Endstation – Tatort 305 / TatortAnthologie 191 // #TatortBerlin #Berlin #Tatort #Markowitz #Endstation #TatortEndstation #RBB #SFB

Crimetime 191 - Titelfoto © SFB / RBB

Die besondere Abschieds-Endstation

Acht Mal hat Franz Markowitz, verkörpert von Günter Lamprecht, in Berlin ermittelt – in den Jahren 1991-1995. Zuvor wurde beim damaligen SFB häufig experimentiert, danach auch wieder. Erst das Team Ritter-Stark kam es zu einer Kontinuität in der Hauptstadt.

Mit dem passenden Titel „Endstation“ verabschiedete sich Markowitz, und man kann es verstehen. Nicht nur, dass sein Kollege Pohl angeschossen und vermutlich dienstunfähig  wird, auch er selbst gerät in eine hoch gefährliche Situation, als ein Mann durchdreht, dem Frau, Kind und Arbeit abhanden gekommen sind – und Markowitz als Geisel nimmt, damit der Anwalt seiner Frau die Scheidungsklage zurückzieht und Frau und Sohn wieder zu ihm zurückkehren. Wie es dazu kommt, wie Markowitz reagiert und was wir davon halten, findet sich in der -> Rezension.

Ein aberwitziges Unterfangen, das spürt man sofort. Und ein ganz ungewöhnlich gestrickter Fall, in dem es anfangs keinen Tatort gibt und am Schluss – nichts zu ermitteln. Das Spiel zwischen dem gedemütigten und aufbegehrenden Hans-Peter Kraft (Folkert Milster) und Markowitz ist die Handlung und soll die Spannung erzeugen.

Einem großen Schauspieler wie Günter Lamprecht kann man zugestehen, dass er (zusammen mit Matti Geschonnek) sein eigenes Abschiedsdrehbuch schreibt, die Idee ist ja auch interessant. Aber es ist nicht einfach, mit ihr 90 Minuten so zu befüllen, dass dies nicht zum einen sehr langatmig wirkt – und zum anderen die Schauspieler sehr fordert. Diese müssen bei einem solchen Drama weitaus mehr bieten, um den Zuschauer zu fesseln, als die vielen Verdächtigen in einem klassischen Whodunnit.

Handlung

Ein junger Mann dringt in ein Anwaltsbüro ein, bedroht den Anwalt und verlangt von ihm, seine von ihm getrennt lebende Frau zur Rückkehr zu bewegen und das laufende Scheidungsverfahren einzustellen. Dem Anwalt gelingt es, den Mann zu beruhigen. Er setzt sich danach mit dem Kommissar Markowitz in Verbindung und bittet ihn, sich um den Mann zu kümmern, ohne daraus gleich einen offiziellen Vorgang zu machen.

Die Begegnung zwischen Markowitz und dem jungen Mann eskaliert zu einer Katastrophe: Durch den Verlust seines Arbeitsplatzes, die eingereichte Scheidung und die Angst, auch den Kontakt zum gemeinsamen Kind zu verlieren, befindet sich der Mann in einer psychischen Verfassung, die ihn den Besuch der Polizei vollkommen mißverstehen läßt. Er verliert endgültig die Nerven, nimmt Kommissar Markowitz als Geisel gefangen und verlangt, Frau und Kind zu ihm zurückzuschicken. Die herbeigeholte Ehefrau aber weigert sich, den „Austausch“ auch nur zum Schein mitzumachen. 

Rezension

Ein aberwitziges Unterfangen, das spürt man sofort. Und ein ganz ungewöhnlich gestrickter Fall, in dem es anfangs keinen Tatort gibt und am Schluss – nichts zu ermitteln. Das Spiel zwischen dem gedemütigten und aufbegehrenden Hans-Peter Kraft (Folkert Milster) und Markowitz ist die Handlung und soll die Spannung erzeugen.

Einem großen Schauspieler wie Günter Lamprecht kann man zugestehen, dass er (zusammen mit Matti Geschonnek) sein eigenes Abschiedsdrehbuch schreibt, die Idee ist ja auch interessant. Aber es ist nicht einfach, mit ihr 90 Minuten so zu befüllen, dass dies nicht zum einen sehr langatmig wirkt – und zum anderen die Schauspieler sehr fordert. Diese müssen bei einem solchen Drama weitaus mehr bieten, um den Zuschauer zu fesseln, als die vielen Verdächtigen in einem klassischen Whodunnit.

