Babylon Berlin – Die Serie, Folge 2 und die Trotzkisten / Crimetime 200/2 // #Babylon #Berlin #BabylonBerlin #Crimetime #ARD #Sky

Crimetime 200/2 - Titelfoto und weitere Bilder: ARD Degeto / X-Filme / Beta Film/Sky Deutschland / Frédéric Batier

Vorbemerkung

Aufgrund der Tatsache, dass uns die Handlungsbeschreibung und einige Erklärungen zu Folge 2, erste Staffel, doch länger geraten sind als geplant, eröffnen wir hiermit und künftig eigene Beiträge für eine oder mehrere beschriebene Folgen – am Ende wird es allerdings ein Kompendium zur Serie geben. Hier zur Einleitung und zur Rezension von Folge eins (Crimetime 200/1).

Wir haben die inhaltliche Zusammenfassung von Folge 2 auch ein wenig kommentiert.

Folge 2

Das erste, was man bekommt, ist der Eindruck, der Typ, der sich mit dem Pornofilm ein wenig selbstständig machen, also ins Erpressungsbusiness begeben wollte, wird umgebracht. In seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis.

Der Armenier muss damit etwas zu tun haben, denn er schickt den bulligen Priester zu jenem Mann namens König und die Beichte für den König der Pornofotografen wird hart. Erstaunlicherweise findet er aber mit Nasenpflaster dennoch den Weg aufs Polizeirevier und dort kommt es zur zweiten Vernehmung. Gereon Rath bietet Bruno Wolter nun an, König gemeinsam zu verhören, der will sich jedoch nicht einmischen, ist noch pikiert, weil Rath sich über seinen ersten Alleingang geärgt hat, der dem Zweck diente, von dieem alten Bekannten Raths mehr über diesen selbst zu erfahren. Wolter wendet Rath den Rücken zu und entlässt etwas in die Welt, was keine Miete zahlt.

Während der Vernehmung lässt Rath sich von König durch einen Trick die Waffe wegnehmen und an dieser Stelle ist festzustellen, dass es am deutschen Generaltrauma liegen muss, dass immer die Wehrhaftigkeit so schnell auf die falsche Seite übergeht. Das ist sehr tiefgründig inszeniert.

Leider erschießt König sich nun selbst, hinterher behauptet Rath aber, der König sei gar nicht der Typ dazu. Er hat aber wohl trotzdem keinen anderen Ausweg gesehen. Das Bußgebet mit dem tätowierten Priester-Darsteller muss wirklich hart gewesen sein. Aufgrund des schrecklichen Schusses von unten nach oben durch den Kopf, den König sich vor Raths Augen verpasst, verliert Rath die Kontrolle, beginnt zu zittern, rettet sich aufs WC und schafft es dort nicht, seine Ampullen noch aus der Jacke zu ziehen, sie aufzubrechen und sich einzuflößen.

Derjenige Zufall, der im Film oft vorkommt, also der wenig wahrscheinliche, will es, dass Charlotte mal muss und auf der Etage so schnell kein Damenklo findet und deshalb bei den Herren eincheckt. Direkt in der Zelle neben Rath. Sie bemerkt, dass sich dort was abspielt und rettet ihn dadurch, dass sie unter der Zellenzwischenwand durchguckt, Rath die Ampullen verabreicht und natürlich ist es für Rath leicht, sie zum Stillschweigen zu bewegen – wir wissen schon aus Folge eins („Wer ist denn der schnieke Typ?“), dass sie ein Auge auf ihn geworfen hat.

Wir memorieren also desweiteren, dass Rath nach ca. 60 Minuten schon zum dritten Mal nicht funktioniert und zum zweiten Mal genau im richtigen Moment aus einer lebensbedrohlichen Patsche befreit wird.

Der Vorfall König führt Rath nun zum Regierungsrat Benda, dem Chef der „Politischen Polizei“. Die Figur des August Benda ist angelehnt an Bernhard Weiß, Jurist und Polizeivizepräsident während der Weimarer Republik, lesen wir in der Wikipedia.

Benda schmeißt alle raus, auch Wolter, und in seinem Dienstzimmer werden nun unter vier Augen die Hintergründe aufgedeckt, warum Rath hinter diesem seinem Gegenstand nach nicht so wichtigen Film her ist. Es ist aber nie etwas unwichtig, wenn Politiker darin verwickelt sind, denn die sind nun einmal wichtige Leute.

