Tini – Tatort 245 / Crimetime 185 // #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Markowitz #Lamprecht #Tini #TatortTini #Tatort245

Crimetime 185 - Titelfoto © RBB

Aus der Mitte entspringt ein Mord

In seinem zweiten Fall tut Hauptkommissar Franz Markowitz etwas ziemlich Gewöhnungsbedürftiges. Nicht den ganzen Film über in gleichem Maß, sondern vor allem zu Beginn und zum Ende hin wieder. Er betätigt sich als Narrator, indem er seine Gedanken offenlegt. Das gab es schon im amerikanischen Film noir der 1940er, dass eine der Figuren, nicht nur ein neutraler Erzähler, dem Publikum mehr mitteilt, als das Bild und die Dialoge hergeben, aber uns fällt kein anderer Ermittler der Tatort-Reihe ein, der das getan hat. Ob wir das gut oder schlecht fanden oder neutral aufnahmen, dazu mehr – in der -> Rezension. Und dieses Mal gibt es eine Besonderheit. Wir hängen die ersteRezension für diesen Film aus dem Jahr 2015, die 2016 veröffentlicht wurde, an den neuen Text an.

Handlung

Ingenieur Wiegand kommt bei einer Maschineninspektion ums Leben. Was zunächst wie ein Arbeitsunfall aussieht, stellt sich sehr schnell als vorsätzlich herbeigeführter Anschlag heraus. Da die Ermittlungen keinerlei konkrete Hinweise auf mögliche Motive, und damit auf den Täter, ergeben, bittet Kommissar Markowitz die Familienangehörigen um Mithilfe bei dem Versuch, in der Vergangenheit des Opfers Anhaltspunkte für die Tat zu finden.

Dabei aber stößt er auf zunehmende Zurückhaltung; alle scheinen bestrebt, ihm etwas zu verheimlichen, und lenken gerade dadurch seine Neugierde auf sich. Vor allem Wiegands Tochter Tini reagiert darauf mit immer größer werdender Verschlossenheit. Mühsam gelingt es Markowitz, Teile eines Puzzles zu sammeln, die schließlich die Konturen einer Tragödie erkennen lassen und ihm offenbaren, dass er auf der Suche nach einem Täter nur Opfer gefunden hat.

Infos

Zwischen 1991 und 1995 spielte Günter Lamprecht acht Mal den Berliner Kriminalhauptkommissar Franz Markowitz. „Tini“ war sein zweiter Einsatz, die Folge wurde am 7. Juli 1991 erstmals im Ersten ausgestrahlt.  

Rezension

Günter Lamprecht spielt den Markowitz schon sehr gut, sehr eigenständig, aber dieses Innenleben nach außen finden wir überzogen, denn im Gegensatz zu den als Beispiel genannten US-Klassikern oder einigen frühen deutschen Nachkriegsfilmen, in denen sogar Gegenstände als Narratoren eingesetzt werden (u. a. ein Auto; „In jenen Jahren“) ergeben sich aus Markowitz‘ Überlegungen kaum zusätzliche Informationen, vielmehr wird man als Zuschauer damit konfrontiert, was Markowitz beispielsweise über Situationen und Personen denkt und wird dadurch mehr geleitet als notwendig. Ein Krimi sollte in der Lage sein, die Dinge so zu zeigen, dass der Zuschauer die richtigen Schlüsse ziehen und ansonsten seinen eigenen Beobachtungsraum füllen kann. Normalerweise wird dieses Prinzip berücksichtigt, aber bei Markowitz, vielleicht war es sogar die Idee von Günter Lamprecht selbst, der ja auch an der Entwicklung seiner Kommissarsfigur wesentlich beteiligt war, wird eine Art Überdichte erzielt, die dem Film zumindest keine wesentlichen Vorteile bringt. Lamprecht spielt so dezidiert, dass man das, was seine Figur denkt, auch ohne zusätzliche Worte gut erkennen kann.

