Friss oder stirb – Tatort 1077 / Crimetime 193 // #Schweiz #Tatort #TatortLuzern #TatortSchweiz #Schweiz #RetoFlückiger #Flückiger #Ritschard #Bremerhaven #Luzern #Oben #Unten #Ungleichland

Titelfoto © SRF / ARD, Daniel Winkler

Oben und unten und mittendrin

Sehr sinnig, das „Unten“ in Bremerhaven anzusiedeln und das „Oben“ in Luzern. So wird ein Schuh draus, da hat man schön recherchiert und festgestellt, dass Bremen zu den besonders schwierigen Regionen in Deutschland zählt, wirtschaftlich gesehen. Und wie weit man fahren muss, um von dort bis in die Schweiz zu kommen.

Den Begriff „Richkid“ habe ich noch nie gehört, vielleicht ist er von „Ritschard“ abgeleitet, dem Nachnamen von Reto Flückigers Co-Ermittlerin. Aber wissen hier schon, was gemeint ist. Wir ha’m die Richkids nur von Weitem geseh’n und auch von weitem war’n se – greulich. Oft jedenfalls. Es ist wirklich schwer, viel Geld zu haben und seine Kinder zu wertvollen Menschen zu erziehen, weil man ja vom Geld selber schon verdorben ist. Wie sich das im Film auswirkt, darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Am frühen Morgen werden Liz Ritschard und Reto Flückiger an einen Tatort gerufen. Die Tote war Wirtschaftsprofessorin an der Uni Luzern und wurde mit einer Schere erstochen. Ein Schaden an einem vor dem Haus geparkten Auto könnte vom Fluchtwagen des Täters stammen. Corinna Haas nimmt Lackproben.

Ungefähr zur gleichen Zeit überquert der deutsche Arbeitslose Mike Liebknecht die Schweizer Grenze. Im Handschuhfach hat er eine Pistole versteckt. Wenig später ist Liebknecht bereits in die luxuriöse Villa von Swisscoal-CEO Anton Seematter eingedrungen. Er nimmt dessen Tochter Leonie und Seematters Ehefrau Sofia als Geiseln. Ungeduldig wartet er auf den CEO, der bald nach Hause kommen soll.

Unterdessen ergeben die Lackproben des Fluchtwagens, dass das Auto Anton Seematter gehört, dessen Tochter bei der Ermordeten studiert hat. Des Weiteren entdecken die Ermittler, dass das Tatopfer eine substanzielle Spende von Seematter, gegen den Willen der Uni-Leitung, zurückgewiesen hat. Die Ermittler setzen sich ins Auto und fahren für eine Befragung zur Villa der Seematters – wo sie Liebknecht überraschen und daraufhin ebenfalls als Geiseln festgehalten werden.

Infos der ARD

„Friss oder stirb“ ist ein „Tatort“ zum Thema ungleich verteilte Chancen. Die Geschichte lässt die Superreichen und die auf der Strecke Gebliebenen aufeinanderprallen: Auf der einen Seite die arrogante internationale Machtelite mitsamt verwöhnten Richkids, auf der anderen Seite der wegrationalisierte und chancenlos ausgelieferte Arbeitnehmer. Mit zunehmender Eskalation verwischen aber die Grenzen zwischen den klar voneinander getrennten Welten und Moralvorstellungen immer mehr. Bis es am Ende nur noch Verlierer gibt.

Rezension

Ob die Familie Seematter wirklich zu den Superreichen zählt? Immerhin hat doch der Anton Seematter irgendwie sein Unternehmen selbst aufgebaut und hat irgendwie doch eher ein Merz-mittelständisches Gepräge, wir erfahren auch nicht, ob er ein Flugzeug besitzt Aber die Superreichen sind ja so plakativ. Und sein Gegenspieler ist im Grunde kein Mann von „unten“, sondern ein Metallarbeiter, der 2.366,00 Euro im Monat verdient. Wir denken, dass damit der Nettobetrag gemeint ist, es sei denn, sein Arbeitgeber  ist ziemlich weit weg vom Metalltarif. Nun aber wird der Betrieb geschlossen, weil in China etwas billiger produziert werden kann. Ich finde sowieso, wir Europäer, egal ob Schweizer,