Die Spur führt nach Köln und dort zu Dr. Konrad Adenauer, dem damaligen OB. Man kann es gar nicht anders interpretieren, dieser soll offenbar auf dem Film bei Sexspielchen zu sehen sein. Diese Szene wurden von König und Krajewski heimlich aufgenommen bzw. aus dem Film extrahiert, um als Erpressungsmaterial dienen zu können. Das Mädchen Rosemarie als zwei Typen, nur fast 30 Jahre früher. Aber es hat immer was mit auf die eine oder andere Weise verbotenem, anrüchigem Sexkram zu tun.

Man muss politisch nicht auf Adenauers Linie sein, zumal er schon so lange tot ist, aber ihm nachträglich eine Sexnummer mit zwei Prostituierten und Peitsche anzudichten, finden wir grenzwertig. In der Buchvorlage „Der nasse Fisch“ ist auch nichts davon zu lesen, da haben sich die Regisseure ein bisschen ausgetobt. Irgendwo müsste deshalb auch der Disclaimer zu finden sein, der klarstellt, dass das, was hier dargestellt wird, alles nicht echt ist.

Nur – wie ist das eigentlich mit Kunstwerken,  in denen sowohl fiktive uals auch real existierende Personlichkeiten vorkommen? Man wird wohl kaum behaupte können, den Gennat oder auch den Blutsonntag oder auch einen Kölner Oberbürgemeister Adenauer habe es nie gegeben. Also müsste man schreiben „Alles frei erfunden bis auf a.), b.) un c.), wobei wir a.) etwas angedichtet haben, was es in seinem Leben nie gegeben hat.“

Wenn wir schon dabei sind – ist die Trotzkisten-Verschwörergruppe „Rote Festung“  einer historischen Vorlage entsprungen? Was stimmt, ist, dass Leo Trotzki im Jahr 1929 im türkischen Exil war, der Zug soll ja von Berlin nach Istanbul weiterfahren Theoretisch wäre es also denkbar gewesen, einen Zug aus Russland zu schmuggeln, um die Exilanten zu unterstützen. Die erwähnte IV. Internationale wurde jedoch erst 1938 ins Leben gerufen und man hat die Buchvorlage wieder aufgeblasen: Dort ist lediglich von „kommunistischen Abweichlern“ die Rede, nicht von einer Gruppe um Trotzki.

Wir müssen nun Aufklärungsarbeit leisten und klauen dafür einen halben Beitrag aus „Klasse gegen Klasse“ https://www.klassegegenklasse.org/wer-sind-die-trotzkistinnen-von-babylon-berlin/, wer will , kann hier schon reinschauen, ansonsten hängen wir die Darstellung unter der Handlung als Text an. Hierzu muss ein längerer Beitrag sein als zu Adenauer, weil die ihm angedichtete Erpressung halt einfach unwahr ist, die Trotzkisten in Deutschland und anderswo aber aufgrund wenig Kenntnis der meisten Menschen über sie einer etwas besseren Aufarbeitung bedürfen.

Erst einmal weiter mit der Handlung und doch bleiben wir bei den Russen. Gereon Rath, das wissen wir aus Folge 1, ohne es in der Rezension erwähnt zu haben, muss aus seinem Hotel, weil Gewerkschaftsfunktionäre zur Begehung des Ersten Mai angereist sind. Er hatte nicht lange genug gebucht sein Auftrag in Berlin zieht sich.

Und weil er ein Zimmer braucht und Benda sich als netter Typ herausstellt, wird er bei der Kriegerwitwe Behnke, das wiederum arrangiert Wolter für Benda, einquartiert – in einem Zimmer, das justament frei geworden ist. Und wer war der vorherige Bewohner? Ein gewisser Kardakow. Die Chronologie ist hier etwas fragwürdig, denn logisch wäre es gewesen, dass Kardakow nicht mehr in seinem Zimmer gesichtet wird, nachdem etwas geschehen ist, was aber erst geschehen wird. Kardakow ist nämlich genau jener Anführer der Trotzkisten in Berlin, den es braucht, damit zusätzlich Action gemacht werden kann. Wir werden darauf zurückkommen. Nebenbei lernt Rath a.) die Witwe Behnke und b.) einen österreichischen politischen Journalisten kennen, der noch eine Rolle spielen wird („österreichischer Schnösel“, sagt die Witwe Behnke über ihn und zahlt seine Miete nicht pünktlich). So entsteht also erstmals eine, wenn auch noch sehr indirekte, Berührung zwischen Rath und dem Zug aus Russland. Wir verraten jetzt auch, was in dem Kesselwaggon ist, der kurz nach Beginn von Folge 1 vor der deutschen Grenze auf etwas blutrünstige Art angehängt wurde: Gold für Trotzki.

