Geschlossene Akten – Tatort 296 / Crimetime 190 // #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Markowitz #GeschlosseneAkten #Lamprecht #GünterLamprecht #Tatort296

 Crimetime 190 - Titelfoto © SFB / RBB

Der alte und der neue Nazi

Heute wieder die Ausnahme: Zum dritten Mal stellen wir eine Rezension nicht nur inhaltlich fast unverändert wieder vor, die wir aus dem „Alten Wahlberliner“ übernommen haben, wir belassen dieses Mal auch das Layout im Wesentlichen original. Allerdings nicht wegen der „Crimetime-Historie“, sondern ganz ehrlich nur deshalb, weil wir heute besonders unter Zeitdruck sind. Der Tatort 296 lief ja auch gestern schon und die Rezension hätte eigentlich vorher kommen sollen. Aber wie es mit dem „eigentlich“ so ist, es kam anders.

  1. Kurzkritik

Der Tatort 296 kam uns irgendwie lang vor. Und tatsächlich: Er hat mit  102 Minuten Spielzeit 12 bis 13 Minuten Überlänge. Dass es diese Abweichung vom Standardformat von 87-89 Minuten im Jahr 1994 noch gab, ist erstaunlich.

Die Überlänge wäre nicht notwendig gewesen, hätte man dem Film, sagen wir mal, ein normales Tempo mitgegeben. Durch den sehr ruhigen Ablauf wirkt zwar alles überschaubar, aber kurz vor Ende der ersten Hälfte wären wir beinahe eingeschlafen, und das ist  uns bei einem Tatort noch nie passiert, egal, ob wir ihn gut oder weniger gut fanden – und obwohl es ja immer ein Thrill ist, einen Ermittler zum ersten Mal zu rezensieren. Wie in diesem Fall den Berliner Kommissar Markowitz.

Der Fall ist insofern heute noch aktuell, als er von Neonazis handelt. Insofern nicht mehr, als  die Altnazis nun doch langsam aussterben. Die Art zu filmen ist gewöhnungsbedürftig, Günter Lamprechts Spiel als Kommissar Markowitz ebenso.

Wir fanden den Film altmodisch, es könnte aber auch sein, dass diese Langsamkeit und leise Melancholie etwas Kostbares sind, das wir nach dem ersten kritisierten Markowitz noch nicht zu schätzen wissen.

  1. Inhalt, Darsteller, Stab

Die polizeilichen Ermittlungen im Todesfall des Variètè-Artisten Burow wurden vor mehr als einem Jahr mit dem Befund „Selbstmord“ abgeschlossen.

Revisionsanträge der Witwe, die an einen Selbstmord ihres Mannes nicht glaubt, blieben erfolglos. Sie bittet deshalb den Tatort-Kommissar Franz Markowitz um Hilfe. Seine inoffizielle Prüfung der geschlossenen Akten bestätigt die korrekte Arbeit der Kollegen; dann aber entdeckt Markowitz eine vage Spur, die ihn in ein Altenheim und von dort zu einer Landmaschinenfirma in Berlin-Spandau führt, die über gute Geschäftsbeziehungen nach Lettland verfügt. Aus Lettland aber stammte auch der tote Artist.

Darsteller:

Kriminalhauptkommissar Markowitz: Günter Lamprecht
Kommissar Pohl: Hans Nitschke
Beate Berger: Claudia Balko
Kriminalrat Heide: Thomas Schendel
Uschi Lemke: Renate Schroeter
Renate Burow: Jutta Wachowiak
Walter Beerendorf: H.W. Hamacher
Istvan: Janusz Cichockl
Lisa Pohl: Andrea Brix
Conferencier: Robert Kreis

Stab:

Regie: Matti Geschonneck
Buch: Matti Geschonneck und Günter Lamprecht

III. Rezension

  1. Gestern und heute

Günter Lamprecht ist ja ein vielseitiger Künstler und hat deshalb auch für den Tatort 296 gleich das Drehbuch mitverfasst. Das heißt auch, er hat sich selbst einiges in diesem Tatort auf den Leib geschrieben. Mag sein, dass es daran liegt, dass er so intensiv ist und ganz so, wie er selbst sich wohl auch sehen wollte.