Vielleicht wollte man aber von Beginn an darauf hinarbeiten, dass das Ende verständlich wird, auch moralisch. Denn wir sehen, wie Markowitz auch am Ende seines Lateins ist. Da macht es kaum noch einen Unterschied, ob er auch den Jackenknopf unauffällig entsorgt, denn mit ihm wäre ja höchstens eine der Personen zu überführen gewesen, DNA-Spuren waren wohl 1991 noch nicht en Vogue, die hätten nämlich gezeigt, wer alles den Vater Wiegand angefasst hat. Dass dieser wiederum seine Tochter angefasst hat, wird aber als eindeutig vorausgesetzt, obwohl die Spermaspuren nicht zugeordnet werden. Aber geht es in diesem Film überhaupt um sowas alles?

Nein, es ist nicht richtig, dass ein Vater, der seine Tochter missbraucht hat, sogar fortgesetzt, von der Familie umgebracht werden darf, aber es ist richtig, dass Markowitz am Ende nicht beklagt, dass er den wahren Sachverhalt nur erahnen, aber nicht beweisen kann. Vor allem nicht, wer von der Familie genau was gemacht hat. Und wenn nicht zu klären ist, wer Täter war oder nur sonst Tatbeteiligter, ist ein Urteil schwierig und eine Verhandlung könnte nur die mangelhaften Ermittlungsergebnisse spiegeln, findet also folgerichtig nicht statt. Dem Zuschauer wird ein Ende serviert, das er dann aber trotz Markowitz‘ gedanklichen Einlassungen doch so oder so bewerten kann. Wir sehen schon, dass die zerstörte Familie durch das Verhalten des Vaters genug gestraft ist, wie Markowitz es ausdrückt.

Rüdiger Vogler, der den übergriffigen Herrn Wiegand spielt, war entweder damals auf solche Rollen abonniert oder diese hat ihm die ein Jahr später folgende im ersten Bienzle-Tatort „Bienzle und der Biedermann“ eingebracht, in welcher er allerdings viel mehr zeigen kann, weil er durch den gesamten Film hindurch präsent ist. im Stuttgart-Tatort spielt er einen Vater, der zur Domina geht und auf seltsame Weise spiegelt die Tochter ihn, indem sie ebenfalls in der Sadomaso-Szene arbeitet. Das ist verwunderlich, aber es ist nicht das Gleiche. Es gibt nichts Schlimmeres innerhalb einer Familie als sexuellen Missbrauch, gefolgt von häuslicher Gewalt in allen physischen und psychischen Formen.

Lisa Kreuzer spielt Voglers Frau und beide sind aus dem Bestand des Neuen Deutschen Films sozusagen hervorgegangen. Wie anders das hier alles wirkt als in „Alice in den Städten“ (1974), in denen beide schon als Paar zu sehen waren und wie deprimierend. Wir sind uns nicht so sicher, ob die überaus quälende, höchst theaterhafte Inszenierung dieses Familientragödien-Kammerspiels als Tortur beabsichtigt war oder ob einige Darsteller nicht über ihre Grenzen hinaus gefordert wurden. Das gilt nicht für Lamprecht, selbstverständlich, nicht seine Assistenten, die etwas zu kurz kommen, nicht für Vogler und auch nicht für Kreuzer, aber die übrigen wichtigen Rollen wirken nicht überzeugend dargestellt. Es mag bei Tini selbst auch damit zu tun haben, dass sie so hermetisch wirkt und dass es damals noch nicht üblich war, einen sexuellen Missbrauch so auszuwalzen wie im Tatort 245 – was das Ausforschen seiner psychischen Folgen betrifft. Die Traumatisierung der jungen Frau, die keine Nähe mehr zulassen kann, ist nachvollziehbar, aber wie sie zuerst das, was geschah, nicht benennen kann, es dann Markowitz gegenüber doch tut und aufschreibt, wann es begann, auf der Rückseite eines Fotos, dann das Foto zerreißt und – frei ist, das ist arg küchenpsychologisch inszeniert. Vom Typ ist sie gut besetzt, aber auch irgendwie ein Stereotyp von einer jungen Frau, die etwas Unfertiges, Verschobenes hat und dass ein Profifußballer, der zudem um einiges älter ist, nicht von jemandem lösen kann, den er nicht einmal küssen darf, ist im Grunde nicht ohne zusätzliche Erklärungen zu verstehen, die wir aber nicht erhalten. Es gibt ein großes Gefälle gerade zwischen dem mitteilsamen und gut mitgeteilten Markowitz und dieser Figur.