Zurück zum Handlungsstrang Pornofilm: Nun versucht Rath, an die Frauen heranzukommen, die auf dem zur Erpressung geeignete einzelnen Filmbild zu sehen sind bzw. auf dem Film, denn auf dem Bild ist der Kopf des in der Mitte Sitzenden ja ausgekratzt. Dass dieses Bild einfach so in der Filmrolle herumlag – nun ja. Jedes Drehbuch hat   seine kleinen Geheimnisse, neben den großen Zufällen. Rath bedient sich Krajewskis, mit dem er sich im ziemlich echt wirkenden Neuköllner U-Bahnhof Herrmannstraße trifft. Klar, dass ein Köllner wie Rath sich diesen Meeting Point aussuchet und es geschieht auch deshalb, weil dieser U-Bahnhof noch im Wesentilchen sein damaliges Aussehen zeigt.

Es wurde wirklich dort gefilmt, nur wann bloß, bei den stets vorhandenen Menschenmassen, die so total anders aussehen als die ÖPNV-Nutzer im Film? Nachts vermutlich, und war der alte U-Bahn-Zug, den man bestaunen kann, kam er aus dem BVG-Museum oder wurde eine neure Bahn per GI angepasst?  Der Kiosk mittemang, der sieht heute in etwa so aus, nur sind wir dort noch nie von einer Straßenprostituierten  angesprochen worden. Die Zeiten sind eben konservativer geworden.

Wir erinnern uns, Krajewski wurde vom versuchten Polizisten-Mörder zum Informant. Nicht zum V-Mann, wie wie in der Rezension zu Folge eins geschrieben haben. Der V-Mann ist ja spezieller, stellt die Königsklasse eines Informanten dar, der nicht nur was aufschnappt, sondern sich in ein Milieu regelrecht hineinarbeiten muss. Was häufig dazu führt, dass er sich dann mehr dem Milieu als seinem Dienstherrn verpflichtet fühlt.

Jetzt kommt ein Highlight der gesamten Serie.

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Charlotte Ritter – der Abend im „Moka Efti“ beginnt.

Wir sehen kurz hintereinander, wie Charlotte im „Moka Efti“ ihre zweite Identität enthüllt. Als flotte Clubbesucherin, denkt man zunächst, doch gefehlt. Sie geht im Kellergeschoss ihrem Zweitjob nach, indem sie als Domina arbeitet. Auch 1929, wir haben das angedeutet, war es nicht so leicht, mit dem Einkommen auszukommen und wer weiß, wie viele Menschen heute mehrere Jobs und bei so  unterschiedlichen Tätigkeiten wie der täglichen Verwaltungsarbeit bei der Polizei und der nächtlichen Sexarbeit auch mehrere Identitäten benötigen, um die Miete zahlen zu können. Und wann schlafen wir? Leider fällt uns gerade der coole Spruch von Charlotte dazu aus Folge eins nicht mehr ein.

Was gibt es noch im Club? Nikoros tritt auf, ein bisschen dem Conferencier aus „Cabaret“ nachgebildet und auch Travestiekünstler, nicht Transvestit. Ahnen wir schon, wer sich dahinter verbirgt? Nikoros singt erstmals „Zu Asche,  zu Staub, dem Licht geraubt“, das für die Serie komponiert wurde und uns nun mindestens bis zum Ende der zweiten Staffel begleiten wird. Was es leider nicht mehr gibt, ist die Originalmusik der Zeit, die in Folge eins noch zu hören war, und das finden wir ausgesprochen schade, weil sich dieser Mangel im Verlauf fortsetzt. Dabei gab es damals wirklich zu jeder Situation den passenden, oft ziemlich derb getexteten Schlager. Eine weitere Figur tritt auf bzw. sitzt auf der Empore oder in der VIP-Loge des Clubs: Der Herr Nyssen, der nicht zufällig einen Namen hat, der ziemlich nach dem einer deutschen Stahldynastie klingt. Wir erfahren bald, dass er ein – Verehrer von Nikoros ist. Ist der Mann schwul? Oder liegt es anders. Wir klären das gleich.

Szenenwechsel. Im Konspirationskeller der Roten Festung wird eifrig an Aufrufen zum Ersten Mai gedruckt und werden Frachtpapiere gefälscht. Doch vorher war schon jemand beim russischen Botschafter in Berlin, der natürlich ein Stalin-Porträt hinter dem Schreibtisch hängen hat und nun das große Finale von Folge 2.