Solo für Markowitz. Das Duell zwischen Kraft und Markowitz ist in Wirklichkeit ein Solo für Markowitz. Der relativ unbekannte Schauspieler Folkert Milster kann dem Mimen Lamprecht nicht das Wasser reichen und darunter leidet auch der Film ein wenig. Wir hätten uns von der Täterfigur einiges mehr an psychologische Feinzeichnung gewünscht, etwas, das seine absurde Aktion mehr erklären würde. Es ist schon klar, dass er sich verrannt hat und auf einem Trip weg von der Realität ist, aber Millionen Menschen erleiden sein Schicksal und sehr selten werden daraus die sogenannten Familientragödien.

Dass hingegen ein vom Schicksal nach heutigen Maßstäben mittelmäßig geschlagener Mann (Frau und Kind weg, Arbeit weg) eine dritte Person, dazu noch einen erfahrenen Polizisten, als Geisel nimmt, dürfte wohl noch nie vorgenommen sein, Kurschlussreaktion hin oder her.

Ein weiteres Handicap ist, dass der Film recht altbacken wirkt, da gab es 1995 schon andere Darstellungen. Die Schauspieler wirken insgesamt hölzern, wenn man von Lamprecht absieht, und die Inszenierung ist auch sehr – sagen wir mal – linear und konservativ. Das soll gewiss die kammerspielartige Wirkung festigen, wirkt aber nicht besonders berlinerisch und eher in der Tradition des deutschen Autorenfilms, ohne dessen beklemmende Wirkung zu erreichen.

Berliner Unbekannte, unbekanntes Berlin. Schön finden wir bei den Markowitz-Folgen die Jazzmusik, leider ist sie in „Endstation“ nur selten zu hören. Die Filme mit Günter Lamprecht haben viel Atmosphäre, auch wenn es nicht diejenige ist, die wir in Berlin als Rhythmus der Stadt wahrnehmen. Allerdings – wir sind einige Jahre weiter und bei aller Kritik am Verbleib in den gehobenen Kreisen und in der mondänen Kulisse im nach der Wende beinahe gänzlich neu erschaffenen Stadtteil Mitte spiegeln die Ritter-Stark-Folgen das heutige Berlin zumindest in einem Ausschnitt, während die Tatorte mit Kriminalhauptkommissar Franz Markowitz ein wenig wie aus einer anderen, eigenen Welt wirken. Sie sind viel mehr auf seine Person als Darsteller zugeschnitten als die heutigen RBB-Produktionen auf Dominic Raacke oder Boris Aljinovic.

Erst diese beiden Kommissare haben Stetigkeit in das Berliner Tatortwesen gebracht, folgen damit allerdings einer allgemeinen Tendenz zur Stabilisierung. Die heutigen Teams sind teilweise viel länger im Einsatz als frühere Ermittler, das gilt für alle deutschen Städte und Senderstandorte.

Offenbar ist „Endstation“ weitgehend in Neukölln gedreht worden, was ja zum Arbeitermilieu des Kraft passt – oder seinerzeit gepasst hat, echte Arbeiter in der Industrie, wie er als Drucker einer war, gibt es ja kaum noch. Der Film beschäftigt sich anhand seiner Person durchaus mit einem heute noch aktuellen Thema, zeigt aber auch, was sich verändert hat.

Nach der Wende und dem Wiedervereinigungsboom flaute die Konjunktur ab und speziell Berlin hatte mit der Tatsache zu kämpfen, dass viele Firmen sich aus dem Staub machten, die wegen der Sondersubventionen für die geteilte Stadt hierhergekommen waren. Das konnten die neuen Arbeitsplätze im Dienstleistungssetkor nicht auffangen, zumal Berlin damals zwar wiedervereinigt, aber noch nicht Hauptstadt war. Berlin ist bis heute ein Konvergenzprojekt, und wenn man sich wundert, warum es in Berlin nicht so schön rund läuft wie in manch anderer Gegend, darf man dies als einen Aspekt nicht außer Acht lassen – wenngleich der Hauptstadtbonus das nun langsam aufgefangen haben sollte. Dass und warum dies nicht der Fall ist, bewerten wir politisch, nicht in einer Tatort-Rezension.