Im Anschluss an ihre Erlösung studiert Tini Tiermedizin. Von der Idee nicht so schlecht, denn in eine Helferinnen-Rolle zu wechseln, aber sich dafür nicht Menschen, sondern Tiere auszusuchen, die moralisch nicht fehlgehen und nicht solches Leid verursachen können, ist nachvollziehbar und es ist ja nicht gesagt, dass sie nicht therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, während des Studiums. Der Bruder hingegen, der nie helfen konnte, zerbricht in der Form, dass er die Ausbildung abbricht. Manchmal liegt in einer sehr stringenten Logik auch eine Form von Unglaubwürdigkeit, die den Unterschied zwischen Literatur und Film und Lebensalltag beleuchtet. Nicht alle Gründe für ein bestimmtes Verhalten können in einem 90-Minuten-Film sichtbar gemacht werden. Dadurch wirkt alles, was geschieht, monokausal und widerspricht der Lebenserfahrung, die davon zeugt, dass etwas selten nur daher oder dorther kommt, sondern mehrere Faktoren zusammentreffen müssen, damit bestimmte Folgen eintreten und zudem wird meist ein Anteil sichtbar, der sich nicht eindeutig aus den lebensumständlichen Ursachen verstehen lässt, sondern genetisch bedingt sein kann. Aus den Erfahrungen in einer schrecklichen Familien-Blackbox heraus kann sich ein Mensch beispielsweise umbringen, ein anderer überlebt aber trotz gleicher persönlicher Geschichte, gründet sogar eine eigene Familie und die Muster wiederholen sich. Die Frage, die sich daraus ergibt, liegt auf der Hand: Sind Täter immer auch Opfer ihrer eigenen Erfahrungen oder gibt es das Böse, das Unheimliche, das Mörderische aus der Tiefe oder dem Nichts?

Wie auch immer man diese Frage beantwortet, es ist schwierig, einen guten Film über das Thema zu machen, auch heute noch. Wer eigene Erfahrungen hat, dem wird es dabei nicht gutgehen,  auch wenn er durch eine lange Therapie gegangen ist, er wird das Werk vielleicht grundsätzlich ablehnen, wer sich nicht auskennt, wird hingegen schwer nachvollziehen können, wie eine Familie sich so entwickeln kann wie die Wiegands. Intellektuell ist es nicht schwer erfassbar, aber man neigt gerne zu (vor-) schnellen Urteilen, wenn man sich mit einem Sujet nicht intensiv auseinandergesetzt hat.

Trotz der Tragik und der in den 1990ern erkannten Notwendigkeit, mehr in die Tiefe zu gehen, das traditionelle Familienbild infrage zus stellen, war es ein schwieriger Weg bis hin zu einer Umsetzung, die überzeugen kann. Mittlerweile gibt es solche Tatorte, „Tini“ ist eher ein Versuch, der nicht vollständig glückte. Hinzu kommt, dass man aufgrund von Berlin-typischen Manierismen Zeit verschenkt, wie etwa, dass Markowitz zu Beginn noch einen Mann aus der Haft abholt und ihn wegschickt nach Düsseldorf, damit er nicht von alten Kumpanen um die Ecke gebracht wird, die er offenbar, im Gefängnis sitzend, verraten hat. Damit wird Markowitz zwar als netter Mensch, als Kümmerer gegenüber denen, die er hinter Gitter gebracht hat, eingeführt, aber es ist eben Spielzeit, die nichts zum eigentlichen Fall beiträgt, die hier verbraucht wird.