Während im Club getanzt, gesungen, gepeitscht wird, treffen russische Botschaftsmitarbeiter im Versteck der Trotzkisten ein und ermorden alle. Bis auf Kardakow. Der wird erst einmal nicht entdeckt, weil er gerade musste – in dieser Serie eine häufige Methode, Zufälle einzurichten und draußen auf dem – also im Häuschen saß, während die Rote Festung zerstört wird.

Nach dem Ende des Massakers aber entdeckt eines der mit Maschinengewehren aktiven Botschaftsmitglieder Licht im Häuschen – und hält vorsichtshalber mit dem MG rein. Kardakow jedoch erwischt er dadurch nicht. Denn der steckt. Dreimal dürfen Sie mit geschlossenen Augen raten, liebe Leser und Leserinnen, auf welche Weise er sich der Erschießung entzogen hat, aber einmal riechen dürfte reichen.

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Spiel mit den Identitäten – hier mit Verwandlung: Nikoros und sein zweites Ich.

Ein großes Finale dieser Folge und es wäre besser gewesen, bei der ersten Free-TV-Ausstrahlung damit aufzuhören, anstatt Folge drei noch dranzuhängen, die da nur abfallen kann. Wir haben jetzt die beiden Stränge getrennt beschrieben, die hier in Gegenschnitten gezeigt werden, nebst der Garderobe von Nikoros, wodurch wir errfahren, wer sich dahinter verbirgt – der Rhythmus und die Musik, die alles begleitet, sind sehr gut. In dem Moment, in dem der Höhepunkt des Gemetzels in der Druckerei überschritten ist, stoppt auch die Musik im Club abrupt und alle verharren in Bewegungslosigkeit.

Wir gehen etwas zurück. Rath bekommt von einem Landsmann aus Köln, der Apotheker ist, seine Ampullen ohne Rezept und gegen Bildchen. Leider ist unter den Bildchen eines von zwei abgetrennten Armen aus einem Kriminalfall. Haben wir noch nicht erwähnt, dass das erste Aufeinandertreffen von Charlotte und Gereon vor einem Paternoster passierte und sie ihre Leichenbilder zum Sammeln unter dem Arm hatte, was halt bei der Sitte so anfällt? So kam es dazu, dass einige Bilder vertauscht wurden. Sie Szene ist etwas überstrapaziert, sehr klassisch, aber wir wollten doch erklären, wie der Apotheker aus Köln zu dem Bild mit den Gliedmaßen kam, der Ersatz für die frigiden Berliner Bulettinnen braucht (ohne Unterstrich). Offenbar sind die Mädchen im Rheinland nach seiner Ansicht zugänglicher. Wir hatten eher den Eindruck, dass es in Berlin leichter ist, Kontakt zu knüpfen als in den katholischen Gegenden. Da waren wir aber noch jünger.

Im Club wiederum treffen wir auch den jungen Assistenten von Gereon Rath, den wir bisher kaum erwähnt haben, der aber noch wichtig werden und der für Charlotte schwärmt; er findet sich nebst einem Freund dort ein, der viel offensiver zu Werke geht und Lotte zum Tanzen kriegt. Man sieht, es handelt sich um überaus füllige Schlussminuten, die schwer in eine Zusammenfassungsfasson zu bringen sind. Ja, und fast nackt tanzende Frauen in Bananen-Kostümen gibt es auch noch, die natürlich Josephine Baker abgeschaut sind.

Nun aber noch der versprochene Text aus „Klasse gegen Klasse“ für die, die es bis hierher ausgehalten haben, mehr über die Trotzkisten in Deutschland zu erfahren:

Die „Rote Festung“ sehen wir ausschließlich beim Fälschen und Schmuggeln. Auf den glücklosen Kardakow wird immer wieder geschossen. Sein einziger politischer Satz lautet: „Mein Land ist dem Untergang geweiht. Ich muss helfen, das zu verhindern.“ Deswegen geht er einen Deal mit einem armenischen Mafiaboss ein, um das Gold doch noch zu Trotzki zu bringen.

Ein bemerkenswertes Bekenntnis, stand Stalin doch für die Theorie des „Sozialismus in einem Land“. Ihm ging es um die Interessen des russischen Staates. Die linke Opposition unter Trotzki hielt dem entgegen, dass nur das Voranschreiten der Weltrevolution die junge Räterepublik retten könne. Hätte Kardakow also Sorgen um „sein Land“ gehabt, wäre er sicher Stalinist gewesen.