Fazit

Der letzte Markowitz-Tatort ist eine Folge, die sich einer umfangreichen Rezension in gewisser Weise entzieht, weil die Handlung sehr einfach ist und bezüglich der Bewertung sehr viel davon abhängt, ob man den Darstellungen der Schauspieler folgt. Wir hatten damit, von Lamprecht / Markowitz abgesehen, ein wenig Mühe und einen Abschiedsbonus wollen wir deshalb nicht vergeben, weil wir zum einen nicht mit diesem Kommissar sozialisiert wurden, zum anderen, weil das Berlin, das in denjenigen seiner Folgen, die wir bisher gesehen haben, fremd auf uns wirkt. Der Jazz bringt in diesem Fall auch keine zusätzlichen Punkte, weil zu selten zu hören. Wir vergeben daher für „Endstation“ 6,5/10 Punkten.

Weil die Rezension relativ kurz geworden ist, fügen wir an passender Stelle aber noch ein Sonderfeature bei:

Kleine Chronologie der Berliner Tatort-Ermittler (Stand 2011)

Besetzung und Stab von „Endstation“ finden sich dann – am Ende.

1971-1972, Kriminalhauptkommissar Erwin Kasulke (Roland Esser)

Schon der Name klingt sowohl berlinerisch als auch bieder – so muss wohl auch der erste Berliner Tatort-Kommissar rübergekommen sein, daher tat er nur in zwei Folgen Dienst.

1975-1977, Erster Kriminalhauptkommissar Martin Schmidt (Martin Hirthe)

Auf immerhin drei Folgen, aber erst nach drei Jahren Berlin-Pause, brachte es Kommissar Schmidt. Schon der Hinz-und-Kunz-Name verrät eine Abkehr vom Lokalkolorit und so war Schmidt auch eine ganze Spur eleganter als sein Vorgänger, zudem wurde während seiner Zeit in Berlin schon eine EDV-Anlage eingesetzt und es wurde im Milieu der ethnischen Migranten ermittelt, die damals noch Ausländer hießen.

1978-1979, Kriminalhauptkommissar Matthias Behnke (Hans Peter Korff)

Unauffällig war er, der Nachfolger von Schmidt, der es wiederum nur auf zwei Fälle brachte. Den damals sehr modernen Namen Matthias trug er wohl ebenso unauffällig wie seine Rollkragenpullover und war mit Mitte 30 ein vergleichsweise junger Ermittler im damaligen Umfeld.

1981-1985, Kriminalhauptkommissar Friedrich Walther (Volker Brandt)

Der erste Berliner Kommissar, der immerhin eine Bundestagswahlperiode im Einsatz war, nach mehr als einem Jahr Tatort-Pause des SFB. Sein Name klingt etwas prätentiös, aber er war ein eher unordentlicher Mensch und nach Schmidt der zweite in Berlin, der den Frauen gefiel. Offenbar eine bis heute andauernde Tradition in Berlin, dass Kommissare einen Schlag beim anderen Geschlecht haben. Vom Vorgänger Behnke übernahm er den Assistent Hassert (Ulrich Faulhaber) – eine Frühform von personaler Kontinuität in der Tatort-Fabrik.

1985-1989, Kriminalhauptkommissar Hans Georg Bülow (Heinz Drache)

Auf recht jung und locker folgte klassisch weltmännisch. Heinz Drache war im deutschen Krimi ein Schwergewicht, jeder Fan der Edgar-Wallace-Filme kennt ihn und schon damals, zu Beginn der 60er Jahre, war er als Ermittler tätig. Wenn man dann noch heißt wie der Bülowbogen und nur noch das „von“ fehlt, ist klar, wohin die Richtung geht. Offenbar hat man mit dieser Auslegung der Figur aber auch etwas überzogen und sehr das Charlottenburgische in den Mittelpunkt gestellt. Nach sechs Folgen wurde wieder gewechselt. Immerhin genauso viele wie der bisherige Rekordhalter, sein Vorgänger Walther.

1991-1995, Kriminalhauptkommissar Franz Markowitz (Günter Lamprecht)

Wieder eine Pause, dann die Wiedervereinigung. Und danach setzt man wieder eher auf Bewährtes, was sich im althergebrachten Vornamen und im berlinerisch klingenden Nachnamen äußert. Markowitz berlinert tatsächlich und Günter Lamprecht steht als Schauspieler außer Zweifel. Seine Auftritte sind melancholisch-ironisch, das Dauergrinsen irritiert manchmal. Einsame Arbeit am existenzvernichtenden Verbrechen und Jazzmusik, das passt zusammen und die Markowitz-Tatorte zeichnen sich durch einen eigenen Stil aus. Er räumt zwar nach vier Jahren wieder seinen Stuhl, aber in der Zeit bringt er es auf den bisherigen Rekord von acht Berliner Tatortfolgen.

