Platt gemacht – Tatort 742 / Crimetime 186 // #Tatort #TatortKöln #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #Plattgemacht #Tatort742 #TatortPlattgemacht

Crimetime 186 - Titelfoto © WDR, Willi Weber

Nicht einmal an der Wurstbraterei

Der Plot in einem Satz ohne Auflösung … ist schwierig zu erzählen, bei diesem künstlich verkomplizierten Tatort. Aber wir versuchen’s mal so: Nicht mal an der Würstchenbude haben Freddy und Max ihre Ruhe, gleich fällt einer tot von der Parkbank, bald ermitteln sie im Obdachlosenmilieu und um genug Verdächtige auf die Leinwand zu bringen, werden noch ein Arzt, eine Juristin und ein als Private Eye tätiger Exkollege der beiden Ermitler eingeflochten.

Das kommt davon, wenn man seine Currywurst nicht mit Dom- und Rheinblick und in der Abenddämmerung, sondern mitten in der Stadt und zur Unzeit zu sich nimmt. Normalerweise isst man nicht Currywurst zum Frühstück. Kein Wunder, so wird Freddy immer runder. Wann kommt das erste echte Übergewichtigendrama als Tatort? Köln könnte auch da wieder was tun, wie bei allen sozialen Themen.

Es wird schon so sein, dass der WDR Magenschmerzen bekäme, wenn er einen Brennpunkt unserer Welt ausließe. Etwa so, wie wenn Freddy auf seine Currywurst verzichten müsste. Eine Therapie? Wenn man dann die unweigerliche Diät hinter sich hätte, wäre man vielleicht aber befreiter und die Krimis wären nicht mehr so schematisch. Das sind sie nämlich mittlerweile in Köln meistens und im Gegensatz zu frühen des Teams Ballauf / Schenk. Anmerkung: Der Text wurde vor der Premiere der beiden beiden neuesten Köln-Tatorte „Franziska“ und „Der Fall Reinhardt“ geschrieben, beide haben wir hoch bewertet.*

Handlung 

Max Ballauf und Freddy Schenk müssen den Mord an einem jungen Obdachlosen aufklären. Offensichtlich ist der junge Drogenabhängige Andi Lechner vergiftet worden. Die Flasche Wein, die er zuletzt getrunken hat, war mit einem Frostschutzmittel versetzt. War es ein gezielter Anschlag auf ihn? Oder hat es den jungen Mann nur zufällig getroffen?

Ihre Ermittlungen führen die Kommissare in die Welt der Menschen am Rande der Gesellschaft: „Beethoven“, ein kultiviert auftretender Obdachloser, gibt ihnen einen Einblick in die Szene. Er berichtet Ballauf und Schenk auch von einem handfesten Streit, den Lechner am Vorabend mit dem Stadtcowboy „Django“ gehabt haben soll.

Eine weitere Spur führt die Kommissare zum stadtbekannten Schönheitschirurgen Dr. Norbert Ellermann, der sich publicitywirksam für Obdachlose einsetzt. Was die Öffentlichkeit nicht weiß ist, dass er gelegentlich sexuellen Kontakt mit Lechner hatte. Wurde Dr. Ellermann erpresst?

Neben Ballauf und Schenk ermittelt auch der Privatdetektiv Stefan Meutsch im Milieu. Für seine Auftraggeberin, die Rechtsanwältin Gesine Stürner, sucht er nach einem Obdachlosen, der in einem Fall von Vandalismus als Zeuge aussagen soll. Doch da geschieht ein zweiter Mord nach gleichem Muster. Ist hier ein Serientäter am Werk oder war es die Tat eines Trittbrettfahrers? Eines ist auf jeden Fall sicher: Ressentiments gegenüber Obdachlosen sind weit verbreitet.

Als Gäste: Die Kölner Musikgruppe „de Höhner“ und Volksschauspieler Peter Millowitsch

Max Ballauf Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohan Tessa Mittelstaedt
Rechtsmediziner Dr. Roth Joe Bausch
Beethoven Udo Kier
Gesine Stürner Catherine Flemming
Dr. Norbert Ellermann Christian M. Goebel
Stefan Meutsch Michael Schenk
Wilma Döhn Kristina Walter
Sascha Döhn Florian Bartholomäi
Dr. Behnisch Nicola Schössler
Staatsanwalt Frank Voss
Django David Scheller
Krankenschwester Uschi Lena Baader
Ammon Adolfo Assor
Stickel Wolfgang Packhäuser
Oberschwester Christa Rockstroh
Sozialarbeiterin Hanni Gesine Giovinazzo-Todt
Greisin Kempel Gerda Böken

Regie: Buddy Giovinazzo

Buch: Stefan Cantz und Jan Hinter

Kamera: Henning Jessel

(Handlung, Besetzung, Stab: DAS ERSTE)