Nach heutigen  Maßstäben ist die Art, wie 296 gefilmt wurde, „dated“. Auch für 1994 war er sicher nicht gerade ein Experimentalfilm. Immerhin haben wir noch eine Erinnerung an diese Zeit und so konservativ kam sie uns nicht vor, wie sie hier gezeigt wird. Gäbe es nicht bestimmte Hinweise auf den Entstehungszeitpunkt oder hätten wir ihn nicht gewusst, hätten wir den Tatort 296 in den 80er Jahren angesiedelt.

Dabei ist das Thema durchaus modern für damalige Verhältnisse. Der Osten ist aufgegangen und in Falkensee versammeln sich alte und neue Nazis zum gemütlich-aggressiven Beisammensein. Schön die Szene am Ende, als die Schlägertypen sich vor dem Stammlokal der Szene schlagen. Falkensee wäre heut wohl nicht mehr der Ort der Wahl, zu beliebt bei Berliner Aussiedlern, zu mittelständisch geworden. Aber es gibt durchaus Orte in Brandenburg, da kann man sich die Szenerie nicht nur vorstellen, es gibt sie tatsächlich.

Interessant ist, wie mit Nazi-Stereotypen umgegangen wird. Da gibt es die alten Kameraden, einer davon sorgt dafür, dass ein ehemaliges lettisches Opfer die wahre Identität des Mannes, der im Altersheim friedlich-abgeschieden und ein wenig isoliert von den anderen seinen Lebensabend, nicht mehr verraten kann. Keine schlechte Fallidee, dazu noch die melancholische Varieté-Stimmung. Der Wintergarten sieht heute noch beinahe genauso aus.

Die Neonazis unterschieden sich damals schon in zwei Gruppen. Die im Anzug in die in Springerstiefeln, meist tragen sie sehr kurze Haare. Seltsam, dass man diese Darstellung auch irgendwie als veraltet empfindet. Das liegt vielleicht an diesem Film im Ganzen – und am Typ Altnazi, der heute nicht mehr markige Worte spricht und dabei die Truppe steuert, sondern, wenn noch lebend, eher die Stimme schonen muss, aus reiner Altersschwäche. Leute, die überzeugte Nazis der ersten Stunde waren, dürften wirklich so gut wie ausgestorben sein. Was es noch gibt, sind die Verblendeten, die im Hitlersystem groß und durch dessen Indoktrinierung geprägt wurden.

Was man schon wieder alles sagen darf – darüber entrüstet sich Markowitz im Film, bezogen auf rechte Parolen. Das war damals vielleicht wirklich neu, sorgt aber zusätzlich für einen Nostalgie-Effekt. Weil das mittlerweile ein Ritual geworden ist. Eine Gruppe von Neonazis wird frecht, wird verboten, die nächste wird gegründet, wird frech, wird verboten. Dazu gibt es das Internet, in dem man Hetzparolen anonym ganz gut unter die Leute bringen kann, vor allem vom Ausland aus.

Wie in allen Dingen hat sich die heutige Medienlandschaft auf unsere Sichtweise ausgewirkt. Wir sind ganz anders informiert als 1994, also noch kein Mensch privates Internet hatte. Das Allgegenwärtige von allem macht dieses Erstaunen über das Aufkommen der Neonazis im wild, weil frei gewordenen Osten eben altmodisch. Heute denkt man eher, was soll’s, das nächste Ritual kommt sowieso und es ist nicht zu befürchten, dass Deutschland von den Nazis übernommen wird. Dabei sind sie viel weiter vor als 1994. Sie sind teilweise mitten in Berlin beheimatet, bilden Inseln mitten in den ganz linken Vierteln heraus.

Ein Ort draußen ist schön  zum Zeigen, weil dort alles so offen abläuft, so ungestört von Gegendemonstrationen. Aber ein heutiger Berliner Tatort mit dem Thema sollte es bringen, in Berlin zu bleiben und ganz offen anzusprechen, dass es da draußen in Marzahn nicht nur Altkommunisten gibt, sondern auch Neurechte, dass es in manchem Viertel nahe der Innenstadt das eine oder andere von Nazis bewohnte Haus oder die eine oder andere naziaffine Kneipe gibt.