Fazit

Wir hatten es in dieser Rezension etwas schwer mit de abwechslungsreichen Begriffswahl, weil so viel von Verstehen, Erklären,  Nachvollziehen die Rede ist und so wenig von der Betrachtung einzelner Handlungselemente und die sonst bei uns üblichen Assoziationen fehlen fast ganz. Das Thema und die Art und was sich anhand seiner Inszenierung zeigt, ließe sich wohl am besten in die Fachsprache der Psychologen fassen, aber das können wir nicht. Was bleibt? Ein Kommissar, der für den Berliner Tatort ein Glücksfall war und die Trauer darüber, was Menschen, die einander nahestehen und einander lieben sollten, für Dinge tun. Das Verbrechen ist in diesem Film nur ein Aufhänger, den man nicht ganz weglassen konnte. Es geschieht aber erst im Verlauf, der Tatort ist ein Ergebnis dessen, was bereits geschah, nicht der Ausgangspunkt der Handlung.

6/10

Eine Möglichkeit, sexuellen Missbrauch aus der Flüsterecke zu holen


Die Handlung in einem Satz: Kommissar Markowitz drängt einen Ex-Knacki, den er einst hinter Gitter gebracht hat, dazu, die Stadt zu verlassen, um sich ungestört dem Drama der Familie Wiegand widmen zu können, in dem sich der Tod als Zuspitzung erst langsam abzeichnet und es dementsprechend spät zu einem Tatort kommt.


Manches ist heute nicht so viel anders als in den frühen 1990ern, als der zweite von acht Fällen des Berliner Ermittlers Markowitz gedreht wurde. Die Darstellung von Kindesmissbrauch aber würde heute, im Zeitalter von Rubin & Karow, sehr verschieden von der ausfallen, die man in „Tini“ zu sehen bekommt. Es liegt daran, dass der Umgang mit dem Thema eine Wandlung erfahren hat. Kindesmissbrauch war eines der letzten großen Wir-reden-nicht-drüber-Tabus in einer Gesellschaft, die sich bereits für sehr offen hielt, und es ist dem damligen SFB (Sender Freies Berlin) und Günter Lamprecht in der Rolle des Franz Markowitz anzurechnen, dass man hinschauen und nicht mehr schweigen wollte.

Dass dies teilweise sehr verkrampft wirkt, dass man Markowitz gegenüber dem Zuschauer emotional so gut wie möglich erklären und absichern möchte, ist angesichts der Brisanz der Materie verständlich. Und es rührt sicher daher, dass Darsteller Günter Lamprecht seinen Kommissar selbst gestaltet hat. Wir sind überzeugt davon, dass viele Fälle immer noch nicht zur Anzeige kommen, weil die Strukturen in den Familien auch 25 Jahre später für so hermetische Verhältnisse sorgen können, dass die Opfer sich nicht an die Öffentlichkeit bewegen könnne. So, wie Tini, das Mädchen im gleichnamigen Film.

Dass man 1991 noch eine gewisse Vorsicht walten ließ, merkt man auch daran, dass Tini am Tag ihrer Konfirmation erstmalig von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde. Markowitz weiß nicht, dass man bei der Konfirmation 14 Jahre alt ist. Nette Idee, um ihn als Kirche-ist-mir-ferner-als-der-Mond anzusiedeln oder zumindest den Zuschauer als maximal uninformiert zu vermuten. Jedenfalls ist sie in dem Moment Jugendliche. Sie ist weiterhin geschützt, das versteht sich von selbst, aber kein „Kind“ mehr, gemäß gesetzlicher Definition, sondern bereits mit einer gewissen Fähigkeit zum eigenständigen Handeln ausgestattet – so jedenfalls die grundsätzliche Annahme, die hinter der Abgrenzung zwischen Kindern und Jugendlichen steht.


Handlung

Ingenieur Wiegand kommt bei einer Maschineninspektion ums Leben. Was zunächst wie ein Arbeitsunfall erscheint, stellt sich sehr schnell als vorsätzlich herbeigeführter Anschlag heraus. Da die Ermittlungen keinerlei konkrete Hinweise auf mögliche Motive, und damit auf den Täter, ergeben, bittet Kommissar Markowitz die Familienangehörigen um Mithilfe bei dem Versuch, in der Vergangenheit des Opfers Anhaltspunkte für die Tat zu finden.