Was weiß der gemeine Mensch über den Trotzkismus? In den Moskauer Schauprozessen hieß es, es handele sich um Verräter*innen, die mit Sabotage und Terror das Sowjetregime stürzen wollten. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung wird festgehalten, dass es keine wesentlichen politischen Differenzen zwischen Stalin und Trotzki gab – hinter den Diskussionen über innerparteiliche Demokratie habe ein persönlicher Machtkampf gesteckt. Irgendwie hält sich auch der Mythos, bei der Vierten Internationale gäbe es nur Klüngel von verträumten Bohemes. All diese Verleumdungen werden nun bei Babylon Berlin vermischt.

Die echte Geschichte ist dramatischer. Ein Anführer der Berliner Trotzkisten war Anton Grylewicz – ein deutscher Metallarbeiter, der mit 33 Jahren als Mitglied der Revolutionären Obleute den aufständischen Generalstreik vom 9. November 1918 mitorganisierte. Später gehörte Grylewicz zur „ultralinken“ Bezirksleitung der Berliner KPD, im März 1930 gründete er die erste trotzkistische Gruppe in Deutschland, die Linke Opposition der KPD (Bolschewiki-Leninisten). Grylewicz ist keine Ausnahmeerscheinung: Der Historiker Marcel Bois hat nachgewiesen, dass die Mehrheit der Linken Opposition aus Arbeitern bestand.

Die echten Trotzkist*innen haben geschmuggelt; aber kein Gold, sondern Zeitungen und Broschüren. Sie waren eine externe Fraktion der Kommunistischen Internationale, die für eine Rückkehr zur ursprünglichen revolutionären Linie kämpften.

Über die Trotzkist*innen von Babylon Berlin erfahren wir nicht viel. Bis auf Kardakow werden alle schnell von Agent*innen der sowjetischen Botschaft ermordet.

Die Ironie dabei? Stalins Bürokratie hat in den 1920er Jahre Oppositionelle in den diplomatischen Dienst geschickt, um sie von Fraktionskämpfen fernzuhalten. Der damalige Botschafter in Berlin, Nikolai Krestinski, war einstiger Linksoppositioneller. Zu seinen Mitarbeiter*innen gehörten Sergei Bessonow und Alexander Gerzberg – eher unwahrscheinlich, dass diese Leute einen Massenmord an Trotzkist*innen organisierten. Natürlich haben die Stalinist*innen Attentate im Ausland durchgeführt – Trotzki selbst wurde 1940 von einem Agenten in Mexiko ermordet. Aber diese waren aufwendige Geheimoperationen – kein Geheimdienst konnte so sorgenlos in einer fremden Hauptstadt Dutzende niederschießen.

Es gibt wohl keine schlechte Publicity. Der Trotzkismus lebt weiter. In Ländern wie Irland oder Argentinien sitzen trotzkistische Parteien heute im Parlament. Kleiner Tipp für weitere Staffeln von Babylon Berlin: Ein trotzkistischer Historiker als Berater wäre sehr billig zu haben. Ich kenne sogar jemanden. 

Durchaus möglich, dass der Autor, der sich dankenswerterweise in „Klasse gegenl Klasse“ so geäußert hat, dass wir den Beitrag hier hervorragend für den historischen Anschluss an die Rezension verwenden konnten, sich auf bescheidene Weise selbst ins Spiel bringen wollte. Schade, dass wir uns nicht auch empfehlen können. Das Drehbuch hat zwar ein paar Schwächen, was den Einbau allzu typischer Standard-Elemente angeht, aber vieles andere ist gut gemacht. Zumindest so gut, dass es keine Auffälligkeiten in Sachen historische Dekors, Technikgegenstände usw. gibt. Dass man bei den dargestellten Typen ein paar Kompromisse eingeht, haben wir zu Folge eins schon geschrieben.

Und die Trotzkisten? In Hollywood-Filmen, die noch viel teurer sind als die Serie Babylon, wird auf die historische Genauigkeit regelrecht geschissen, und das hat durchaus negative Folgen vor allem für die Geschichtskenntnisse der bildungsmäßig nicht ausgenommen hoch stehenden Klassen, denn diese Filme verbreiten sich über die ganze Welt und vermitteln Eindrücke über Zeiten und Völker, die teilweise haarsträubend sind.  Ob es dabei noch um künstlerische Freiheit geht oder um Fälschung, ist Auffassungssache und von Fall zu Fall und Genre zu Genre unterschiedlich zu bewerten.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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