Die wir im Westen Berlins leben, bekommen das vielleicht gar nicht so mit, weil sich die Szene eher im Osten angesiedelt oder wieder hervorgewagt hat. Man muss eben Kontakte in den Osten haben, um darüber etwas mehr zu wissen, was nicht immer in der Zeitung steht.

  1. Ein Typ und seine Welt

Als Hauptkommissar Markowitz ist Günter Lamprecht für uns gewöhnungsbedürftig. Nicht, weil er nicht sich selbst sehr nahe käme, gerade hier nicht. Aber die langsame, manchmal etwas triste Aura, die ihn umgibt, dazu dieses immerwährende, alles durchschauende Lächeln, das ist gewöhnungsbedürftig.

Dazu findet er in diesem Tatort auch noch eine Liebe und irgendwie, auch wenn es nett ist und menschliche Wärme reinbringt in eine sonst eher kalte Welt von Kleinkünstlern und Neonazis, aber ob das zu ihm passt? Hätte uns interessiert zu erfahren, was daraus in der nächsten Folge geworden ist. Die nächste war aber auch schon die letzte aus Berlin mit ihm als Ermittler. Insgesamt war er nur 8-mal tätig, von 1991 bis 1995.  Legendenstatus erwirbt man damit kaum.

Markowitz ist einer aus der alten Zeit, ein Vorwende-Mensch, dem selbst das Berlin von 1994, das nicht mit dem von heute zu vergleichen ist, zu schnell wirkt und nicht mehr sozial genug. Da hat er zwar die Dinge richtig eingeordnet und man kann nur  ahnen, was er von den jetzigen Zuständen halten würde, als alter SPD-Fahrensmann, der Lamprecht wirklich ist und der auch durch seine Figur des Markowitz durchschimmert. Es gibt tatsächlich eine Menge Einzelfaktoren, die dazu beitragen, dass der Tatort 296 etwas patiniert daherkommt. Persönlich bringt Markowitz nicht nur seine für Berliner Verhältnisse sehr bedächtige Wesensart ein, sondern auch seine Liebe zum Jazz – und zwar, falls seine Vorlieben denen der Musikschreiber von 296 entsprechen, in einer smoothen, vom Saxophon dominierten Variante, die mit zum „Damals-Feeling“ beiträgt und in heutigen Tatorten nicht mehr vorkommt. In den 70ern und 80ern wurden aber auch Kinofilme nicht selten von dieser Art Jazzmusik untermalt.

  1. Fazit

Für einen der längsten Tatorte eine der kürzesten Kritiken, kann das angehen? Ja, für dieses Mal schon. Beim nächsten Markowitz schauen wir dann noch einmal auf gewisse Handlungsdetails und hoffen, er wird, falls er auch diese Tendenz zum gepflegt langweilig sein hat, nicht so spät am Abend gesendet wie die Folge 296. Wir wollen uns ja auf diese bedächtige Markowitz-Art einlassen, ohne vor dem Schlafen gehen ungebührlich viel Kaffee zu uns nehmen zu müssen.

Wie bewertet man einen solchen Film, bei dem eine Grundmelancholie, wenn auch durch Markowitz‘ Lovestory mit der Altenheimleiterin Uschi Lemke durchbrochen, den Ton angibt und vor allem die Nazis die Typen sind, die keinen Blues haben. Das Thema ist immer noch interessant und vielleicht kann man doch das zeitdokumentarische Element als etwas hoch Einzuschätzendes mit in die Wertung einfließen lassen. Unter den Markowitz-Tatorten liegt „Geschlossene Akten“ weit vorne, ohne im gesamten Tatort-Umfeld überragend bewertet zu sein. Wir schließen uns dem an und auch wenn’s nach der Rezension ein wenig überraschend klingen mag: An einem dafür geschaffenen Tag hätten wir die Stimmung vielleicht adaptiert, wären konzentrierter gewesen und hätten Lamprechts Spielkunst als Kommissar Markowitz richtig gerne gesehen. Bis zum nächsten Mal kann’s lange dauern. Sieben Jahre lang wurde der Film nicht augeführt, bis der Westdeutsche Rundfunk ihn nun wieder gezeigt hat. Mit einigen Wenn-Faktoren und Wiederaufführungs-Eventbonus: 7,0/10.

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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