Rezension

Dass die Ermittler immer dabei sind, wenn etwas passiert, wie schon bei der erwähnten Parkbank-Szene, spart viel Zeit und ist daher sehr praktisch. Zum Ausgleich wird die Handlung nebulös. Die Sozialkritik hingegen zeigt eine kleine Abweichung zum Üblichen. Ein versierter Kritikerkollege hat die Kölner Krimis einmal treffend als Thesenkrimis bezeichnet, weil Freddy und Max immer in Positionen schlüpfen, soziale Themen in Form von These und Antithese für die Zuschauer aufzubereiten. Wir sind dazu übergegangen, den Umgang der Kölner mit den Themen als dialektisch zu bezeichnen – was in etwa das Gleiche ist. Um über Obdachlose herzuziehen, sind nun aber beide zu sozial veranlagt, also muss eine Frittenbudenbesitzerin her, die den Standpunkt der arbeitenden, kleinen Leute vertritt, nämlich dass die Umsätze durch schlechtes Publikum in der Umgebung sinken.

Wir kennen solche Fälle und wie die Linien bei den unvermeidlichen Interessenkonflikten verlaufen und wir sehen im Film schön, wie es meist die Ärmeren sind, die gegen die noch Ärmeren zu Felde ziehen und sich in der Existenz bedroht fühlen und wie die Gutverdiener sich soziales Engagement sozusagen als Feigenblatt gönnen – weil sie garantiert nicht in einem sozialen Brennpunkt wohnen.

Es gibt viel zum Nachdenken, in diesem 742. Tatort aus dem Jahr 2009. Nicht nur, als einer der Obdachlosen eine Geldsumme noch in Mark umgerechnet hat, dachten wir, der Film sei etwas älter. Natürlich, es war das Jahr, in dem die Bankenkrise zu einem Wirtschaftseinbruch geführt hatte, aber es war nicht wie zu Beginn der 2000er, als Arbeitsolsigkeit und Obdachlosigkeit in den Himmel zu schießen schienen – die Obdachlosigkeit steigt allerdings weiter an.

Irgendetwas an der Inszenierung ließ uns zunächst eher auf 2004, 2005 als Entstehungszeit schließen. Dabei ist dies schon der 43. von derzeit 57 Köln-Tatorten mit Ballauf und Schenk und nur wenige Wochen nach „Mit ruhiger Hand“ auf den Schirm gebracht, den wir kürzlich für den Wahlberliner rezensiert haben.

Auffällig ist, wie die Bilder, die 1997, als die aktuellen Kölner starteten, zu den stärksten im Tatortland zählten, mittlerweile ins Routinierte gedriftet sind. Bis auf die Kamerafahrt vom Glockenturm bis zu den Fundamenten der Kirche, in denen „Beethoven“ orgelt, eine Einstellung, die offenbar den möglicherweise raschen Abstieg von „näher, mein Gott, zu dir“ bis zur Platte und die ebenfalls bestehende Möglichkeit des Findens zurück zur Wahrheit des Seins verdeutlichen sollen, ist uns kein Artwork aufgefallen, das der Erwähnung wert wäre. Ja, man muss es den Kritikern recht machen, und wir wissen, dass wir uns bereits zwei Mal über Kölner Stil-Extravaganzen beschwert haben (einmal war es die Tönung der Bilder, einmal der Weichzeichner namens „warmes Leuchten“, der uns Fragen an die Adaptionsfähigkeit unserer Sehwerkzeuge stellte).

Obwohl wir glauben, leidenschaftlich über Themen des sozialen Auf- und Abstiegs mit uns selbst und mit anderen zu diskutieren, hat uns „Platt gemacht“ nicht sehr berührt. Vielleicht lag es daran, dass der wichtigste der Obdachlosen-Charaktere, dieser Beethoven, in Wirklichkeit ein Millionenerbe ist. Irgendwie hat man ihm vorher schon angemerkt, dass seine hochgradig philosophische Art wohl von einem Hintergrund der besonderen Art herrührt. Wir erfahren später, er ist auf die Straße gegangen, weil er die Familie von Freddys Exkollegen zu Tode gefahren hat. Platte als Buße.

Aus seinem früheren, bürgerlichen Leben hat er Beethoven das Orgel spielen behalten und übt dies regelmäßig in einer Kirche aus. Am Schluss ist klar, er wird zurückkehren ins Normalleben, auch wenn er das Meiste aus seiner Erbschaft für soziale Zwecke spenden wird. Im Grunde nützt es gar nichts, Buße in Form zu tun, indem man sich zurückzieht, für Opfer etwas tun, das ist das Gebot der Stunde, wenn man selbst nicht zu den Unterprivilegierten gehört. Wa soll’s, die Figur ist sowieso  begrenzt realistisch. Ebenso wie die Vertreter der üblichen, verdächtigen Berufe: Ärzte und Juristen. Beine hätte dem Beethoven das Angebot an seine Juristen-Kusine, von der Erbschaft das Meiste an sie abzugeben, nicht viel genützt, denn eine Juristin ist ein Faktenmensch, der sich nicht auf möglicherweise wohlfeile Versprechungen verlässt. Finden wir also nachvollziehbar, dass sie den Vetter Beethoven dennoch vom Glykolwein trinken lassen will.