Dabei aber stößt er auf zunehmende Zurückhaltung; alle scheinen bestrebt, ihm etwas zu verheimlichen, und lenken gerade dadurch seine Neugierde auf sich. Vor allem Wiegands Tochter Tini reagiert darauf mit immer größer werdender Verschlossenheit. Mühsam gelingt es Markowitz, Teile eines Puzzles zu sammeln, die schließlich die Konturen einer Tragödie erkennen lassen und ihm offenbaren, dass er auf der Suche nach einem Täter nur Opfer gefunden hat. 

 

Rezension (mit Angaben zur Auflösung)

Die gesamte Entwicklung des Sexualstrafrechts im Bereich des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen können wir an dieser Stelle nicht abbilden. Strafbar wäre Achim Wiegand nach heutigem Recht gemäß § 182 StGB, denn seine Tochter Tini ist bereits 14 Jahre alt und damit Jugendliche, nicht mehr Kind; weiterhin ist sie Schutzbefohlene, bedingt durch seine Stellung als Vater.

Die Entstehung von Opferinitiativen, die verstärkte öffentliche Wahrnehmung des Themas, die mehrfache Verschärfung des Strafrechts für sexuelle Handlungen an Jugendlichen und Kindern, alles das hat in einer Zeit stattgefunden, in welcher „Tini“ bereits ausgestrahlt worden war, das muss man sich vor Augen halten, wenn man die rohe und undifferenzierte Art des Films hinterfragen möchte.

Wenn man zum Beispiel der eindeutigen Positionierung von Franz Markowitz folgen möchte, der im inneren Monolog am Ende sagt, der Vater habe den Tod verdient, der ihn sozusagen in einer Gemeinschaftshandlung seiner Familie, inklusive des Freundes von Tini, ereilt hat, dann muss man auch berücksichtigen, dass zu der Zeit, als der Film entstand, keine Strafnorm vorhanden war, nach welcher er hätte verurteilt werden können.

Der Nachweis eines Missbrauches durch eine bestimmte Person, nämlich die DNA-Analyse von Sperma, war damals noch etwas ganz Neues. Die erst 2008 eingeführte Strafbarkeit des Versuchs noch nicht angedacht, vermutlich auch deshalb, weil der Versuch nicht nachweisbar ist und die Versuchsstrafbarkeit auch zur Nötigung von Eltern und anderen Schutzpersonen oder generell von Erwachsenen durch Jugendliche oder Dritter, die auf die Jugendlichen einwirken, verwendet werden könnte. Man vergegenwärtige sich weiterhin, dass erst seit 1998 die Misshandlung von Schutzefohlenen, also das Schlagen von Kindern, strafbar ist. Für die Generation von Kindern, die von Übergriffen insbesondere seitens ihrer Väter verstärkt betroffen war, kam diese Regelung viel zu spät, Gewalt in der Familie wurde zu lange als legitime Erziehungsmethode („Züchtigung“) verharmlost.

Sexueller Missbrauch wird seit 1993 kriminalstatistisch für Gesamtdeutschland erfasst, die Zahl der registrierten Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung (inklusive Kindes- und Jugendlichen-Missbrauch) pendeln seit damals und bis heute um 50.000 pro Jahr.

Möglicherweise deutet dies sogar auf eine Abnahme hin, dank immer größerer Sensibilisierung und einer weniger gewalttätigen und übergriffigen Erziehung insgesamt, die heutige Eltern selbst bereits erfahren haben. Wir gehen davon aus, dass heute relativ zur sicher immer noch vorhandenen Dunkelziffer mehr Fälle zur Anzeige bzw. zur Strafverfolgung kommen. Auch die intensivere Befassung mit Fällen in Institutionen (Schulen, in der kath. Kirche) sowie die Schlagzeilen, die durch das Aufkommen der Pädophilenringe im Internet ausgelöst wurden, von damit verbundenen Handlungen, die bis zum organisierten tatsächlichen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gehen können, haben dazu geführt, dass der Gegenstand heute die ihm gebührende Beachtung findet.