Deutsche oder andere, sollten uns immer die Chinesen als Feindbilder vor Augen halten, weil sie pars pro toto für alle asiatischen Völker stehen, die schrittweise an der europäisch-amerikanischen Industriesubstanz genagt haben. Die Schweiz konnte das bisher gut mit ihren Finanzgeschäften kompensieren, aber das Wirtschaftswachstum wird seit vielen Jahren als eher gemächlich ausgewiesen, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung ja wächst und offensichtich mehr Arbeitskräfte gebraucht werden, denn trotz des Bevölkerungswachstum gibt es zumindest in der Deutschschweiz kaum Arbeitslose.

Und Bremerhaven? Oh je. Werften sind durch nichts zu ersetzen. Und irgendwie ist man ja in Europa doch ein bisschen aufeinander angewiesen. „China sind die Interessen der Schweiz egal“, habe ich kürzlich in einem Beitrag aus der Schweiz gelesen. Was hier gerade passiert, ist klar. Ich entwickle das Stockholm-System gegenüber der Schweiz, genau wie der arme Herr Liebknecht gegenüber dem Herrn Seematter. Die Wikipedia sieht dieses Syndrom, nach dem sich Opfer mit Tätern während einer Geiselnahme identifizieren, viel zu negativ.

Dass wir versuchen, die Interessen der Schweiz mehr zu verstehen als die Chinesen das vielleicht tun, hat im Grunde aber keinen realen Hintergrund, denn wir kennen ja niemanden von den Leuten, die das Blutgeld aus dem Ausland einsammeln und sicher verbuddeln. Hingegen kommt es zwischen dem Deutschen, der den Namen einer großen politischen Person trägt, die von der Reaktion ermordet wurde und der außerdem noch dessen Klassenstellung spiegelt und dem unternehmerischen Schweizer zum mentalen Zusammenschluss auf einer sehr diffizilen Schiene: Es läuft über die Geschlechter. Es passiert in dem Moment, als die Liebknecht entdeckt, dass auch der Seematter von seinen Frauen nicht verstanden und geschätzt wird. Eines kann man dem Film nicht absprechen: Eine gewisse Frauenfeindlichkeit.

Da sorgt der Autovermieter schon so gut für seine nichtsnutzige Familie, versucht sogar, die Dozentin der lernfaulen Tochter zu bestechen – und dann akzeptiert diese nicht einmal sein handwerkliches Hobby, das ästhetisch recht entlarvende Skulpturen hervorbringt, die der Mann nach seiner Gattin benennt. Und der Liebknecht ist so ein netter Kerl, eigentlich – und doch von Tisch und Bett getrennt. Gerade in der Schlussszene, als seine Ex ihn fragt, ob er wieder Blödsinn angestellt hat, wird das nochmal richtig klargestellt. Geht also Gender doch vor Klassenbewusstsein? Wenn man sich die heutige Gesellschaftlinke mit ihrem Fragmentierungsdenken anschaut, dass sie sich von schlauen Neoliberalen reindrücken lässt, ist man geneigt zu sagen: Auf jeden Fall! Weil das so ist, kann man fesetstellen: Die Aussage, die Botschaft dieses Films ist ziemlich tricky. ‚Denn sie unterläuft partiell das, was an der Oberfläche sichtbar ist: Die Klassengegensätze. Dadurch wirkt der Film aber auch elaborierter und diese Unterströmungen machen die Interpretation spannender. Hauspersonal, das noch seine eigene Stellung hätte einnehmen können, fehlt übrigens,

Die Figuren finden wir recht gut gespielt, wobei ja immer dieses böde Ding zu berücksichtigen ist, dass die Schweizer für den deutschen Markt synchronisiert werden und dadurch die Sprache kälter und die Intonierung weniger originell wirkt. In diesem Fall kommt hinzu, dass ja doch einige Sätze ins Schwyzerdütsch tendieren müssen, weil der Mann aus Bremen hin und wieder nachfragen soll, was gemeint ist. Der übrigens keinen norddeutschen Akzent hat, aber viele, die in Berlin leben, berlinern ja auch nicht.

