitrag, denn wir müsse ja im Moment etwas Zeit sparen.

Aber die Zeiten des Bildungsaufstiegs sind auch deshalb vorbei, weil alle, die irgendwie, mehr oder weniger, dazu befähigt sind, mittlerweile akademische Abschlüsse haben. Und sie wären keine guten Eltern, wenn sie nicht versuchten, ihren Kindern zu helfen.

Die offene Nachkriegsgesellschaft gab es nie wirklich, wenn man Offenheit als Transparenz aller Schichten auffasst. Es gab den Aufstieg jener, die dem Kapital dienlich sind, sei es in Managerfunktionen oder als Politiker. Es gab den Aufstieg in einen Mittelstand, der heute schon wieder gefährdet ist (sofern er sich nicht in Staatspositionen manifestiert hat). Aber ganz oben sind meist Dynastien zugange, deren wirtschaftliche Erfolgsspur und deren sozial privilegierte Stellungen sich weit zurückverfolgen lassen. Auch die ursprünglich oft vom Staat gepäppelten Digitalunternehmer stammen meist nicht aus der Unterschicht.

Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg die berühmte Unternehmensgründer-Generation, die aus heutiger Sicht gerne dargestellt wird, als sei sie aus dem Nichts zu Milliardenvermögen gekommen. In den meisten Fällen stammten die Protagonist_innen aber mindestens aus der oberen Mittelschicht und hatten deshalb in vieler Hinsicht eine andere Grundausstattung als einfache Arbeiter_innen. Und der Adel ist, man mag es kaum für möglich halten, immer noch mehr oder weniger eine Welt für sich, zwar kein offizieller Stand mehr, wie im offiziellen Ständestaat vor dem Ersten Weltkrieg und recht leise unterwegs, aber weiterhin hochgradig privilegiert und vernetzt. Es ist nicht so, dass man mit Leistung nichts mehr erreichen kann, aber es gehört auch viel Glück dazu, um viel zu erreichen. Zum Beispiel das Glück, in Verhältnisse hineingeboren zu sein, die eine Förderung des Nachwuchses von klein auf gewährleisten können.

Interessant ist aber die Idee, nichtakademische Berufe aufzuwerten. Das würde bedeuten, dass jemand mit einer dreijährigen Berufsausbildung ähnlich bezahlt werden müsste wie jemand, der in seine Bildung, inklusive oft längerer Schulzeit, etwa die doppelte Zeit an Jahren investiert hat. Wäre das gerecht? Vielleicht. Denn es zeigt sich immer mehr, dass die heutige Form der Akademisierung am Bedarf vorbeigeht, sonst gäbe es nicht den berüchtigten Fachkräftemangel. Wenn man die Marktwirtschaft ernst nimmt, muss man einfache Berufe, in denen noch vergleichsweise hart gearbeitet wird, in der Tat mehr wertschätzen.

Die Idee, dass, 80 Prozent eines Jahrgangs müssen Formalakademiker werden müssen, ist ohnehin dubios. Ich war in Österreich angestellt. Da hätte ich, um in der Firma richtig nach vorne zu kommen, den Doktor haben oder machen müssen. Am besten gleich zwei Doktortitel auf verschiedenen Gebieten. In Österreich hat nämlich jeder, der auf sich hält und von anderen für was gehalten werden will, den Doktor. Besonders wahrgenommen wird man eigentlich nur noch mit mehreren Titeln. An den Doktor ranzukommen, ist in etwa so schwierig, wie bei uns eine Fortgeschrittenen-Hausarbeit zu bestehen. So ist das, mit der Bildungsinflation. Nicht jeder, der an ihr teilnimmt, kann Staatssekretär werden oder tatsächlich aufsteigen.

Dass sich Verhältnisse nach einer Zeit des Umbruchs, wie er in den 1960ern und 1970ern stattfand, verfestigen, ist hingegen grundnormal. Wenn man das vermeiden will, muss man sehr bewusst dagegen arbeiten. Besonders von Seiten derer, die von der Verfestigung profitieren. Das zu tun, ist aber nicht normal. Das könnte nur durch Gesellschaft von unten erreicht werden und ein anderes, nicht nur scheinbar inklusives Demokratieverständnis – das gilt auch für die Stadtgesellschaft, die bei Weitem nicht alle Menschen in einer Stadt einschließt. Vielmehr ist sie eine Spielwiese für jene, denen Begriffe wie Municipality, Social Cities, Self Empowerment etc. unfallfrei über die Lippen kommen – fürs gesellschaftslinke Establishment, das sich aktivistisch und aktivgenossenschaftlich veredeln kann.

Natürlich ist es eine Leistung, das alles zu können, man muss es ja gelernt haben. Aber eine Leistungsgesellschaft wird dadurch nicht begründet. Zudem kann die Frage nicht ausbleiben, was heute als Leistung zu definieren ist. Relevanz hat immer schon mehr gezählt als Arbeitseinsatz.

TH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s