Weniger nachvollziehbar ist aber ihr Verhalten den Schuldnern gegeben. Ja, es kommt vor, dass Anwälte nicht Vorkasse verlangen, sondern Rechnungen schreiben, und dass diese nicht sofort bezahlt werden. Anwälte sind Selbstständige mit Außenständen, wie die meisten anderen freien Berufe und Unternehmer auch. Aber sie regeln das normalerweise über ein vernünftiges Mahnverfahren und die weiteren Schritte, falls dieses nicht fruchtet, sind ebenfalls administriert, und niemand stellt sich ans Telefon und schreit säumige Mandanten an. Wie schlecht so etwas fürs Geschäft und den beim im Film erwähnten und in der Tat vorhandenen Überangebot an Anwälten so wichtigen Ruf ist, muss nicht weiter erläutert werden.

So richtig gut geht es nur noch den Ärzten. So gut, dass sie unbedingt Nasen korrigieren wollen, an denen eh kaum etwas falsch ist. Das ist eine Art running gag, aber in diesem tristen Umfeld von Menschen, die um ihre Existenzen bangen oder gar keine mehr haben, zündet er nicht richtig. Und die Sache mit dem Stricher und dem Arzt und dem Aids ist erkennbar nicht mit Bedacht in dieses Drehbuch geschrieben, sondern geradezu hineingewürgt worden, Fragwürdigkeiten moralischer und faktischer Art inbegriffen, die es eher seltsam wirken lassen, dass am Ende „De Höhner“ eine selbst geschriebene Obdachlosenballade auf einer vom Plastischen Chirurgen gesponserten Event vortragen. Alle sind dabei, von den Ermittlern mit Franziska über die Verdächtigen, die nicht einsitzen, bis hin zu Peter Millowitsch, dem Sohn der Kölner Schauspiel-Legende Willy Millowitsch. Dessen Anwesenheit deutet vermutlich auf die Tradition des sozialen Engagements der Familie Millowitsch hin.

Fazit

Die ersten Minuten dieses Tatorts fielen bereits durch diese gewollt wirkende Inszenierung an der Wurstbude auf und durch ihre hölzerne Inszenierung, besonders die der Dialoge. Im Verlauf wurde es etwas flüssiger. Max ist zwar, im Gegensatz zur vorhergehenden Folge „Mit ruhiger Hand“, die im Gegensatz zu „Platt gemacht“ den Wohlstands-, nicht den Armutsalkoholismus zeigt, plötzlich wieder aller Alkoholsorgen ledig und komplett trocken, aber die Obdachlosen haben in diesem Film einen gewissen Show-Wert, besonders Django, voll breit und im Klinikkeller untergebracht, mangels Krankenkassenzugehörigkeit.

Es gibt aber auch wirklich gute Kölner Tatorte und sie haben mit Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär zwei Schauspieler als Kommissare, die beinahe jedes soziale Thema auf aufgrund ihrer sensibel-robusten Charaktere glaubwürdig diskutieren können. In „Platt gemacht“ gelingt das aber nicht überzeugend, auch wegen der vielen Grauzonen in der Handlung und bei der Darstellung der übrigen Figuren.

Daher leider nur 6,5/10, weil gerade das hier besprochene Thema „Menschen am untersten Rand der Gesellschaft“ einen adäquaten Um- und Zugang erfordert.

© 2018, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Auch hier darf der Hinweis wieder nicht fehlen, dass wir die Originalrezension aus dem Jahr 2014 im Wesentlichen unverändert übernommen haben.

Max Ballauf Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohan Tessa Mittelstaedt
Rechtsmediziner Dr. Roth Joe Bausch
Beethoven Udo Kier
Gesine Stürner Catherine Flemming
Dr. Norbert Ellermann Christian M. Goebel
Stefan Meutsch Michael Schenk
Wilma Döhn Kristina Walter
Sascha Döhn Florian Bartholomäi
Dr. Behnisch Nicola Schössler
Staatsanwalt Frank Voss
Django David Scheller
Krankenschwester Uschi Lena Baader
Ammon Adolfo Assor
Stickel Wolfgang Packhäuser
Oberschwester Christa Rockstroh
Sozialarbeiterin Hanni Gesine Giovinazzo-Todt
Greisin Kempel Gerda Böken

Als Gäste: Die Kölner Musikgruppe „de Höhner“ und Volksschauspieler Peter Millowitsch

Regie: Buddy Giovinazzo
Buch: Stefan Cantz und Jan Hinter
Kamera: Henning Jessel

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