Wir mussten dies vorausschicken um klarzumachen, warum ein Tatort von 1991 das Thema nicht mit der heute möglichen Souveränität und Zeigefreudigkeit behandeln konnte. Dass erst spät eindeutig klar wird, dass es sich um sexuellen Missbrauch handelt (explizit erwähnt wird es erst nach dem Tod des Täters), dass in der Familie niemals eine offene Verbalisierung stattfindet, obwohl alle unter den Umständen leiden, dass aber das Verhalten der Familienmitglieder atypisch sein dürfte, das alles muss man der Entstehungszeit des Films gutschreiben. Man sollte das auch hinsichtlich der erwähnten Einstellung von Kommissar Markowitz tun, der am Ende ein auf den Täter weisendes Indiz in Form eines ungewöhnlichen Jackenknopfes verschwinden lässt – auf eine sehr symbolische Weise, indem er die Knöpfe in die Auslage eines Knopfladens legt. Soll heißen: Die Täter verschwinden in der Anonymität der Masse.

Fraglich, ob die Knöpfe zur Überführung ausgereicht hätten. Nicht fraglich, dass Markowitz‘ Statement, der Vater habe wegen des Missbrauchs den Tod verdient, rechtspolitisch und ethisch falsch ist. Die Todesstrafe wurde aus wohlerwogenen Gründen abgeschafft und dies gilt heute für die meisten fortgeschrittenen Rechtssysteme in der Welt und trägt wesentlich dazu bei, dass die Gewalt in der Gesellschaft generell nicht zu sehr ausufert. Eine andere Frage ist es, wie man mit verurteilten Sexualstraftätern umgeht und wie man es erreicht, dass sie nach dem Abbüßen ihrer Strafe nicht wieder zum Missbrauch greifen können. Hier könnten moderne Überwachungsmethoden eine wichtige Hilfe sein, Freiheit zu gewähren, aber die Kontrolle nicht zu verlieren.


Wie sehr man darauf bedacht war, Markowitz‘ Statements und Gedanken verständlich zu machen und ihn sympathisch wirken zu lassen,
 damit man seine Meinung akzeptiert oder sogar teilt, lässt sich an zwei Aspekten des Films sehr gut ablesen: Zum einen organisiert man einen inneren Monolog, einen Narrator, was bis heute sehr untypisch für einen Tatort ist. Damit Eindeutigkeit herrscht, lässt man uns an des Kommmissars Gedanken teilhaben.

Auf den anderen Gesichtspunkt kommt man nicht ohne Weiteres, aber man kann ihn sich erschließen, wenn man davon ausgeht, dass nicht zehn Minuten oder mehr in einem Tatort in der Form sinnlos verschenkt werden, dass sie als Einleitung die gesamte Stimmung des Films prägen und ein klares Licht auf die Art werfen, wie Markowitz gestrickt ist:

Wir sehen anfangs, wie der Kommissar sich um einen Mann sorgt, den er fünf Jahre zuvor ins Gefängnis gebracht hat, wie er ihn zum Flughafen bringt, damit er aus der Stadt verschwindet, wo ein alter „Freund“ schon darauf wartet, sich rächen zu können. Wir denken, als der Film zur Familie Wiegand schwenkt, was steckt da nun wieder für eine hoch spannende Verknüpfung zwischen der Person zu Beginn und dem Familiendrama in der Handlung? Keine. Die Anfangsminuten sind nur dazu da, unsere Identifkation mit, unsere Sympathie für Markowitz aufzubauen oder zu stärken. Dazu muss man sich auch die Tatsache ins Gedächtnis rufen, dass „Tini“ erst der zweite Fall des Berliner Ermittlers war. Weil er sich in diesem zweiten Fall schon an ein damals so sperriges Thema heranwagt, wird er als Person komplett in Watte gepackt und verhält sich zu keiner Zeit so, dass eventueller Ärger über sein Handeln zur Ablehnung seiner Haltung führen könnte. Was er sagt, auch zur Selbstjustiz, soll menschlich verständlich wirken.