1996-1998, Ernst Roiter (Winfried Glatzeder) und Michael Zorrowski (Robinson Reichel)

Das vereinigte Berlin kommt erstmals groß ins Bild. Schon der erste Fall sorgt für einen Skandal und kommt dann in den Giftschrank. Er spielt im Milieu jüdischer Geschäftsleute und gleichzeitig geht es um alte Stasi-Verbindungen. Die Darstellung der jüdischen Geschäftswelt und die Reaktionen darauf haben dafür gesorgt, dass dieses so interessante und in Berlin  wichtige Milieu nicht mehr gezeigt werden darf – schon gar nicht mit einem möglicherweise negativen Touch, der antisemitische Vorurteile bedienen könnte. Begreiflicherweise haben wir diesen Tatort nicht gesehen und können daher keine Aussagen darüber machen, ob wir uns der Kritik anschließen würden.

Man hatte sich also thematisch viel vorgenommen, ging damit baden, doch in nur zwei Jahren wurden ungeheure 12 Folgen gedreht. Dies dürfte bis heute ein bundesweiter Rekord für ein einzelnes Team sein. Dieses sehr aktive Team polarisierte jedoch. Das muss wohl passieren, wenn man einen Kommissar Ernst Roiter nennt, auch und gerade, wenn er mit „oi“ geschrieben wird und aus Frankfurt eingewandert ist. Ein typischer Nachwende-Immigrant und damit einer Gruppe zugehörig, zu der wir auch zählen. Zorrowski („Zorro“) hingegen ist sogar in Moskau geschult worden, mithin Ostberliner. Ein echtes Nachwende-Team, im Rang eigentlich gleichgestellt, aber auch das ist eine mehroder weniger subtile Darstellung der Nachwende-Wirklichkeit: Der Wessi von den beiden behandelt den Ossi eher wie einen Assistenten.

1999-2000, KHK Robert Hellmann (Stefan Jürgens) und KHK Till Ritter (Dominic Raacke)

Ein Übergangs-Team und der Beginn einer richtigen Ära, die noch andauert. Hellmann ist ein schöner Name, klingt genauso wie das, was er ausdrückt – sonnig. So war auch das Gemüt des Namensträgers, nach sechs Folgen zusammen mit dem eher proletarischen Großstadtcowboy Till Ritter verabschiedete er sich nach Frankfurt. Damit endete eine vergleichsweise symmetrische Besetzung auf Augenhöhe.

2001-heute, KHK Till Ritter (Dominic Raacke) und KHK Felix Stark (Boris Aljinovic)

Eine für Berliner Verhältnisse lange und fruchtbare Zusammenarbeit beginnt in dem Jahr, das in die Geschichtsbücher als das Jahr von 9/11 eingehen wird. Ritter und Stark, schon die Namen stehen für ein Programm, wobei Ritter eher ein einsamer Reiter in der Großstadt ist und der kleine Stark eher mit emotionaler Intelligenz und als Familienmensch eine starke und moderne Figur abgibt. Von diesem Team haben wir schon eine Reihe Tatort gesehen und rezensiert und uns an die sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden gewöhnt, die trotz der Größenverhältnisse gleichrangig wirken und zur Lösung ihrer gemeinsamen Fälle in etwa gleich viel beitragen. Das Berlin der beiden ist modern und mondän und oft etwas künstlich, wird zuweilen in schnellen Schnitten und mit beweglicher Kamera gefilmt, sodass wirklich etwas von der Hektik der Stadt rüberkommt – und Ritters Attitüden sind Geschmacksache. Jedenfalls setzt der großgewachsene ehemalige Taxifahrer die Berliner Tradition der Frauenhelden fort, und zwar auf die heutige Art:  ein neuer Fall, ein neues Projekt, ein neues Großstadtraubtier auf zwei langen Beinen.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Franz Markowitz – Günter Lamprecht
Alfred Pohl – Hans Nitschke
Hans-Peter Kraft – Folkert Milster
Harald Schäfer – Hartmut Schreier
Bernd Giese – Heinz Rennhack
Werner Schulze – Klaus Mikoleit
Dr. Gregor Hoffmann – Horst Bollmann
Bettina Schäfer – Sabine Vitua
Markus Schäfer – André Lindemann
Sonja Hallwachs – Astrid Kohrs
und andere

Musik – Ulrich Gumpert
Kamera – Michael Marszalek
Szenenbild – Manfred Glöckner
Regie – Hagen Mueller-Stahl
Buch – Günter Lamprecht
Buch – Matti Geschonneck

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