Reto und Liz gehören sind immer wieder bewundernswert. Wie sich Stefan Gubser  zurückhalten kann, um Raum für die Episodenrollen zu schaffen, in „Friss oder stirb“ ist das besonders deutlich zu sehen. Obwohl er mittendrin im Geschehen ist und sogar angeschossen wird, zeigt er nur das Nötigste, ähnlich Delia Mayer als Liz Ritschard. In „Die Musik stirbt zuletzt“ war das noch anders, aber man hat nie den Eindruck, die beiden würden sich in den Vordergrund drängen. Wir wollen jetzt nicht so weit gehen zu fordern, dass sich davon deutsche Ermittler ein ganzes Brot abschneiden könnten, aber es ist angenehm, dass es eine Tatortschiene gibt, in der die Cops sympathisch und dezent wirken.

Die Identifikation des Zuschauers mit dem Liebknecht ist schnell hergestellt, weil vor allem die Damen Seematter das Gegenteil von nett sind. Deswegen ist die Idee, dass der zwischenzeitlich entnervte Bremer den Kommissar anschießt und nicht eine der Frauen, die ihn provozieren oder belügen, psychologisch stimmig – wenn auch bezüglich der Handlung fragwürdig. Und damit zur Handlung.

Ist die simple Aussage „Das geht Sie nichts an“, die in dem Moment auch unnötig renitent wirkt, mehr ein Grund, jemanden anzuschießen, der nur zufällig in die Situation geraten ist als etwa eine nutzlos reiche Person, die den Geiselnehmer hinter die Fichte führt und versucht, ihn außer Gefecht zu setzen? Auf eine Weise allerdings, die sehr spekulativ ist, denn woher will Frau Seematter gewusst haben, dass Liebknecht so ungewöhnlich reagiert – in der Form, dass er sich, ohne sich um die Frau im Raum weiter zu kümmern, an die Lampe stellt und die Unterlage anschaut, die sie ihm gegeben hat, anstatt die Geisel erst wieder ins Wohnzimmer zu verbringen, sie dort erneut zu fesseln und sich dann in aller Ruhe mit dem Papier zu befassen?

Bei der Handlung muss man sowieso einige Elemente und Aspekte unterschiedlich bewerten. Die Idee, den Ausgangsmord mit dem Kern des Geschehens zu verknüpfen ist sehr gut, in dem Moment, als Reto und Liz ins Geschehen gezwungenermaßen einbezogen werden, fand ich das Drehbuch hervorragend. Aber diese Geiselnahme-Situationen sind nicht so einfach. Um immer wieder wechselnde Situationsvorteile zeigen zu können, geschehen Dinge, die nicht so recht plausibel sind, wie die angesprochene Täuschung mit dem Theaterstück – oder es kommt zu dieser Verbrüderung, nachdem sich herausgestellt hat, dass der Seematter aber sowas von überhaupt schlecht schießt, so vorbeizielen kann man gar nicht. Am besten lässt sich die Szene noch verstehen, wenn man sagt, das hat er vielleicht unbewusst-bewusst getan, weil er mit dem Täter schon sympathisiert. Jedenfalls ist das viele Hin und Her, das auf einem teilweise etwas dummen Verhalten des Geiselnehmers Liebknecht basiert, etwas zu viel des Guten, schindet jedoch Minuten und spannend kommt es auch rüber.