„Tini“ als Krimi und Fazit

Der Fall wird nicht eindeutig gelöst, weil es drei Geständnisse gibt – es wirkt, als wenn der Lehrer nach einem Schabernack die ganze Klasse fragt, wer den Schabernack veranstaltet hat und sich alle melden, damit der wahre Täter nicht zum Vorschein treten kann. Man schützt einander, man hilft sich auch in der Familie Wiegand in der vom Vater als Gegner geschaffenen, gemeinsam durchlittenen Trauma-Situation. So sehr man sich sonst auch angiftet, weil die Situation unerträglich ist und niemand, vor allem die Mutter nicht, den Mut hat, etwas zu unternehmen, in diesem Moment, in dem die Würfel gefallen sind, hält man zusammen.

Dass überhaupt so viel vom Drama sichtbar wird, liegt daran, dass, wo immer zwei Menschen aus dem relevanten Umfeld oder der Familie zusammenkommen, gleich ein Mann mit Hut auftaucht und am Geschehen teilnimmt. Das, geben wir zu, hat uns mit der Zeit etwas genervt. Markowitz belagert die Familie regelrecht oder auch nicht regelgerecht. Natürlich gewinnt der Film dadurch eine bedrückende Dichte, die er nicht hätte, wenn der Ermittler nicht, wie aus dem eigenen Hut gezaubert, ständig präsent wäre.

Nicht einfach, einen Film zu bewerten, dem man zugute halten muss, dass er ein wichtiges Thema an ein großes Publikum bringt, der aber plotseitig und darstellerisch erkennen lässt, dass es schwierig war, jenes Thema Anfang der 1990er souverän zu meistern. Sogar die Bilder zum Film, die wir gefunden haben, sind in dramatischem Schwarz-Weiß gehalten, was ja in gewisser Weise auch der Sicht auf die Dinge entspricht – obwohl auch dieser Tatort, wie alle anderen, selbstverständlich in Farbe gefilmt wurde.

Ursprünglich wollten wir nur 6/10 geben, auch, weil wir Markowitz‘ Ansicht bezüglich des verdienten Todes des Täters, der zum Opfer wurde, nicht teilen, hauptsächlich aber aus Gründen, die in der Gestaltung des Films liegen und weil er als Krimi unterdurchschnittlich ist – wir legen wegen des Mutes, einen beinahe neuen Ermittler mit solch einem Gegenstand zu befassen, also wohl mit dem Mut von Günter Lamprecht persönlich, der einer der ersten Tatort-Starschauspieler war, die entscheidend Einfluss auf die Ausgstaltung ihrer Rolle nehmen durften, ein wenig drauf und geben 6,5/10.

Aus der Vorschau (2018)

Nun geht alles ganz schnell. Während der RBB sich Zeit ließ mit der Erstausstrahlung der restaurierten Bülow-Tatorte (1985-1989 gedreht) und seit November 2018 jeden Montag einen davon zeigte, geht es mit Nachfolger Markowitz über die Weihnachtsfeiertage hinweg im Schweinsgalopp.

„Tödliche Vergangenheit“ wurde bereits ausgestrahlt, nach „Tini“ folgt „Tod einer alten Frau“ (Tatort 275) bereits übermorgen und nur einen Tag später zeigt der RBB „geschlossene Akten“ (Tatort 296), am 29.12. dann der letzte Markowitz-Tatort mit dem passenden Namen „Endstation“ (Nr. 305). Drei Markowitz-Tatorte fehlen, zumindest zwei davon haben wir aber bereits für den „ersten Wahlberliner“ rezensiert: „Berlin – beste Lage“ und „Blutwurstwalzer“. Sie zählen vermutlich nicht zum frisch restaurierten Kontingent, zweite Staffel. Die erste Staffel enthielt die Mehrzahl der Berliner Tatorte der 1970er und der frühen 1980er.

Sind wir damit durch? Nein. Am 30.12. gibt es einen Knall- oder Überraschungseffekt. Mit „Tod im U-Bahnschacht“ hat der RBB noch einen bisher nicht in den Restaurierungs-Staffeln enthaltenen Film auf Lager. Der 57. Tatort stammt nämlich aus dem Jahr 1975. Es handelt sich um den ersten von drei Tatorten mit dem Kommissar Schmidt, die anderen beiden „Feuerzauber“ und „Transit ins Jenseits“ wurden durchaus in der ersten, 2017 präsentierten HD-Neu-Staffel untergebracht. Nicht aber „Tod im U-Bahn-Schacht“.

Der Grund dürfte klar sein, wenn man in die Rangliste des Tatort-Fundus schaut. „Tod im U-Bahn-Schacht“ gilt als zweitschlechtester Tatort aller bisherigen Zeiten, noch negativer bewertet als der berüchtigte gelbe Unterrock vom damaligen SWF, den der heutige SWR mit sehr langem Anlauf dann doch wieder rausrückte – nach dem Motto, es darf keine sogenannten Giftschrank-Tatorte aus qualitativen Gründen geben.

So hat wohl auch der RBB gedacht und wir finden das klasse. Man muss den Mut haben zu zeigen, dass die Berliner Tatorte nicht selten ähnliche Mängel aufweisen, wie sie auch sonst in der Stadt allenthalben zu besichtigen sind. Es ist ja historisch erklärbar, dass hier auf eine Weise geschlampt wurde und immer noch wird, die aufgrund der ungewöhnlichen Häufung von großen Fails wie dem BER auch lange nach der Wiedervereinigung noch sehr auffällig zutage tritt.

Tatortmäßig hat Berlin erst in der Endphase des Wirkens von Ritter und Stark zu den besten anderen Schienen aufgeschlossen – und ist gerade dabei, das endlich erreichte und die traditionelle Filmstadt Berlin spiegelnde Niveau mit den überambitionierten und die City von heute doch etwas zu eigenwillig bzw. subjektiv interpretierenden Rubin-Karow-Filmen wieder auf Mittelmaß zu senken.

Und durch eine dicke Soße muss der RBB ohnehin noch durch, wenn er weitermachen will mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit: die Roiter-Tatorte. Nicht weniger als zwölf Filme mit diesem Ermittler wurden im Anschluss an die Markowitz-Ära gedreht und sie gelten in Toto als der furchtbarste qualitative Absturz innerhalb der Reihe.  Folgerichtig ist auch der beim Tatort-Fundus am allerschlechtesten bewertete Film (derzeit Rang 1088) einer aus der Roiter-Ära und nennt sich „Ein Hauch von Hollywood“.

Mit „Tod im Jaguar“ findet sich in diesem Dutzend zudem ein sogenannter politischer Giftschrank-Film, der wegen diskriminierender Darstellungen nicht mehr gezeigt wird. Ob sie beim RBB dieses Werk auch restaurieren und wieder freigeben werden, darauf sind wir echt gespannt. Das wäre dann ähnlich wie Vorbehaltsfilme aus der NS-Zeit einfach einfach so darzubieten, heißt: ohne die obligatorische Live-Einführung und nur für Publikum, das diese Einführung ganz sicher erhält, also in einem Kino. Wirklich so schlimm? Vielleicht nicht ganz, aber wir tippen darauf, dass der Film nie wieder kommen wird.

Weil Tatortgeschiche auch Kulturgeschichte ist und außerdem die Zeitgeschichte spiegelt, ist sie manchmal interessanter als die Filme selbst und das gilt für Berlin in besonderem Maß: Die meisten älteren Tatorte, die hier gedreht wurden, sind als Filme und Fälle keine herausragenden Klassiker geworden, aber da die Stadt eine so besondere Geschichte hat, hebt sich der Qualitätsnachteil zumindest für uns als mittlerweile einigermaßen instruierte Tatort-Historiker  und Berlin-Kenner dadurch auf, dass man von dieser Stadtgeschichte auf mehreren Ebenen einiges zu sehen bekommt und immer wieder überrascht wird. Einiges davon hat man bewusst eingebaut oder gezeigt, anderes wird als Subtext deutlich.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Franz Markowitz – Günter Lamprecht
Achim Wiegand – Rüdiger Vogler
Ingrid Wiegand – Lisa Kreuzer
Stefan Wiegand – Henry Arnold
Geber Max – Volkert Martens
Tini Wiegand – Caroline Redl

Buch: Werner Waldhoff
Regie: Stanislav Barabas

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