Fazit

Das Ende ist sehr dramatisch, das Verhalten des Matter, also des Vorgesetzten von Liz und Reto, ist wenig erfreulich den beiden aufrechten Streitern fürs Gute gegenüber, einige Momente wirkten etwas überinszeniert, etwa der Zugriff, aber hübsch schaut’s aus, wie das Haus von innen erleuchtet und vernebelt wird. Die Botschaft des Films kommt gut rüber und regt zum Nachdenken an, auch wenn sie den erwähnten Subtext hat, der unter anderem vermuten lässt, dass das Drehbuch nicht von einer Frau verfasst wurde. Wir haben etwas gescrollt – nee, ist nicht so. Wie bei 90 Prozent aller Tatorte, das war jetzt also nicht so schwer zu erraten. Die Regie liegt etwas häufiger in weiblicher Hand, von Parität kann allerdings keine Rede sein. Vielleicht sollte man auch im Kunstbereich endlich die Quote einführen, auch wenn es im deutschsprachigen Raum höchstens zehn Drehbuchautorinnen gibt, die adäquate Krimis für diese Premiumserie schreiben könnten. Es ist ein bisschen wie in anderen Berufen: Manchmal wollen Frauen auch nicht und, aufs Schreiben bezogen, sie produzieren lieber Romane als Drehbücher. Liebe Leser_innen, Sie sehen, das Stockholm-Syndrom findet sein Echo überall im sozialen Raum.

Das ist wieder ein sehr gelungener Tatort aus Luzern und jetzt der Hammer. Wir haben im Wege der Recherche dafür gelesen, dass es schon der vorletzte für Flückiger und Ritschard ist. Jetzt haben sie sich richtig eingespielt und werden mehr und mehr von der Tatortgemeinde anerkannt – und dann das. Andere Teams hatten auch keine so leichten Startphasen, etwa die nun besonders renommierten Münchener. Wir haben nicht nach den Hintergründen für das Aus von Reto und Liz geschaut, darüber schreiben wir beim nächsten von ihren Filmen. Schade ist es auf jeden Fall.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Musik. „O Danny Boy“ hat uns echt vom Hocker gehauen, wobei wir eher da auf Joe Cocker als Interpret getippt hatten, nicht auf Johnny Cash, überhaupt tragen die Klassiker der Rock- und sonstigen Populärmusikgschichte viel zur Stimmung bei – auch weil sie oft kontrastierend zur Situation und daher auf sehr überraschende und emotionalisierende Weise eingesetzt werden. Das Filming der Schweiz-Tatorte wird immer besser und übertrifft längst den Tatort-Durchschnitt. Das gilt auch fürs „Friss oder stirb“ im Ganzen.

8,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Aus der Vorschau

Nun aber was – sic! – Schönes. Wir finden es nämlich andererseits klasse, wie stur die Schweizer sind. Sie haben Reto Flückiger richtiggehend durchgesetzt, anfangs wollte ihn nämlich fast niemand haben. Er war zu normal und seine Fälle waren zu schwach konstruiert. So kann man es in einem Satz ausdrücken. So sahen es jedenfalls viele. Wir nicht. Wir haben von Beginn der neuen Schweiz-Schiene die auf ihr in unsere Wohnzimmer fahrenden Krimis ein gutes Stück höher bewertet als zum Beispiel der Durchschnitt der Tatortgemeinde, die auf der Plattform „Tatort-Fundus“ versammelt ist. Beim letzten Luzern-Tatort „Die Musik spielt zuletzt“ war der Unterschied besonders ausgeprägt: Wir vergaben mit 9/10 mit die höchste Wertung des gesamten Jahres 2018, die Community konnte sich für diesen Experimental-Tatort, der in Realzeit und mit sehr wenigen Einstellungen gefilmt ist, nicht erwärmen. Auf ein Neues, Reto und Liz.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Reto Flückiger – Stefan Gubser
Hauptkommissarin Liz Ritschard – Delia Mayer
Kriminaltechnikerin Corinna Haas – Fabienne Hadorn
Polizeichef Eugen Mattmann – Jean-Pierre Cornu
Mike Liebknecht, Geiselnehmer – Mišel Matičević
Anton Seematter, CEO von Swisscoal – Roland Koch
seine Frau Sofia Seematter – Katharina von Bock
die Tochter Leonie Seematter – Cecilia Steiner
Bruno Welti – Philipp Langenegger
Beamtin – Anja Martina Schärer
u.a.

Drehbuch – Jan Cronauer
Regie – Andreas Senn
Kamera – Philipp Sichler
Schnitt – Julia Steinke
Szenenbild – Reto Trösch
Musik – Fabian Römer

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